mini|Der Limes Tripolitanus mit dem Kastell Gholaia ganz rechts

Das Kastell Gholaia, das antike Quellen auch als castra Chol(aia),. [G]olas;. sowie auf der Tabula Peutingeriana als Chosol überliefern,René Rebuffat: Dix ans de recherches dans le prédésert de Tripolitaine (Notes et documents VIII). In: Libya antiqua 13, 1976–1977, S. 79–91; hier: S. 84. ist ein römisches Militärlager, das für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am vorderen Limes Tripolitanus, einem tiefgestaffelten System von Kastellen und Militärposten,Michael Mackensen: Kastelle und Militärposten des späten 2. und 3. Jahrhunderts am „Limes Tripolitanus“. In: Der Limes 2 (2010), S. 20–24; hier: S. 22. in der römischen Provinz Africa proconsularis zuständig war. Ein Außenposten des Kastells, das Kleinkastell Gasr Zerzi, wurde mit knapp 30 Kilometern einen Tagesmarsch westlich von Gholaia errichtet.René Rebuffat: Les citernes de Syrtique occidentale. In: Encyclopédie Berbère 13, 1994, S. 2017–2025; hier S. 2021.Kleinkastell Gasr Zerzi bei Gholaia liegt südlich der Oase von Bu Njem am Rande der Sahara im Munizip Surt in Libyen. Die Anlage befand sich im östlichsten Abschnitt des tripolitanischen Limes.Michael Mackensen: Mannschaftsunterkünfte und Organisation einer severischen Legionsvexillation im tripolitanischen Kastell Gholaia/Bu Njem (Libyen). In: Germania 86, 1, 2008, S. 271–306; hier: S. 281. Die vielen epigraphischen Hinterlassenschaften sind ein beispielhaftes Zeugnis für die fortgeschrittene Verschriftlichung während der Zeit des Prinzipats in einer afrikanischen Provinz und geben einen intensiven Einblick in die Organisation und das Leben des Grenzschutzkommandos und seiner Offiziere. Gholaia wurde durch die jahrzehntelangen Arbeiten des französischen Archäologen René Rebuffat (1930–2019) zu dem am besten erforschten tripolitanischen Limeskastell.Michael Mackensen: Baubestand und Rekonstruktion der porta praetoria des severischen Vexillationskastells Myd(---)/Gheriat el-Garbia am „limes Tripolitanus“ (Libyen). In: Römische Wehrbauten. Befund und Rekonstruktion. Inhalte – Projekte – Dokumentationen. (= Schriftenreihe Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege 7), 2013, S. 88–107; hier: S. 96.

Lage Die Oase Bu Njem, rund 100 Kilometer landeinwärts von der nördlich gelegenen Mittelmeerküste entfernt und rund 280 Kilometer südlich von Tripolis, bot dem römischen Generalstab gute militärstrategische Möglichkeiten zur Verteidigung und zur Beobachtung des Limes Tripolitanus,Bulletin analytique d’histoire romaine 8, 1973, S. 140–144; hier: S. 144. der während der mittleren Kaiserzeit weit nach Süden vorgeschobenen Grenze des römischen Reiches. Neben diesen Vorteilen war auch die verkehrsgeographische Lage ausschlaggebend für die Errichtung eines bedeutenden Kastells. So führten wichtige Verkehrswege von Bu Njem nach Südwesten sowie nach Süden über die Giofra-Oasen in den Fessan. Richtung Osten konnte der Reisende über Augila und die Oase Siwa bis in die Provinz Aegyptus gelangen.Michael Mackensen: Mannschaftsunterkünfte und Organisation einer severischen Legionsvexillation im tripolitanischen Kastell Gholaia/Bu Njem (Libyen). In: Germania 86, 1, 2008, S. 271–306; hier: S. 282. Die Oase selbst, die um 1954 von etwa 150 Palmen gebildet wurde, besaß damals rund 20 Brunnen mit einer Tiefe von fünf bis 15 Metern, von denen die meisten ein ungenießbares Wasser führten.Richard Goodchild: Oasis Forts of Legio III Augusta on the Routes to the Fezzan (= Papers of the British School at Rome 22), 1954, S. 56–68; hier: S. 57. Rund drei Kilometer nordöstlich des Kastells befindet sich in einer natürlichen Senke ein kleiner See, der von einer üppigen Vegetation umgeben ist. Möglicherweise entnahmen die römischen Soldaten von dort das Wasser für ihre Garnison.Richard Goodchild: Oasis Forts of Legio III Augusta on the Routes to the Fezzan (= Papers of the British School at Rome 22), 1954, S. 56–68; hier: S. 60.

Das Kastell wurde südlich der eigentlichen Oase in leichter Hanglage errichtet. Die Südfront der Anlage mit der Porta principalis dextra, dem Südtor und dem Praetorium, dem Wohnhaus des Kommandanten, liegt damit gut fünf Meter höher, als die Porta principalis sinistra, das Nordtor und das Militärbad an der nördlichen Via sagularis, der Lagerringstraße.

Gholaia befindet sich im Steppenbereich des semiariden libyschen Tieflands am Rande der Sahara.Michael Mackensen: Mannschaftsunterkünfte und Organisation einer severischen Legionsvexillation im tripolitanischen Kastell Gholaia/Bu Njem (Libyen). In: Germania 86, 1, 2008, S. 271–306; hier: S. 271. Östlich befindet sich das Wadi Bay al-Khaib, das weiter nördlich im großen Wadi Bay al-Kabir mündet. Die undatierte metrische Bauinschrift des Centurios Q(uintus) Avidius Quintianus aus dem Frigidarium (Kaltbad) der von ihm erbauten Thermen von Bu Njem ermahnte seine Soldaten, sich bei der sengenden Hitze zu entspannen.David Mattingly: Tripolitania. Batsford, London 2005, ISBN 0-203-48101-1, S. 3. Eine zweite, auf das Jahr 203 n. Chr. datierbare Bauinschrift aus dem Militärbad, stellt höchstwahrscheinlich den zeitlichen Kontext her. Die Übersetzung der Inschrift des Q(uintus) Avidius Quintianus folgt der des Altphilologen Stephan Busch:.Die Versinschrift von Q. Avidius Quintianus in einer Photographie:

Quaesii multum quot(!) memoriae tradere Agens prae cunctos in hac castra milites Votum communem(!) pro- que reditu exercitus Inter priores et fu- turos reddere Dum quaero mecum dig- na divom nomina Inveni tandem nomen et numen deae Votis perennem(!) quem(!) dicare in hoc loco Salutis igitur quan- dium(!) cultores sient Qua potui sanxi nomen et cunctis dedi Veras salutis lymphas tantis ignibus In istis semper ha- renacis(!) collibus Nutantis aust(e)ri solis flammas fervidas Tranquille ut nando delenirent corpora- Ita tu qui sentis mag- nam facti gratiam Aestuantis animae fucilari(!) spiritum Noli pigere laudem voce reddere Veram qui voluit esse te sanum tibi Set(!) protestare vel salutis gratia

Übersetzung: „Ich habe viel überlegt, was ich, indem ich vor allen Soldaten in diesem Lager handle, unter den Vorderen [= Centurionen], auch unter den zukünftigen, als gemeinsames Gelübde für die <glückliche> Rückkehr des Heeres überliefern und ablegen sollte. Während ich die Namen hierfür würdiger Gottheiten erwog, fand ich schließlich den Namen und das göttliche Wesen einer Göttin, die ich mit meinen Gelübden an diesem Orte für alle Zeit weihen könnte. Solange es also Verehrer der Salus [= Gesundheit] gibt, <für so lange> habe ich, soweit ich konnte, ihren Namen geweiht, und allen habe ich die Nymphen [das Wasser gegeben] die wahrhaft zur Gesundheit gehören, weil so starkes Feuer in diesen Sanddünen immerzu herrscht: damit ihre Körper die lodernden Flammen der brennenden Sonne des Südens bei ruhigem Schwimmen lindern. Du also, der du große Dankbarkeit für die Tatsache verspürst, daß der Atem deines vor Hitze glühenden Lebenshauchs wiederbelebt wird, sei nicht verdrossen, dein wahrhaftiges Lob mit der Stimme zu verkünden <für den>, der wollte, daß du gesund bist. Doch lege Zeugnis ab wenigstens um der Gesundheit willen.“Stephan Busch: Versus Balnearum. Die antike Dichtung über Bäder und Baden im römischen Reich. Teubner, Stuttgart, Leipzig 1999, ISBN 3-519-07256-4, S. 560.Alternativübersetzung: „Ich habe der Nachwelt etwas Bedeutendes hinterlassen wollen, als ich vor allen Soldaten dieses Lagers ein gemeinsames Gelübde für die Rückkehr der Soldaten zu erfüllen begann, sowohl für die früheren wie die zukünftigen. Während ich bei mir für meine Stiftung die angemessenen Götter suchte, gelang es mir endlich, mit Salus eine mächtige, immer Gelübde entgegennehmende Göttin zur Schirmherrin dieses Ortes zu machen, solange es Verehrer von ihr gibt. Ich habe die Göttin eingesetzt, so gut ich konnte, und habe allen in dieser Gluthitze ein die Gesundheit erfrischendes Wasser geschenkt, damit sie sich immer in diesen Sandhügeln, in denen der Südwind die glühenden Flammen der Sonne vor sich hertreibt, in Ruhe durch Baden erfrischen können. So unterlasse Du es nicht, der du die Annehmlichkeiten meines Werkes spürst, mit Deiner Stimme dem dafür wahres Lob zu spenden, der wünschte, dass du Dir Deine Gesundheit erhältst, und lege auch für Salus Zeugnis ab.“ Quelle: Margot Klee: Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes. Theiss, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8062-2015-5, S. 137.

Der Archäologe David Mattingly dachte bei den „lodernden Flammen der brennenden Sonne des Südens“ an den heißen Wüstenwind (Ghibli), der auch in anderen antiken Quellen erwähnt wird. Zudem stützen diese Quellen die Vermutung, dass es in der Antike weder reichliche noch zuverlässige Niederschläge gab. Die Verse der Inschrift sind als Akrostichon gestaltet, das den Namen des Stifters, Q(uintus) Avidius Quintianus preisgibt.Die Versform und das Akrostichon bespricht Bruno Lavagnini (1898–1992) in: Il centurione di Bu Ngem (Q. Avidius Quintianus). In: Rivista di Filologia e di Istruzione Classica, N.S. 6, 1928, S. 416–422. Unter anderen haben der Althistoriker Konrad Vössing (1997) sowie Busch (1999) das Epigramm studiert und kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass die sprachlichen Formen offenbar an 18 relativ korrekt verwendete Senare geknüpft sind. Beide Wissenschaftler hielten diese Senare in der angesetzten Entstehungszeit von 203 n. Chr. für ein ungewöhnliches beziehungsweise beachtliches Metrum. Dies weist auf den hohen Bildungsstand des Stifters hin, der sich vielleicht von einem Fachmann beraten ließ. An den sprachlich nicht so gelungenen Stellen kann das Metrum durch leichte Anpassungen wiederhergestellt werden. Vielleicht wurde eine korrekte Vorlage vom Steinmetz nicht ganz so korrekt übertragen.Stephan Busch: Versus Balnearum. Die antike Dichtung über Bäder und Baden im römischen Reich. Teubner, Stuttgart, Leipzig 1999, ISBN 3-519-07256-4, S. 561–563.Konrad Vössing: Schule und Bildung im Nordafrika der Römischen Kaiserzeit. (= Collection Latomus 238), Latomus, Brüssel 1997, ISBN 2-87031-178-8, S. 80.

Forschungsgeschichte Der bis heute immer wieder von Sanddünen verschüttete GarnisonsortRichard Goodchild: Oasis Forts of Legio III Augusta on the Routes to the Fezzan (= Papers of the British School at Rome 22), 1954, S. 56–68; hier: S. 58. wurde von dem britischen Seefahrer und Forschungsreisenden George Francis Lyon (1795–1832) im Jahr 1819 entdeckt. Seine damals angefertigte Zeichnung vom Nordtor des Kastells, das zu dieser Zeit noch aus drei Geschoßen bestand, ist heute für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert. Auch nachfolgende Reisende haben wichtige Beobachtungen gemacht. Durch den Bau des rund einen Kilometer östlich gelegenen kleinen osmanischen Forts im Jahre 1843, das die italienischen Besatzer 1914 und 1927 bis 1942 renovierten, wurde die archäologische Stätte als Steinbruch missbraucht und ausgeplündert. Insbesondere das bis dahin ausgezeichnet erhaltene Nordtor wurde von den Osmanen bis auf die Grundmauern abgebrochen. Andererseits führten diese Zerstörungen 1927 zur Entdeckung des innerhalb der Umfassungsmauer gelegenen Badgebäudes und der oben bereits wiedergegebenen metrischen Bauinschrift des Quintus Avidius Quintianus durch italienische Soldaten.Renato Bartoccini: La fortezza Romana di Bu Ngem. In: Africa Italiana 2, 1928, S. 50–58.

Im Jahr 1892 veröffentlichte der Historiker und Epigraphiker René Cagnat (1852–1937) eine erste Skizze des Kastells, die der Afrikaforscher Henri Duveyrier (1840–1892) bei einem Besuch der Oase 1861 angefertigt hatte.René Cagnat: L'armée romaine d'Afrique et l'occupation militaire de l'Afrique sous les empereurs. 2. Auflage, Imprimerie nationale, Leroux, Paris 1912; S. 555–557. Den ersten genaueren Plan der Anlage erstellte jedoch erst der britische Archäologe Richard Goodchild (1918–1968) auf der Grundlage von Feldbegehungen und Luftbildern.