Der Gran Sasso d’Italia (kurz Gran Sasso, italienisch für „großer Stein Italiens“) ist ein Gebirgsmassiv im Grenzgebiet der Provinzen Teramo, Pescara und L’Aquila in der Region Abruzzen in Italien.
Name Die Römer bezeichneten ihn aufgrund seiner zentralen Lage auf der Apenninenhalbinsel als („Bauchnabel-Berg“).Touring Club Italiano (Hrsg.): Lazio, Abruzzo, Molise, Sardegna. Guida rapida d'Italia 4 . Touring Editore, Mailand 2002, ISBN 88-365-2388-9, S. 118.
Im Mittelalter wurde das Massiv als Monte Corno bezeichnet, in Anlehnung an den höchsten Gipfel, den Corno Grande. Nach dem Geografen Roberto Almagià wurde der Name Gran Sasso d’Italia nicht vor dem 17. Jahrhundert von Literaten verwendet. Nachweisen lässt er sich zum ersten Mal in ähnlicher Form in einem Gedicht von Francesco Zucchi di Montereale aus dem Jahr 1636, der die Bezeichnung Sasso d’Italia verwendet. In einer Karte des Erzbistums L’Aquila des 18. Jahrhunderts werden schließlich beide Namen, Monte Corno und Gran Sasso d’Italia, erstmals nebeneinander verwendet.
Von Pescara aus ähneln die Umrisse des Gran Sasso in der Abenddämmerung denen einer schlafenden Frau, weshalb er als „die schlafende Schöne“ bezeichnet wird. Diese Bezeichnung wird dem aus Pescara stammenden Dichter Gabriele D’Annunzio zugeschrieben.
Geografie Dieses höchste Gebirge auf der Apenninenhalbinsel, etwa in deren Mitte gelegen, bildet den westlichsten und zugleich höchsten Teil des Abruzzischen Apennin. Höchster Gipfel des Gran Sasso ist der Corno Grande mit An seiner Nordseite befindet sich der zweitsüdlichste Gletscher Europas, der Calderone-Gletscher (Ghiacciaio del Calderone) – nach den Kargletschern der Jezerca (42° 26′ 30″ N) in den Albanischen Alpen. Nach Südosten geht das im Neogen gebildete, markant geformte Gebirge in die 1600 bis 2200 m hoch gelegenen karstigen Hochebenen des Campo Imperatore über.
Abgrenzung Das Gran-Sasso-Massiv ist ein in Ost-West-Richtung verlaufendes im orographischen Sinne etwa 50 Kilometer langes und bis zu 20 Kilometer breites Kalksteinmassiv. Es liegt circa 200 km nordöstlich von Rom. Im Osten und Südosten wird es bei Popoli vom Tal des Pescara von der Morrone- und Majella-Gruppe abgegrenzt. Im Süden und Südwesten ist es der ab Popoli zum Aterno mutierte Oberlauf des Pescara, der das Massiv eingrenzt. Das Aterno-Tal trennt den Gran Sasso wiederum von der Velino- und Sirente-Gruppe. Im Westen und Nordwesten ist es das Tal des Vomano, der den Gran Sasso von den Bergen der Laga abgrenzt, während im Norden das Massiv in der Hügellandschaft bei Teramo ausläuft. Im engeren alpinistischen Sinne gehören zum Gran-Sasso-Massiv alle Erhebungen, die zwischen dem Passo delle Capanelle im Westen und den Pässen Vado di Penne und Forca di Penne am äußersten östlichen Rand der Hochebene Campo Imperatore liegen. Daran schließen sich die südlichen Ausläufer des Massivs unter anderem mit dem Monte Fiore, Monte Cappucciata und dem nördlich von Popoli bei Bussi sul Tirino liegenden Monte Picca an.Luca Grazzini, Paolo Abate: Gran Sasso d’Italia. Guida dei Monti d’Italia S. 28–30.Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale (Hrsg.): Carta della Natura del Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Lagna. Note illustrative alla Carta degli Habitat alla scala 1:25.000 S. 5.
Gliederung Das Gran-Sasso-Massiv lässt sich in die drei Bereiche westlicher, zentraler und östlicher Bereich aufgliedern, die wiederum aus einzelnen Bergkämmen und Bergstöcken bestehen.
Westlicher Bereich Südlicher Kamm – Monte Corvo – Pizzo d’Intermesoli Bildet den äußersten westlichen Bereich des Massivs vom Passo della Campanelle () im Westen bis zum Sattel des Monte Aquila östlich des Monte Portella () im Osten. Die höchste Erhebung dieses von West nach Ost verlaufenden Kammes, der zwischen dem Monte Portella und dem Monte Aquila fast nahtlos in den zentralen Bereich des Gran Sasso übergeht, bildet mit der Pizzo Cefalone. Nördlich des südlichen Kamms liegen die beiden fast gleich hohen Bergstöcke Monte Corvo () und Pizzo d’Intersemoli (). Die beiden nördlichen Ausläufer sind untereinander vom Valle Venacquaro getrennt.
Der südliche Kamm vom Monte San Franco bis zum Monte Portella wurde erstmals vollständig im August 1926 von fünf italienischen Bergsteigern begangen.Luca Grazzini, Paolo Abate: Gran Sasso d’Italia. Guida dei Monti d’Italia S. 133–134
Zentraler Bereich Corno Grande – Corno Piccolo Im Mittelpunkt des zentralen Bereichs steht mit dem hohen Westgipfel des Corno Grande die mit Abstand höchste Erhebung des gesamten Massivs. Letzterer bildet mit dem Corno Piccolo () die zwei Untergruppen aus dem der zentrale Bereich besteht und zu dem mit dem Primo Scrimone () und dem Monte Aquila () zwei weitere Erhebungen gehören. Den Mittelpunkt des zentralen Bereichs bildet der Westgipfel des Corno Grande um den sich kreuzförmig der Corno Piccolo im Norden, der zentrale und der östliche Gipfel des Corno Grande im Osten, der Primo Scrimone im Westen sowie der Monte Aquila im Süden anreihen. Letzterer bildet gleichzeitig die erste Erhebung des von hier aus in südöstlicher Richtung verlaufenden Ostkamms des Massivs.Luca Grazzini, Paolo Abate: Gran Sasso d’Italia. Guida dei Monti d’Italia S. 378.
Östlicher Bereich Östlicher Kamm Der östliche Kamm des Gran-Sasso-Massivs erstreckt sich auf einer Länge von etwa 20 km vom Vado di Corno , einem Kammeinschnitt auf Höhe des Corno Grande bis zum Vado di Sole, am äußersten östlichen Ende des Massivs. Der von West nach Ost verlaufende Kamm erreicht mit dem hohen Monte Camicia seine höchsten Punkt. Entlang der Südseite des Kammes liegt die Hochebene von Campo Imperatore. Weitere Erhebungen am östlichen Kamm sind von West nach Ost der Monte Brancastello (), Monte Infornace (), Monte Prena () und der Monte Camicia. Ab letzteren verläuft der Kamm in südöstlicher Richtung bis zum Pass Vado di Sole (), an dem auch die Hochebene von Campo Imperatore endet. Erstmals durchquert wurde der östliche Kamm im Mai 1927 von drei italienischen Bergsteigern.Luca Grazzini, Paolo Abate: Gran Sasso d’Italia. Guida dei Monti d’Italia S. 487.
Klima Die Nähe des Massivs zum adriatischen (45 km) und zum tyrrhenischen Meer (120 km) sowie die isolierte Lage sorgen für besondere klimatische Bedingungen am Gran Sasso und wirken sich abmildernd aus. Die unterschiedlichen geomorphologischen Verhältnisse des Massivs mit Hochflächen, Senken und Tälern sind ausschlaggebend für die Bildung zahlreicher Mikroklimate. Der Niederschlag konzentriert sich auf den Herbst und das Frühjahr und ist an der Nordseite des Massivs intensiver als auf seiner Südseite. Trockene und schneearme Winter wechseln sich mit schneereichen ab, wie es beispielsweise 2017 der Fall war.Luca Grazzini, Paolo Abate: Gran Sasso d’Italia. Guida dei Monti d’Italia S. 43.
Lawinenkatastrophe 2017
Am Nachmittag des 18. Januar 2017 ging nach starkem Schneefall eine Lawine ab, die bei der Ortschaft Farindola ein Hotel zerstörte, wodurch 29 Menschen getötet wurden.
Geologie Der Gran Sasso besteht aus Sedimentgesteinen, insbesondere aus Kalkstein und Dolomit, die ihren Ursprung im Obertrias und Unterjura oder im Falle des Dolomit in der Unterkreide haben, als der Bereich des Abruzzischen Apennins von einem seichten Meer umspült wurde. Am östlichen Kamm kommt im Bereich des Monte Camicia auch Ölschiefer vor. Die oberste Schicht am Corno Grande besteht hauptsächlich aus Dolomit. Es finden sich hier unter anderem Fossilien vom Megalodon oder von Schnecken wie der Worthenia solitaria.
Daneben ist auch Mergel, der vor allem ab dem Paläozän vor 66 Millionen Jahren entstanden ist. Er findet sich am südlichen Kamm im Bereich des Monte San Franco, aber auch entlang des östlichen Kamms sowie im zentralen Bereich rund um den Corno Piccolo. Die Sedimentation endete zwischen dem Messinium und dem Zancleum vor etwa 5 Millionen Jahren, wobei die Ablagerungen am Ende eine Höhe von insgesamt über 3000 Metern erreichten.Laura Alfonsi, Fabio Speranza, Romollo Vallesi: Geologia S. 32–33.
Paläogeographie Das erste bedeutende tektonische Ereignis im Bereich des Gran Sasso spielte sich während des Obertrias und der Unterkreide ab, als aufgrund der Kontinentaldrift die vorher entstandene Karbonatplattform auseinanderbrach. Dadurch kam der heutige südöstliche Teil des Massivs am Rand der Plattform zum Liegen. Zugleich entstand ein weiträumiger pelagischer Bereich im Nordwesten und Westen des Massivs.
Der Rand der Plattform fiel zum Tiefseebecken stufenweise ab, wobei sich auf den Stufen ab dem mittleren Unterjura wiederum Segmente ablagerten. Das Tiefseebecken war wiederum durch tiefere Bereiche und inselartige Strukturen gekennzeichnet, die zum Teil über der Wasseroberfläche lagen. In den tiefen Bereichen lagerten sich riesige Mengen von Bruchmaterial ab, die durch Erosion des Plattformrands sich dort ansammelten. Während des Jura und der Unterkreide weitete sich die pelagische Zone weiter aus, so dass viele Inseln und der Plattformrand überschwemmt wurden. Nach dem Unterkreide verblieb lediglich der Bereich des Corno Grande in einer überhöhten Position.L. Adamoli, T. Bertini, M. Chiocchini, G. Deiana, A. Mancinelli, U. Pieruccini, A. Romano: Ricerche geologiche sul mesozoico del Gran Sasso d'Italia (Abruzzo). II. Evoluzione tettonico-sedimentaria dal trias superiore al cretaceo inferiore. In: Università degli Studi Camerino. Dipartimento di Scienze della Terra. Istituto di Mineralogia e Geologia (Hrsg.): Studi geologici camerti N. 4 – 1978, Camerino 1978, S. 7 (PDF)
Das Massiv entstand zwischen dem oberen Miozän und den unteren Pliozän als Teil der alpidischen Orogenese, die durch das Aufeinanderdriften der afrikanischen auf die eurasische Platte verursacht war. Dieser komprimierenden tektonischen Phase folgte ab dem oberen Pliozän eine distensive Phase, die noch andauert. Auf diese distensive Phase ist beispielsweise die Entstehung der Hochebene Campo Imperatore zurückzuführen, wie auch die von anderen Ebenen und Hochebenen im gesamten Apennin. Auf Campo Imperatore wirkten sich zudem glaziale und fluvio-glaziale Faktoren aus, die der Hochfläche ihr heutiges Aussehen verliehen. Die distensive tektonische Phase ist auch verantwortlich für die Absenkung des südlichen Kammes.Laura Alfonsi, Fabio Speranza, Romolo Vallesi: Geologia S. 37.
Gipfel Corno Grande – Zentraler Bereich Corno Piccolo – Zentraler Bereich Pizzo d’Intermesoli – Westlicher Bereich Monte Corvo – Westlicher Bereich Pizzo Cefalone – Westlicher Bereich Monte Portella – Westlicher Bereich Monte San Franco – Westlicher Bereich Monte Camicia – Östlicher Bereich Monte Prena – Östlicher Bereich Cima di Monte Bolza – Östlicher Bereich
Gletscher und Gewässer Das Gran Sasso Massiv besitzt mit dem Calderone-Gletscher den einzigen Gletscher des gesamten Apeninns. Bis zu seiner ersten Erhebung 1916 durch die beiden Geographen Olinto Marinelli und Leonardo Ricci war allerdings umstritten, ob es sich tatsächlich um einen Gletscher oder um ein Schneefeld handelte. Durch den kontinuierlichen Rückgang des Gletschers in den letzten Jahrzehnten ist diese Debatte wieder angefacht worden.
In der Vergangenheit muss das Massiv aber weitaus mehr vergletschert gewesen sein, wie Gletscherspuren aus dem Quartären Eiszeitalter beweisen, die an mehreren Stellen im westlichen und zentralen Bereich auf unterschiedlichen Höhen vorzufinden sind.