mini|Ruhrfestspielhaus mini|Logo des Festivals Die Ruhrfestspiele (Ruhrfestspiele Recklinghausen) sind eines der größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas. Das Festival ist seit 1947 ein kulturelles Ereignis des Ruhrgebietes. Seit 1965 findet es im eigens dafür erbauten Ruhrfestspielhaus auf dem „grünen Hügel“Anmerkung: Einen Analogie zum Grünen Hügel des Bayreuther Festspielhauses in Recklinghausen statt.

Konzept Die Ruhrfestspiele werden jährlich von der Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH veranstaltet. Die Gesellschaft wird zu je 50 % von der Stadt Recklinghausen und dem Deutschen Gewerkschaftsbund getragen, die jährlich jeweils etwa 1,1 Millionen € beitragen. Die Ruhrfestspiele verfügen über kein festes Ensemble. Inszenierungen der Festspiele sind Koproduktionen mit bekannten europäischen Künstlern und Vorführungen von Gastgruppen. Erklärtes Ziel ist es, dadurch eine Zusammenführung verschiedener Kunstformen, Sprachen und Kulturen zu erreichen. Hauptspielort ist das Ruhrfestspielhaus.

Geschichte Entstehung mini|Seilscheibe vor dem Gewerkschaftshaus in Hamburg mini|Eröffnungsplakat zu den Ruhrfestspielen 1947 Während des kalten Winters 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung, weil ihnen Kohle für die Beheizung und den Betrieb der Bühnentechnik fehlte. Der Verwaltungsdirektor des Deutschen Schauspielhauses, Otto Burrmeister, der Betriebsratsvorsitzende der Hamburgischen Staatsoper, Karl Rosengart, und weitere Beteiligte fuhren daraufhin in zwei holzgasbetriebenen LKW ins Ruhrgebiet, um auf den Kohlezechen um Hilfe zu bitten. Von der Autobahn A2 sahen sie die Schlote der Kraftwerksanlagen der Zeche König Ludwig 4/5 in Recklinghausen-Suderwich und schilderten den dort Beschäftigten ihre Situation. Unter Umgehung der Kontrolle durch die Besatzungsmacht halfen die Bergarbeiter den Theaterleuten und luden die LKW mit Kohle voll. Diese illegale Aktion wurde mehrfach wiederholt, bis die beladenen LKW von der Militärpolizei entdeckt wurden.Rudolf Hille: Die Zeche König Ludwig und der Beginn der Ruhrfestspiele. In: Arbeitsgruppe König Ludwig, Christoph Thüer (Hrsg.): Unsere Zeche König Ludwig. Wiege der Ruhrfestspiele und mehr … Regio, Werne 2005, S. 180 ff.

Zum Dank für die Kohlehilfen gastierten im Sommer 1947 150 Schauspieler der drei Hamburger Staatsbühnen unter dem Motto „Kunst für Kohle“ im Städtischen Saalbau Recklinghausen. Der Spielort wie auch die Unterbringung und Verpflegung wurde durch Oberbürgermeister Wilhelm Bitter und die Stadt organisiert, als die Zeche wegen der Anforderungen das Projekt hatte ablehnen müssen. Zur Eröffnung spielte die Hamburgische Staatsoper mit dem Philharmonischen Orchester am Abend des 28. Juni die Mozart-Oper Figaros Hochzeit. Unter der Regie von Kurt Puhlmann und dem Dirigat von Wilhelm Brückner-Rüggeberg agierten in der Oper unter anderem Alfred Pfeifle und Gustav Neidlinger. Am nächsten Vormittag führte das Thalia Theater, welches damals unter der Intendanz von Willy Maertens stand, das Lustspiel Das verschlossene Haus von Michael Harward unter der Regie von Heinz Sailer auf. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester spielte die Staatsoper am Abend Don Pasquale von Gaetano Donizetti. Die Stücke wurden an den folgenden zwei Tagen wiederholt. Am 1. Juli schloss das Deutsche Schauspielhaus unter der Regie von Willy Meyer-Fürst einen „Russischen Komödienabend“ mit den Eintaktern Er ist an allem schuld von Leo Tolstoi und Der Heiratsantrag sowie Der Bär von Anton Tschechow an, der am folgenden Nachmittag wiederholt wurde. Mit der erneuten Aufführung Figaros Hochzeit beendete die Staatsoper am Abend des 2. Juli ihr Programm. Die Eintrittskarten kosteten zwischen 4 und 5 Reichsmark, die Erlöse gingen an die Unterstützungskasse für Berginvaliden der Zeche König Ludwig.Gerd Holtmann: Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. In: Werner Burghardt (Hrsg.): 750 Jahre Stadt Recklinghausen. 1236–1986. Winkelmann, Recklinghausen 1986, S. 295 ff.

Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer hielt zu den ersten Festspielen eine Rede von der Förderbrücke zu der Belegschaft der Zeche: „Ich kann mir eine andere und neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele nicht nur für Literaten und Auserwählte, sondern Festspiele inmitten der Stätten harter Arbeit. Ja, Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen.“Zitiert nach Rudolf Hille: Die Zeche König Ludwig und der Beginn der Ruhrfestspiele. In: Arbeitsgruppe König Ludwig, Christoph Thüer (Hrsg.): Unsere Zeche König Ludwig. Wiege der Ruhrfestspiele und mehr … Regio, Werne 2005, S. 181.

Zur Erinnerung an diese Aktion wurde in Hamburg eine Hälfte einer Seilscheibe aus dem Bergbau vor dem Gewerkschaftshaus aufgestellt.

Eine Wand am Eingang des Festspielhauses trägt folgende Inschrift: VOR DEN RUINEN DES VATERLANDES VEREINTEN SICH IM JAHRE 1946 BERGLEUTE UND KÜNSTLER ZU GEGENSEITIGER HILFE AUS DEM TAUSCHE KOHLE GEGEN KUNST KUNST GEGEN KOHLE WUCHS FREUNDSCHAFT ERSTANDEN DIE RUHRFESTSPIELE

DIESES HAUS IST EIN WERK DER DEMOKRATIE ES SOLL NACH DEM WORT VON THEODOR HEUSS SEIN: EINE HEIMAT DER MUSEN EINE HERBERGE MENSCHLICHER BEGEGNUNGEN UND EINE BURG FREIHEITLICHEN SEINS

Erste Jahre mini|hochkant|Ruhrfestspiele: Altes Logo Die Stadt Recklinghausen und der Deutsche Gewerkschaftsbund gründeten die Gesellschaft zur Durchführung der Ruhrfestspiele und riefen die Ruhrfestspiele als jährliches Ereignis ins Leben. Die künstlerische Leitung hatte Karl Pempelfort 1947 bis 1951 inne.Werner Schulze-Reimpell, Ingeborg Janich: Ruhrfestspiele Recklinghausen / Europäisches Festival. In: Manfred Brauneck (Hrsg.): Theaterlexikon. Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensembles. Rowohlt, Reinbek 1986, 4. Ausgabe 2001, S. 866f. Ihm folgte 1952 bis 1965 Otto Burrmeister. Das Programm war in den ersten Jahren von klassischem Theaterrepertoire wie Goethe, Schiller und Shakespeare und populären Opern wie Mozart, Wagner und Verdi geprägt. Die Opernaufführungen stellte man jedoch nach 1953 ein. Mit Wir sind noch einmal davongekommen von Thornton Wilder wurde 1952 zum ersten Mal Gegenwartstheater auf den Spielplan gesetzt, mit dem Gastspiel Herr Puntila und sein Knecht Matti der Städtischen Bühnen Frankfurt 1955 erstmals ein Stück von Bertolt Brecht.C. Bernd Sucher (Hrsg.): Theaterlexikon. Epochen, Ensembles, Figuren, Spielformen, Begriffe, Theorien. dtv, München 1996, S. 368 f. In den folgenden Jahren wurde das Ereignis ständig erweitert, die Festspielzeit verlängert und um Konzerte, politische Veranstaltungen und Kunstausstellungen bereichert. Die jährlichen Kunstausstellungen wurden von Thomas Grochowiak konzipiert und geleitet.

Ebenso wichtig wie die Aufführungen im Saalbau waren die Kontakte zwischen den Theaterleuten und den Arbeitern. Besondere Bedeutung maß man in diesem Zusammenhang den „Invalidenkonzerten“ in der Lohnhalle der Zeche König Ludwig 1/2 bei, die zudem von Grubenfahrten der Schauspieler und Gespräche mit den Arbeitern begleitet wurden. Damit die Arbeiter auch tatsächlich einen Großteil des Publikums stellten, wurden die Preise niedrig gehalten, wobei zwei Drittel des Kartenangebots über die Gewerkschaften vertrieben wurden.Gerd Holtmann: Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. In: Werner Burghardt (Hrsg.): 750 Jahre Stadt Recklinghausen. 1236–1986. Winkelmann, Recklinghausen 1986, S. 298. Das Land Nordrhein-Westfalen leistete ab 1949 finanzielle Unterstützung.

Umzug ins Ruhrfestspielhaus Der Spielort Saalbau wurde zu eng und den technischen Ansprüchen nicht mehr gerecht. Max Brauer forderte daher 1950 den Neubau eines Theaters in Recklinghausen. Der Stadtrat beschloss 1953 den Bau des Ruhrfestspielhauses auf dem Hügel des Stadtgartens. Mit finanzieller Hilfe des 1959 vom regelmäßigen Festspielbesucher Theodor Heuss gegründeten Vereins „Freunde der Ruhrfestspiele“ konnte der Grundstein des Festspielhauses am 3. Juni 1961 gelegt werden. 1965 fanden die Aufführungen erstmals im Ruhrfestspielhaus statt.

Nach zunehmender Kritik wurde das Programm in den 1960er und -70er Jahren politischer. Von 1966 bis 1976 leitete der Schriftsteller, Regisseur und DGB-Funktionär Karl Heinz Hagin die Ruhrfestspiele Recklinghausen.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 442. Ein 1976 gegründeter Beirat aus Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern gestaltete das Programm mit. Unabhängige Theatergruppen wie das GRIPS-Theater oder die Theatermanufaktur gastierten häufiger, vermehrt wurden Brecht-Stücke auf die Spielpläne gesetzt. Das Rahmenprogramm ergänzte man ferner um das junge forum, die Kulturtage und das Kulturvolksfest am 1. Mai.

Ensemble der Ruhrfestspiele Seit 1977 zeigte das Ruhrspielmobil eigene Produktionen auf Gewerkschaftsveranstaltungen in der Region. 1981 wurde das Ensemble der Ruhrfestspiele gegründet, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Aktionsprogramm Ruhr Finanzmittel bereitgestellt hatte. Das Ensemble warb mit jährlich etwa 100 Aufführungen von eigenen Produktionen (Wer bezahlt die Zeche?, Der Weltuntergang, Rockefeller I) bundesweit für die Ruhrfestspiele. Nach einer Neuformation 1983 wurde ihm mit dem Theater im Depot im alten Recklinghäuser Straßenbahndepot ein fortwährender Spielort zugeteilt. Künstlerischer Leiter des Theaterensembles der Ruhrfestspiel war ab 1983 Wolfgang Lichtenstein, der auch als Oberspielleiter am Landestheater Tübingen wirkte.Lichtenstein, Wolfgang. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 761. Ab 1984 übernahm die Formation auch je eine große Inszenierung im Rahmen der Festspiele.

Reform der Festspiele mini|hochkant=.6|50 Jahre Ruhrfestspiele: Briefmarke der Deutschen Post 1996 Die Ruhrfestspiele wurden 1990/91 zum Europäischen Theater reformiert. Der neue Festspielleiter Hansgünther Heyme legte besonderen Wert auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Theatern. Auf diese Weise sollte die „Kultur als das gemeinsame Erbe der Nationen zwischen Atlantik und Ural kann als die Basis Europas angesehen“ sowie „wachsende[m] Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit“ entgegengewirkt werden. Heyme stellte die Festspiele jeweils unter ein bestimmtes Motto (1991: Reichs-Gründungen, 1993: Aufbrüche – 25 Jahre nach ’68, 1996: 50 Jahre Ruhrfestspiele – Kunst ist der Motor jeder Kultur, 1998: Zukunft ohne Vergangenheit, 2001: Mut, sag ich, Mut, 2002: SehnSüchte).

Während der Renovierung des Ruhrfestspielhauses 1997 bis 1999 fanden die Aufführungen unter anderem in der Vestlandhalle, im Theater Marl, im Eisenlager der Zeche Auguste Victoria in Marl und im Theaterzelt der Ruhrfestspiele statt.

Zuschauerrückgang Nachdem der Vertrag von Hansgünther Heyme nicht verlängert worden war, übernahm Frank Castorf im August 2003 die Leitung für die Festspiele 2004. Die Intendanz wurde Gerard Mortier übertragen, der gleichzeitig Intendant der RuhrTriennale war, mit der die Ruhrfestspiele fusioniert werden sollten. Unter anderem wurde Christoph Schlingensief engagiert, der zehn Autos mit Lautsprechern ausstattete, die jeweils einzelne Instrumente von Wagner-Opern spielten und sie als Wagner-Rallye quer durchs Ruhrgebiet fahren ließ. Castorfs experimentelles, postdramatisches Theater schreckte das Publikum ab. Es wurden etwa 22.000 Karten verkauft, lediglich die Hälfte der Vorjahre. Die rückläufigen Besucherzahlen in Kombination mit teuren Produktionen führten die Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH mit einem Verlust von etwa 80.000 € in die Zahlungsunfähigkeit. Nach der Bekanntgabe von Frank Castorfs vorzeitiger Entlassung im September 2004 trat Gerard Mortier als Intendant der Ruhrfestspiele und der RuhrTriennale zurück.

Neue Besucherrekorde nach Intendanzwechsel