Die ChibinenBrockhaus, die Enzyklopädie (1996). F.A. Brockhaus, Wiesbaden. (Auch online: Eintrag "Chibinen" auf Brockhaus.de)Ell, R., Engler, P., Aubel, H. (2021). Der neue Kosmos Welt-Almanach & Atlas 2022: Daten, Fakten, Karten. Franckh-Kosmos Verlag (google-Vorschau) (, Chibiny) sind ein Gebirge nördlich des Polarkreises in der Oblast Murmansk auf der Halbinsel Kola in Russland. Sie besitzen bei annähernd kreisförmiger Kontur einen Durchmesser von etwa 45 km und sind das einzige echte Gebirge im europäischen Teil dieses Landes. Die Chibinen entstanden vor rund 362 Millionen Jahren im archaischen Grundgebirge der Halbinsel. Bei ihnen handelt es sich um das größte Nephelinsyenit-Massiv der Erde und die weltweit zweitgrößte Alkaligesteins-Intrusion, die zudem eine außergewöhnliche Vielfalt an Mineralen aufweist. Die höchste Erhebung des Gebirges ist der Judytschwumtschorr mit Seehöhe. Auf Grund der nördlichen geographischen Lage liegt die Baumgrenze schon bei , in höheren Lagen folgt die Tundra und schließlich eine polare Steinwüste, die man als Frostschuttwüste bezeichnet.
Am Südrand der Chibinen befinden sich die Bergbaustädte Kirowsk und Apatity, wo hauptsächlich Apatit für die Düngemittelproduktion abgebaut wird. Die an den Hängen der Chibinen bei Kirowsk liegenden alpinen Skigebiete sind die größten im Nordwesten Russlands.
Name Der russische Name der Chibinen lautet Chibiny (Хибины) bzw. Chibinskie tundry (Хибинские тундры, wörtl. etwa „Chibinen-Tundren“) oder Chibinskie gory (Хибинские горы „Chibinische Berge“). Chibiny ist ein von russisch chiben (хибень „kleine Anhöhe“) abgeleitetes Mehrzahlwort. Es handelt sich also um mehrere Tundren, wobei das Wort hier nicht im geobotanischen Sinn verwendet wird, sondern wie in Nordrussland üblich dem norwegischen Fjell (oder finnischen tunturi) entspricht. Der finnische Name der Chibinen lautet dementsprechend auch Hiipinätunturit („Chibin-Tundren“).https://kaino.kotus.fi/eksonyymit/?a=tietue&id=165&ex=Hiipin%C3%A4tunturit
Wladimir Dal hält das russische Substantiv chiben für ein ursprünglich „finnisches“ Wort (was in der Terminologie des Dal-Wörterbuchs auch „Ostseefinnisch“ oder sogar „Finnougrisch“ bedeuten kann), und diese Deutung wird auch in aktuellen nicht-wissenschaftlichen Quellen aus Russland übernommen.Z.B. Max Vasmer glaubt dagegen, dass das Wort auf eine russische Wurzel zurückgeht.
Lange war das Gebirge auch unter dem aus dem Samischen stammenden Namen Umptek (Умптек) bekannt, Dieser Name ist sowohl in kildinsamischen als auch akkalasamischen Formen dokumentiert und wird manchmal in den Schreibungen Umbtekishttps://kaino.kotus.fi/eksonyymit/?a=tietue&id=165&ex=Hiipin%C3%A4tunturit oder Umptek wiedergegeben. Der Wortstamm findet sich auch in anderen Ortsnamen, wie dem See Umbosero und dem daraus abfließenden Fluss Umba. Das Wörterbuch des Kolta- und Kolalappischen gibt keine Etymologie für den Namen.
Forschungsgeschichte mini|Blick auf die Chibinen – Postwertzeichen der Post der UdSSR aus dem Jahre 1959
Karelien, eine historische Landschaft in Nordosteuropa, ist vor allem in seinem südlichen Teil seit jeher bewohnt. Die nördlich davon gelegene, unwirtliche und dünn besiedelte Halbinsel Kola – und damit auch das Gebiet der Chibinen – lockte trotzdem für lange Zeit weder Siedler noch Forscher an. Die ersten Hinweise auf die Chibinen finden sich auf der 1745 erschienenen Karte Russisches Lappland der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Die Chibinen sind dort als unbenannte Berge südöstlich des Sees Imandra dargestellt.
Erste Expeditionen unternahm man in diese Gegend erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Der Kapitän des russischen Bergbauingenieur-Korps Nikolai Wassilewitsch Schirokschin stellte im Sommer 1834 fest, dass „Hornblende-Syenit“ an vielen Orten und besonders in der Nähe des Imandra-Sees in Lappland gefunden wurde, wo die sogenannte Chibinen-Tundra in der Höhe über allen Bergen in dem untersuchten Gebiet dominiert. Schiroschkin war der erste Naturforscher in den Chibinen und publizierte die ersten Daten zur Geologie, Petrologie und Geomorphologie des Gebirges. Der Zoologe Alexander Theodor von Middendorff besuchte 1840 zu Forschungszwecken Lappland und die Chibinen. Auf den Arbeiten dieser beiden Forscher beruht die Entdeckung der Chibinen. Nikolai V. Kudrjawzew war 1880 der erste Geologe, welcher die Chibinen bereiste und darüber berichtete. Der französische Geograph Charles Rabot hielt sich 1885 im Gebiet der Chibinen auf, berichtete darüber aber erst vier Jahre später.
Die im Frühjahr und Sommer 1888 durchgeführte große Kola-Expedition mit dem Entomologen R. Enwald und dem Zoologen Johan Axel Palmén, dem Botaniker Viktor Ferdinand Brotherus und dem Geobotaniker Alfred Oswald Kihlman (Kairamo), dem Geologen Wilhelm Ramsay, dem Geodäten und Kartographen Alfred Petrelius, dem Ökonomen D. Sjöstrand und G. Nyberg als Konservator, von denen die meisten schon früher Teile Lapplands bereist hatten, trug durch die anschließende Veröffentlichung in der Fennia erheblich zur Verbesserung der Kenntnisse des Inneren der Kola-Halbinsel bei. Ramsay untersuchte das Nephelinsyenit-Massiv der Lowosero-Tundra (; kildinsamisch , früher auch Lujaururt) und publizierte über „Geologische Beobachtungen auf der Halbinsel Kola“. Drei der 1890 von Ramsay beschriebenen Phasen („Mineral, [das] mit keinem bisher bekannten übereinstimmt“) erwiesen sich später als die neuen Minerale Loparit, Lamprophyllit sowie Murmanit.
Insbesondere Ramsay wurde durch die gesammelten Eindrücke zu mehreren weiteren Forschungsreisen auf die Halbinsel Kola veranlasst. Zusammen mit dem Geologen Victor Axel Hackman und mit Petrelius bereiste er 1891 die Halbinsel Kola erneut und untersuchte im Juli 1891 geologischen Verhältnisse der „Tundra Umptek“ (der Chibinen). In diesem Zusammenhang entstand auch die von Alfred Petrelius gestaltete erste Karte der Chibinen im Maßstab 1:300 000. Eine dritte Reise zur Erkundung der bis dahin noch nicht untersuchten Bereiche der Chibinen führte Ramsay im Sommer 1894 durch und wurde dabei von dem Kartographen A. Edgren begleitet. Im Ergebnis aller Arbeiten entstand die „Karte über die Hochgebirge Umptek und Lujavr-Urt auf der Halbinsel Kola nach den Arbeiten der finnischen Expeditionen in den Jahren 1887–1892“ im Maßstab 1:200 000. Insgesamt arbeitete Ramsay 82 Tage in den beiden Alkaligesteinskomplexen Chibinen und Lowosero-Tundra.
Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Dezember 1914 entschied der Ministerrat des Russischen Reiches angesichts der großen strategischen Bedeutung über den dringenden Bau einer Eisenbahnverbindung () zwischen Petrosawodsk und Romanow am Murman (, seit April 1917 Murmansk). Diese wurde unter dem Namen „Murmanbahn“ () bekannt, wird heute von der Oktoberbahn betrieben und gilt in Teilen als die nördlichste Bahnstrecke Europas.
Die Vorarbeiten der finnischen Wissenschaftler veranlassten die Russische Akademie der Wissenschaften zu weiteren Unternehmungen. Die ersten systematischen mineralogisch-geochemischen Untersuchungen der Chibinen fanden unter der Leitung von Akademiemitglied Alexander Jewgenjewitsch Fersman statt. Zu seinem Team gehörten u. a. Elsa Maximilianowna Bonschtedt-Kupletskaja (), Irina Dmitriewna Borneman-Starynkewitsch (), Pjotr Nikolajewitsch Tschirwinskij (), Michail Pawlowitsch Fiweg (), Wasilij Iwanowitsch Gerasimowskij (), Nina Nikolajewna Gutkowa (), Ekaterina Jewtichijewna Kostyljowa-Labunzowa (), Wladimir Iljitsch Kryshanowskij (), Boris Michailowitsch Kupletskij (Борис Михайлович Куплетский), Aleksander Nikolaewitsch Labunzow () und Wladimir Iwanowitsch Vlodavets (). Im Verlauf dieser Expedition wurden 1920 seltene alkalische Minerale entdeckt. Der im südlichen Teil der Chibinen operierende, durch Aleksander Nikolaewitsch Labunzow und Boris Michailowitsch Kupletskij geleitete Expeditionsteil entdeckte im Sommer 1923 an den Hängen des Südlichen Raswumtschorr („Berg des grasigen Tales“) Bruchstücke feinkörnigen Apatits. Zwei Jahre später konnte Labunzow auf einer Fläche von über 10.000 m² Ausbisse von Apatit-Nephelin-Gesteinen lokalisieren. Fersman und Kupletskij entschlüsselten den geologischen Bau des Massivs und prognostizierten Flächen mit Vorkommen von Apatiterz, die sich später als die weltgrößten Apatitlagerstätten herausstellten.
Im Jahre 1930 wurde am Ufer des Sees Bolschoi Wudjawr () mit dem Bau der ersten Apatit-Nephelin-Verarbeitungsanlage („ANOF-1“) begonnen. Im Jahre 1963 wurde „ANOF-2“, die größte derartige Verarbeitungsanlage in Europa, am Fuße des Wudjawrtschorr errichtet. Im östlichen Teil der Chibinen, am Ufer des Umbosero-Sees, wurde 2012 der Bergbau- und Verarbeitungskomplex „Oleni Rutschej“ () in Betrieb genommen. Als Reaktion auf die Pläne der „Nord-West Phosphor Company“ (), nach der Inbetriebnahme der Bergbau- und Verarbeitungsanlage „Oleni Rutschej“ mit der Entwicklung eines neuen Bergwerks am Ufer des Golzowoe-Sees im Zentrum der Chibinen zu beginnen, bildete sich eine Umweltbewegung, die sich dafür einsetzt, den Chibinen den Status eines Nationalparks zuzuweisen. Ein Teil der Chibinen darf sich seit 2018 tatsächlich Nationalpark () nennen.
Geographie mini|hochkant=1.5|Das Massiv der Chibinen (NASA World Wind) mini|hochkant=1.5|Geographische Übersichtskarte der Chibinen
Aus orographischer und petrographischer Sicht weisen die Chibinen – wie auch die Lowosero-Tundren – die Form eines sich nach Osten öffnenden Hufeisens auf, welches aus zwei konzentrischen Gebirgsketten mit tief eingeschnitten, schneebedeckte Pässen besteht. Die beiden Gebirgstäler der nach Norden bzw. Süden abfließenden Flüsse Kunijok und Wudjawrjok teilen das Gebirge in einen westlichen und östlichen Teil, für die Wilhelm Ramsay die samischen Namen Schur-Umptek („Groß-Umptek“, im Osten) und Uts-Umptek („Klein-Umptek“, Westen) dokumentierte.
Berge
Der Westen der Halbinsel Kola wird von den Gebirgsmassiven der Chibinen und der Lowosero-Tundra geprägt, wobei die Chibinen das größte und auch höchste Gebirge auf der Halbinsel bilden. Der Name Chibinen beschreibt neben „Berg“ und „Hügel“ auch „Plateau“. Und tatsächlich sind viele Gipfel plateauartig mit steilen Flanken und Hängen aufgebaut. Schon Ramsay machte darauf aufmerksam, dass die Chibinen aus der Ferne gesehen wie ein Hochplateau wirken, bei dem die beinahe horizontale obere Begrenzungsfläche durch eine deutliche Kante von den recht steilen Seiten getrennt wird. Während die meisten Berge zwischen dem See Imandra und der Bucht von Kandalakscha ein ähnliches Aussehen wie die Berge des bis hohen Bergmassivs Tschunatundra () besitzen, weisen nur die Berge der Chibinen und der Lowosero-Tundra den Charakter von Plateaubergen auf. Im Gegensatz zur Lowosero-Tundra werden die Chibinen in einem wesentlich stärkeren Maß durch breite Täler und tiefe Schluchten in Einzelberge zerteilt, sodass der Eindruck entsteht, dass die Chibinen höher und ihre Gipfel und Felssporne steiler sind. Darüber hinaus sind in den Chibinen Bergbezeichnungen, die auf „-tschorr“ oder „-porr“ (vgl. dazu weiter unten) enden, häufiger als z. B. in der Lowosero-Tundra anzutreffen.
Der höchste Gipfel der Chibinen wie auch der gesamten Kola-Halbinsel und der gesamten europäischen Arktis Russlands ist der Judytschwumtschorr mit Seehöhe. Die aus einer samischen Sprache stammende Bezeichnung bedeutet wörtlich der Berg des summenden Tals<! EN nötig – tatsächlich handelt es sich aber um eine verstümmelte Variante des Namens Jidytschwumtschorr, was sich mit Berg des Gebirgstals wiedergeben lässt -->. Von Süden und Südosten wird Judytschwumtschorr vom tiefen Tal des Flusses Malaja Belaja () und von Westen vom Tal des Fersman-Baches begrenzt.