Die Rache der toten Indianer ist ein filmisches Porträt des Musikers John Cage von Regisseur Henning Lohner. Das Werk gilt als eine Hommage an Cage und wird auch als „Filmessay“ und „komponierter Film“ bezeichnet.

Neben Gesprächen mit Cage selbst sowie Interviews mit Freunden, Wegbegleitern und Kollegen des Komponisten stehen Konzertausschnitte und assoziative Bildfolgen, die von Cages Texten, Musik und Philosophie inspiriert sind, im Mittelpunkt. Der Film ist gemäß der kompositorischen Methoden Cages strukturiert und übersetzt diese musikalischen Prozesse ins Medium Film.

Inhalt und Form Die Rache der toten Indianer ist sowohl inhaltlich als auch in der filmischen Herangehensweise und Struktur eine Hommage an John Cage, einen der einflussreichsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Der Film ist weder eindeutig als Dokumentation noch als Spielfilm zu kategorisieren. Vielmehr handelt es sich um eine Kombination aus „gefundenen“ Videos und einer „Klang-Landschaft“. Das Werk wird dabei auch als „Filmessay“ bezeichnet.

Die Form der filmischen Darstellung ist an die Philosophie und das kompositorische Schaffen von Cage selbst angelehnt. Lohner porträtiert Cage nach dem musikalischen Prinzip, dass jedes Bild, jede Aussage und jede Szene sowohl innerhalb des linearen Verlaufs funktionieren als auch für sich alleine stehen können. Lohners Ziel war es, Cages kreativen Geist, Werke und Einfluss zu würdigen. Dabei wird „vergessenen“ Landschaften und Räumen Aufmerksamkeit geschenkt, die „am Wegrand des Populären und Touristischen liegen“ und im alltäglichen Leben übersehen und ignoriert werden.

Inhaltlich werden in Die Rache der toten Indianer die großen Themen, die Cage beschäftigt haben, behandelt: der Zufall und das Chaos, seine buddhistische Weltanschauung, die Welt nicht manipulieren zu wollen, die Kunst als Nachahmung der Natur, sowie die Identität von Musik, Klängen und Geräuschen. Dabei werden zum einen Ausschnitte von Cages Konzerten und musikalischen Auftritten gezeigt. Außerdem sind kurze, manchmal nur sekundenlange Natur-, Landschafts- und Städtebilder, die in der ganzen Welt aufgenommen wurden und teilweise mit Musik, Klängen oder Geräuschen unterlegt sind, zu sehen. Zusammen bilden sie „eine große, durchkomponierte Bildcollage“, die von Cages Texten inspiriert ist.

Zusätzlich werden während des Films immer wieder Gespräche mit Cage selbst gezeigt. Außerdem treten Musiker, Künstler, Literaten, Philosophen und Wissenschaftler in Interviews auf, ebenso wie französische Straßenverkäufer und Marktarbeiter, die den Straßenlärm und die Geräusche lieben. Insgesamt sind 42 Interviewpartner zu sehen, unter anderem prominente Persönlichkeiten wie Heiner Müller, John Zorn, Giorgio Strehler, Iannis Xenakis, Frank Zappa, Yoko Ono, William Forsythe, Alison Knowles, Yehudi Menuhin, Richard Serra, Merce Cunningham, Ellsworth Kelly, Dennis Hopper und Noam Chomsky, die über ihre Begegnungen mit Cage, den Eindruck, den seine Musik auf sie gemacht hat, und seine Bedeutung für ihre eigene Arbeit sprechen. Sie nehmen dabei zu Phänomenen, die Cage maßgeblich beschäftigten, wie Zufall, Chaos, Anarchie, Lärm, Stille und Absichtslosigkeit, Stellung.

Der Film endet mit einer Aufführung von Cages Stück 4′33″, aufgenommen 1990 in der Invalidenstraße in Berlin, zufällig an dem Tag, an dem der alte Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin abgerissen wurde.

Titel Der Titel Die Rache der toten Indianer geht auf ein Zitat von Heiner Müller zurück, der im Film sagt, John Cage sei „die Rache der ausgerotteten Ureinwohner Amerikas an der europäischen Musik“: Und weiter: „Kultur kommt von den Unterdrückten, von den an den Rand Gedrängten, und wird deshalb ins Unbewusste abgeschoben, und aus diesem heraus rebelliert es – und das ist das indianische Element in Cage.“

Entstehungsgeschichte und Produktion Während eines Konzertaufenthaltes in Berlin im August 1990 gab John Cage Henning Lohner, als dieser für die aspekte-Redaktion des ZDF tätig war, ein persönliches Interview über seinen Lebensweg, seine Ideen und seine aktuelle Arbeit. Lohner arbeitete daraufhin mit Cage während dessen letzter Lebensjahre zusammen, unter anderem an Cages einzigem Film One11 im Jahr 1991. Während dieser Zeit und während der Dreharbeiten an One11 drehte Lohner weitere Interviews und zusätzliches Filmmaterial mit Cage. Diese Aufnahmen verwendete Lohner schließlich für Die Rache der toten Indianer.

Konzertaufnahmen, die in dem Film zu sehen sind, wurden live während der „Musicircus“-Hommage beim Symphony Space in New York am 1. November 1992 sowie beim John-Cage-Musik-Festival der Akademie der Schönen Künste in Ostberlin am 1. August 1990 aufgenommen. Lohner und Kameramann Van Carlson drehten außerdem unter anderem in den Wüsten von New Mexico, im Napa Valley in Kalifornien, in den europäischen Landschaften Frankreichs, Italiens und Deutschlands, sowie in Großstädten wie Los Angeles, New York, Mailand, Paris, San Francisco, Osaka, Tokyo, und Hong Kong.

Finanziert wurde Die Rache der toten Indianer durch insgesamt 45 kürzere und längere TV-Dokumentationen, die Lohner in diesem Zeitraum für das ZDF und den gerade entstandenen Sender Arte drehte: Nachdem Cage Ende 1992 verstarb, ermöglichten Arte-Redakteur Christoph Jörg und Produzent Peter Lohner durch einen Sendeplatz im Rahmen eines John-Cage-Themenabends die weitere Finanzierung.

Der Film ist aus über 250 Stunden Rohmaterial sowie 200 Stunden „gefundener Geräusche“ entstanden. Das visuelle und auditive Material wurde mit mehr als 1200 Schnitten editiert, bevor die finale Filmlänge von 130 Minuten erreicht wurde. Die kürzeste Szene hat eine Dauer von genau einem Einzelbild, die längste Einstellung dauert vier Minuten und 33 Sekunden.

Lohner und sein Editor Sven Fleck legten dabei in einem aufwendigen Montageprozess eine „praktisch vollständig determinierte Schnittpartitur an, in der Hoffnung, daß aus dem Nicht-Zufälligen der Zufall besonders stark wieder in der Wirkung hervorgeht.“ Das Festgehaltene sollte vom Betrachter „unendlich unterschiedlich ausgelegt“ werden können, und so sollte „durch die Betrachtung“ der Zufall wieder in den Film hineinkommen. Das Auswahlprinzip für die Bilder und Texte des Films war ein musikalisches Kompositionsmuster. Dafür wurden Kataloge angelegt, die lexikalisch auf Ähnlichkeiten im Bildinhalt hinwiesen, zum Beispiel „Wolken“, „Wolken mit Stadt“ oder „Stadt mit Autos“. Die Textpassagen des Films wurden in thematische Kapitel eingeteilt, beispielsweise „Chaos“, „Zufall“, „Liebe“, „Musik“ und „Alltag“, durch mehrere Auswahlgänge gefiltert und schließlich zu einer Drei-Akte-Struktur montiert.

Rezeption In der Tageszeitung schrieb die Kritikerin Birgit Glombitza begeistert, Lohners 130-Minuten-Hommage führe „in unaufdringlicher Bild-Ton-Didaktik zu den Kompositionsprinzipien des Mannes, dem die moderne Musik die Symbiose von Harmonie und Chaos verdankt. Lohner hat Straßen- und Landschaftsbilder aufgesammelt und präsentiert sie wie auf einer Guckkasten-Bühne.“ Glombitza bezeichnete den Film als „Symphonie der Zufälligkeiten“: Das Magazin Klassik.com nannte Die Rache der toten Indianer „faszinierend“ und ein „künstlerisch anspruchsvolles, gegen Ende etwas anstrengendes, aber immer inspirierendes Portrait von John Cage und seiner überragenden Bedeutung für die Musik und Kunst des 20. Jahrhunderts“: Im Musikmagazin Rondo schrieb der Kritiker Guido Fischer, die Produktion sei keine „Cage-Dokumentation im klassischen Sinne“: Die Transmediale bezeichnete den Film in ihrem Programm als „eine grandiose Dokumentation, stringent durchkomponiert“: Der Online-Blog For All Events nannte Die Rache der Toten Indianer eine „exzellente dokumentarische Einführung zur Musik und den Ideen von John Cage.“ Das Online-Magazin Berliner Filmfestivals schrieb, „mithilfe kleiner Interviews […] kreiert Lohner ein vielschichtiges Portrait, lässt Müller Zigarre rauchend über US-amerikanische Sumpfgebiete philosophieren und schneidet immer wieder kleine Sequenzen von modernen Alltagssounds dazwischen.“

Weblinks

Die Rache der toten Indianer bei Mode Records

Einzelnachweise

Kategorie:Filmporträt Kategorie:Film über Musik Kategorie:Filmtitel 1993