mini|Gymnasium Marienwerder mit Schiller-Büste, 1920er Jahre mini|Marienwerder, 1920er Jahre Das Gymnasium Marienwerder war eine bedeutende Schule im westpreußischen Marienwerder (heute Kwidzyn in Polen). Im Mittelpunkt stand die Persönlichkeitsbildung durch alte Sprachen, Religion und Geschichte. Ländlich abgeschieden, aber in einem geografischen Brennpunkt preußisch-deutscher Geschichte gelegen, leistete sie nach den Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts einen Beitrag zum geistig begründeten Wiederaufstieg Preußens.
Vorgeschichte Im Laufe der Jahrhunderte wechselte der Schulname vielfach – Elementar-, Partikular- und gegen Ende des 18. Jahrhunderts Kathedralschule. Auch die Bezeichnungen Lateinschule, Große Schule, Bürgerschule und Evangelisch-lutherische Domschule kamen vor. Im 19. Jahrhundert wurde sie bald Kathedral-, bald Gelehrtenschule genannt. 1813 erhielt sie den Namen Gymnasium, drei Jahre später die Bezeichnung Königliches Gymnasium. Der Wahlspruch war PIETATI LITTERIS VIRTUTI.
Domschule Die Domschule in Marienwerder dürfte zwischen 1285 und 1323 gegründet worden sein. Mit dem zunehmenden Wohlstand im Deutschordensland erreichte sie um 1400 ihre höchste Blüte. Zu den Lehrern jener Zeit gehört Johannes Marienwerder. Von 1400 bis 1525 stehen 23 Marienwerderer Schüler in den Matrikeln der Universität Bologna, der Brandenburgischen Universität Frankfurt, der Universität Wien, der Prager Karls-Universität, der Universität Krakau und der Universität Leipzig. Die Domschule hatte nicht die Bedeutung von Elbing und Thorn, galt aber als eine der besten Provinzialschulen des Mittelalters. Wer in Pomesanien Geistlicher werden und keine Universität besuchen wollte, musste die Domschule besuchen. Die Reformation, die Aufhebung des Domkapitels (1527) und die Säkularisation des Bistums Pomesanien führten zum Niedergang der Domschule. Die Aussichten auf fette Pfründen und Sinekuren schwanden. Man sprach nicht mehr von der Schule, weder unter dem letzten katholischen Bischof Erhard von Queis noch unter dem ersten evangelischen Bischof Paul Speratus.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 17
Bürgerschule Neben der Domschule hatte die Stadt noch eine zweite Schule, eine gleich alte Bürgerschule im Kapitelschloss. Das Patronat lag bei der Stadt. 1404 beglaubigt der Ordenstressler den Bestand zweier Schulen. Schon vor 1572 war die Schule mit drei Lehrern besetzt, dem Schulmeister (Rektor), dem Konrektor (ab 1770 Prorektor) und dem Kantor.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 18 Bis 1836 waren alle Rektoren Theologen. Um zum Rektorat zu gelangen, mussten Kandidaten der Theologie eine Prüfung ablegen in Theologie, Logik, Geometrie, Physik, Arithmetik, Geschichte, Hebräisch und Latein. Dass von den drei Lehrern zwei theologisch vorgebildet waren, hob die Stadtschule über die Kirchenschulen in den sonstigen Orten weit hinaus.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 19 Hinzu kam ein polnischer Kaplan. Schon zur Ordenszeit und nach der Reformation war trotz des Rektors der Einfluss des Stadtpfarrers entscheidend; der Kirche unterstellt wurde die Schule aber erst durch die Amtsvisitatoren des Jahres 1586. Bis etwa 1590 befand sich die Schule in einem kleinen Gebäude, das zu den Kirchenwohnungen gehörte. Es lag neben der Pfarrwohnung an der Südmauer des Kapitelschlosses auf städtischem Grund. Westlich davon bis zur Stadtmauer erstreckte sich der Schulgarten. 1586 beschloss der Rat der Stadt Marienwerder, im Anschluss an den Schulgarten ein neues Schulgebäude längs der Stadtmauer zu erbauen.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 20Holländisches Stadtbild Marienwerders (1628): „Schloss und Dom Marienwerder“, aus: Abraham Booth, Journel Vande Legatie gedaeninde Jaren 1627 en 1628. Amsterdam 1632. Der Erzpriester (Superintendent) Magister Salomon Klein entwarf eine Schulordnung. Diese sogenannte Leges wurde am 5. März 1593 bestätigt.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 21 Die Große Stadtschule umfasste fünf Klassen: die Quarta mit drei Abteilungen, die Tertia mit vier Abteilungen, die Sekunda und die Prima mit jeweils zwei Abteilungen und die Oberprima. Für sämtliche Klassen standen nur zwei Unterrichtsräume zur Verfügung. Die einzelnen Abteilungen wurden zusammen gleichzeitig, meist auch verschiedene Klassen in einem Raume, häufig von zwei Lehrern unterrichtet. Der Schulbesuch war auf acht Jahre bemessen; die Oberprimaner blieben auch länger und gingen entweder zur Universität oder auf das Thorner Gymnasium und das Gymnasium Elbing. „Ferien“ gab es so wenig wie technischen oder künstlerischen Unterricht (außer Musik). Die Große Pest (Preußen) und der Große Nordische Krieg ließen die Bedeutung der Schule sinken. In einem Kabinettsschreiben von Friedrich Wilhelm I. (Preußen) zur Schaffung eines Staatsgymnasiums in Marienwerder wird sie gar nicht erwähnt. Ende des 18. Jahrhunderts wurden Luthers Katechismus und die vier Evangelien in Latein erklärt. In der Rektorklasse wurden stattdessen Cornelius Nepos, Quintus Curtius Rufus, Gaius Iulius Caesar, Plinius der Jüngere und Marcus Tullius Cicero gelesen. Vorgesehen war auch die Lektüre deutscher Zeitungen. Der Unterricht belief sich auf 65–70 Wochenstunden.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 42 100 Schüler hatte die Schule nur selten. Zum Besten studierender Stadtkinder wurden im 18. Jahrhundert zwei Stipendien gestiftet, das eine von dem russischen Brigadier Thomas von Fraser (1715), das andere vom Stadtkämmerer Samuel Jeschke (1740).Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 43
Gelehrtenschule Auf sich gestellt, hatte die Schule über das ganze 18. Jahrhundert in engen und ärmlichen Verhältnissen zu bestehen. Die preußische Staatsregierung kümmerte sich so gut wie gar nicht um die Schule. Das änderte sich nach der ersten Teilung Polens. In der neuen Provinz Westpreußen kamen viele Beamte nach Marienwerder. Durchdrungen von den Ideen Immanuel Kants, löste Karl Abraham von Zedlitz das preußische Schulwesen vom Kirchenregiment. Mit dem Oberschulkollegium schuf er 1787 eine selbständige oberste Schulbehörde für das ganze Königreich Preußen. Ihr trug 1788 der Rektor Höpfner den Wunsch an, nach Errichtung der Landeskollegien in der Stadt die Schule zu einer Gelehrtenschule zu erheben. Erst 1802 wurde der Wunsch verwirklicht. Am 21. August beschloss die Regierung in Marienwerder, dass Marienwerder (als Sitz der Landeskollegien), Danzig, Elbing, Thorn und – mit Bedenken – Marienburg Gelehrtenschulen haben sollten.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 48 Der Minister Julius Eberhard von Massow kam im Oktober 1802 nach Marienwerder und billigte die Beschlüsse. Unverzüglich wurden in Marienwerder die Anzahl und das Einkommen der Lehrer erhöht und die Stelle eines Kalfaktors geschaffen. Die Kosten für den Umbau des Gebäudes in Höhe von 2000 Talern trug die Regierung. Sie sorgte auch dafür, dass die bedeutendsten Pädagogen Westpreußens – Reinhold Bernhard Jachmann und Johann Wilhelm Süvern – einen großzügigen Lehrplan entwarfen. Es wurde ein kleiner Lesezirkel gestiftet und das erste Schulsiegel angeschafft: Eine Minerva führt einen Knaben, der in der einen Hand einen Griffel und in der anderen Hand eine Rolle zum Schreiben hält. Die Umschrift war SIEGEL DER KATHEDRALSCHULE IN MARIENWERDER.
Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt machten die Franzosen aus der Marienwerderer Schule am 19. Februar 1807 ein Kaiserliches Französisches Lazarett. Erst Ende Dezember 1807 konnte das Schulgebäude wieder bezogen werden. 1806 hatte die Schule 102 Schüler. Alle Anstalten, die das Recht der Maturitätsprüfung hatten, erhielten am 11. November 1812 den Titel „Gymnasium“, Marienwerder erst im März 1813; denn Ende 1812/Anfang 1813 herrschte in der Stadt Chaos.Über die entsprechenden Verhältnisse in Königsberg berichtet Major Lazarus Henckel von Donnersmarck. Nach der Schlacht an der Beresina hatte sich die Grande Armée aufgelöst. Für die einzelnen Korps wurden Sammelorte angegeben; für die Reste des 4. und 9. (und zweier anderer) Korps war das Marienwerder. Dort warteten Eugène de Beauharnais und Claude-Victor Perrin gen. Victor.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 56
Rektoren 1404–1811 Christian Coslaw, ab 1404 Urbanus Wittich, um 1573 Zacharias Dresler, seit 1576 1590–1596: Johannes Timäus, 1596–1602: Balthasar Timäus, 1602–1607: Adam Volland, Bürgermeister in Marienwerder, Poeta Laureatus 1607–1613: Bartholomäus Wilhelmi 1649–1656: Georgius Oesperus Johann Escher ab 1678: Martinus Willenius 1682–1688: Bartholomaeus Klügsmann 1689–1693: Samuel Schmidt 1693–1694: Johann Pasch 1694–1736: Georg Ast 1736–1739: Michael Theodor Ebentheuer 1739–1745: Michael Theodor Nagel 1745–1751: Johann Jakob Wendland 1751–1753: Johann Daniel Dannies 1753–1760: Johann Gottfried Kloss 1760–1769: Martin Friedrich Bütow 1770–1771: Daniel Wilhelm Kahle 1771–1786: Christian Ludwig Sanden 1786–1792: Johann Michael Höpfner 1792–1793: Karl Friedrich Rothe 1793–1801: Ephraim Ohlert 1801–1811: Friedrich Christoph Ludwig Ungefug
Gymnasium
1812–1880 Zum Lehrkörper gehörten neben dem Rektor Ungefug der Prorektor Friedrich Wilhelm Binseel, der Konrektor Jacob Friedrich Stiebler, Johann Gottlieb Fischer (der seit 1802/03 unentgeltlich unterrichtete; später Prorektor), Johann Samuel Rosenheyn, Karl Heinrich Pudor und Karl Friedrich Grolp (1812/13).
Auflehnung
Im Mittelpunkt des Schuljahres 1812/13 stand die allgemeine Begeisterung für den Kampf gegen die französische Unterdrückung. Nach der Konvention von Tauroggen meldeten sich viele Marienwerderer zu den Waffen. Gestellt wurden Pferde und Ausrüstung. Die Eltern sorgten für die Ausrüstung und Besoldung ihrer Söhne im Felde. Ein Kriegsfreiwilliger war ein Sohn des Bäckermeisters Hahnke. Er blieb in der Preußischen Armee und wurde Vater des nachmaligen Generalfeldmarschalls Wilhelm von Hahnke. Dem königlichen Aufruf An Mein Volk und dem Aufruf zur Bildung der Landwehr folgte (trotz des Flecktyphus) ein Achtel von Marienwerders männlichen Einwohnern. Die zurückgebliebenen Jünglinge und Männer bildeten einen Landsturm von sieben Kompanien zu Fuß und zwei Kompanien zu Pferde.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 64–66 Nach höherer Verordnung wurde der Unterricht in Französisch Michaelis 1815 zugunsten von Griechisch und Latein aufgegeben (und nach einigen Jahren wieder aufgenommen). Die Nachricht vom Sieg in der Schlacht bei Waterloo hatte ein Bruder von Bogumil Goltz vom Schlachtfeld nach Marienwerder geschickt.Hans Dühring: Das Gymnasium Marienwerder. Von der Domschule zur Oberschule. Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, S. 68
Neubau mini|Fries mit Inschrift, um 1990