Die Landschaftsökologie untersucht ökologische Zusammenhänge in ihren räumlichen Ausprägungen, wobei je nach zugrundeliegendem Konzept eine Landschaft und das untersuchte kausale Wirkungsgefüge, das in manchen Richtungen als Naturhaushalt bezeichnet wird, als eine objektiv gegebene räumlich-funktionale Ganzheit oder als methodologische Konstruktion aufgefasst wird. Hartmut Leser beschreibt Landschaftsökologie als Wissenschaft von der Landschaftsdiversität als Ergebnis des Zusammenwirkens von Biodiversität und Geodiversität. Die International Association for Landscape Ecology (IALE) ist eine internationale Organisation für Landschaftsökologie, die 1982 im slowakischen Piestany gegründet wurde und in mehr als 20 verschiedenen nationalen Verbänden organisiert ist. Am 6. Mai 1999 wurde die IALE Region Deutschland IALE-D e. V. in Basel gegründet.
Begriff/Definition Über die Definition von „Landschaftsökologie“ bzw. darüber, was als Landschaftsökologie bezeichnet werden sollte, wird seit vielen Jahren kontrovers debattiert.Siehe z. B. John A. Wiens: What is landscape ecology, really. Landscape Ecology 1992/7(3): S. 149–150; Olaf Bastian: Landscape ecology – towards a unified discipline? Landscape Ecology 2001/16: S. 757–766; Monica Turner: Landscape ecology: What is the state of the science?. Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 2005/36(1): S. 319–344; Jiango Wu & Richard Hobbs: Landscape ecology: the state-of-the-science. In: Dies. (eds): Key topics in landscape ecology. Cambridge, Cambridge University Press: S. 271–287; Thomas Kirchhoff; Ludwig Trepl & Vera Vicenzotti: What is landscape ecology? An analysis and evaluation of six different conceptions. Landscape Research 2012, online first, doi:10.1080/01426397.2011.640751. Häufig wird zwischen einer nordamerikanischen und einer kontinentaleuropäischen Tradition unterschieden:Monica G. Turner: (PDF; 301 kB) Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 2005/36 (1): S. 319–344; John A. Wiens: The science and practice of landscape ecology. In: J. M. Klopatek & R. H. Gardner (eds): Landscape ecological analyses: issues and applications. Springer, New York 1999: S. 371–383; Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60. In der nordamerikanischen Tradition wird Landschaftsökologie häufig als diejenige Subdisziplin der Ökologie (und damit der Biologie) definiert, die sich – ohne Festlegung auf einen bestimmten Maßstab – mit den Wechselwirkungen zwischen räumlichen Mustern und ökologischen Prozessen (pattern and process) befasst. In der kontinentaleuropäischen Tradition hingegen wird Landschaftsökologie häufig als diejenige Subdisziplin der Geographie begriffen, die im Rahmen einer synthetisch-integrativen, gesamtheitlichen Betrachtungsweise innerhalb eines gegebenen, großräumigen Ausschnittes der Erdoberfläche, einer Landschaft, das räumliche, zeitliche sowie funktionale Wirkungsgefüge zwischen den dort lebenden Organismen und ihrer Umwelt untersucht, wobei der Mensch als Teil der Landschaft angesehen wird.
Eine differenziertere Analyse zeigt, dass sieben Typen der Definition von „Landschaftsökologie“ zu unterscheiden sind, die sich vor allem dadurch ergeben, dass unter „Landschaft“ und „Ökologie“ Verschiedenes verstanden wird.Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60; vgl. Thomas Kirchhoff; Ludwig Trepl & Vera Vicenzotti: What is landscape ecology? An analysis and evaluation of six different conceptions. Landscape Research 2012, online first, doi:10.1080/01426397.2011.640751. Während die Definitionen 1, 2 und 6 Landschaftsökologie als interdisziplinäre Wissenschaft definieren, handelt es sich gemäß den Definitionen 3, 4, 5 und 7 um diejenige Subdisziplin der Naturwissenschaft Ökologie, die betont, was man die Topologie nennen kann: Organismen und ihre Umweltbeziehungen werden daraufhin untersucht, welche Beziehungen zwischen raum-zeitlichen Mustern und ökologischen Prozessen bestehen (pattern and processSiehe z. B. Monica G. Turner; Robert H. Gardner & Robert V. O’Neill: Landscape ecology in theory and practice. Pattern and process. Springer, New York.).Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60, hier insb. S. 53. Ökosystemtheoretische Analyse natürlicher physiognomischer Landschaftsindividuen (z. B. Carl TrollCarl Troll: Die geographische Landschaft und ihre Erforschung. Studium Generale 1950/3: 163–181.): Landschaften gelten als natürliche Raumindividuen, die – das ist die Aufgabe der Landschaftsmorphologie – anhand visueller Merkmale ermittelt werden. Die Landschaftsökologie unterzieht diese Landschaftseinheiten einer funktionalen, ökosystemtheoretischen Analyse, in der die wechselseitigen, organischen Abhängigkeiten zwischen ihren Bestandteilen herausarbeitet werden. So soll gezeigt werden, dass die Gestalteinheit von Landschaften nicht eine bloß subjektive, ästhetisch-psychologische ist, sondern Ausdruck ihrer inneren Realität und somit objektiven Charakter hat.Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60, hier S. 53. Naturwissenschaftliche Potenzialanalyse subjektiv abgegrenzter Landschaften (z. B. die Neef-SchuleSiehe z. B. Ernst Neef: Die theoretischen Grundlagen der Landschaftslehre. Haack, Gotha 1967; Günter Haase: Zur Ableitung und Kennzeichnung von Naturraumpotentialen. Petermanns Geographische Mitteilungen 1978/122(2): S. 113–125; Günter Haase & H. Richter: Current trends in landscape research. GeoJournal 1983/7(2): S. 107–119.): „Landschaftsökologie wird definiert als Teilbereich der geographischen Landschaftsforschung, die landnutzungsbezogene Fragen untersucht. Landschaften sind nicht vorgegebene, natürliche Einheiten, sondern vom Menschen aus dem ununterbrochenen Zusammenhang der Geofaktoren ausgegrenzte Teile der Erdoberfläche, die strukturell einheitlich sind in Bezug auf eine bestimmte Nutzung. Die Landschaftsökologie erforscht die Nutzungspotenziale dieser Landschaften, wobei sie die Effekte menschlichen Handelns berücksichtigt, nicht aber dessen gesellschaftliche Ursachen.“ Topologische Ökologie des landschaftlichen Maßstabs (z. B. Forman & GodronSiehe z. B. Richard T. T. Forman & Michel Godron: Patches and structural components for a landscape ecology. BioScience 1981/31(10): S. 733–740; Richard T. T. Forman & Michel Godron: Landscape ecology. Wiley, New York 1986.): „Landschaften werden definiert als heterogene Gebiete von kilometerweiter Ausdehnung, in denen sich ein charakteristischer Cluster interagierender Ökosysteme wiederholt. Dabei werden Wälder, Wiesen, Dörfer usw. als Beispiele landschaftsbildender Ökosysteme genannt, Feuer, Wirbelstürme und Landwirtschaft als Beispiele für Störungen, die den landschaftstypischen Cluster erzeugen. Die Landschaftsökologie beschreibt diesen Cluster, erklärt seine Entstehung und erforscht, mit Blick auf Landnutzungen, den Austausch von Energie, Nährstoffen und Arten zwischen seinen Ökosystemen.“Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60, hier S. 53 f. Organismenzentrierte, multimaßstäbliche topologische Ökologie (z. B. John A. WiensSiehe z. B. John A. Wiens & Bruce T. Milne: Scaling of ’landscapes’ in landscape ecology, or, landscape ecology from the beetle’s perspective. Landscape Ecology 1989/3(2): S. 87–96; John A. Wiens: Landscape mosaics and ecological theory. In: Hansson, L., Fahrig, L. & Merriam, G. (eds.), Mosaic landscapes and ecological processes. Chapman & Hall, London 1995: S. 1–26.): Landschaft und Landschaftsökologie werden explizit unabhängig vom Menschen und ohne Maßstabsbindung definiert. Eine Landschaft ist eine Vorlage („templet“), auf der räumliche Muster ökologische Prozesse beeinflussen. Erst die jeweils untersuchte Organismenart bestimmt, welche Muster und Prozesse relevant sind und welchen Maßstab die Landschaft hat.Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60, hier S. 54 f. Topologische Ökologie auf der Landschaftsebene biologischer Organisation (z. B. Urban et al.,Dean L. Urban; Robert. V. O’Neill & Herman H. Shugart Jr.: Landscape ecology. A hierarchical perspective can help scientists understand spatial patterns. BioScience 1987/37(2): S. 119–127. Turner et al. 2001Monica G. Turner; Robert H. Gardner & Robert V. O’Neill: Landscape ecology in theory and practice. Pattern and process. Springer, New York.): „Hier wird, ausgehend von ökologischen Hierarchietheorien, vorausgesetzt, dass Leben sich in mehreren Ebenen organisiert und oberhalb der Ökosystem- eine Landschaftsebene existiert. Diese konstituiere sich durch hohe Interaktionsraten zwischen bestimmten Ökosystemen und eine spezifische Interaktionsfrequenz. Die Landschaftsökologie analysiert die Beziehungen zwischen Mustern und ökologischen Prozessen auf der Landschaftsebene.“Thomas Kirchhoff: Landschaftsökologie gleich Ökologie der Landschaft? Eine wissenschaftstheoretisch-kulturwissenschaftliche Analyse landschaftsökologischer Forschungsprogramme. In: Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (Hrsg.): Landschaftsökologie. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. ANL, Laufen 2011: S. 53–60, hier S. 55.