rechts|rahmenlos mini|Die Auffahrt des Oude Kwaremont bei der Flandern-Rundfahrt 2018 Die Flandern-Rundfahrt (Ronde van Vlaanderen) ist das populärste Eintagesrennen Belgiens. Sie wird zu den fünf Monumenten des Radsports gezählt. Die „Ronde“ findet jährlich Anfang April statt, eine Woche vor Paris–Roubaix. Das Rennen gehört zur UCI WorldTour, einer Serie der wichtigsten Radrennen des Jahres. Es wird jährlich von zehntausenden Besuchern am Straßenrand begleitet und hat den Charakter eines Volksfests. Es gibt auch Versionen des Rennens für Frauen sowie für Junioren und Juniorinnen.
Geschichte mini|Paul Deman, Sieger der ersten Flandern-Rundfahrt 1913
Hintergründe Um die Jahrhundertwende ging das Interesse in Belgien am Radsport zurück, während sich der Motorsport und Fußball großem Zuspruch erfreuten. Mehrere Radrennbahnen mussten aufgrund von sinkenden Einnahmen schließen und zwischen 1902 und 1906 wurden keine belgischen Bahnmeisterschaften ausgetragen. Der Radsport verlagerte sich von der Oberschicht in den Innenstädten zu der Unterschicht in den Arbeiterrandgebieten und von der Bahn auf die Straße. Nach belgischen Erfolgen bei den Eintagesrennen Bordeaux–Paris, Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix sowie dem ersten belgischen Gesamtsieg bei der Tour de France durch Odiel Defraeye im Jahr 1912 nahm das Interesse der Bevölkerung am Radsport jedoch wieder zu.
Überlieferungen nach begann die Geschichte der Flandern-Rundfahrt nach einem Gespräch zwischen dem Tour-de-France-Sieger Odiel Defraeye und dem Sportjournalisten Karel Van Wijnendaele bei der Meisterschaft von Flandern, die im Jahr 1912 in Koolskamp abgehalten wurde. Odiel Defraeye soll gemeint haben, dass es schön wäre, ein ähnliches Rennen wie die Tour de France in Flandern abzuhalten, worauf Karel Van Wijnendaele etwas später die Strecke der ersten Flandern-Rundfahrt im Café De Commerce auf einen Bierdeckel gezeichnet haben soll.
Heutzutage gilt es als wahrscheinlich, dass die Idee der Flandern-Rundfahrt auf Léon Van den Haute, den Direktor der Sportzeitschrift Sportwereld, zurückgeht, der in den Jahren zuvor bereits etliche Radrennen wie Paris–Roubaix, Paris–Brüssel und die Belgien-Rundfahrt mitorganisiert hatte. Mit dem Groote Leieprijs war er auch für ein Rennen um Gent zuständig, dessen Streckenführung eine große Ähnlichkeit zur Erstaustragung der Flandern-Rundfahrt aufwies. Während Léon Van den Haute als Organisator der ersten Flandern-Rundfahrt fungierte, war Karel Van Wijnendaele, der ebenfalls für Sportwereld schrieb, primär für das Marketing der Veranstaltung und der Zeitschrift verantwortlich. Weiters gilt auch ein Zusammenhang zu der Weltausstellung in Gent im Jahr 1913 als wahrscheinlich. Berichten zufolge diente die Flandern-Rundfahrt als Alternative zu den UCI-Bahn-Weltmeisterschaften, die nicht an Gent, sondern an Berlin und Leipzig vergeben worden waren.
Neben dem sportlichen hatte die Flandern-Rundfahrt bei ihrer Erstaustragung auch einen kulturellen Aspekt. Karel Van Wijnendaele nutzte das Rennen nicht nur um die Zeitschrift Sportwereld, sondern auch die Niederländische Sprache (flämisch) zu bewerben. Seit der Gründung des heutigen Belgiens im Jahr 1830 waren die französischsprachigen Wallonen die tonangebende Kraft im Land. Die Flandern-Rundfahrt war ein Ausdruck des Flämischen Nationalismus und sollte Helden und Vorbilder für das Volk hervorbringen.
1913–1914 (Erste Austragungen) Die Erstaustragung fand am 25. Mai 1913 statt und führte über 324 Kilometer durch die großen Städte von West- und Ostflandern. Der Start erfolgte in Gent vor dem Café Au Repos, das in den Jahren zuvor bereits als Kontrollpunkt etlicher Radrennen gedient hatte. Anschließend ging es im Uhrzeigersinn über Sint-Niklaas, Dendermonde, Aalst, Oudenaarde, Kortrijk, Ypern, Ostende und Roeselare nach Brügge, ehe das Ziel in Gent auf dem Velodrom von Mariakerke erreicht wurde. Insgesamt nahmen 37 Fahrer an der Erstaustragung teil, wobei auch ein Franzose im Fahrerfeld vertreten war. Nach zwölfeinhalb Stunden, die fast ausschließlich auf gepflasterte Straßen absolviert wurden, gewann der Belgier Paul Deman im Zielsprint aus einer fünf Fahrer umfassenden Gruppe. Die durchschnittliche Geschwindigkeit des Siegers lag knapp unter 27 km/h. Die zweite Austragung der Flandern-Rundfahrt war mit 280 Kilometern deutlich kürzer, da die Strecke nun über Kortrijk und Roeselare direkt nach Brügge führte. Das Ziel befand sich im Velodrom von Evergem, wo sich so viele Zuseher versammelten, dass die Fahrer im Schlusssprint behindert wurden. Als Sieger ging Marcel Buysse hervor, obwohl ihm sein französisches Alycon Team den Start bei der Flandern-Rundfahrt aufgrund des Flämisch-wallonischer Konflikt verboten hatte. In den Jahren 1915 und 1918 fand die Flandern-Rundfahrt aufgrund des Ersten Weltkriegs nicht statt.
1919–1940 (Zwischenkriegsjahre) mini|Die Ankunft der Flandern-Rundfahrt 1919 (oben Henri Van Lerberghe, unten Lucien Buysse) An der ersten Austragung nach dem Ersten Weltkrieg nahmen 47 Fahrer teil. Unter den Startern war auch Henri Vanlerberghe, der das Rennen im Jahr 1914 auf dem zweiten Platz beendet hatte. Er kam direkt von seinem Militärposten zum Start nach Gent und rief den anderen Startern zu: „Ich werde euch alle in die Hölle fahren“. Der Belgier hielt sein Versprechen und setzte sich 120 Kilometer vor dem Ziel vom Fahrerfeld ab. Er fuhr einen großen Vorsprung heraus und kam als Solist im Zielort Gent an. Anstelle ins Velodrom von Gentbrügge zu fahren, blieb er jedoch bei einem Gasthaus stehen und bestellte ein Bier. Der Überlieferung nach trank er im Anschluss ein weiteres Bier, ehe ein Kellner den Renndirektor informierte, der dafür sorgte das Henri Vanlerberghe wieder auf sein Rad stieg, um das Rennen zu beenden. Berichten zufolge überquerte Henri Vanlerberghe die Ziellinie zu Fuß, wobei er den Zusehern zurief, dass sie nach Hause gehen könnten, weil er einen halben Tag Vorsprung habe. Schlussendlich betrug der Rückstand seiner ersten Verfolger 14 Minuten. Mit dem Kwaremont (heute Nieuwe Kwaremont) und dem Tiegemberg führte die Flandern-Rundfahrt im Jahr 1919 erstmals über zwei bekannte Anstiege der flämischen Ardennen.
In den nachfolgenden Jahren nahm die Popularität der Flandern-Rundfahrt weiter zu. Nachdem mit Jules Vanhevel (1920), René Vermandel (1921) und Léon Devos (1922) drei weitere Belgier erfolgreich gewesen waren, triumphierte der Schweizer Heiri Suter im Jahr 1923 als erster ausländischer Fahrer. Zudem gewann er im selben Jahr auch Paris–Roubaix, was zuvor noch kein anderer Fahrer geschafft hatte. Mit dem Jahr 1924 wurde das Ziel ins Citadelpark Velodrom von Gent (heute Kuipke) verlegt. Mit Gérard Debaets (1924), Julien Delbecque (1925) und Denis Verschueren (1926) waren es erneut die Belgier die ihr Heimrennen dominierten. Nach seinem ersten Sieg im Jahr 1924 gelang es Gérard Debaets als erstem Fahrer im Jahr 1927 einen zweiten Triumph bei der Flandern-Rundfahrt zu feiern. Im Jahr 1926 betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit des Siegers erstmals über 30 km/h. mini|Die Flandern-Rundfahrt 1929 in Ostende Ab dem Jahr 1928 nahmen die Organisatoren weitere Anstiege ins Programm der Flandern-Rundfahrt auf. Wie nahezu alle Straßen führten auch diese damals ausschließlich über Kopfsteinpflaster. Der Kruisberg wurde erstmals im Jahr 1928 befahren, ehe im Jahr 1930 der Edelareberg folgte, der sich in weiterer Folge neben dem Kwaremont und dem Tiegemberg als Fixpunkt der Streckenführung etablieren sollte. Eine weitere Neuerung war die Ziellinie auf den Straßen von Wetteren, nachdem die ersten elf Austragungen auf Radrennbahnen zu Ende gegangen waren. Der erste Sieger der neuen Zieleinfahrt war der Belgier Jan Mertens, ehe ihm seine Landsmänner Jef Dervaes (1929) und Frans Bonduel (1930) folgten. Die erste Titelverteidigung gelang mit Romain Gijssels ebenfalls einem Belgier, der die Austragungen der Jahre 1931 und 1932 für sich entschied. Unterdessen hatte die Popularität der Flandern-Rundfahrt ein Ausmaß erreicht, dass die Durchführung des Rennens erschwerte. Im Jahr 1932 folgen unzählige Zuseher den Fahrern mit Autos und Motorrädern, was zu zahlreichen Staus führte. Im Folgejahr beauftragte der Renndirektor Karel Van Wijnendaele die Gendarmerie hinter dem Fahrerfeld für Ordnung zu sorgen, was jedoch keinen großen Effekt zeigte. Im Jahr 1935 kollidierte ein Presse-Fahrzeug mit einem Wagon, was zu mehreren Todesfällen führte. Um dem Chaos entgegenzuwirken, nahm sich in den nachfolgenden Jahren die Polizei der Sicherheit der Fahrer und Zuseher an und führte Straßensperrungen durch. Mit Siegen durch Alfons Schepers (1933), Gaston Rebry (1934), Louis Duerloo (1935), Louis Hardiquest (1936), Michel d’Hooghe (1937), Edgard De Caluwé (1938) und Karel Kaers (1939) waren weiterhin die Belgier die dominierende Nation bei der Flandern-Rundfahrt. Im Jahr 1939 kaufte die Zeitschrift Het Nieuwsblad die Sportzeitschrift Sportwereld, die nun als Beilage fungierte.
1940–1945 (Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung) Wenige Wochen vor der deutschen Westoffensive fand im Jahr 1940 die letzte Flandern-Rundfahrt des neutralen Belgiens statt. Den Sieg sicherte sich der Belgier Achiel Buysse, der seinen Titel im nachfolgenden Jahr unter anderen Bedingungen verteidigen sollte. Die 25. Austragung der Flandern-Rundfahrt fand im Jahr 1941 unter der Besatzung Nazi-Deutschlands statt, während andere große Rennen wie die Tour de France oder Lüttich–Bastogne–Lüttich nicht ausgetragen wurde. Dies war nur durch eine Kollaboration zwischen dem Veranstalter Het Nieuwsblad und den Besatzern möglich. Zwischen 1941 und 1944 sorgte die Militärpolizei für eine sichere Durchführung des Rennens, was in Flandern für Unmut sorgte. Nach der Befreiung Belgiens durch die Alliierten, führte die Zeitschrift Het Volk im Jahr 1945 eine Konkurrenz-Veranstaltung durch, die unter dem Namen Omloop van Vlaanderen lief. Die Ähnlichkeit des Namens sorgte bei den Organisatoren für Empörung und nach längeren Streitigkeiten musste die Zeitschrift Het Volk ihr Rennen umbenennen, das später als Omloop Het Volk (heute Omloop Het Nieuwsblad) bekannt wurde.
Zur Zeit der deutschen Besatzung, fand im Jahr 1941 die bislang kürzeste Austragung der Flandern-Rundfahrt statt. Das Ziel wurde zurück nach Gent auf die Kuipke verlegt und die Anzahl der Starter sank zeitweise auf gerade einmal 67 Fahrer. Neuerungen jener Jahre waren die erstmals genutzten Kamera-Fahrzeuge und die Erzeugung von Tonfilmen, die die Bevölkerung im Kino schauen konnten. Nach dem Enden der Besatzung kehrte der Zielstrich nach Wetteren zurück. Mit seinem dritten Sieg im Jahr 1943 stellte Achiel Buysse einen neuen Rekord auf. Dazwischen war Albéric Schotte im Jahr 1942 erfolgreich. Der letzte Sieger unter deutscher Besatzung war Rik Van Steenbergen im Jahr 1944, ehe Sylvain Grysolle die Flandern-Rundfahrt des Jahres 1945 gewann.
1946–1961 (Nachkriegszeit und Internationalisierung) Im Jahr 1946 feierte Rik Van Steenbergen seinen zweiten Sieg bei der Flandern-Rundfahrt. Das Starterfeld hatte sich im Vergleich zum Vorjahr mit 218 Fahrern fast verdoppelt und mit Louis Thiétard waren auch die Franzosen ins weiterhin belgisch dominierte Fahrerfeld zurückgekehrt. Nachdem mit Emiel Faingnaert ein weiterer einheimischer Fahrer siegreich gewesen war, wurde die Flandern-Rundfahrt im Jahr 1948 Teil der neu geschaffenen Challenge Desgrange-Colombo, die die wichtigsten Radrennen in Frankreich, Italien und Belgien zu einer gemeinsamen Rennserie zusammenfasste. Der Belgier Albéric Schotte gewann nach dem Jahr 1942 seine zweite Flandern-Rundfahrt und sicherte sich zudem die Gesamtwertung der Challenge Desgrange-Colombo.