mini|Ansicht der Jakobikirche von Nordosten (Frühjahr 2007) mini|Langhaus der Jakobikirche von Norden
Die evangelische Markt- und Stadtkirche St. Jakobi (auch Jakobikirche) gehört zu den ältesten erhaltenen Sakralbauten der sächsischen Stadt Chemnitz und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Alten und Neuen Rathaus.
Baugeschichte Romanischer Vorgängerbau Das heutige Kirchengebäude hatte einen romanischen Vorgängerbau, dessen Fundamente bei Grabungsarbeiten zwischen 1953 und 1959 nachgewiesen werden konnten. Es handelte sich um einen rechteckigen Saal von 19,65 Metern Länge bei einer Breite von 11,60 Metern. Daran schloss sich im Osten ein quadratischer Chor mit einer Seitenlänge von 7,90 Metern an. Eine Apsis bildete den östlichen Abschluss des Bauwerks, während im Westen ein mächtiger Turmriegel mit einer Breite von 16 Metern bestand. Diese Bauform findet sich bei mehreren Dorfkirchen des 12. und 13. Jahrhunderts im nordwestsächsischen Raum (beispielsweise in Pomßen und Klinga). Neben den Fundamenten wurden eine große Zahl von Formsteinen – z. B. umfangreiche Reste eines Rundbogenfrieses – gefunden. Stilistisch ergibt sich dadurch eine Abhängigkeit von der Augustinerchorherren-Stiftskirche in Wechselburg, deren Hütte zwischen 1170 und 1220 einen eminenten Einfluss auf das sakrale Baugeschehen Mittelsachsens ausübte.
Chorneubau im 13. Jahrhundert Wohl um 1230–1250 erfuhr die romanische Saalkirche eine bedeutende Veränderung: Das Chorquadrat samt Apsis wurde beseitigt und stattdessen ein frühgotischer Rechteckchor angefügt. Er erstreckte sich über eine Länge von vier Jochen. Ein System von Strebepfeilern und Diensten deutet darauf hin, dass der Raum gewölbt war oder zumindest eine Einwölbung vorgesehen war. An der Nordseite konnten zwei Anbauten nachgewiesen werden, von denen einer als Sakristei, der andere vielleicht als Karner benutzt wurde.
Neubau des Langhauses als gotische Hallenkirche miniatur|Südliches Seitenschiff nach Osten
Vermutlich gab ein für 1333 bezeugter Stadtbrand den Anlass für einen völligen Neubau des Langhauses. Die Einzelformen des Baus erlauben eine Datierung in die Zeit zwischen 1350 und 1365. An Stelle des bisherigen Saales entstand eine dreischiffige Hallenkirche mit einer Ausdehnung von fünf Jochen. Um ausreichend Platz zu gewinnen, brach man den romanischen Turm ab und erweiterte das Gebäude nach Westen hin. Während die neuen Seitenschiffe in polygonal gebrochenen Apsiden enden, behielt man den erst ein knappes Jahrhundert alten frühgotischen Rechteckchor bei. Der Kirchenraum wurde durchgehend eingewölbt, die Kreuzrippengewölbe ruhten auf Achteckpfeilern über quadratischen Sockeln.
In einem weiteren Bauabschnitt im ausgehenden 14. Jahrhundert erfuhr das westliche Langhausjoch eine eingreifende Veränderung: Durch Einziehen eines Gewölbes unterteilte man es zweigeschossig, wobei der obere Raum als Empore, der untere dagegen als offene Vorhalle („Paradies“) eingerichtet wurde. Hierzu öffnete man die Wandflächen zwischen den Strebepfeilern an West-, Nord- und Südseite durch steile Spitzbögen.
Nutzung des „Hohen Turmes“ als Glockenturm Zur Unterbringung des Geläutes wurde nach Abbruch des romanischen Westturmes der wenige Meter südlich neben der Kirche stehende, zum damaligen Zeitpunkt wohl ungenutzte „Hohe Turm“ bestimmt. Er erfuhr deshalb nach 1335 eine Aufstockung durch ein Glockengeschoss mit spitzbogigen Schallfenstern. Bis heute dient der „Hohe Turm“ der Jakobikirche als Glockenturm. Er führt daher auch die Bezeichnung „Jakobikirchturm“.
Errichtung des Hallenumgangschores miniatur|Gewölbe im Chorumgang miniatur|Blick in den nördlichen Chorumgang
Den Abschluss der mittelalterlichen Bautätigkeit an St. Jakobi bildete die Anfügung des großartigen Chores zwischen 1405 und 1412. Zunächst brach man den frühgotischen Saalchor mit Ausnahme des inzwischen zum Langhaus gehörigen westlichen Joches (zwischen den Nebenapsiden) ab. Anschließend erfolgte ein Neubau über wesentlich erweitertem Grundriss: Das in einem 5/8-Polygon endende Presbyterium wird von Seitenschiffen begleitet, die um den „Binnenchor“ als Umgang herumgeführt sind. Eine ähnliche Lösung war zuvor beim Neubau des Ostchores von St. Sebald in Nürnberg zur Anwendung gekommen. In Chemnitz folgte man dem dortigen Prinzip, bei dem quadratische und dreieckige Joche alternieren. Somit ergibt sich für den Chorumgang das Bild eines über neun Seiten eines Sechzehnecks konstruierten Abschlusses. Im Gegensatz zu Nürnberg erfolgte die Einwölbung des Chormittelschiffes nicht mittels eines Kreuzrippen-, sondern durch ein Netzgewölbe, wie es wenige Jahrzehnte zuvor in Böhmen eingeführt worden war. Von dort ist wahrscheinlich auch die Gliederung der inneren Wandflächen durch einen umlaufenden Maßwerkfries inspiriert. Der Außenbau folgt dem Schema einer „reichen Chorfassade“, wie sie seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert in Mitteldeutschland üblich wurden (beispielsweise Moritzkirche Halle, Schlosskirche Altenburg, Nikolaikirche Zerbst, Marienkirche Bernburg). Die Strebepfeiler sind mit reichem Blendmaßwerk überzogen, das mit dem (allerdings völlig erneuerten) Maßwerk in den schlanken Fenstern korrespondiert. Parallel zum Chor entstand auch die Sakristei an der Nordseite, ein rechteckiger Raum, der von einem steilen Kreuzrippengewölbe überspannt wird.
Chemnitzer Bürgersinn sorgte im Laufe der Jahrhunderte für eine reiche Innenausstattung des neuen Chores, zu der unter anderem ein monumentaler Hochaltar (um 1500) sowie das berühmte Heilige Grab (zwischen 1490 und 1525) gehörten, das sich heute im Schloßbergmuseum befindet.
Umbauten und Veränderungen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert Mit der Einführung der Reformation in Chemnitz im Jahr 1539 ergaben sich auch Veränderungen im Inneren der Stadtkirche. Der Raum wurde durch den Abbruch des Lettners sowie der meisten Nebenaltäre den Anforderungen des lutherischen Gottesdienstes angepasst. Es entstand eine neue Kanzel, und die Seitenschiffe wurden – angeblich seit 1555 – mit hölzernen Emporen versehen. Im Chor kam eine neue Orgel zur Aufstellung. Einen schweren Einschnitt stellt das Jahr 1617 dar, als ein Stadtbrand auch die Kirche, den Glockenturm sowie das Rathaus ergriff. Der Dachstuhl von St. Jakobi verbrannte, und abstürzende Turmteile zerschlugen das westliche Mittelschiffsgewölbe. Das Innere blieb jedoch weitgehend von den Flammen verschont. Eine malermäßige Instandsetzung, bei der die Wände eine weiße, die Pfeiler dagegen eine „aschgraue“ Abfärbung erhielten, fand 1667 statt. An Stelle der bisherigen Emporen in den Seitenschiffen kam seit 1717 eine neue, zweigeschossige Emporenanlage zur Ausführung, der Chor füllte sich dagegen mit verschiedenen verglasten Betstübchen und Logen. An die Nord- und Südseite des Langhauses fügte man zweigeschossige Anbauten an, die ebenfalls der Aufnahme von Betstübchen dienten.
Auch die Ausstattung unterlag ständigen Veränderungen: So fiel 1746 einem erneuten Brand des Glockenturms das Geläut zum Opfer. Es wurde bis 1749 durch Johann Gottfried Weinhold (Dresden) ersetzt.
mini|St. Jacobskirche, 1839 Ein schwerer Verlust trat im Jahr 1792 ein, als der gewaltige spätgotische Hochaltar abgebrochen und bis auf wenige Reste vernichtet wurde. An seiner Stelle kam ein neuer Altar im klassizistischen Geschmack zur Ausführung. Er wies zwei Gemälde von Adam Friedrich Oeser auf, die bis heute erhalten sind: die Auferstehung Christi sowie zwei Engel mit den Abendmahlselementen. Von der Hand Oesers rühren auch zwei weitere Gemälde mit Darstellungen von Moses und Christus her. Sie zierten einst die Beichtstühle im Chor. Die zuletzt genannten Veränderungen wurden durch eine Stiftung des Chemnitzer Ratsherren Johann Georg Treffurth finanziert.
Umgestaltung im Sinne des Historismus Nachdem man bereits 1848 den Innenraum von allen späteren Zutaten – u. a. den Betstübchen sowie dem klassizistischen Altar – bereinigt und mit neuen Einbauten im gotischen Stil (Kanzel, Emporen) versehen hatte, erfolgte zwischen 1875 und 1879 eine umfassende Neugestaltung des Äußeren. Nach Plänen des Baurats Conrad Wilhelm Hase (Hannover) und unter Leitung von Hugo Altendorff (Leipzig) hüllte man das Gebäude in eine reiche neugotische Architekturkulisse ein. Zuvor wurden die letzten nachmittelalterlichen Bauteile – darunter der barocke Dachreiter – entfernt. Nach dem Vorbild französischer Kathedralen überhäufte man die Westfassade mit Wimpergen, Fialen sowie einer großen Rosette, die fehlende Giebelspitze über dem Mittelschiff wurde ergänzt, und eine steigende Maßwerkbalustrade aufgesetzt. Die vier Strebepfeiler versah man mit Standbildern der Apostel Petrus, Paulus, Andreas und Johannes. Der Verbleib des mittelalterlichen Figurenschmucks der Fassade ist ungeklärt. Die Langhausfassaden erhielten Strebepfeileraufsätze in Form von Fialen sowie eine Maßwerkbalustrade unterhalb des Dachansatzes. Am Chor wurde das verwitterte Blendmaßwerk der Strebepfeiler völlig erneuert, wobei man sich im Wesentlichen an die überlieferten Formen hielt. Allerdings kam statt des bisherigen Porphyrtuffs nunmehr Sandstein zum Einsatz, der auch bei den übrigen neu hinzugefügten Bauteilen Verwendung fand. Das Dach erhielt eine Schieferdeckung mit reicher ornamentaler Verzierung sowie einen neuen Dachreiter mit steilem Helm. Die zunächst vorgesehene Regotisierung des Glockenturms unterblieb.
Der Innenraum blieb weitgehend unverändert, allerdings erhielt der seit 1848 ohne Aufsatz stehende Hochaltar ein neues, hochragendes Retabel in gotischen Formen (Entwurf: H. Altendorff). Schließlich wurden die mittleren Chorfenster mit Glasmalereien aus der Werkstatt von Carl Ludwig Türcke (Zittau) ausgestattet.
Überformung im Jugendstil mini|Westfassade der Jakobikirche (Frühjahr 2007)
Die neugotische Außenarchitektur litt schon wenige Jahre nach ihrer Vollendung unter zunehmenden Bauschäden, was zum Absturz zahlreicher Werksteine der Westfassade und schließlich 1903 zum Abbau des Dachreiters führte. Eine Instandsetzung kam nicht in Frage: Zum einen scheute man den damit verbundenen großen Kostenaufwand, andererseits empfand man – besonders im Angesicht des soeben entstehenden neuen Rathausbaus – die neugotische Fassadendekoration an St. Jakobi als schwache Leistung. Die Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler sprach sich bereits 1909 für eine vollständige Neugestaltung nach Plänen der Architekten Schilling & Graebner (Dresden) aus. Dabei sollte die Gestalt der Westfassade vor dem Umbau von 1879 wieder stärker herausgearbeitet werden, jedoch eine eigenständige künstlerische Durchbildung im Geist der Zeit erfahren. Zur Schaffung zusätzlicher Räume war weiterhin die Aufstockung der Sakristei um zwei Geschosse vorgesehen. Zudem plante man den Anbau einer Brauthalle an der Nordseite sowie die Schaffung eines neuen Dachreiters. Letztere Vorhaben kamen allerdings nicht zur Durchführung.