Sprachpflege bezeichnet eine bewusste Einflussnahme auf die Entwicklung einer Sprache oder eines Dialekts. Dazu gehören die Gesichtspunkte der Grammatik, des Sprachstils und des Wortschatzes.

Zum Begriff der „Sprachpflege“ Seit der europäischen Aufklärung sind mit dem Begriff der Sprachpflege Vorstellungen der Pflege im Sinne einer Verbesserung der Sprache verbunden. Friedrich Ludwig Jahn schreibt in Merke zum Deutschen Volksthum (J.C.H. Knopf, 1833): „Doch müssen mit strengem Ernst und unerbittlicher Sprachpflege in Bann und Acht getan ewig verfolgt werden: Jene Wälschworte, so Seelengift einschwärzen, unsere Grundansicht verdüstern, die Lebensverhältnisse verwirren, und durch andersartige, sittliche, rechtliche, und staatliche Begriffe das Deutschtum verunstalten, entstellen und schänden.“Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart: 19. und 20. Jahrhundert. Walter de Gruyter, Berlin 1999.Gisela Harras, Kristel Proost, Edeltraud Winkler: Von Intentionalität zur Bedeutung konventionalisierter Zeichen. Festschrift für Gisela Harras zum 65. Geburtstag. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2006. Lutz Mackensen definiert Sprachpflege als „Bemühungen um einen richtigen und guten Gebrauch der Sprache“.Lutz Mackensen: Neues Wörterbuch der deutschen Sprache. Rechtschreibung, Grammatik, Stil, Worterklärung, Fremdwörterbuch. 3. Auflage, Südwest-Verlag, München 1962. So findet man den Begriff der Sprachpflege bis in die Gegenwart besonders häufig in Titeln von Deutschlehrbüchern.Max Krauße: Sprachpflege in metallgewerblichen Fachklassen. Beiträge zur Unterhaltung des Deutschunterrichts in Berufs- und Gewerbeschulen. H. Broedel & Co., Leipzig 1925.Anton Veltman: Sprachübung und Sprachpflege in der Volksschule. Gilde-Verlag, Köln 1931.

Aufgabe der Sprachpflege und damit der Sprachpfleger (Lehrer, Schriftsteller, Eltern, unabhängige Sprachpflegevereine usw.) ist es, die Ausdruckskraft und das Sprachvermögen der Sprachbenutzer durch einen richtigen und guten Gebrauch der Sprache und durch Einüben des natürlich gewachsenen Wortschatzes zu fördern. Täglich kommen neue Wörter und Neuschöpfungen hinzu, die mehr oder weniger Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch, d. h. in den aktiven Wortschatz, finden. Sprachpflege soll zu einem kritischen Gebrauch der Sprache und zu besserem Deutsch führen. Voraussetzung hierfür ist demzufolge eine fundierte Sprachkritik, z. B. an falschem oder schlechtem Deutsch, an Neuschöpfungen (Wort des Jahres, Unwort des Jahres) und schlechtem Sprachstil. Die Sprachpflege befasst sich daher mit verschiedenen Anwendungen sprachlicher Elemente: mit dem Sprachaufbau und der Grammatik, mit der Rechtschreibung, der Zeichensetzung, dem Sprachstil unter Berücksichtigung der Semantik (Bedeutungslehre) und der Sprachästhetik. Dazu gehört auch die Verwendung oder Vermeidung von Fremdwörtern, aber nicht als Sprachpurismus (Sprachreinigung), den es besonders im 17./18. Jahrhundert gab, als sich eine hochdeutsche Standardsprache als Muttersprache noch nicht entwickelt hatte. Das Wort „Sprachreiniger“ wurde erst in die 9. Auflage des Duden von 1915 aufgenommen. Das Wort „Sprachpflege“ steht dagegen erst seit den dreißiger Jahren im Duden.

Nach Meinung von Sprachkritikern wird die Sprache heute von bestimmten, in der Medienwelt ständig präsenten „Sprechern“, seltener auch Autoren, geprägt und unter Umständen auch gefährdet. Diese hätten eine besondere Verantwortung, der sie oft nicht gerecht würden. Sprachpfleger wenden sich daher gegen eine Sprachverschluderung und einen Sprachverfall, der gerade, aber nicht nur, in den neuen Medien wie E-Mails oder Blogs zu beobachten sei. Die Gründe dafür können auch technischer Natur sein (zum Beispiel nur maximal 140 Zeichen bei Twitter), so dass zugunsten der schnellstmöglichen Verbreitung einer Botschaft die Beachtung der Grammatik als nachrangig angesehen wird. Pauschal ist dies jedoch nicht erforderlich, worauf Sprachpfleger, die sich mit der Güte der Sprache befassen, stets hinweisen sollten. Die Sprachwissenschaft, die vornehmlich theoretisch orientiert ist und sich mit dem Sprachsystem und dem Sprachgebrauch befasst, aber auch mit dem Sprachwandel im Rahmen vergleichender und historischer Linguistik, lehnt die praxisbezogene Sprachpflege traditionell als unwissenschaftlich ab.Willy Sanders: Sprachkritikastereien. 2. überarbeitete Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-14110-5. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre lassen sich aber auch stärker werdende Tendenzen beobachten, das Anliegen der Sprachpflege ernst zu nehmen. Sprachpflegerischen Aufgaben widmet sich z. B. die „Kommission für wissenschaftlich begründete Sprachpflege“ des Instituts für Deutsche Sprache.Empfehlungen zum Gebrauch des Konjunktivs. Beschlossen von der Kommission für wissenschaftlich begründete Sprachpflege des Instituts für Deutsche Sprache. Formuliert von Siegfried Jäger aufgrund seiner Monographie Der Konjunktiv in der deutschen Sprache der Gegenwart (Sprache der Gegenwart; Bd. 10). Schwann, Düsseldorf 1970. Eine wissenschaftlich, d. h. linguistisch, begründete Theorie der Sprachpflege bildet die Theorie der Sprachkultur; auf wissenschaftlicher Grundlage betriebene SprachpflegeUwe Förster: Sprachpflege auf wissenschaftlicher Grundlage. Beiträge aus drei Jahrzehnten. Hrsg. von der Gesellschaft für Deutsche Sprache. Duden, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2000, ISBN 3-411-71091-8. wird häufig als Sprachkritik bezeichnet.

Im deutschen Sprachraum

Zur Geschichte der Sprachpflege Älter als das Wort „Sprachpflege“ sind die Begriffe „Pflege der Muttersprache“ und „Pflege der deutschen Sprache“. Diese „Sprachpflege“ geschah zuerst in den Klöstern, in denen Mönche biblische und andere Werke des Altertums ins Deutsche übersetzten und auch deutsch erklärten. Doch in den Lehrplänen der humanistischen Gymnasien war die deutsche Muttersprache streng vom Lehrplan ausgeschlossen.

Erst die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts begründeten die organisierte Pflege der deutschen Sprache. Damals wurde auch von „Spracharbeit“ gesprochen. Durch die Pflege der Muttersprache in den Sprachpflegegesellschaften der Barockzeit kam es auch in den Gymnasien allmählich zu einer bescheidenen Pflege der deutschen Sprache. Man richtete an den Gymnasien Bürgerklassen ohne Latein und Griechisch ein für die, die nicht studieren wollten, und bald auch gesonderte Realschulen.Gymnasium (geschichtliche Entwickelung in Deutschland). In: Meyers Konversationslexikon. Band 7, S. 960.

Die erste deutsche Sprachgesellschaft, die Fruchtbringende Gesellschaft, wurde 1617 nach dem Vorbild der italienischen Accademia della Crusca gegründet. Sie regte zu weiteren Gründungen ähnlicher Gesellschaften in ganz Deutschland an: So wurde 1644 die Gesellschaft vom „Gekrönten Blumenorden von der Pegnitz“ gegründet („Pegnesischer Blumenorden“). Als Zweck der Gesellschaft wurde angegeben: „Förderung der Verehrung Gottes und der deutschen Treue, Pflege und Verbesserung der deutschen Sprache und Dichtkunst“. Weitere Gründungen waren die Aufrichtige Tannengesellschaft, die Deutschgesinnte Genossenschaft, der Elbschwanenorden und andere. Von ihnen besteht heute nur noch der Pegnesische Blumenorden. Einige dieser Sprachgesellschaften wirkten an der Weiterbildung einer einheitlichen deutschen Sprache mit. Aus jener Zeit der barocken Sprachgesellschaften stammt die Ermahnung von Gottfried Wilhelm Leibniz an die Deutschen, ihren Verstand und ihre Sprache besser zu üben, seine „Gedanken betreffend die Ausführung und Verbesserung der deutschen Sprache“.Gottfried Wilhelm Leibniz: Ermahnung an die Deutschen. Von deutscher Sprachpflege. Unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1916 (Libelli, Bd. 216). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1967.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert richtete sich die Sprachpflege besonders gegen die Französisierung der Sprache.Eduard Engel: Sprich deutsch! Ein Buch zur Entwelschung. Hesse & Becker, Leipzig 1917. In neuerer Zeit folgte zunächst der Allgemeine Deutsche Sprachverein (ADSV). Seine Nachfolgevereine sind die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und der größte Sprachpflegeverein Österreichs, der Verein „Muttersprache“, Wien; in der Schweiz widmet sich der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache seit 1904 der Sprachpflege. Der größte deutsche Sprachverein ist der Verein Deutsche Sprache (VDS). Aufgrund weiterer Neugründungen existieren heute zahlreiche Sprachvereine, die sich um die Pflege der deutschen Sprache bemühen. Die privaten Sprachpflegevereinigungen sind dabei von den staatlich geförderten Sprachvereinen zu unterscheiden, die andere Einstellungen haben.

Sprachpflege im 21. Jahrhundert Heute richtet sich die Sprachpflege hauptsächlich gegen die Verwendung englischer und pseudoenglischer Wörter („Denglisch“), gelegentlich auch gegen die sogenannte gendergerechte Sprache („Gendersprech“Dagmar Lorenz: Gendersprech: Wider die sprachliche Apartheid der Geschlechter. In: Antje Baumann, André Meinunger (Hrsg.): Die Teufelin steckt im Detail: zur Debatte um Gender und Sprache. Kadmos, Berlin 2017, ISBN 978-3-86599-287-1.). Andere Themen waren die Rechtschreibreform und das Aussterben der Mundarten. Daneben stehen grammatikalisch fehlerhafte und unlogische Ausdrucksweisen sowie „menschenverachtende Verwendung der Sprache“ (etwa bei der Aktion „Unwort des Jahres“) im Mittelpunkt von Kritik und Pflege.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch kritisierte am 5. März 2013 in einem ArtikelSprachschmuggler in der Wikipedia von Anatol Stefanowitsch auf sprachlog.de (5. März 2013) das forcierte Verdeutschen gewisser Begriffe, z. B. Crowdfunding, durch Benutzer der deutschsprachigen Wikipedia, die er als „Eindeutschungsguerilla“ bezeichnete. Hierbei benannten anonyme Nutzer der Wikipedia im Deutschen verwendete englische Begriffe mit Verdeutschungen, die dann durch Recherche in der Wikipedia durch Journalisten in die Presse gelangten und von dort in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Staatlicher Erziehungsauftrag Kritiker, wie der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sehen sich durch die PISA-Studie in ihrer Meinung bestätigt, dass das Fach Deutsch an den Schulen nicht den gewünschten Stellenwert besitze. Schulen und Universitäten sollen daher vermehrt auf einen sorgfältigen Sprachgebrauch und damit auf ein gutes und verständliches Deutsch in Wort und Schrift hinwirken.Claudia Ludwig, Astrid Luise Mannes (Hrsg.): Mit der Spaßgesellschaft in den Bildungsnotstand. 1. Auflage. Leibniz-Verlag, St. Goar 2003, ISBN 3-931155-20-X (2. Auflage, Stolz-Verlag, Düren 2004). Während die Sprachkritik mehr analytisch-theoretisch stattfindet, sollen Sprachpflege und Spracherziehung die Ergebnisse der Sprachkritik praktisch umsetzen.

Staatliche Sprachregelung Sprachpflege ist jedoch abzugrenzen von staatlicher Sprachpolitik, d. h. einer Sprachlenkung mit Hilfe von Sprachregelungen. Beispiele dafür sind die geplante Rechtschreibreform des Dritten Reiches und das Verbot der Benutzung der deutschen Sprache während des Zweiten Weltkriegs und danach in einigen Staaten. Sprachpolitik steht in Gefahr, die Sprache willkürlich zu verändern und den Sprachbenutzern aufzuzwingen. So wurde in der Zeit des Dritten Reiches und in der DDR versucht, auch die Sprachpflege ideologisch gleichzuschalten und für politische Zwecke zu missbrauchen.Ewald Geißler: Sprachpflege als Rassenpflicht (Flugschriften des Deutschen Sprachvereins, 1). Deutscher Sprachverein, Berlin 1937.