mini|Die Bremer Stadtmusikanten von Gerhard Marcks (1953) vor dem Bremer Rathaus Die Bremer Stadtmusikanten ist ein bekanntes Märchen (ATU 130). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 27 (KHM 27). Die vier Tiere sind auch zu eigenständigen Symbolen geworden, so wurden im Jahr 2017 Ampeln im Bremer Innenstadtbereich mit ihnen gestaltet.

Handlung Der alte Esel soll verkauft werden. Deshalb flieht er und will Stadtmusikant in Bremen werden. Unterwegs trifft er nacheinander auf den Hund, die Katze und den Hahn. Auch diese drei sind schon alt und sollen sterben. Sie folgen dem Esel und wollen ebenfalls Stadtmusikanten werden.

Auf ihrem Weg kommen sie in einen Wald und beschließen, dort zu übernachten. Sie entdecken ein Räuberhaus. Indem sie sich vor dem Fenster aufeinanderstellen und mit lautem „Gesang“ einbrechen, erschrecken und vertreiben sie die Räuber. Die Tiere setzen sich an die Tafel und übernehmen das Haus als Nachtlager. Ein Räuber, der später in der Nacht erkundet, ob das Haus wieder betreten werden kann, wird von den Tieren nochmals und damit endgültig verjagt. Den Bremer Stadtmusikanten gefällt das Haus so gut, dass sie nicht wieder fort wollen und dort bleiben.

Bedeutung Die Geschichte ist dem Literaturtyp der Tierfabel verwandt und sie zeigt die Merkmale einer Gesindeerzählung: Die Tiere entsprechen den im Dienst bei der Herrschaft alt gewordenen, abgearbeiteten und durch den Verlust an Leistungskraft nutzlos gewordenen Knechten und Mägden. Mit ihrem Aufbruch, ihrem Zusammenhalt und Mut schaffen sie das fast Unmögliche. Sie überlisten die Bösen, schaffen sich ein Heim und somit ein neues Leben. Es ist eines der Märchen in der Grimm’schen Sammlung, „das auf die sozialutopischen Wünsche der Unterschicht in der bürgerlichen Gesellschaft“Dieter Richter: Die „Bremer Stadtmusikanten“ in Bremen. Zum Weiterleben eines Grimmschen Märchens. In: Hans-Jörg Uther (Hrsg.): Märchen in unserer Zeit. Diederichs, München 1990, ISBN 978-3-424-01019-0, S. 27. eingeht. Dadurch, dass jene Tierschicksale die von Menschen widerspiegeln, werden Belange des Lebens angesprochen, die mit Rechten (von Mensch und Tier gleichermaßen) verbunden sind. Dieter Brand-Kruth schreibt ihnen Parallelen zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu.Dieter Brand-Kruth: Auf nach Bremen – Den Stadtmusikanten auf der Spur. Bremen 2019, S. 75–81. Die Botschaft sowohl des Grimm’schen Märchens als auch der meisten späteren Adaptionen ist optimistisch und suggeriert die Möglichkeit nachhaltiger Lösungswege auch aus prekären Situationen heraus.

Das Märchen Die Bremer Stadtmusikanten ist ein Musterbeispiel für den Erzähltypus „Tiere auf Wanderschaft“.Siegfried Neumann: Tiere auf Wanderschaft. In: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 13., New York 2010, Sp. 585–594.

In psychoanalytischen Untersuchungen wurde vielen Erzählmustern aus den überlieferten Märchen auf den Grund gegangen, doch die Stadtmusikanten fanden dabei wenig Beachtung.Ein Versuch von Marie-Louise von Franz (Die Bremer Stadtmusikanten. In: Zeitschrift für Analytische Psychologie und ihre Grenzgebiete 2, 1970, S. 4–22) wurde von Uther (Röpcke/Hackel-Stehr, S. 47) methodisch kritisiert.

Edition der Brüder Grimm Erstveröffentlichung in Grimms Märchen Nach der Erstauflage ihrer Kinder- und Haus-Märchen (KHM) aus den Jahren 1812 (Band 1) und 1815 (Band 2) legten die Brüder Grimm im Jahr 1819 die 2. Auflage der beiden Bände vor; ihr Vorwort datiert vom 3. Juli 1819. Dabei wurde das Volksmärchen Die Bremer Stadtmusikanten von den Brüdern Grimm als 27. Märchen in diese 2. Auflage ihrer Märchensammlung aufgenommen und damit erstmals im Jahr 1819 veröffentlicht. Als Quelle werden zwei Erzählungen aus dem Paderborner Land angegeben,So lautet die Herkunftsangabe in den von den Brüder Grimm verfassten Anmerkungsbänden zu den Kinder- und Hausmärchen von 1822, S. 50, und 1856, S. 47. als Vermittler wird meist Freiherr August Franz von Haxthausen angenommen, obschon es dafür keinen Beweis gibt.Der Name 'August von Haxthausen' wird im Werk der Brüder Grimm nirgendwo mit dem Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" in Verbindung gebracht. Dass er das Märchen beigesteuert haben soll, ist eine bloße Vermutung, die sich auf eine Aussage Elmar von Haxthausens beruft, des Ururgroßneffen von August von Haxthausen. In einer von Dorothea Viehmann aus dem Dorf Zwehrn bei Kassel beigesteuerten Variante treten die Haus- und Hoftiere friedlich in das Haus ein und musizieren gegen Essen für die Räuber. Als die Räuber um Mitternacht vom Beutezug zurückkehren, wird ein Kundschafter von den Tieren aus dem Haus gejagt. Grimms Anmerkung gibt ein Gedicht Der Ochs und der Esel stürmen mit ihrer Gesellschaft ein Waldhaus in Rollenhagens Froschmeuseler „Buch 3, Cap. 8“ wieder. Dort sind es Waldtiere, was wohl ursprünglicher sei. Die Brüder Grimm nennen dazu Isengrimus „529 folg.“ und ein siebenbürgisch-sächsisches Märchen bei Haltrich Nr. 4, KHM 41 Herr Korbes. Sie bemerken auch, dass hier die Stärkeren getäuscht werden, wie in KHM 102 Der Zaunkönig und der Bär, und nennen noch eine „schwäbische Erzählung“ bei Meier Nr. 3. Vergleiche zum Ganzen KHM 10 Das Lumpengesindel.

Wie auch in anderen Märchen haben die Grimms das zugetragene Material überarbeitet und angereichert. So wird beispielsweise in der Ausgabe von 1857 erstmals erwähnt, dass der Esel „die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte“. Während die Tiernamen „Grauschimmel“ und „Packan“ bereits in der 2. KHM-Auflage 1819 vorhanden waren, wurden „Bartputzer“ und „Rothkopf“ erstmals in der 4. Auflage 1840 genannt.Zum ganzen Abschnitt: Hans-Jörg Uther: Zur Entstehung, Bildgeschichte und Bedeutung des Märchens. In: Andreas Röpcke und Karin Hackel-Stehr: Die Stadtmusikanten in Bremen. Bremen 1993, S. 18–52, mit Abb. Der Text enthält schon ab dem Erstdruck viele sprichwörtliche Redensarten: „merkte, daß kein guter Wind wehte“; „wenn’s einem an den Kragen geht“;(vgl. KHM 29, 44, 171, 199) „nun ist guter Rat teuer“; „durch Mark und Bein“; „aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten“; „ins Bockshorn jagen lassen“; „und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm“(wohl aus der Variante zu KHM 65, vgl. KHM 134). Ab der kleinen Ausgabe von 1825 macht die Katze „ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter“.Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen – Sprichwort – Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 64–67.

Märchenforschung und Bremer Stadtmusikanten Die zeitliche Entwicklung und die regionalen Wanderungen der europäischen Volkserzählungen sind vor allem von der Märchenforschung untersucht und klassifiziert worden: Die älteste Fassung des Typs Tiere im NachtquartierIm Aarne-Thompson-Index, einem Standardwerk der Märchenforschung, wird es als Typ 130 klassifiziert: Uther, Hans-Jörg: The Types of International Folktales. A Classification and Bibliography. Based on the System of Antti Aarne and Stith Thompson, Part I: Animal Tales, Tales of Magic, Religious Tales, and Realistic Tales, with an Introduction (FF Communications 284), Helsinki 2011, S. 99. ist in dem lateinischen Tierepos mit dem Titel Ysengrimus des Genter Klerikers Nivard von Gent (um 1148) enthalten. Hans Sachs mit Der Kecklein (1551), Georg Rollenhagen in seinem Epos Froschmeuseler (1595) und andere schon von Grimm genannte Werke, in denen noch ausschließlich Tiere an der Handlung beteiligt sind, nutzten diesen StoffkreisSiegfried Neumann: Tiere auf Wanderschaft. In: Enzyklopädie des Märchens. Bd. 13, Berlin/New York 2010, Sp. 587. ebenso wie in der Nachfolge von Grimm Ludwig Bechstein mit Undank ist der Welt Lohn in Neues deutsches Märchenbuch (1856). Der türkische, also fernere europäische Kulturkreis, präsentiert resignativ einen fehlgeschlagenen Fluchtversuch in Esel, Schaf und Hund. Den neuesten Forschungsstand zum Thema vermitteln Dieter Brand-Kruth,Brand-Kruth, Dieter: „Die Bremer Stadtmusikanten“. Eine soziokulturelle Studie (HSS-Vermerk: Dissertation, Universität Bremen), Bremen 2017. Andreas LienkampLienkamp, Andreas: Aufstand für das Leben. ’Die Bremer Stadtmusikanten‘ und ’Der Hauptmann von Köpenick‘ - Zum 200. Geburtstag des Grimm’schen und zum 90. des Zuckmayer’schen Märchens, Baden-Baden 2019. und Lothar Bluhm.Lothar Bluhm: "der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte". Polyphonie in den "Kinder- und Hausmärchen" am Beispiel KHM 27 "Die Bremer Stadtmusikanten". In: Janin Aadam u. a. (Hrsg.): Polyphone Literatur, Band 1. Trier 2023, S. 33–54.

Wenig seriös sind dagegen die zahlreichen, methodisch unbrauchbaren Versuche, Orte und topographische Situationen in den fiktiven Tiermärchen mit konkreten Plätzen oder Baulichkeiten in Verbindung zu bringen. Mit „Bremen“ im Titel des Märchens ist die Hansestadt Bremen gemeint. Bremen ist dieser Lesart zufolge in diesem Märchen ein Bild für einen Sehnsuchtsort für die landesflüchtigen ‚Tiere‘. Die Stadt besaß in der Hansezeit besondere Stadt- und Freiheitsrechte, beschäftigte vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts Stadtmusikanten und war auch ein Ort, über den Auswanderer entlang der Weser über Bremen nach Übersee gelangten. Die Freundschaft der Brüder Grimm mit dem ehemaligen Bürgermeister Johann Smidt sowie mit dessen 1819 verstorbenen Tochter Johanne könnte ebenfalls zur Nennung des Stadtnamens beigetragen haben.Zum ganzen Abschnitt: Dieter Brand-Kruth: Auf nach Bremen – Den Stadtmusikanten auf der Spur. Bremen 2019, S. 118–122, sowie Andreas Lienkamp: Aufstand für das Leben. ’Die Bremer Stadtmusikanten‘ und ’Der Hauptmann von Köpenick‘, Baden-Baden 2019, Kap. 1. Zum 200-jährigen Jubiläum der Erstveröffentlichung des Märchens fand 2019 in Bremen ein wissenschaftliches Symposium statt, in dessen Mittelpunkt die Frage nach der Übertragbarkeit des Tiermärchens auf reale menschliche Verhältnisse stand. Die Lokalität Bremer Grund im Hessischen Hinterland weist auf den verbreiteten Ruf der Hansestadt auch im Binnenland hin.Horst W. Müller: „Fritz der Wandermusikant“ – Die wahre Geschichte der Bremer Stadtmusikanten. Ihre Herkunft aus dem Hessischen Hinterland. In: Dialekt im Hinterland e. V. (Hrsg.): Dem alten Hintermüller sein Esel. republi, Berlin 2020, S. 101–114.

Bildtradition Unter den Bildschöpfungen zu Märchenthemen gehören die Bremer Stadtmusikanten zu den am häufigsten ausgewählten Figurationen. Der dramatische Höhepunkt der Erzählung mit den zum Schrecken der Räuber eine Figurenpyramide bildenden Tieren ist das bevorzugte Motiv aus dieser Erzählung. Sein visuelles Wiedererkennungspotential und seine Unverwechselbarkeit sind einzigartig.

Buchillustrationen/Philatelie Als frühestes Beispiel lieferte der berühmte englische Karikaturist George Cruikshank die Vorlage für einen Kupferstich in der 1823 erschienenen Ausgabe der German Popular Stories, eine Übersetzung der Kinder- und Hausmärchen von Edgar Taylor.