Die theologische Ethik, auch christliche Ethik genannt, ist eine der Grunddisziplinen der christlichen Theologie. Sie befasst sich mit der Reflexion des moralisch Guten und von Handlungsalternativen im Kontext christlicher Theologie.

Untergliederung und wissenschaftstheoretische Grundlegung Die theologische Ethik wird im Fächerkanon der christlichen Theologie der systematischen Theologie zugeordnet – zusammen mit Dogmatik, Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie. Das traditionelle Fach Christliche Gesellschaftslehre (CGL) wird an einigen Fakultäten als Teilbereich theologischer Ethik aufgenommen, teilweise entsprechend einem Fachverständnis, das die CGL als Sozialethik und angewandte Ethik einer vor allem individualethisch konzipierten Fundamentalethik gegenüberstellt. Bisweilen wird dabei die CGL auf eine Hermeneutik der Christlichen Soziallehre enggeführt.

Zwischen Theologischer Ethik und Dogmatik bestehen Wechselwirkungen. So kann etwa eine bestimmte eschatologische Sicht, nämlich eine starke Naherwartung, zum Verzicht auf langfristige Planung führen. Dann hat eine bestimmte dogmatische Vorstellung ethische Konsequenzen. Es gibt aber auch das Umgekehrte: Aus dem universalen Missionsauftrag (Ethik) kann Gottes Interesse an allen Menschen (Dogmatik) erschlossen werden.Franz Graf-Stuhlhofer: Der Weg vom Bibellesen zu dogmatischen und ethischen Einsichten, in: Paul R. Tarmann (Hg.): Wort und Schrift. Christliche Perspektiven. Perchtoldsdorf 2020, S. 97–128, dort 105–107.

Die theologische Ethik umfasst sowohl die Reflexion des sittlich Guten vom Standpunkt des Individuums – die sogenannte Individualethik – wie auch die Kriterien einer gerechten Gesellschaft – die sogenannte Sozialethik. Der Ausdruck „Theologische Ethik“ wurde ursprünglich – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – vor allem von evangelischen Theologen verwendet. In der katholischen Theologie war dagegen lange Zeit „Moraltheologie“ die Bezeichnung für den Gesamtbereich der theologischen Moralreflexion. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden vielerorts zusätzlich Lehrstühle zur „Christlichen Gesellschaftslehre“ eingerichtet. Daher rührt eine nach wie vor vorherrschende Arbeitsteilung von Individualethik und Sozialethik. Die Bezeichnung „Moraltheologie“ wird dann zum Teil noch weiter für das Gesamt beider Perspektiven verwendet,Vgl. z. B. Wolfgang Kluxen: Philosophische Ethik bei Thomas von Aquin, Hamburg: Meiner 3. A. 1998, ISBN 3-7873-1379-6, S. xxii: „… die heutige Moraltheologie, die sich jetzt lieber „theologische Ethik“ nennen läßt …“. Konrad Hilpert: Art. Moraltheologie, in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. A., Bd. 7, 462–467, hier 466 formuliert, dass „‚Moraltheologie‘ in der Fachdiskussion seit einigen Jahrzehnten weithin als spez[ieller] Begriff für das trad[itionelle] Paradigma reserviert und als Disziplin-Bez[eichnung] durch ‚theologische Ethik‘ […] ersetzt wurde. Dieser Wechsel der Benennung erwies sich zusätzlich desh[alb] als sinnvoll, weil er geeignet war, sowohl die in der Zwischenzeit bewußt gewordene konfessionelle Besonderheit der Bez[eichnung] als auch die Vermutung einer völlig unterschiedl[ichen] Methodologie gegenüber der als eigenständige Disziplin der Theol[ogie] ausgegliederten Sozialethik zu korrigieren.“ oft aber auch für die Individualethik allein. Beide Disziplinen zusammen werden dagegen dann oft mit dem Ausdruck „Theologische Ethik“ bezeichnet,Vgl. z. B. Herbert Schlögel: Kirche und theologische Ethik: mehr als Lehramt und Moraltheologie, in: Wilhelm Guggenberger / Gertraud Ladner (Hrsg.): Christlicher Glaube, Theologie und Ethik, Münster 2002, 175–186, hier 175, et passim. Andreas Lienkamp: Systematische Einführung in die christliche Sozialethik, in: Franz Furger, Karl-Wilhelm Dahm, Andreas Lienkamp (Hrsg.): Einführung in die Sozialethik, LIT Verlag, Berlin-Hamburg Münster 1996, ISBN 3-8258-2267-2, 29–88, hier 44 et passim. Dort werden „personal-zwischenmenschliche Ethik“, „Individualethik“ und „Fundamentalmoral“ der „Moraltheologie“ subsumiert und diese von der „Sozialethik“ abgegrenzt. Ebenfalls angeführt wird nachfolgend der – seltene, unter anderem von Franz Furger vorgeschlagene – erweiterte Gebrauch von „Moraltheologie“ als Oberbegriff synonym zu „theologischer Ethik“, welcher dann die Sozialethik als eine „spezielle Moraltheologie“ subsumierbar ist. Ähnlich wie Lienkamp z. B. Arno Anzenbacher: Christliche Sozialethik, München-Wien-Zürich 1998, 17–19 und Marianne Heimbach-Steins: Unterscheidung der Geister – Strukturmomente christlicher Sozialethik, Münster-Hamburg 1994, 10–12. Allen dreien (Anzenbacher, Lienkamp und Heimbach-Steins) schließt sich z. B. explizit an: Christoph Giersch: Zwischen sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Effizienz, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster 2003, ISBN 3-8258-6684-X, 11: „Die Moraltheologie befaßt sich mit den personal-zwischenmenschlichen und individualethischen Fragen, die christliche Sozialethik dagegen mit der ethischen Analyse von Gesellschaft in ihrer institutionellen und strukturellen Verfaßtheit.“ der vor allem auch eine Abgrenzung zur philosophischen Ethik impliziert und auch anzeigt, dass nicht mehr die frühere Gegenpositionierung zur protestantischen Ethik vertreten wird. Beide Großdisziplinen theologischer Ethik lassen sich in zahlreiche Unterdisziplinen weiterunterteilen und werden oftmals an zwei verschiedenen Lehrstühlen verfolgt. Was deren Sache betrifft, wird heute oftmals vertreten, dass es sich nicht um getrennte Gegenstandsbereiche, sondern zwei unterschiedlich akzentuierte Hinsichtnahmen (Individuen versus Strukturen) handelt.

Die wissenschaftstheoretische Grundlegung theologischer Ethik, in welcher unter anderem die Prinzipien und Methoden einer Begründung konkreter sittlicher Urteile und moralischer Geltungsansprüche überhaupt behandelt werden, wird dabei oftmals als Fundamentalethik oder Fundamentalmoral, hin und wieder auch als Moraltheologie bzw. als Teil derselben nebst der IndividualethikLienkamp, christliche Sozialethik, 44 bezeichnet und überschneidet sich im Gegenstandsbereich mit der Moralphilosophie. Ihr wird oftmals auch der philosophisch-theologische Traktat theologischer Anthropologie (insb. im Blick auf Handlungstheorie und Freiheit) sowie die Lehre vom Gewissen unterstellt oder angeschlossen. Entsprechend der heutigen Methodenvielfalt in der theologischen Ethik ist die Fundamentalethik in vielen aktuellen Konzeptionen nicht mehr allein Teil einer Individualethik bzw. einer darauf enggeführten „Moraltheologie“. Eine nach klassischen Unterscheidungen sowohl individualethische wie sozialethische Projektierung der Fundamentalmoral vertritt neben anderen zum Beispiel Dietmar Mieth.

Teils quer zu der Unterscheidung der Hinsicht auf das Individuum (Gewissen) und die Gesellschaft (Gerechtigkeit, Institutionen, Strukturen) wird das Stoffgebiet nach Gegenstandsbereichen – in anthropologischer Perspektive öfters auch „Lebensbereiche“ genannt – unterteilt, deren jeweilige spezifische Zuständigkeiten auch als „Bereichsethiken“ bezeichnet werden, darunter: (jeweils: theologische) Bioethik, Medizinethik, Wirtschaftsethik, Kulturethik, Sportethik, Medienethik, Bildungsethik, Sexualethik, politische Ethik, Institutionenethik usf.

Grundsätze der Ethik Aus christlicher Sicht gibt es mehrere Grundsätze der Ethik: Gott hat die ganze Welt geschaffen und dem Menschen anvertraut. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen, wodurch sich sein besonderer Wert ergibt. Das Doppelgebot der Liebe (Gott und den Mitmenschen lieben) ist das höchste Gesetz, nach dem der Mensch leben soll. Die Dankbarkeit Gott gegenüber motiviert den Menschen, Gutes zu tun.Herder Korrespondenz, Themen: Christliche Ethik

Methode Ob und wie in die methodische Durchführung Voraussetzungen göttlicher Offenbarung Eingang finden, wird ebenso wie viele andere Fragen der Feinbestimmung von Methode und Gegenstand von verschiedenen Fachvertretern unterschiedlich beurteilt.

Im Anschluss an seit den 1960er Jahren geführte Kontroversen unterscheidet man glaubensethische und autonome Ansätze der Begründung des Sittlichen. Erstere – auch hierfür wird gelegentlich der Ausdruck Moraltheologie in spezifischer Zuspitzung gebraucht – gehen davon aus, dass erst im Horizont christlichen Selbst- und Weltverständnisses ein Vollbegriff von Vernunft und vom Guten möglich sei. Letztere betonen, dass für die Begründung des Guten eine autonome, universell begründbare Argumentation notwendig ist, dass deren Ergebnisse aber in den Kontext christlicher Vorstellungen zu integrieren sind, wobei Kritik nach beiden Seiten möglich bleibt.

Als Glaubensethiker gelten unter anderem Bernhard Stoeckle, Joseph Ratzinger,Vgl. u. a. Ratzinger, J. (Hrsg.): Prinzipien christlicher Moral, Einsiedeln 1975, 41–66 Heinz Schürmann,Vgl. Die Frage nach der Verbindlichkeit der neutestamentlichen Wertungen und Weisungen, in: Ratzinger 1975, 173–193 Robert SpaemannVgl. Wovon handelt die Moraltheologie?, in: Katholische Zeitschrift 6 (1977), 289–311 oder Hans Urs von Balthasar.Vgl. Neun Sätze zur christlichen Ethik, in: Ratzinger 1975, 67–93 Hier besteht oft eine starke Kontinuität zu traditionellen Positionen, die von einer natürlichen Vorgegebenheit des Moralischen ausgehen (siehe auch Naturrecht).

Als erste Vertreter einer dezidiert autonomen Moralbegründung gelten unter anderem Franz Böckle und Alfons Auer. Religiöse Kontexte haben hier den Status eines erweiternden Motivations- und Sinnhorizonts, sind aber nicht argumentative Voraussetzung der moralischen Urteilsfindung. Faktisch verfolgen heute nur noch wenige theologische Ethiker das Programm einer strikten Glaubensethik.

Entsprechend dem weiten Feld moderner Ansätze zur Begründung des moralischen Richtigen werden auch in der heutigen theologischen Ethik divergierende Forschungsprogramme verfolgt. In der Metaethik werden faktisch überwiegend oder ausschließlich realistische und kognitivistische Positionen verteidigt, die allenfalls zum Beispiel dahingehend abgeschwächt werden, Vorbehalten gegenüber allgemeinen Regulierungen konkreter Konfliktsituationen gerecht zu werden und gemäßigte relationistische Optionen zu verteidigen.

Hinsichtlich der Ausrichtung normativer Ethik wurden klassischerweise deontologische (pflichtorientierte) Theorieansätze präferiert, oftmals ergänzt um teleologische (zielorientierte) Perspektiven, oft unter Zugrundelegung starker ontologischer Voraussetzungen und unter Einbettung in naturrechtliche Vorstellungen. Heute werden mit Ausnahme amoralistischer Positionen von einzelnen Fachvertretern fast alle zeitgenössischen moralphilosophischen Ansätze rezipiert, darunter deontologische, vertragstheoretische, diskurstheoretische, transzendentalpragmatische, narrative und modellethische und tugendethische, sehr selten auch jüngere utilitaristische Methoden- und Begründungsansätze, sowie auch zum Beispiel Ideen der kritischen Theorie und anderer Schulen – oftmals mittels spezifischer Modifikationen – zu integrieren versucht.