Die Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie (, aus historischen Gründen auch „Erste Akademie“ (一院) genannt, , kurz CALT) ist die Führungsgesellschaft der China Aerospace Science and Technology Corporation für das Geschäftsfeld Trägerraketen, sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich. Der Hauptsitz der Firma befindet sich im Straßenviertel Donggaodi des Pekinger Stadtbezirks Fengtai, Nanyuanstraße Ecke Dahongmenstraße.
Geschichte Am 15. Oktober 1957 unterzeichneten der chinesische Vizepremier Nie Rongzhen und Michail Georgijewitsch Perwuchin, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR, das „Übereinkommen zwischen der Chinesischen Regierung und der Regierung der Sowjetunion über die Herstellung neuartiger Waffen und militärischer Ausrüstung sowie den Aufbau einer umfassenden Atomindustrie in China“. Daraufhin beriefen Großgeneral Su Yu (粟裕, 1907–1978), Chef des Generalstabs der Volksbefreiungsarmee sowie seine Stellvertreter Großgeneral Huang Kecheng (黄克诚, 1902–1986) und Großgeneral Chen Geng (陈赓, 1903–1961) am 30. Oktober 1957 eine Sitzung ein, an der abgesehen von ihnen Generalleutnant Wang Zheng (王诤, 1909–1978), Leiter der Abteilung für Fernmeldewesen bei der Zentralen Militärkommission der KPCH, Generalleutnant Zhu Ming (朱明, 1903–1964), Politkommissar bei besagter Abteilung, Li Qiang (李强, 1905–1996), Handelsattaché an der chinesischen Botschaft in Moskau, Generalmajor An Dong (安东, 1918–1966), Generalsekretär der Luftfahrtkommission, Qian Xuesen, Leiter des 5. Forschungsinstituts des Verteidigungsministeriums, Generalmajor Gu Jingsheng (谷景生, 1913–2004), Politkommissar beim 5. Forschungsinstitut, Generalmajor Liu Bingyan (刘秉彦, 1915–1998), stellvertretender Leiter des 5. Forschungsinstituts, und Generalleutnant Lin Shuang (林爽, 1917–2001), ebenfalls stellvertretender Leiter des 5. Forschungsinstituts, teilnahmen. Bei dieser Sitzung ging es darum, die Implikationen des Vertrags vom 15. Oktober zu besprechen, insbesondere wie die Raketenforschung in China unter den neuen Bedingungen organisiert sein sollte. Von Beginn an waren sich die Sitzungsteilnehmer einig, dass die Führung in der neuen Struktur vom 5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums übernommen werden sollte.
Am 15. November 1957 sprach Verteidigungsminister Peng Dehuai bei Premierminister Zhou Enlai vor und machte ihm einen entsprechenden Vorschlag. Unterhalb der Ebene des 5. Forschungsinstituts sollten zwei Zweiginstitute (分院) eingerichtet werden: das 1. Zweiginstitut sollte sich mit Raketen befassen (Boden-Boden-Raketen, Flugabwehrraketen, Seezielflugkörper), das 2. Zweiginstitut mit Elektronik. Zhou Enlai nahm den Vorschlag an und ernannte am 16. November 1957 Qian Xuesen zusätzlich zu seinem Posten als Leiter des 5. Forschungsinstituts zum Leiter des 1. Zweiginstituts, Generalmajor Liu Bingyan wurde sein Stellvertreter. Generalmajor Gu Jingsheng wurde zum Politkommissar des 1. Zweiginstituts ernannt und gleichzeitig zum stellvertretenden Politkommissar des 5. Forschungsinstituts; seinen alten Posten als dortiger Politkommissar erhielt Generalmajor Liu Youguang (刘有光, 1914–2001). Dies gilt als Gründungstag der Chinesischen Akademie für Trägerraketentechnologie.
Als das 1. Zweiginstitut mit Sitz auf dem Gelände der Flugzeugfabrik 211 im damaligen Stadtbezirk Nanyuan (南苑区, heute Fengtai) gegründet wurde, besaß es acht Abteilungen, damals „Labors“ (研究室) genannt: Hauptentwicklungsabteilung (总体设计室) Strukturfestigkeit (结构强度研究室) Aerodynamik (空气动力研究室) Raketentriebwerke (火箭发动机研究室) Staustrahltriebwerke für Seezielflugkörper (冲压发动机研究室) Chemische Treibstoffe (化学推进剂研究室) Materialforschung (材料研究室) Meß und Prüftechnik (测试研究室)
Am 5. November 1960 starteten Qian Xuesen und seine Gruppe von Forschern auf dem Kosmodrom Jiuquan die erste chinesische Rakete, später Dongfeng 1 genannt. Enthält Filmaufnahmen vom Start der Rakete. Am 29. Juni 1964 folgte die Mittelstreckenrakete Dongfeng 2A, und am 16. Oktober 1964 detonierte auf dem Kernwaffentestgelände Lop Nor die erste chinesische Atombombe. Aufgabenspektrum und Personalstand des 5. Forschungsinstituts waren kontinuierlich gewachsen. Daraufhin beschloss der Nationale Volkskongress am 4. Januar 1965 zum Abschluss der ersten Sitzung der dritten Legislaturperiode auf Vorschlag von Premierminister Zhou Enlai, die Raketenaktivitäten aus dem Verteidigungsministerium in ein eigenes Ministerium auszulagern. Das 5. Forschungsinstitut wurde in „Siebtes Ministerium für Maschinenbauindustrie“ (第七机械工业部, Pinyin Dì Qī Jīxiè Gōngyè Bù) umbenannt;Das Erste Ministerium war tatsächlich für Maschinenbau zuständig, beim Zweiten waren die zivilen und militärischen Nuklearaktivitäten gebündelt, das Dritte war für Luftfahrt zuständig, das Vierte für Elektronik, das Fünfte für Panzer und Artillerie, das Sechste für Schiffsbau, das Achte für Landmaschinen. Leiter der Behörde wurde Generalleutnant Wang Bingzhang (王秉璋, 1914–2005), seit 1962 Leiter des 5. Forschungsinstituts, mit Qian Xuesen als einem seiner Stellvertreter. Als Aufgabengebiet des Ministeriums wurde nun, neben der Entwicklung von Interkontinentalraketen, erstmals Raumfahrt definiert: es war zuständig für die wissenschaftliche Forschung, Entwicklung, Test und Herstellung von Raumflugkörpern sowie den Aus- und Neubau von Kosmodromen. Das bisherige 1. Zweiginstitut wurde zur „1. Akademie des Siebten Ministeriums für Maschinenbau“ (第七机械工业部第一研究院) hochgestuft. Diese Bezeichnung ist, trotz zahlreicher Umstrukturierungen auf der Ministeriumsebene, bis heute geläufig. Daneben wurde dem Institut im Februar 1989 vom damaligen Ministerium für Luft- und Raumfahrtindustrie (航空航天工业部, Pinyin Hángkōng Hángtiān Gōngyè Bù) genehmigt, zusätzlich den Namen „Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie“ zu führen.
Unternehmensbeschreibung Die CALT beschäftigt insgesamt 33.000 Mitarbeiter, darunter sieben Mitglieder der Chinesischen Akademie der Wissenschaften bzw. der Chinesischen Akademie der Ingenieurwissenschaften sowie mehrere Tausend leitende Techniker und Ingenieure. Heute fertigt CALT die verschiedenen Versionen der Langer-Marsch-Trägerrakete, aber auch – in der Qinghua Maschinenbaufabrik Changzhi (长治清华机械厂) – Kosmodromausrüstung, Pipelinemodule, Windkraftanlagen, Spezialfahrzeuge und Industrieanlagen. CALT stellt auch die nuklear bestückte Interkontinentalrakete Dongfeng 5 her, weswegen die Firma in eine am 28. August 2020 veröffentlichte Warnliste des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten aufgenommen wurde. Im Jahr 2015 erzielte die Firma einen Gesamtumsatz von 42,5 Milliarden Yuan und einen Reingewinn von 2,71 Milliarden Yuan. Im Jahr 2015 entsprach 1 Euro etwa 7 Yuan. Die Hauptverwaltung in Peking ist folgendermaßen organisiert: Verwaltung (院办公室) Abteilung für strategische Planung (发展规划部) Waffenabteilung (武器部) Raumfahrtabteilung (宇航部) Abteilung für Wirtschaftsführung und Investitionen (经营投资部) Abteilung für Technologieentwicklung (技术发展部) Abteilung für die Planung wissenschaftlicher Forschung (科研计划部) Abteilung für Qualitätssicherung (质量保证部) Finanzabteilung (财务部) Personalabteilung (人力资源部) Abteilung für ideologische und politische Arbeit (思想政治工作部) Abteilung für die Sicherstellung der Verwaltungsarbeit (行政保障部) Complianceabteilung (纪检监察部) Abteilung für Rechnungsprüfung und Risikomanagement (审计与风险管理部) Abteilung für die Bearbeitung der Volksmassen (群众工作部) Abteilung für ehemalige Angestellte und Pensionisten (离退休工作部) Abteilung für taktische Waffen (战术武器事业部)
Daneben gibt es noch vier abteilungsübergreifende Zentren: Forschungs- und Entwicklungszentrum (研究发展中心) Logistikzentrum (物流中心) Pressezentrum (新闻中心) Ausbildungszentrum (教育中心)
Dazu kommen derzeit (2019) noch zwei temporär eingerichtete Abteilungen. Büro für Markenführung (型号办公室) Büro für die Lenkung des Ausbaus der Kapazitäten (能力建设指挥部)
Ab 2017 wurde die Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie für eine Weile vom Pech verfolgt. Zunächst gab es am 2. Juli 2017 wegen einer falsch konstruierten Turbopumpe des Triebwerks einen Fehlstart der neu entwickelten Trägerrakete Langer Marsch 5, ein 7 t schwerer Kommunikationssatellit stürzte in den Indischen Ozean. Am Vormittag des 11. März 2018 tauchte die KPCh-Betriebszelle der China Aerospace Science and Technology Corporation (中国航天科技集团有限公司党组), sozusagen der Gesamtbetriebsrat des Konzerns, in Donggaodi auf und entfernte Li Hong (李洪, * 1964), seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Akademie für Trägerraketentechnologie, von seinem Posten. Zu Li Hongs Nachfolger wurde sein bisheriger Stellvertreter Hao Zhaoping (郝照平, * 1968) bestimmt. Dies war ein eher symbolischer Akt, der nicht gegen Li Hong persönlich gerichtet war. Gut sieben Monate später, am 31. Oktober 2018, wurde Li Hong als Stellvertretender Generaldirektor in die Leitung des Mutterkonzerns berufen. Dann musste ein für Januar 2019 geplanter Start der überarbeiteten Trägerrakete zunächst auf Juli 2019 verschoben werden. Dieser Start kam jedoch ebenfalls nicht zustande. Am 21. Juni 2019 erschien die KPCh-Betriebszelle des Mutterkonzerns erneut in der CALT-Hauptverwaltung und berief eine Kaderversammlung ein, um „die Führungsebene der Akademie für Trägerraketentechnologie wieder in Ordnung zu bringen“ (对火箭院领导班子进行了调整). Hao Zhaoping wurde seines Amtes enthoben und Wang Xiaojun (王小军, * 1969), der bisherige Leiter des Forschungs- und Entwicklungszentrums, zum neuen Vorstandsvorsitzenden bestimmt. Man beachte: dies ist eine offizielle Mitteilung des Pressezentrums der Firma. Am 27. Dezember 2019 gelang dann endlich der Start der Rakete. Video mit „Reparaturtagebuch“ der Rakete. Für Li Dong (李东, * 1967), seit 2006 Chefkonstrukteur der Rakete, hatte der Konstruktionsfehler jedoch keine Konsequenzen. Er und seine Gruppe betreuten auch 2023 noch die diversen Varianten der Changzheng 5.
Die mit hypergolen Treibstoffen arbeitenden Raketen der Serien Langer Marsch 2 und Langer Marsch 3 werden im Pekinger Stammwerk hergestellt. Das im Herbst 2021 aufgenommene Video zeigt die Endmontage der Changzheng 2F/G für die bemannte Mission Shenzhou 15. Die Rakete diente als Rettungsrakete für eventuelle Notfälle bei der Mission Shenzhou 14 und musste daher bereits Ende Mai 2022, ein halbes Jahr vor ihrem tatsächlichen Start am 29. November 2022, einsatzbereit auf dem Kosmodrom sein. Da im mittlerweile dicht besiedelten Straßenviertel Donggaodi größere Erweiterungsbauten nicht möglich sind, führte die Firma angesichts der gestiegenen Startzahlen Anfang 2023 eine Umordnung der vorhandenen Betriebsflächen durch. Seit April 2023 können in den drei Hallen nun sechs Raketen gleichzeitig montiert werden. Zu jenem Zeitpunkt waren das drei Raketen vom Typ Langer Marsch 2C, zwei bemannte Trägerraketen vom Typ Langer Marsch 2F/G und eine Rakete vom Typ Langer Marsch 3A.
Insbesondere bei der Changzheng 2F/G, die für den Transport der Mannschaften zur Chinesischen Raumstation benötigt wird, arbeitet man nach einem festen Zeitplan – aus meteorologischen und medizinischen Gründen muss der Besatzungswechsel immer im Frühjahr und im Herbst stattfinden, bei jedem Start muss bereits eine fertig montierte Rettungsrakete auf dem Kosmodrom Jiuquan bereitstehen. Durch eine effiziente Organisation der Arbeitsabläufe dauert es vom Auftrag zum Bau einer Rakete dieses Typs bis zur Fertigstellung vier Monate. Danach finden noch drei Monate lang genaue Überprüfungen statt. Sieben Monate nach der Auftragserteilung verlässt die Rakete die Fabrik und wird per Bahn zum Kosmodrom gebracht, wo die Ingenieure der Firma die einzelnen Stufen zusammenfügen und abschließende Tests durchführen. Acht Monate nach Auftragserteilung ist die Rakete startbereit.
Die Endmontage der neueren Raketen Langer Marsch 5, Langer Marsch 7 und Langer Marsch 8 sowie die Entwicklung der teilweise wiederverwendbaren Langer Marsch 8R und der bemannten Trägerrakete Langer Marsch 10 erfolgt bei der Changzheng Raketenbau GmbH in Tianjin, einer Außenstelle der Fabrik 211.