Der Klimastreik in der Schweiz ist eine seit Ende 2018 aktive Jugend- und Klimabewegung in der Schweiz, die sich für Klimaschutz einsetzt. Ziel der Bewegung ist es, Politik und Gesellschaft zum raschen Handeln gegen den Klimawandel zu bewegen, etwa durch strengere Klimagesetze und einen schnellen Ausstieg aus fossilen Energien. Inspiriert von Greta Thunbergs Schulstreik in Schweden führten in der Schweiz vor allem Schüler und Studenten Fridays for Future-ähnliche Proteste durch. Dabei gingen binnen kurzer Zeit zehntausende meist junge Menschen auf die Straße. Die Aktionen zählen zu den größten Jugendprotesten in der Schweizer Geschichte. Sie fanden breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und beeinflussten die politische Debatte über den Klimaschutz maßgeblich.
Entstehung
Die Ursprünge des Klimastreiks liegen in den Schulstreiks der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die ab August 2018 jeden Freitag vor dem Parlament in Stockholm für mehr Klimaschutz protestierte. Thunbergs Protest löste weltweit Nachahmung aus und markierte den Beginn der Fridays for Future-Bewegung. Auch in der Schweiz regten sich bald erste Aktionen: Am 8. Dezember 2018 fand in Bern im Rahmen eines globalen Aktionstags eine „Klimaalarm“-Demonstration mit rund 1.500 Teilnehmern statt. Wenige Tage später, am 14. Dezember 2018, blieb in Zürich erstmals eine größere Gruppe von Schülern dem Unterricht fern, um für einen verstärkten Klimaschutz zu demonstrieren. Etwa 500 Schülerinnen und Schüler zogen an diesem Tag inspiriert von Thunbergs Vorbild durch die Zürcher Innenstadt. Diese erste Schülerdemo gilt als Startschuss für die Klimastreik-Bewegung in der Schweiz. Bereits eine Woche darauf kam es in drei weiteren Städten zu Klimaprotesten mit insgesamt knapp 3000 Teilnehmern.
Getragen von der Dynamik der weltweiten Klimabewegung formierten sich bis Ende 2018 in zahlreichen Schweizer Städten lokale Klimastreik-Gruppen. Am 30. Dezember 2018 trafen sich über 100 Jugendliche zu einem ersten nationalen Vernetzungstreffen in Bern, um gemeinsame Strukturen und Ziele festzulegen.
Ab Anfang 2019 fanden regelmäßige Klimastreik-Aktionen in immer mehr Orten statt. Insbesondere ab Januar/Februar 2019 organisierten Schüler und Studenten wöchentliche Schulstreiks am Freitag, oft mit zunehmender Beteiligung auch von Berufstätigen und älteren Generationen (z. B. den „Klima-Grosseltern“). Diese Entwicklung in der Schweiz stand im Kontext der rasant wachsenden globalen Klimajugend-Bewegung. In vielen Ländern Europas kam es zeitgleich zu Massendemonstrationen junger Menschen für das Klima.
Ziele und Forderungen Der Klimastreik Schweiz formulierte von Beginn an Kernforderungen, die auf eine konsequente Ausrichtung der Politik am 1,5°-Ziel des Pariser Klimaabkommens abzielen. Offiziell trägt die Bewegung (Stand Ende 2023) „drei Forderungen und eine Klausel“, nämlich:
Ausrufung des Klimanotstands: Bund und Kantone sollen den Klimanotstand deklarieren. Dies bedeutet, die Klimakrise als akute Bedrohung anzuerkennen und alle politischen Entscheidungen prioritär auf Klimaverträglichkeit zu prüfen. Netto-Null Treibhausgasemissionen bis 2030: Die Schweiz soll im Inland spätestens 2030 klimaneutral sein. Dieses Ziel (Netto-Null-Emissionen binnen kürzester Frist) liegt deutlich über den offiziellen Vorgaben, da der Bundesrat Netto-Null bis 2050 anpeilt. Klimagerechtigkeit: Die Klimaschutzmaßnahmen müssen sozial und global gerecht gestaltet werden. Unter Klimagerechtigkeit versteht die Bewegung, dass die Verursacher der Erderwärmung (reiche Industriestaaten und Unternehmen) mehr Verantwortung für die Bewältigung der Folgen tragen und die Lasten nicht einseitig auf benachteiligte Gruppen abgewälzt werden. „Systemwandel“-Klausel: Sollte die Erfüllung der Forderungen innerhalb des bestehenden Systems (wirtschaftlich, politisch) nicht möglich sein, fordert die Bewegung einen grundlegenden Systemwandel. Dieses Prinzip – oft mit dem Slogan „System Change, not Climate Change“ ausgedrückt – betont, dass notfalls etablierte Strukturen geändert werden müssen, um die Klimakrise zu bewältigen.
Die Bewegung des Klimastreiks verlangt ein sofortiges Ende der Nutzung fossiler Energieträger (Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas) und den Übergang zu 100 % erneuerbaren Energien im Rahmen einer schnellen Energiewende. Subventionen für fossile Energie sollen gestrichen und stattdessen Investitionen in klimafreundliche Technologien und der Ausbau des öffentlichen Verkehrs vorangetrieben werden. Zudem setzt sich die Klimastreik-Bewegung für eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre ein, damit auch Jugendliche politisch mitbestimmen können. Über allen Einzelanliegen steht der Appell der Klimajugend an die Entscheidungsträger «Handelt endlich – damit wir eine Zukunft haben!»
Organisation und Struktur Der Schweizer Klimastreik ist eine basisdemokratische Graswurzelbewegung, die sich unabhängig von Parteien oder etablierten Organisationen organisiert. Die Aktivistinnen und Aktivisten beschreiben die Bewegung als „transparent, hierarchiefrei“ und konsensorientiert in ihren Entscheidungsprozessen. Es gibt keine formale Führungsriege; stattdessen werden Beschlüsse in offenen Plenen diskutiert und im Konsens oder mit Mehrheitsvoten gefällt. Die Bewegung versteht sich als Teil der internationalen Fridays for Future-Bewegung, agiert jedoch eigenständig innerhalb der Schweiz.
Strukturell gliedert sich der Klimastreik in regionale Gruppen und eine lose nationale Koordination. In fast allen Kantonen existieren regionale Klimastreik-Komitees, vielfach sogar mehrere (z. B. getrennt nach Städten oder Bezirken). Diese Regionalgruppen planen autonome Aktionen vor Ort wie Schulstreiks, Mahnwachen oder Infoveranstaltungen und treffen sich regelmäßig in Vollversammlungen. Dort werden lokale Anliegen besprochen und Organisatorisches geklärt. Für spezifische Aufgaben (Pressearbeit, Demo-Logistik, Social Media etc.) bestehen Arbeitsgruppen, die meist ehrenamtlich Projekte umsetzen.
Auf nationaler Ebene finden in zeitlichen Abständen (anfangs monatlich, später vierteljährlich) Treffen aller Regionaldelegierten statt. Sie dienen dem Austausch zwischen den Kantonen und der Abstimmung gemeinsamer Strategien. Auf nationaler Ebene werden übergreifende Kampagnen lanciert, gemeinsame Forderungen formuliert und groß angelegte Aktionen koordiniert. Ein erstes nationales Koordinationsreffen gab es bereits im Dezember 2018 in Bern, ein zweites im Januar 2019. Seither besteht ein Grundgerüst an Organisationsstruktur. Trotz dieser Struktur bleibt der Klimastreik dezentral. Die Initiativen entstehen vor Ort und die nationale Ebene unterstützt vor allem die Vernetzung und gemeinsame Außendarstellung. Die Bewegung ist finanziell und organisatorisch unabhängig, kooperiert aber bei Großanlässen mit zivilgesellschaftlichen Bündnissen wie der Klima-Allianz (einem Zusammenschluss von über 80 Umwelt- und Entwicklungsorganisationen). Dadurch konnten beispielsweise landesweite Grossdemonstrationen gemeinsam getragen werden.
Wichtige Aktionen und Proteste Seit ihrem Aufkommen Ende 2018 hat die Klimastreik-Bewegung in der Schweiz zahlreiche Demonstrationen, Streiks und Aktionen durchgeführt. Im Folgenden sind die wichtigsten Proteste chronologisch aufgelistet. DatumOrt (Region)Aktion/AnlassTeilnehmerzahl (ca.)Bemerkungen14. Dez 2018ZürichErste Klimastreik-Demo~500Erster Schüler-Klimastreik in der Schweiz; Vorbild Greta Thunberg.21. Dez 2018Bern, Basel u. a.Ausweitung auf weitere Städte~3.000 gesamtKlimademos eine Woche nach dem Zürich-Debüt in drei anderen Städten.15. Mär 2019landesweit (über 20 Städte)Erster globaler Klimastreik~50.000–65.000 landesweitTeil des weltweit ersten koordinierten Klimastreik-Tages in 125 Ländern; in Zürich ~15.000, Lausanne ~9.000, Bern ~8.000 u. a.6. Apr 2019landesweit (20+ Städte)Nationale Klimademo (Aktionstag)~50.000 landesweitDemos in über 20 Schweizer Städten (Samstagstreik, damit auch Berufstätige teilnehmen können); Zürich ~15.000, Bern ~10.000, Lausanne ~9.000 etc.24. Mai 2019landesweitZweiter globaler KlimastreikZehntausendeErneute Massenproteste trotz Prüfungszeit (Matur); laut Organisatoren wiederum fünfstellige Beteiligung.28. Sep 2019Bern (national)Nationale Klima-Demo des Wandels~100.000Größte Klimademonstration der Schweizer Geschichte; breite Allianz von 80+ Organisationen ruft zur Kundgebung in Bern auf.17. Jan 2020Lausanne (Waadt)Klimastreik-Jahrestag, Demo mit Greta Thunberg~10.0001. Jahrestag der Klimastreik-Bewegung in der Schweiz; Greta Thunberg marschiert mit und hält Rede in Lausanne.2020 (März–Dez)online & dezentralPandemie-Pause (kleinere Aktionen)–COVID-19-Pandemie: Großdemos vorübergehend ausgesetzt, dafür virtuelle Streiks, Klimapickets und lokale Mini-Aktionen.24. Sept 2021diverse StädteWiederaufnahme globaler Klimastreik~2.000–5.000 pro Stadt (Schätzung)Nach Corona-Pause finden wieder Klimademos statt (z. B. 4.000 in Zürich, 2.500 in Bern; moderate Beteiligung im Vergleich zu 2019).30. Sep 2023Bern (national)Nationale Klimademo für Klimagerechtigkeit~60.000Erneut eine vom Klimastreik und der Klima-Allianz organisierte Großdemo kurz vor den Wahlen 2023; alle Altersgruppen vertreten.15. Sep 2024SchweizweitGlobaler Klimastreik2'000Klimastreik zum neuen Climate Action Plan (CAP)5. Juli 2024ZürichSpontandemo300Spontandemo wegen Umweltzerstörungen in der schweiz4. Okt 2024ZürichKlimastreik1'000Internationaler Klimastreik9. Nov 2024ZürichVelodemo1'000Velodemo gegen den Autobahnausbau
Die Klimastreik-Bewegung erzielte insbesondere im Jahr 2019 große Mobilisierungen – mit regelmäßig zehntausenden Teilnehmenden in vielen Städten und einem Höhepunkt von rund 100'000 Menschen bei der nationalen Kundgebung in Bern am 28. September 2019. Auch international gehörten die Klimastreiks 2019 zu den größten Protestereignissen seit Jahrzehnten. Während der COVID-19-Pandemie 2020 musste die Bewegung auf öffentliche Massenversammlungen verzichten; viele geplante Klimastreiks wurden virtuell oder in Form kleiner symbolischer Aktionen durchgeführt. Ab 2021 nahm die Streikaktivität wieder zu. Der globale Klimastreiktag im September 2021 markierte eine Rückkehr auf die Straße, wenn auch mit geringerem Zulauf als vor der Pandemie.
In den folgenden Jahren blieb die Klimastreik-Bewegung aktiv durch lokale Aktionen, Bildungsarbeit und Bündnisse mit anderen Klimagruppen. Regelmäßig fanden dezentrale Proteste statt, etwa Mahnwachen vor Banken, kreative Flashmobs oder das Besetzen öffentlicher Plätze im Zeichen des Klimaschutzes. Größere, landesweite Demonstrationen wurden zunehmend in Kooperation mit einem breiten Bündnis aus Umweltverbänden, Entwicklungsorganisationen, Kirchen und Gewerkschaften organisiert (z. B. Klima-Allianz). So kam es am 30. September 2023 – fast vier Jahre nach dem ersten großen Erfolg – erneut zu einer nationalen Klimademonstration in Bern mit geschätzt 60.000 Teilnehmenden, die für Klimagerechtigkeit und strengere Klimapolitik eintraten. Damit zeigte sich, dass die Bewegung auch nach einigen Jahren ihr Mobilisierungspotential behalten hat.
Politische Reaktionen und Auswirkungen