mini|The Sinking of the Lusitania mini|The New York Times, Titelseite vom 8. Mai 1915 The Sinking of the Lusitania, vollständiger Titel The Sinking of the ‚Lusitania‘, an amazing moving pen picture by Winsor McCay, (: Die Versenkung der Lusitania) ist ein US-amerikanischer Animations- und Propagandafilm des Karikaturisten und Comiczeichners Winsor McCay aus dem Jahr 1918.
Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung galt The Sinking of the Lusitania mit zwölf Minuten Laufzeit als bislang längster Animationsfilm, was allerdings nur für die Vereinigten Staaten zutraf. Er ist der älteste erhaltene animierte Dokumentarfilm und wurde 2017 in das National Film Registry der Vereinigten Staaten aufgenommen.
Hintergrund The Sinking of the Lusitania thematisiert die Versenkung des Passagierschiffs Lusitania der britischen Cunard Line durch das U-Boot U 20 der deutschen kaiserlichen Marine. Die Versenkung der Lusitania forderte am 7. Mai 1915 unter den 1959 Menschen an Bord 1198 Todesopfer, davon 128 Bürger der neutralen Vereinigten Staaten.
Die internationale Debatte um die von Deutschland beanspruchte Rechtmäßigkeit der Versenkung der Lusitania wurde mit großem propagandistischem Aufwand geführt. In den Vereinigten Staaten kam die Frage hinzu, ob sie die Kriegsparteien unterstützen oder gar selbst in den Krieg eintreten sollten. Mit seinem Film wollte Winsor McCay für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg werben. McCays Arbeitgeber William Randolph Hearst war ein strikter Gegner des US-amerikanischen Kriegseintritts und forderte von McCay anti-britische und gegen den Kriegseintritt gerichtete Karikaturen. Daher arbeitete McCay an The Sinking of the Lusitania in seiner Freizeit und finanzierte den Film – wie seine früheren Filme auch – mit eigenem Geld.John Canemaker: Winsor McCay, S. 194–196.John Canemaker: Winsor McCay, S. 215–217.
Als Propagandafilm fügt sich The Sinking of the Lusitania in eine Reihe von Filmen und anderen Erzeugnissen ein, die eine ähnliche Zielsetzung verfolgten. Sie richteten sich primär gegen die Deutschen, die als barbarische Hunnen angesprochen wurden, und gegen die Person des Kaisers Wilhelm II. Die Versenkung der Lusitania und Anfang 1917 auch der Laconia wurden als die vorsätzliche Tötung von Zivilisten und als Beleg für die Unmenschlichkeit der Deutschen dargestellt. Entgegen häufigen Angaben in der Literatur war The Sinking of the Lusitania nicht der erste animierte Propagandafilm des Ersten Weltkriegs. Beispiele für frühere Filme sind The Peril of Prussianism von Leighton Budd, Me und Gott von L. M. Glackens und The Depth Bomb von E. Dean Parmelee, alle von 1918. Die Versenkung der Lusitania wurde in Realfilmen, wenn auch ohne den dokumentarischen Anspruch McKays, bereits früher dargestellt. In Her Redemption von 1916 und in Lest We Forget vom Januar 1918 spielte Rita Jolivet mit, die die Versenkung der Lusitania überlebt hatte.James Latham: 1918 – Movies, Propaganda, and Entertainment. In: Charlie Keil, Ben Singer (Hrsg.): American Cinema of the 1910s. Themes and Variations. Rutgers University Press, New Brunswick u. a. 2009, ISBN 978-0-8135-4444-1, S. 204–224, hier S. 217–218.
Handlung mini|Werbung um Kriegsfreiwillige, Plakat von Fred Spears, USA 1915. Das Motiv der mit ihrem Baby ertrinkenden Frau wurde von McCay als letzte Szene aufgenommen mini|Schlussszene: die ertrinkende Mutter versucht ihr Kind zu retten In einem Realfilm-Prolog wird der Zeichner und Regisseur Winsor McCay gezeigt, der auf einem Zwischentitel als „Erfinder des Animationsfilms“ bezeichnet wird und sich entschlossen hat, einen historischen Bericht über das Verbrechen zu zeichnen, das die Welt erschüttert hat. Von einem Mr. Beach lässt McCoy sich den Ablauf der Katastrophe an einem Bild der Lusitania erläutern. Ein Zwischentitel gibt die Zahl von 25.000 Zeichnungen für den Film an, die einzeln angefertigt und fotografiert werden mussten. Schließlich wird McCay mit einer Gruppe von Zeichnern gezeigt, die am „ersten Bericht über die Versenkung der Lusitania“ arbeiten. Der Prolog endet mit einer Darstellung des Wellengangs auf dem Meer, durch den sich das Periskop eines U-Boots bewegt, und einem Zwischentitel, der das nachfolgende Geschehen als ersten Bericht von der Versenkung der Lusitania bezeichnet.
Die Lusitania verlässt am 1. Mai 1915 den New Yorker Hafen mit dem Ziel Liverpool und passiert die Freiheitsstatue. Die in den New Yorker Zeitungen abgedruckten Warnungen der Deutschen Botschaft in Washington, D.C. werden nicht ernst genommen und die mehr als 2000 Passagiere (darunter mehr als 200 US-Amerikaner) fühlen sich an Bord sicher. Die Szene der Ausfahrt der Lusitania endet mit einem von rechts vor das Bild gezogenen Bühnenvorhang. Ein U-Boot, zunächst nur als knapp aus dem Wasser ragender Turm und dann als schwarze Silhouette mit Seeleuten auf dem Oberdeck dargestellt, fährt über das Meer.
Ein Zwischentitel erläutert, dass die Lusitania am Mittag des 7. Mai 1915 in Sichtweite der irischen Küste kommt. Zwei Stunden später wird sie bei einer Fahrt von 18 Knoten fast genau unterhalb der Kommandobrücke von dem ersten Torpedo des deutschen U-Boots U 39 getroffen. In der folgenden Animationssequenz taucht das U-Boot auf und auf seinem Oberdeck winken Mitglieder der Besatzung, dann laufen sie zum Turm, gehen unter Deck und das U-Boot taucht ab. Die Lusitania erscheint, und vor ihr das Periskop des U-Boots. Ein Torpedo läuft unter Wasser auf die Lusitania zu und detoniert an ihrer Bordwand, worauf das Schiff in Brand gerät.
Weitere Zwischentitel nennen die Zahl von 1150 Todesopfern, davon 114 Amerikaner. Unter ihnen befanden sich weltbekannte Persönlichkeiten wie der Philosoph und Schriftsteller Elbert Hubbard, der Schauspieler und Bühnenautor Charles Klein, der Unternehmer Alfred G. Vanderbilt und der Theaterdirektor und Produzent Charles Frohman, die jeweils auf einem eigenen Zwischentitel mit Porträtfoto gezeigt werden. Deutschland, so ein von der kaiserlichen Kriegsflagge hinterlegter Zwischentitel, einst eine große und starke Nation, habe ein heimtückisches Verbrechen begangen.
Die Lusitania lässt ihre Rettungsboote zu Wasser, als ein zweiter Torpedo im Maschinenraum einschlägt und dem Schiff „den Todesstoß versetzt“. Rettungsboote stürzen beim Ablassen ab und die Lusitania bekommt rasch Schlagseite, dann versinkt sie langsam über den Bug im Meer, zuletzt verschwindet die Red Ensign am Heck in den Wellen. Zahlreiche verzweifelte Passagiere stürzen sich über die Reling ins Wasser, darunter eine Frau, die im Meer versinkt und bis zuletzt versucht ihr Baby über Wasser zu halten. Nachdem die Lusitania versunken ist, treibt zwischen den Rettungsbooten eine Vielzahl von Menschen im Meer.
Ein letzter Zwischentitel lautet: The man who fired the shot was decorated for it by the Kaiser! AND YET THEY TELL US NOT TO HATE THE HUN (deutsch: Der Mann der den Torpedo abfeuerte wurde dafür vom Kaiser ausgezeichnet! UND DOCH SAGEN SIE UNS, DASS WIR DEN HUNNEN NICHT HASSEN SOLLEN).
Anmerkungen mini|Kaiser Wilhelm II. als Hunne über den Leichen Ertrunkener, Plakat der U.S. Navy, 1917 Der Anspruch McCays, der „Erfinder des Animationsfilms“ zu sein, ist eine reine Werbeaussage, er hat sich allerdings bis an sein Lebensende so dargestellt. Unbestreitbar ist, dass McCay in den 1910er Jahren den US-amerikanischen Animationsfilm geprägt hat. Der im Film auftretende „Mr. Beach“ ist der Journalist August F. Beach, der zum Zeitpunkt der Versenkung der Lusitania als Berlin-Korrespondent von William Randolph Hearst in London war und als einer der ersten Journalisten mit Überlebenden sprechen konnte. In der Werbung für den Film wurde ein weiterer Sachverständiger angeführt, Lieutenant Commander J. H. Barnard von der U.S. Navy, der mathematische Probleme gelöst habe, um die Darstellungen im Film absolut präzise zu machen.John Canemaker: Winsor McCay, S. 203–205.„Sinking of the Lusitania“ will be released by Jewel. In: The Moving Picture Weekly, 29. Juni 1918, Vol. 6, No. 20, S. 10 und S. 34, . Die Geschwindigkeit der Lusitania von 18 Knoten galt als Schutz vor U-Boot-Angriffen, da nie zuvor ein Schiff bei einer Geschwindigkeit von mehr als 14 Knoten torpediert worden war. Die Lusitania wurde nicht von dem U-Boot SM U 39, sondern von U 20 versenkt. Es wurde nur ein Torpedo auf die Lusitania abgefeuert. Die Ursache der zweiten Explosion ist unklar, eine Staubexplosion im Kohlenbunker als Folge des Torpedotreffers gilt als wahrscheinlich. Das Motiv der mit ihrem Kind ertrinkenden Frau wurde bereits kurz nach dem Untergang der Lusitania in der US-amerikanischen Propaganda verwendet. Sowohl der Kapitän von U 20, Kapitänleutnant Walther Schwieger (Eisernes Kreuz II. und I. Klasse, Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern, Pour le Mérite) als auch dessen Wach- und Torpedo-Offizier Oberleutnant zur See Raimund Weisbach (Eisernes Kreuz II. und I. Klasse, Friedrich-August-Kreuz, U-Boot-Kriegsabzeichen) erhielten ab 1916 hohe Auszeichnungen. Ein unmittelbarer Zusammenhang einer Verleihung mit der Versenkung der Lusitania ist nicht belegt und unwahrscheinlich. Weisbach wurde erst nachdem er ein eigenes Kommando erhalten hatte mit dem EK II ausgezeichnet. The Hun (im Singular) war eine in der antideutschen Propaganda übliche Bezeichnung für die deutsche Kriegsmaschinerie oder das deutsche Volk und für ihre herausragenden Persönlichkeiten, insbesondere den Kaiser. Die Bezeichnung geht auf die 1900 von Wilhelm II. anlässlich der Verabschiedung der China-Expedition zur Niederschlagung des Boxeraufstands gehaltenen Hunnenrede zurück.
Produktionsnotizen mini|Dream of the Rarebit Fiend vom 27. September 1907 mini|hochkant|A Pilgrim’s Progress by Mister Bunion vom 15. Oktober 1907 mit der Lusitania mini|Cel: der Schatten von U 20 nähert sich der Lusitania mini|Cel: Das Periskop des U-Boots vor der Lusitania mini|Cel: Die sinkende Lusitania mini|Cel: Die sinkende Lusitania, am Unterrand die Löcher zum Ausrichten der Cels Die RMS Lusitania war 1907 für zwei Monate das größte Passagierschiff der Welt, dann wurde sie von ihrem Schwesterschiff Mauretania abgelöst. Winsor McCay war von der Lusitania begeistert und machte das Schiff zum Teil der Handlung in der am 27. September 1907 erschienenen Episode seines Comic-Strips Dream of the Rarebit Fiend. Wenig später, am 15. Oktober 1907, nannte die Hauptfigur Mr. Bunion des Comic-Strips A Pilgrim’s Progress by Mister Bunion die Lusitania „das Monster-Schiff, das den Rekord gebrochen hat“. Gerade für Mr. Bunion nutzte McCay gerne Möglichkeiten, seine Figur mit realen Ereignissen zu verknüpfen und sie so dem Leser näherzubringen. Hier war die wenige Wochen zurückliegende Jungfernfahrt der Lusitania ein solcher Anlass.Kirsten A. McKinney: The Waking Life of Winsor McCay: Social Commentary in A Pilgrim’s Progress by Mr. Bunion. In: International Journal of Comic Art, 2015, Vol.17, No. 1, student-publications. richmond.edu