mini|François Séverin Desgraviers-Marceau

François Séverin Desgraviers-Marceau (* 1. März 1769 in Chartres; † 21. September 1796 in Altenkirchen (Westerwald)) war ein General der Ersten Französischen Republik während des Bürgerkrieges in der Vendée und des Ersten Koalitionskrieges.

Leben Marceau entstammte der zweiten Ehe seines Vaters Desgraviers (zumeist unter diesem Familiennamen überliefert. Sein Sohn führte den Familiennamen Marceau erst nach Eintritt in die Armee). Er hatte mehrere Geschwister. Seine ältere Schwester Emira wird in Biografien als enge Vertraute mit großem Einfluss auf seine Ausbildung und Karriere beschrieben.

Marceau sollte nach dem Willen seines Vaters, der in der Vogtei Chartres das Amt eines Prokurators (heute Staatsanwalt) ausübte, als clerc de procurateur (Kanzleischreiber) eine Berufslaufbahn in der Justiz beginnen, trat aber mit 16 Jahren in den Militärdienst ein und war als 23-Jähriger bereits im Generalsrang.

Er wird als distinguierte und elegante Persönlichkeit mit bleichem Teint beschrieben,Maze, Les généraux…, S. 240. mit einfachen Manieren, die nichts von seiner gerühmten soldatischen Härte verraten.Pigeard: Les étoiles…, S. 470. Porträts, die vermutlich alle posthum entstanden, zeigen Marceau mit weichen, wenig männlichen Gesichtszügen. In britischen Beschreibungen wird er wegen seines jungenhaften Aussehens „the boygeneral“ genannt.

Marceau verlobte sich 24-jährig – während eines Hospitalaufenthalts in Châteaubriant, in der Zeit seines Einsatzes in der Vendée – im Januar 1794 mit der 17-jährigen Agathe aus der altadligen Familie Leprêtre de Chateaugiron. Diese Verbindung, wie auch sein vorausgegangenes Eintreten für die junge Adlige Angélique des Melliers (Kléber: ), die er beim Aufstand der Vendée vor der Brutalität seiner eigenen Truppen geschützt haben soll (und sie doch nicht vor einer Verurteilung und Hinrichtung als „Aufständische“ retten konnte),Maze: Les généraux… S. 277 ff. hatte zur Folge, dass radikale Republikaner ihn wegen staatsschädlichen Verhaltens anklagten.

Wie andere Generalskollegen auch hatte sich Marceau mit den Volksrepräsentanten und Kriegskommissaren auseinanderzusetzen, die seine Ausführung der Regierungsanweisungen und sein politisches Verhalten zu beurteilen hatten. Mehrfach wurde er wegen des Verdachts eigenmächtigen und gegenrevolutionären Handelns angeklagt – und auch zeitweilig inhaftiert. Dank seiner militärischen Erfolge und patriotischen Einstellung entlasteten ihn aber immer wieder einflussreiche Fürsprecher.

Folgt man den Biographien des 19. Jahrhunderts, muss Marceau eine Veranlagung zu Schwermut und Pessimismus gehabt haben, unter denen er in Waffenstillstandszeiten und besonders in seinen letzten Jahren 1795 und 1796 litt. Nach der Eroberung der Maasregion und des Rheinlandes waren die Auseinandersetzungen mit einem wiedererstarkten Österreich phasenweise zu einem Kleinkrieg um ausgeplünderte Dörfer und verwüstete Landstriche beiderseits des Rheins geworden.Jürgen König: Der Hunsrück in französischer Zeit. Dissertation, Mainz 1995, S. 25 ff. Deprimiert über die ungewisse, politische Lage an der Front in Deutschland und seine eigene Situation nach vier Jahren Krieg, antwortete er 1796 seiner Schwester Emira wohl auf einen aufmunternden Brief: Und an den Kriegskommissar M. Robert: Maze, Les généraux…, S. 287 ff. Tatsächlich konnte er einige Monate später, tödlich verwundet, nur wenige Ersparnisse seinen Geschwistern, und seine 6 Pferde seinen beiden Adjutanten und den Generälen Kléber und Jourdan testamentarisch hinterlassen.Doublet de Boisthibault, Marceau, Faksimiledruck eines handschriftlichen Testaments im Vorwort mit Marceaus Unterschrift

Militärische Laufbahn und Tod „Ich habe nie wieder einen General getroffen, der einen ursprünglichen Schlachtplan so kaltblütig und entschlossen noch in derselben Schlacht ändern konnte“inhaltl. übersetzt aus H. Maze, Kléber, Hoche, Marceau, S. 308. beschrieb General Kléber seinen 16 Jahre jüngeren Freund Marceau. Beide kämpften zusammen in der Vendée, in den habsburgischen Niederlanden (heutiges Belgien) und am Rhein.

Marceaus rasche Intelligenz und Entscheidungsfreudigkeit zeigt sich auch in seinem schnellen Aufstieg als Offizier der Armee: innerhalb des halben Jahres 1792 macht er im Aufstand der Vendée Karriere, vom einfachen Sous-lieutenant zum Général de division bis zum Commandant en chef einer ganzen Armee. Die besondere Bürgerkriegssituation, der Wechsel von Schlachten gedrillter Heeresverbände zu erbarmungslosem Partisanenkampf mit kleinen Einheiten, verlangte Kommandanten mit Eigenschaften, wie sie der Preuße Scharnhorst beschrieb, als er die Erfolge der französischen Revolutionstruppen über die Heere des Ancien Régimes analysierte: „...Wir werden erst siegen, wenn wir gelernt haben, so wie die Jakobiner den Gemeingeist zu wecken. Wenn man mit derselben Tatkraft und Rücksichtslosigkeit alle Hilfsquellen der Nation mobil machen wird, ihre Leiber, ihr Vermögen, ihren Erfindungsgeist, ihre Hingabe zu dem Heimatboden und nicht zuletzt ihre Liebe zu den Ideen.“Zitat aus: Gerd Fesser, Preußische Mythen, Bremen 2012, S. 39.

Seine Militärlaufbahn begann Marceau im Dezember 1785 als 16-Jähriger in dem königlichen Régiment d’AngoulêmeNach anderen Quellen im Régiment de Savoie-Carignan. 1789 wurde es eine Einheit in der Nationalgarde des Generals La Fayette. Im August 1790 wurde er nicht mehr in den Listen der Garde geführt.

Im Sommer 1792 wurde Marceau in seiner Heimatstadt Chartres von den Freiwilligen der 2me compagnie du 1er bataillon des volontaires d’Eure-et-Loir zum Capitaine gewählt. Die volontaires verstärkten die regulären Truppen bei der Verteidigung Frankreichs gegen eine Invasion österreichisch-preußischer Armeen. Im August und September nahm Marceau mit der Einheit seines Heimatdepartements Eure-et-Loir an der Verteidigung der Festung Verdun gegen die in Frankreich einmarschierten Preußen teil.

Als die Bürger von Verdun nach wochenlangem Beschuss ihrer Stadt die Kapitulation verlangten, tötete sich angeblich der Festungskommandant Nicolas-Joseph Beaurepaire aus Scham.Der Tod von Beaurepaire wird unterschiedlich beschrieben: J. W. v. Goethe schreibt in seiner Kampagne in Frankreich, der General habe in der Sitzung mit der Munizipalität der Übergabe zugestimmt und sich daraufhin selbst erschossen. An anderer Stelle wird sein Tod als Folge eines Attentats beschrieben. Sein Nachfolger willigte in die Kapitulation ein (und wurde wenig später dafür guillotiniert). Marceau, der entschieden gegen die Aufgabe protestiert hatte, wurde als jüngster Offizier ausgewählt, um dem König von Preußen, Friedrich Wilhelm II., die Kapitulation zu überbringen; er soll auch die Bedingungen für die Übergabe der Festung und den Abzug der Truppen ausgehandelt haben. Vielleicht eine Legende, aber vorstellbar: Jeder Soldat durfte nur einen Gegenstand aus der Festung mitnehmen – Marceau wählte seinen Säbel. Alle Offiziere der Festung aber wurden, zurückgekehrt von der Front, von Revolutionsgerichten wegen Feigheit und Republikverrats angeklagt und bestraft – Marceau wurde als Einziger freigesprochen.Doublet de Boisthibault, Marceau, S. 5.

Sein Gesuch, von dem ihn zu wenig fordernden Infanteriedienst zur Kavallerie versetzt zu werden, brachte ihn zu den Cuirassiers légères in der Légion germanique. Diese circa 5.000 Mann starke Truppe bestand überwiegend aus deutschen und österreichischen Deserteuren, die als Freiwillige unter dem elsässischen General WestermannLaut Pigeard, Les Ètoiles …, S. 599, wurde François Joseph Westermann im April 1794 wegen „Republikfeindlichkeit“ guillotiniert. für das revolutionäre Frankreich in der Vendée kämpften. Im November 1792 war Marceau Chef d’escadron des Kürassierregiments.

Nach Auflösung der légion ist Marceau Lieutenant-colonel der chasseurs à cheval in der Armée Côtes de La Rochelle, als nächstes 22-jährig Général de brigade, dann Général de division der neuen Armée de l’Ouest in den Kämpfen gegen den Adel, die Bauern und die Bevölkerung im Aufstand der Vendée. Sein größter Erfolg ist die Einnahme der Stadt Le Mans nach der Schlacht bei Le Mans am 12./13. Dezember 1793 und die anschließende Verfolgung und Vernichtung der Vendéer in der Schlacht bei Savenay. Er ist in dieser Zeit Oberkommandierender der vereinigten Armeen des Westens und der eingegliederten, sogenannten „Armée de Mayence“, der ehemaligen Besatzung der Festung Mainz.

mini|links|General Marceau mit seinen Truppen im Straßenkampf von Le Mans im Dezember 1793, Ölgemälde Jean Sorieul aus dem Jahr 1852

Marceaus rascher Aufstieg zum Armeeführer war eine indirekte Folge der für die Jakobinerherrschaft typischen Inkompetenz und politischen Vetternwirtschaft bei der Besetzung von Posten. In der kritischen Phase eines militärischen Gleichgewichts im Aufstandsgebiet hatte der Konvent nahezu alle Offiziere aus dem Adel und der ehemaligen königlichen Armee aus ihren Kommandos entfernt. Stattdessen erschienen in der Vendée Sansculotten und radikale Revolutionsanhänger, die man zu kommandierenden Generalen ernannt hatte. Aufgrund ihrer chaotischen Truppenführung mussten die Republikaner eine Reihe verlustreicher Niederlagen gegen die Vendéer hinnehmen: Zwischen dem Gefecht von (Laval) am 22. Oktober und dem von Pontlieue am 10. Dezember 1793 sollen sie neun Gefechte und Schlachten verloren haben. Der von allen Seiten respektierte General Kléber empfahl in dieser Situation, seinen jüngeren Freund Marceau zum Oberkommandierenden zu machen, was vom Wohlfahrtsausschuss umgehend bestätigt wurde. Marceau bestand aber darauf, seinen Freund Kléber als Berater zur Seite zu haben. Überliefert dazu ist sein Ausspruch, er nehme den Titel zwar an, lasse Kléber aber den eigentlichen Befehl und die Mittel, die Armee zu retten. Dieser soll erwidert haben: „Sei ruhig, mein Freund, wir wollen zusammen fechten und uns zusammen guillotinieren lassen.“ Die äußerst blutigen Siege der Republikaner in Le Mans und Savenay markierten das vorläufige Ende des Aufstandes in der Vendée. Marceau und Kléber wurden dafür in Nantes mit der „Bürgerkrone“ geehrt.A. Thiers: Geschichte der Französischen Revolution. Band 3, S. 320 ff.

Nach einem krankheitsbedingten Urlaub im Winter 1793–94 stand Marceau im Sommer in den Niederlanden bei der Armee des Oberkommandierenden Jean-Baptiste Jourdan und führte in der entscheidenden Schlacht bei Fleurus gegen die österreichisch-englischen Koalitionstruppen den rechten Flügel mit zwei Divisionen. Nach den verlustreichen Gefechten bei Aldenhoven und den Flussübergängen über die Ourthe und Rur wurde in wenigen Wochen die linke Rheinseite von Köln bis Koblenz (am 23. Oktober 1794) eingenommen und besetzt.

Die schlechte Ausrüstung seiner Truppen, ihr „abgerissener“ Zustand und undiszipliniertes Auftreten rief bei der Bevölkerung ungläubiges Entsetzen hervor: „[…] staunet noch nicht, sondern dann, wann ihr diejenigen gesehn habet, vor denen wir itzt laufen“, rief ein über den Rhein flüchtender kaiserlicher Soldat einem fassungslosen Koblenzer Bürger zu.Prof. Minola, Bonn um 1816, Die Franzosen in …, S. 38ff. bearbeitet und herausgegeben von Dr. Hermann Cardauns, Koblenz 1916.

Marceaus Besetzung von Koblenz war keine außergewöhnliche Operation; die Preußen waren bereits aus der Koalition ausgeschieden, während die Österreicher sich auf die rechte Rheinseite zurückgezogen hatten und sich in ihren strategischen Positionen durch die stark gesicherten Festungen Ehrenbreitstein, Mainz, Philippsburg und Mannheim vorerst genügend gesichert fühlten. Für Marceaus Renommee im Mutterland aber war die Eroberung dieses Zentrums der (inzwischen von dort geflüchteten) verhassten aristokratischen Emigranten als Sieg über die Gegenrevolution der Prinzen und Fürsten außerordentlich wichtig.