Das Luf-Boot (auch Agomes-Boot) ist ein großes Auslegerboot und Exponat des Ethnologischen Museums in Berlin. Das Boot eignete sich 1903 der Geschäftsführer der deutschen Handelsgesellschaft Hernsheim & Co. in der Südsee, Max Thiel, auf der Insel Luf an, die zur damaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörte. 1904 kam es nach Berlin. Der Verkaufspreis betrug 6.000 Mark.Götz Aly: Das Prachtboot. Frankfurt 2021, S. 131. Ab 1968 zählte es am damaligen Standort des Museums im West-Berliner Stadtteil Dahlem zu den Glanzlichtern der Ausstellung. Dort wurde es seit 2016 restauriert und entwest. Am 29. Mai 2018 wurde es in einer 18 Meter langen Transportkiste mit einem Kran in das Humboldt Forum, den neuen Sitz des Museums in der Historischen Mitte Berlins, gehoben, wo es seit der Wiedereröffnung des Ethnologischen Museums präsentiert wird. Dies sorgte in Fachkreisen für Aufsehen, da die Provenienz des Bootes umstritten ist und im Zusammenhang mit den Verbrechen des Deutschen Kaiserreichs während der Kolonialisierung der Südsee steht. Das 2021 erschienene Buch Das Prachtboot. Wie Deutsche Kunstschätze der Südsee raubten des Historikers Götz Aly mit neuen Erkenntnissen über die Unterwerfung der Insel Luf und die tödlichen Strafexpeditionen der Deutschen trug die kulturpolitische Debatte darüber, wie das Boot angemessen im Museum präsentiert werden kann, an eine breitere Öffentlichkeit.

Beschreibung mini|Detail des Bugs Das etwa 15 bis 16 Meter lange Luf-Boot zählt zu den letzten dieser Bauweise. Boote dieser Art wurden für Handel und Krieg genutzt. Bei längeren Reisen auf offener See konnten bis zu 50 Personen befördert werden. Der Ausleger ist an Steuerbord angebracht. Die Plattform darüber wurde zum Transport von Gütern verwendet.

Das Boot ist ein seetüchtiger Zweimaster. Die beiden nahezu rechteckigen Setteesegel dienen dem Vortrieb. Diese Segel waren typisch für die Region, jedoch in der Südsee ungewöhnlich. Zusätzlich konnten in Riff- und Strandnähe Stechpaddel zum Einsatz kommen. Je nach Windstärke konnte die Besatzung das Boot durch Gewichtsverlagerung stabilisieren.

Der Kiel wurde aus einem einzigen großen Baumstamm angefertigt. Der Rumpf ist beplankt, aber das Boot wurde ohne einen einzigen Nagel gebaut, alle Teile werden mit Pflanzenmaterial zusammengehalten. Pflanzenkleber dichtete das Boot ab. Bug und Heck sind bogenförmig hochgezogen. Der gesamte Rumpf und weitere Bauelemente sind reich mit Ornamenten verziert.

Geschichte mini|Seekarte der Carola-Bucht von Luf (Karte von 1949, basierend auf deutschen Angaben von 1906) Früheste europäische und deutsche Kontakte Die Insel Luf gehört zu den Hermit-Inseln, einer Inselgruppe im Bismarck-Archipel im heutigen Papua-Neuguinea. Sie wurde vermutlich vor 60.000 bis 50.000 Jahren von Südostasien aus besiedelt. In den 1540er Jahren landeten erste spanische und portugiesische Seefahrer auf den Inseln Neuguineas.

Beim frühesten Kontakt von deutscher Seite, über den schriftliche Quellen berichten, handelt es sich um den Aufenthalt des in Wilster geborenen Kapitäns Alfred Tetens. Mit der Brigg Vesta unternahm Tetens eine Handelsexpedition für die Hamburger Reederei Joh. Ces. Godeffroy & Sohn. Nachdem die Brigg im Januar 1867 vor den Hermit-Inseln vorgelaufen war und die Einwohner sie gesichtet hatten, kamen mehrere Kanus zum Schiff heraus. Gegen Obst und Früchte tauschten die Insassen kleinere Stücke Bandeisen ein. Anschließend lief Tetens in die Lagune. Er wollte auf der Hauptinsel Luf landen, wurde aber von einer bewaffneten Kriegerschar, die am Strand hin- und herlief, mit: „Tabua-Tabua!“ gewarnt. Tetens ging daraufhin alleine an Land und schenkte zwei Insulanern – den einzigen, die nicht vor ihm geflohen waren – je ein Messer. Danach setzte die Vesta zu einer der kleineren Inseln beim Außenriff über. Tetens und seine Mannschaft errichteten dort eine temporäre Station und ließen mitgebrachte Arbeiter von der Karolineninsel Yap auf den Riffen Seegurken fischen.

Etwa eine Woche nach der Ankunft bewaffnete Tetens Teile seiner Mannschaft und machte drei Schiffsboote klar. Mit der Abordnung landete er gewaltsam auf Luf und führte, ohne einen triftigen Grund zu haben, einen Sturm gegen das Hauptdorf aus. Dabei wurden mindestens drei Hermitkrieger verwundet. Die Abordnung erbeutete sowohl Speere als auch frische Lebensmittel.Alfred Tetens: Expeditionen der Hamburger Brigg Vesta: Die Berichte von Kapitän Alfred Tetens, 1865–1868. (Transkript der Berichte von Alfred Tetens über seine Expeditionen zu den Karolinen und nach Palau, 1865–1868, in lateinischer Schrift, angefertigt, mit Anmerkungen [und einem Register] versehen von Jakob Anderhandt.) Australian National University (Pacific Manuscripts Bureau), Canberra 2009. Mikrofilm, PMB 1319, S. 50–53. Wohin die erplünderten Speere gingen, ob an ein Museum oder einen privaten Sammler, ist bisher nicht untersucht.

Etwa im Oktober 1872 stationierte der Eutiner Kapitän Georg Christoph Levison, ebenfalls ein Angestellter von Joh. Ces. Godeffroy & Sohn, mit der Brigg Iserbrook den Liverpooler Thomas Shaw auf den Hermitinseln. Um dem Widerstand der Insulaner auszuweichen, errichtete man Shaws Station nicht auf Luf, sondern der abgelegenen Sandinsel Manofe im Westen der Lagune. Ein Sohn Shaws aus einer Ehe mit einer Yap-Insulanerin war sein einziger Mitarbeiter. Beide Männer führten die Hermitinsulaner in die Herstellung von Kopra ein und stifteten friedliche Handelsbeziehungen, die bis 1874 bestanden.Eduard Hernsheim: Südseekaufmann : Gesammelte Schriften, MV-Wissenschaft, Münster 2014/15, S. 62; William Twizell Wawn: Amongst the Pacific Islands, 1870–74. Manuskript, qMS-2125, Alexander Turnbull Library, Wellington, New Zealand, pag. 116; Micronesian Seminar, Beachcombers, Traders & Castaways in Micronesia, Eintrag zu Thomas Shaw.

Erste Überfälle auf fremde Mannschaften und Schiffe Ungefähr ein Jahr vor der Stationierung von Thomas Shaw lief der US-amerikanische Kapitän Bird mit dem Schoner Eagle die Hermitinseln an. Wie Tetens hatte auch Bird eine Gruppe von Yap-Insulanern an Bord, um Seegurken zu fischen. Doch Bird versuchte offenbar, seine Station auf Luf zu errichten und provozierte damit einen Schlag der Hermitleute gegen sich. Ein Augenzeuge an Bord des Eagle sah mit an, wie bei einem Massaker, das von den Hermitkriegern ausging, der Kapitän, sein Sohn und 27 Fischer von Yap mit Messern niedergemacht wurden. Weil die übrige Mannschaft an Bord des Eagle ein Eingreifen für aussichtslos hielt, floh sie noch während des Gemetzels auf See.Thomas van der Plam an Eduard Hernsheim, zit. in Eduard Hernsheim: Südseekaufmann : Gesammelte Schriften, MV-Wissenschaft, Münster 2014/15, S. 102. Berichte über das Massaker kamen um 1873 nach Fidschi und lösten die Entsendung von HMS Alacrity unter Kommandant Saunders aus. Saunders bekam den Befehl, bei den Hermitinseln vorzulaufen, die Anstifter des Massakers festzustellen, sie festzunehmen und an das britische Kolonialgericht Sydney zu übergeben.

Erste Zerstörungen von Luf-Booten durch Europäer Vor dem Außenriff der Hermitinseln traf Saunders auf den deutschen Schoner Coeran unter Kapitän Eduard Hernsheim. Nach Verankerung beider Schiffe in der Lagune verlangte Saunders, Hernsheim sollte ihn bei Regressmaßnahmen wegen des Bird-Massakers unterstützen. Hernsheim tat das nur widerwillig. Er beteiligte sich insbesondere nicht an der Brandschatzung des Dorfes von Luf und der Zerstörung einer Reihe von Großbooten. Saunders hatte dies angeordnet, nachdem eine Frist gegen die Chiefs Levinan und Fisico verstrichen war, innerhalb derer sie die Anstifter des Bird-Massakers an Saunders ausliefern sollten.

Im Zusammenhang mit den Zerstörungen bezeichnet Hernsheim die Großboote in seinen Lebenserinnerungen als „teilweise wundervoll geschnitzt“ und erklärt, das letzte noch existierende Boot dieser Art sei „später in [s]eine Hände über[gegangen]“. Es ziere „jetzt“ – 1907, als Hernsheim die Lebenserinnerungen schrieb – „das Völkerkundemuseum in Berlin“.Eduard Hernsheim: Südseekaufmann : Gesammelte Schriften, MV-Wissenschaft, Münster 2014/15, S. 66 und 68.

Nach der Brandschatzung des Hauptdorfs hielten sich die Hermit-Chiefs nur noch an Hernsheim und vermieden jeden Kontakt mit Saunders. Fisico versuchte, zwei einfache Männer als angebliche „Haupttäter“ an Bord des Coeran zu gestellen. Dem Gerichtsprozess gegen diese Männer an Bord von HMS Alacrity wohnte Hernsheim als Beisitzer bei. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt er das Verfahren als Farce, die zu einem Willkürurteil führte. Ähnlich wie Hernsheim meinte aber auch Kommandant Saunders, dass ihm die wirklichen Täter nicht gestellt worden waren. Bei einem Zwischenaufenthalt vor Neuirland während der Heimreise nach Sydney ließ er die Gefangenen entweichen.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie, MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 1, S. 106f.

Europäische Wahrnehmung der Hermitinsulaner mini|alternativtext= Bewohner der Insel Luf|Zweiundzwanzig Luf-Insulaner (Foto von Otto Dempwolff, 1902) Angefangen mit dem Expeditionsbericht Kapitän Alfred Tetens’ etikettieren europäische Quellen des 19. Jahrhunderts die Hermitinsulaner fast durchgehend als ‚gefährlich‘, ‚räuberisch‘ und ‚mordlüstern‘. Der Kaiserliche Kommissar Gustav von Oertzen, der sich ab 1883 für einige Jahre im Bismarck-Archipel aufhielt, steht bei diesen Darstellungen an der Spitze. In einem seiner Berichte nach Berlin nennt von Oertzen die Inselgruppe eine „völlige Piratenhölle“.Anlage von Oertzens „im Februar 1883“ in Stübel an Bismarck, 6. August 1883, Bundesarchiv, R1001/2787, zit. in Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie, MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 59. Marinekommandant Guido Karcher meinte, die Insulaner wären auch bei ihren pazifischen Nachbarn restlos unbeliebt, sie hätten überall „nur Feinde“.Karcher an Chef der Admiralität, 12. Februar 1883, Reichsmarineamt, Akten im Besitz der Britischen Admiralität, London, zit. in Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie, MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 63. Eduard Hernsheim äußert sich schockiert über die Frauenraube der Hermitkrieger auf den Nachbarinseln und die grausamen Messerkämpfe, die die geraubten Frauen vor den Chiefs ausführen mussten, um sich einen Rang in der Stammeshierarchie zu erobern. Bei seinem Aufenthalt mit dem Coeran 1874 sah Hernsheim einen solchen Schaukampf mit an und wurde dadurch traumatisiert.Eduard Hernsheim: Südseekaufmann : Gesammelte Schriften, MV-Wissenschaft, Münster 2014/15, S. 69.

Strafexpedition SMS Carola und SMS Hyäne, weitere Zerstörungen von Luf-Booten Einen Hauptanlass für die Strafzüge unter den Kommandanten Guido Karcher und Wilhelm Geiseler zur Jahreswende 1882/83 gab der Tod des Händlers Southwell, den Eduard Hernsheims Firma Hernsheim & Co 1880 auf den Hermitinseln gelandet hatte. Southwell starb Anfang 1882 entweder an Krankheit, oder er wurde von Mitgliedern der indigenen Oberschicht hingerichtet. Dies würde so gewesen sein, weil er seine Arbeiter, Männer von den Salomoninseln, trotz ausdrücklichem Verbot durch den Chief Levinan eine Reihe Bäume hatte fällen lassen, die den Hermitleuten als heilig galten. Nach Southwells Tod brannten Hermitkrieger dessen Station nieder und brachten die Belegschaft um.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie, MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 48 und 56f. Die beiden Kleindampfer von Hernsheim & Co, Pacific und Freya, wurden blind befeuert, als sie im April bzw. Mai 1882 in der Hermit-Lagune ankern wollten. Den Schiffsführer der Freya, Kapitän Homeyer, erschossen Hermitkrieger hinterrücks, als er auf dem Gelände der niedergebrannten Station nach Hinweisen auf Southwell und dessen Arbeiter suchte.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie, MV-Wissenschaft, Münster 2012, Band 2, S. 50f.