Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye (tib.: 'jam mgon kong sprul blo gros mtha' yas; geb. 1813 in Dêgê, Kham; gest. 1899) war mit Jamyang Khyentse Wangpo und Choggyur Lingpa Gründer der Rime-Bewegung des tibetischen Buddhismus. Er war einer der bedeutendsten Enzyklopädisten Tibets. Er war der 1. Jamgön Kongtrül.
Geburt und Kindheit
Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye, nachfolgend Kongtrül genannt, wurde am 2. Dezember 1813 in dem zum Königreich Dêgê gehörenden, unterhalb des heiligen Ortes Pema Lhatse (tib.: padma lha rtse) gelegenen Tal Ronggyab (tib.: rong rgyab) geboren. Er wuchs in dem ansonsten kinderlosen Haushalt des Bön-Priesters Sönam Phel (tib.: bsod nams 'phel) und dessen Ehefrau Trashi Tsho (tib.: bkra shis 'tsho) auf. Trashi Tsho war seine leibliche Mutter.
Sein leiblicher Vater war der Bön-Lehrer Khyungpo Lama Yungdrung Tendzin (tib.: khyung po bla ma g.yung drung btsan 'dzin), zu dem der Knabe bis zu dessen frühen Tod im Jahre 1819 ein inniges Verhältnis hatte.
Ab dem 5. Lebensjahr unterrichtete ihn sein Ziehvater Sönam Phel im Lesen und Schreiben. Die mit körperlichen Züchtigungen verbundenen strengen Erziehungsmethoden des Ziehvaters versetzten das Kind früh in schwere geistige Nöte. Vom Ziehvater wurde Kongtrül auch in die Bön-Lehren und deren Ritualwesen eingeführt.
Nach dem Thronverzicht des Dege-Königs Tshewang Dorje Rigdzin (tib.: tshe dbang rdo rje rig 'dzin) im Jahre 1826 kam es in Dege zu einem Wechsel in der Beamtenschaft. Die neu ernannten Beamten unterdrückten die Nomaden ihres Machtbereiches durch überhöhte Steuerforderungen und Gewalttaten. In den daraus resultierenden Unruhen wurden alle Familien von Ronggyab enteignet. Kongtrüls Ziehvater wurde eingekerkert. Die mittellose Mutter forderte den Knaben auf, in ein Kloster einzutreten.
Kongtrül befolgte diese Anweisung nicht und reiste zum Chöde Phodrang, wo sein Ziehvater eingekerkert war. Offenbar wollte er sich dort um seinen inhaftierten Ziehvater kümmern. Kongtrül arbeitete zunächst als Sekretär des Gouverneurs Khangsar Tshephel (tib.: khang gsar tshe 'phel).
Eintritt in das Kloster Shechen und erste Studien
Der Gouverneur Tshephel erkannte früh die außerordentlichen geistigen Begabungen des Knaben und schickte ihn, nach dem Tod des Ziehvaters, im Jahre 1828 zur Ausbildung in das 1735 gegründete, zur Nyingma-Schule gehörende Kloster Shechen. Hier legte Kongtrül das erste Mönchsgelübde ab und begann sein Studium mit dem Erlernen der Sinotibetischen Divinationenskalkulationen.
Hieran schlossen sich Studien zur tibetischen Grammatik, Poetik und das Erlernen der Sanskrit-Sprache an. Sein Sanskrit-Studium war so erfolgreich, dass er in Shechen eine Beispielsammlung zur Sanskritgrammatik verfasste, die später auch gedruckt wurde. Zum Studium in Shechen gehörte ab 1830 auch die Einführung in verschiedene Meditationspraktiken der Nyingma-Schule. 1832 legte Kongtrül in Shechen das zweite Mönchsgelübde ab.
Übersiedlung nach Pelpung Thubten Chökhor Ling
Im Frühjahr 1833 verließ Kongtrül auf Geheiß des Gouverneurs Tshephel das Kloster Shechen und siedelte zum Kagyü-Kloster Pelpung Thubten Chökhor Ling über, wo er dem Gouverneur bei der Errichtung von neuen Mönchsunterkünften behilflich sein sollte.
In Pelpung setzte Kongtrül sein Studium mit einer Einführung in die tibetische Astronomie fort. Nach der Errichtung der Mönchsunterkünfte reiste der Gouverneur wieder ab. Kongtrül aber wurde angewiesen, nun dauerhaft in Pelpung zu bleiben und das zweite Mönchsgelübte erneut, nunmehr in der Tradition der Kagyü-Schule, abzulegen. Dies wurde am 17. November 1833 trotz der Einwände Kongtrüls in Anwesenheit des 9. Tai Situ Pema Nyinche Wangpo (tib.: padma nyin byed dbang po) vollzogen.
Kongtrüls überragende geistige Fähigkeiten hatten offenbar die Würdenträger des Klosters Pelpung und den 9. Tai Situ stark beeindruckt. Noch im Jahre 1833 wurde er vom 9. Tai Situ als Reinkarnation des Kongpo Bamteng Trülku (tib.: kong po bam steng sprul sku) anerkannt. Die folgenden Jahre verbrachte Kongtrül damit, sich in die geistigen Meditationsübungen der Kagyü-Schule zu versenken.
Berufung zum Sanskrit Lehrer des Karmapa Thegchog Dorje
Im Jahre 1836 bereiste der 14. Karmapa Thegchog Dorje (tib.: theg mchog rdo rje) (1798–1868) die Karmapa-Klöster in Kham, wobei ihm von den außerordentlichen Sanskrit-Kenntnissen des Kongtrül berichtet wurde. Dem anschließenden Ruf, als Sanskrit-Lehrer des Karmapa tätig zu sein, musste Kongtrül Folge leisten und seine Meditationsübungen unterbrechen. In den folgenden Jahren (bis 1838) begleitete Kongtrül den Karmapa als dessen Lehrer. 1839 kehrte er nach Pelpung zurück.
Lehrtätigkeit in Pelpung und Übersiedlung ins Bergkloster
Nach seiner Rückkehr nach Pelpung setzte Kongtrül für einige Monate seine unterbrochenen intensiven meditativen Übungen fort. Dann erreichte ihn der Auftrag des Tai Situ, in Pelpung als Lehrer tätig zu sein. Die folgenden drei Jahre unterrichtete Kongtrül Sanskrit, Metrik, tibetische Grammatik, Poetik und tibetische Astronomie. Daneben brachte er vielen jungen Mönchen das Lesen und Schreiben bei.
Im Jahre 1840 und im darauffolgenden Jahr kam es zu ersten Begegnungen mit dem damals nur 20 Jahre alten Jamyang Khyentse Wangpo (1820–1892), der nach Pelpung kam, um bei Kongtrül Sanskrit zu studieren. Dies war der Anfang einer Zusammenarbeit zwischen den beiden größten buddhistischen Gelehrten Osttibets des 19. Jahrhunderts, die die Entwicklung des tibetischen Buddhismus in Osttibet nachhaltig verändern sollte.
Anfang Februar 1842 erkrankte der Gouverneur Tsephel, Kongtrüls langjähriger Gönner, schwer und verstarb einen Monat später. Kurz danach, am 11. April 1842 wurde Kongtrül von einer ernsthaften Erkrankung betroffen, so dass er glaubte, dem Tod nahe zu sein. In dieser Situation beschloss er, seine Lehrtätigkeit einzustellen und sich für drei Jahre in eine verlassene und verfallene, einsame Bergeinsiedelei (tib.: yang khrod) oberhalb von Pelpung zur Meditation zurückzuziehen. Der nun folgende Aufenthalt in der Bergeinsiedelei Künsang Dechen Ösel Ling (tib.: kun bzang bde chen 'od gsal gling), wo er inmitten von Ruinen in einer provisorisch errichteten Hütte lebte und meditierte, wurde nur von wenigen kurzen Besuchen in Pelpung und in dem oberhalb von Pelpung gelegenen Bergkloster Lingtö (tib.: gling stod) unterbrochen. Bei einem dieser Kurzaufenthalte im Jahre 1842 ereignete sich ein großes Erdbeben, welches das Gebiet zwischen Horkhog (tib.: hor khog), Rudam (tib.: ru dam) und Lingtshang (tib.: gling tshang) schwer verwüstete. In Kongtrüls Heimat wurde das Haus seiner Mutter völlig zerstört, so dass diese 1843 in die Bergeinsiedelei übersiedelte und dort bis zu ihrem Tod blieb.
Reise nach Gyelrong
Nach der Beendigung seiner Meditationsklausur erhielt Kongtrül von Tai Situ den Auftrag, nach Gyelrong (tib. rgyal rong) zu reisen, um dort einen Streit zwischen den Mönchen und dem obersten Geistlichen eines im Königreich Sogmo gelegenen Klosters zu schlichten. Die äußerst gefährliche, erfolgreich durchgeführte Reise nahm drei Jahre in Anspruch.
Tätigkeit als tantrischer Lehrmeister und Zusammenarbeit in der Rime-Bewegung
Mit der Rückkehr nach Pelpung, wo er vornehmlich in seinem einsamen Bergkloster lebte, begann wiederum eine Zeit intensiver Meditationsübungen. Gleichzeitig begann er nun, tantrische Lehren und Meditationspraktiken an andere weiterzugeben.
In den Folgejahren intensivierten sich durch wechselseitige Besuche die persönlichen und spirituellen Kontakte zu Jamyang Khyentse Wangpo, der sich zu einem der führenden Vertreter der Rime-Bewegung entwickelt hatte.
Diese Bewegung forderte die Angehörigen der verschiedenen buddhistischen Schulen Tibets dazu auf, sich nicht wechselseitig Unreinheit und mangelnde Ursprünglichkeit der jeweiligen Lehren vorzuwerfen, sondern den tibetischen Buddhismus über alle Schulgrenzen hinweg in der Gesamtheit seiner überlieferten Vielfalt zu akzeptieren und zu praktizieren. Kongtrül hatte sich schon im Jahre 1842 für die Umsetzung dieser Forderung ausgesprochen. Angeführt von Jamyang Khyentse Wangpo, Kongtrül und dem berühmten Schatzfinder Choggyur Lingpa praktizierten die Anhänger der Rime-Bewegung des 19. Jahrhunderts intensiv den Austausch von Überlieferungslinien, Kult- und Meditationspraktiken verschiedener Schulen. Dies sollte die religiösen Aktivitäten in Osttibet in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägen.
Im Winter 1853/54 erkrankte Kongtrül an einer Augenkrankheit, die ihn viele Jahre lang peinigen sollte. Gleichwohl begann er im Sommer 1854 mit einer Zusammenstellung von etwa 13 Tantra-Zyklen der Kagyü-Schule, die er zu einer Werksammlung zusammenfasste. Diese von Kongtrül edierte Textsammlung wurde als Kagyü Ngadzö (tib.: bka' brgyud sngags mdzod)"Schatzsammlung der Tantras der Kagyü-Schule" bekannt.
Schon in seiner Jugendzeit hatte Kongtrül zu verschiedenen kleinen Terma-Texten der Nyingma-Schule Worttraditionen (tib. lung) und Weihen (tib.: dbang) etc. erhalten. Dabei war ihm klar geworden, dass die Kultweitergabe dieser nicht in den großen Terma-Zyklen überlieferten Werke äußerst bedroht war. Gegen Ende des Jahres 1855 überlegte er, ob es nicht sinnvoll sei, diese kleineren Terma-Texte mit noch bestehender kontinuierlicher Kulttradition in einer Werksammlung zusammenzufassen. Als er diese Überlegung Jamyang Khyentse Wangpo vortrug, stimmte dieser sofort zu und erklärte sich bereit, eine Sammlung von vier Bänden solcher Terma-Texte beizusteuern. Kongtrül ließ zunächst in seinem Bergkloster von drei Schreibern das ihm zugängliche Textmaterial zusammenzustellen. Das Ergebnis waren eine in zehn Bände zusammengefasste Textsammlung, die Kongtrül eigenhändig korrigierte und der er den Titel Terthreng (tib.: gter phreng) „Kette von Schatztexten“ gab. Dies war die Keimzelle der viele Jahre später fertiggestellten, großen und berühmten Werksammlung Rinchen Terdzö (tib.: rin chen gter mdzod; „Schatzsammlung der kostbaren, wiedergefundenen Texte“). Diese Sammlung umfasste in der Druckausgabe des Klosters Pelpung 60 oder 61 Bände.
1857 kam es zu einer ersten Begegnung mit dem großen Entdecker verborgener Texte (Tertön) der Nyingma-Schule Choggyur Lingpa. In den ersten Monaten des gleichen Jahres nahmen Kongtrül und Jamyang Khyentse Wangpo an einer Zeremonie der Auffindung von Schatztexten durch Choggyur Lingpa teil. Die Zeremonie des Auffindens des Schatzplatzes und der Eröffnung des Schatzes nahm mehr als eine Woche in Anspruch. Danach kehrte Kongtrül nach Pelpung zurück. Er war völlig davon überzeugt worden, dass die Praxis der Auffindung von Terma-Texten und heiligen Gegenständen glaubwürdig waren.
Reise nach Zentraltibet
Am 13. Juni 1853 starb der 9. Tai Situ im Kloster Pelpung. 1855 war in Pelpung die Nachricht eingetroffen, dass der 10. Tai Situ in Namtshokha geboren und vom 14. Karmapa anerkannt worden sei. Der zehnte Tai Situ wurde als Sohn einer Bauernfamilie geboren, die dem Kloster Trashilhünpo unterstand. Kongtrül wurde die ehrenvolle Aufgabe übertragen, den 10. Tai Situ mit seinen Eltern nach Pelpung zu geleiten. 1857 brach Kongtrül zu dieser Reise auf, wobei er von einer großen Delegation begleitet wurde. Kongtrül nutzte diese Reise nach Zentraltibet zum Besuch zahlreicher heiliger Stätte. Am 6. November 1858 wurde der 10. Tai Situ in Pelpung feierlich empfangen.
Ausbau der Bergeinsiedelei Künsang Dechen Ösel Ling