mini|Stadt Comacchio am Lagunen-Teilbecken Valle Fattibello der Valli di Comacchio mini|hochkant|Uhrenturm im Stadtzentrum (beim Rathaus), rechts dahinter die Getreideloggia. mini|Historisches Zentrum, im Hintergrund die Kathedrale S. Cassiano, rechts die Getreideloggia (1621), heute als Vorhalle einer Cafeteria genutzt mini|Gedenktafel von 1621 für den Stifter der Getreideloggia, Kardinal Jacobo Serra mini|Brücke ‚Trepponti‘ mini|Blick von der Treppe der Trepponti-Brücke auf die Fischhalle (rechts), im Hintergrund die Häscherbrücke mini|Comacchios über 300 Meter langer ‚Kapuziner-Säulengang‘ (rechts im Bild), der zur Wallfahrtskirche (im Hintergrund) führt mini|Ruine des Klosters Sant’Agostino am östlichen Stadtrand Comacchio ist eine Stadt und Stadtgemeinde an der Adria in der Provinz Ferrara in der Region Emilia-Romagna in Oberitalien mit Einwohnern (Stand ). Sie ist die wichtigste Stadt des Po-Deltas. Die Stadtgemeinde (Comune di Comacchio) umfasst die Lidi di Comacchio und die Ortschaften San Giuseppe, Vaccolino und Volania.
Gemeindegebiet Comacchio liegt südlich des Po-Mündungsdeltas, etwa 30 km nördlich von Ravenna im Nordosten der Provinz Ferrara, die im Norden an die Region Veneto angrenzt. Zum Gemeindegebiet gehören der Hafen von Porto Garibaldi sowie mehrere Dörfer, Binnenseen und Adria-Badestrände zwischen Lido di Volano im Norden und Lido di Spina im Süden.
Geschichte Name In lateinischen Urkunden, die die römisch-deutschen Kaiser Friedrich I. bzw. Friedrich II. Comacchio ausgestellt hatten, wird der Ort Comacle und Chomacle genannt. Andere überlieferte Bezeichnungen lauten: Cimaculum, Comacium, Comachium, Comaclium.Friedrich Heinrich Theodor Bischoff und Johann Heinrich Möller: Vergleichendes Wörterbuch der alten, mittleren und neuen Geographie, Gotha 1829, S. 314. und KomakulaAnton Joseph Binterim: Die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der Christ-katholischen Kirche aus den ersten, mittleren und letzten Zeiten, 1. Band, Mainz 1838, S. 523.. Im 17. Jahrhundert hieß der Ort noch Comachio (statt Comacchio). Über die ursprüngliche Herkunft des Ortsnamens liegen keine verlässlichen Erkenntnisse vor. Manche Historiker vermuten einen Zusammenhang mit lateinischen Begriffen wie Commeatulus (kleiner Verbund von Wasserfahrzeugen) oder Comacula (kleine Welle).
Historische Traditionsbildung: Entstehung als Lagunenstadt Comacchio entstand auf dreizehn separaten Laguneninseln zwischen dem Valle Pega und Valle Isola, wie hier Becken innerhalb einer Lagune bezeichnet werden.Giovanni Francesco Bonaveri: Istoria della Città di Comacchio, delle sue Lagune e Pesche, Cesena 1761.Giovanni Francesco Ferro: Istoria dell' antica città di Comacchio, Ferrara 1701, 544 Seiten (online). Die Stadt war noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Lagunenstadt wie Venedig, die nur über Brücken erreicht werden konnte und auf dem Wasserweg über Kanäle und die Lagune. Die Inselstadt war damals umgeben von den etwa 18.000 Hektar großen Lagunen und ihren Feuchtgebieten, die insgesamt als Valli di Comacchio bezeichnet werden. Nach den Trockenlegungskampagnen im 19. und 20. Jahrhundert schrumpfte deren Größe auf etwa 9000 Hektar. Der Stadtkern liegt heute am Rand der Valli di Comacchio, sieben Kilometer von der Adriaküste im Osten entfernt.
Etrusker, Griechen, Römer Wie etwa viertausend aufgefundene Etrusker-Gräber in der archäologischen Zone S. Maria in Padovetere (Zona archeologica etrusca S. Maria in Padovetere) und in der Umgebung der untergegangenen etruskischen Hafen- und Handelsstadt Spina, sieben Kilometer vom südwestlichen Ortsausgang Comacchios entfernt, belegen, hatte es im Gemeindegebiet von Comacchio bereits vor der Zeit des Römischen Reichs griechische und etruskische Ansiedlungen gegeben. Während der römischen Zeit war Comacchio ein bedeutender Handelsplatz für Salz, das in seinen Salinen gewonnen wurde. Die Ortschaft Porto Garibaldi an der Hafeneinfahrt, die bis ins 20. Jahrhundert Magnavacca genannt wurde, hieß zu Plinius’ Zeiten Sagis.Georg v. Martens: Italien, Band 1: Italienisches Land, Stuttgart 1846, S. 275.
Handelsemporium des Frühmittelalters Am Anfang des 6. Jahrhunderts war Comacchio eine bischöfliche Diözese, die der Metropole Ravenna unterstellt war.Heinrich Joseph Wetzer und Benedikt Welte (Hrsg.): Kirchen-Lexikon Enzyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, 12. Band: Ergänzungen, S. 1024.
Als Stadt wird Comacchio bereits in den Kapitularien des lombardischen Königs Liutprand aus dem Jahr 715 oder 730 erwähnt, in denen die gemeinsam mit Stadtbeamten ausgehandelte Höhe der Zölle festgelegt worden war, die die Seefahrer aus Comacchio in den Häfen der sogenannten Landgebiete der Langobarden zu entrichten hatten.Moritz August Bethmann-Hollweg: Ursprung der lombardischen Städtefreiheit: eine geschichtliche Untersuchung, Bonn 1846, Fußnote 22 auf S. 189.Göttingische gelehrte Anzeigen (Göttinger Akademie der Wissenschaften, Hrsg.), Band 2, 116. Stück, 22. Juli 1854, S. 1155.
Comacchio war im Mittelalter Sitz eines Bischofs, der dem Erzbischof von Ravenna unterstand.Antom Joseph Binterim: Die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der Christ-katholischen Kirche aus den ersten, mittleren und letzten Zeiten, !. Band, Mainz 1838, S. 522–523. 756 versuchte Papst Stephan III., der zuvor im Rahmen der Pippinschen Schenkung den Küstenstrich zwischen Ancona und dem südlichen Mündungsarm des Po erhalten hatte – dieser Mündungsarm floss seinerzeit am nördlichen Stadtrand von Ravenna ins Adriatische Meer –, durch Vorlage offenbar gefälschter Urkunden das ihm zugefallene Territorium, das später die Grundlage des Kirchenstaats bilden sollte, um Gebiete nördlich des Mündungsarms, einschließlich der Lagune von Comacchio, zu erweitern.Rudolf Baxmann: Die Politik der Päpste von Gregor I. bis auf Gregor VII., 1. Teil, Elberfeld 1868, S. 248.Franz Anton Scharpff: Die Entstehung des Kirchenstaates – geschichtlich-pragmatisch dargestellt, Freiburg i. Br. 1866, S. 89.Ernst Ludwig Posselt: Geschichte der Teutschen,1. Band, 1789, Leipzig S. 173 ff. Wie auch die römisch-deutschen Kaiser späterer Jahrhunderte, die die Lagune von Comacchio als reichsunmittelbares Lehen betrachteten, soll bereits Kaiser Otto III. diesen Gebietsanspruch nicht anerkannt haben.Europäische Fama, Band 85, 1709, S. 167.Jakob Carl Spener: Teutsches IUS PUBLICUM oder des Heilgen Römisch-Teutschen Reichs vollständige Staats-Rechtslehre, 4. Teil, Frankfurt und Leipzig 1725, Fußnote (b) auf S. 308–310. Zwischen 772 und Anfang des Jahres 774 war Comacchio vorübergehend vom Langobardenkönig Desiderius vereinnahmt worden.Valentin Gröne: Die Papst-Geschichte. 1. Band: Von Petrus bis Alexander II., 1-1072, Regensburg 1864, S. 336 ff.Georg Pfahler: Geschichte der Deutschen von den ältesten bis auf unsere Zeiten, 1. Band: Von den ältesten Zeiten bis auf Karl den Großen, Stuttgart 1861, S. 836 ff. mini|links|Sarkophag des Presbyters Stephanus, 2. Hälfte 9. Jahrhundert Comacchio verfügte über eine der größten Kriegsflotten der nördlichen Adria. Der hauptsächlich von der Salzgewinnung und vom Salzhandel herrührende Wohlstand der Stadt und ihre günstige strategische Lage erweckten Begehrlichkeiten konkurrierender Mächte. Die Venezianer belagerten und plünderten die Stadt im Jahr 854. Im Jahr 877 bat der Papst König Karl den Kahlen, seit 875 als Karl II. römischer Kaiser, um Beistand gegen die Sarazenen, weil diese Comacchio verheert hatten.Claude-François-Xavier Millot und Wilhelm Christiani: Universalhistorie alter, mittlerer und neuer Zeit, Bd. 5, Wien 1794, S. 161. 946 versetzten die Venezianer der Stadt mit der Zerstörung ihrer Flotte einen entscheidenden Schlag, von dem sie sich nie wieder ganz erholen sollte. Auch der Kirchenstaat ließ die Stadt mehrfach belagern.
Herrschaft der Este (ab 1254/1325) Im Mai 1177 gewährte der römisch-deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa den Bewohnern der Lagune einige die Fischerei betreffenden Sonderrechte und andere Privilegien, die im Januar 1232 auf dem Reichstag von Ravenna von Kaiser Friedrich II., der Stadt und Bürger von Comacchio unter seinen besonderen Schutz stellte,Johann Friedrich Böhmer: Urkunden der Römischen Könige und Kaiser von Konrad I. bis Heinrich VII., 911–1313, Frankfurt am Main 1831, S. 182. bestätigt und erweitert wurden.Maurizio Paiola: Le Casette di Magnavacca – una Delizia Estense ritrovata, Grafis Edizione, Casalecchio die Reno (Bo) 1995, ISBN 88-8081-041-3, S. 11.
1229 ernannten die Comacchienser den jungen Azzo d’Este zum Podestà, und es begann nun eine Phase wachsenden Wohlstands durch die Züchtung und Vermarktung von Aal.James Glass Bertram: The Harvest of the Sea – A Contribution to the National and Economic History of the British Food Fishes, New York 1866, S. 45–49 und S. 457–462. Ab 1254 beherrschte Ravenna die Lagunenstadt für einige Jahrzehnte. Im Jahr 1275 wählten die Bürger von Comacchio Guido da Polenta zum Signore auf Lebenszeit.Maurizio Paiola: Le Casette de Magnavacca – Una Delizia Estense rotrovata, Grafis Edizioni, Casaleccio (BO) 1995, ISBN 88-8081-041-3, S. 44–45. Ferrara eroberte Comacchio im Jahr 1299.
1325 übertrugen die Bürger von Comacchio das Amt auf Rinaldo, Obizzo und Niccolò, Markgrafen d’Este und d’Ancona.Maurizio Paiola: Le Casette di Magnavacca – Una Delizia Estense ritrovata, Grafis Edizioni, Casaleccio di Reno (BO) 1995, ISBN 88-8081-041-3, S. 46–47. 1335 wurde Comacchio dem Herrschaftsgebiet der Familie Este einverleibt.Trevor Dean: Land and Power in Late Medieval Ferrara: The Rule of the Este, 1350–1450 (228 Seiten), Cambridge University Press, Cambridge 2002, ISBN 0-521-52186-6 (paperback) S. 41. Nachdem am 2. November 1361 Markgraf Aldobrandino III. d’Este verstorben war, reiste Niccolò II. d’Este gemeinsam mit seinem Bruder Alberto I. nach Nürnberg zum römisch-deutschen Kaiser Karl IV., um sich die Grafschaft Comacchio als unmittelbares Reichslehen bestätigen zu lassen. Die kaiserliche Belehnungsurkunde wurde am 19. Dezember 1361 ausgestellt.Joseph Ferdinand Damberger: Synchronistische Geschichte der Kirche und der Welt im Mittelalter, 15. Band, Regensburg 1860, S. 451, linke Spalte unten.Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreichs, 4. Teil: Egervári – Füchs, Wien 1859, S. 83, linke Spalte unten. Am 17. September 1433 bestätigte Kaiser Sigismund dem Markgrafen Niccolò III. d’Este die Grafschaft Comacchio als Reichslehen, nachdem er bereits am 13. September dessen Söhne zu Rittern geschlagen hatte.Joseph von Aschbach: Geschichte Kaiser Sigmunds, 4. Band, Hamburg 1845, S. 489. Ab 1452 wurde Comacchio von Borso d’Este regiert, dem Alfonso I. d’Este nachfolgte.
Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert versuchte Papst Julius II. durch Drohungen die Einstellung des Verkaufs von Salz aus der Saline von Comacchio zu erwirken, da dadurch die Absatzmöglichkeiten der Saline des Kirchenstaats in Cervia eingeschränkt wurden. Als Alfonso I. d’Este auf die Drohungen des Papstes nicht reagierte, fielen von Julius persönlich angeführte Truppen in das Herrschaftsgebiet der Este um Ferrara ein.Friedrich Buchholz: Rom und London oder über die Beschaffenheit der nächsten Universal-Monarchie, Tübingen 1807 (392 Seiten), S. 53 ff.
Kirchenstaat (ab 1597)