mini|Im Kontrollraum während einer Hörspielproduktion (1946)

Hörspiele sind akustische dramatisierte Inszenierungen von Geschichten mit verteilten Sprecherrollen, Geräuschen und Musik. Das Hörspiel unterscheidet sich von einer reinen Lesung (Hörbuch) und auch vom Film, weil ihm keine visuellen Elemente eigen sind. Hörspiele wurden ursprünglich für den Hörfunk entwickelt und dort ausgestrahlt. Sie sind damit die erste originäre Kunstform, die das Radio in den 1920er Jahren hervorgebracht hat. Seitdem hat sich das Hörspiel zu einem eigenständigen, literarischen Genre entwickelt. Der Begriff „Hörspiel“ wurde 1924 geprägt.Gert Eckert: „Die Begriffssprache des Rundfunks“, in: Rundfunkarchiv. Zeitschrift für Rundfunkrecht und Rundfunkwirtschaft 14 (1941), S. 52–58; S. 58.Reinhart Meyer-Kalkus: Geschichte der literarischen Vortragskunst, J.-B.-Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl-Ernst-Poeschel-Verlag, Berlin 2020, ISBN 3-476-04801-2, S. 495.

Allgemeines mini|Detail eines typischen Hörspielmanuskripts; Blau: die Markierungen der Tontechnik zum Schneiden

Hörspielproduktionen sind Teamarbeit, auch wenn – im Gegensatz zum Film – beim Hörspiel oft nur der Autor als Urheber genannt wird. Der Autor schreibt in Zusammenarbeit mit einem Dramaturgen oder Redakteur den Text, der in der Regel die Grundlage für die Hörspielproduktion darstellt (Dialogbuch). Das eigentliche Stück, das später im Radio gesendet oder auf CD, Kassette, Schallplatte (siehe auch Sprechplatte) oder als MP3-Datei vertrieben wird, ist eine Inszenierung, die maßgeblich durch den Regisseur und die beteiligten Schauspieler geprägt ist. Außerdem sind an einer Hörspielproduktion in der Regel zwei Tontechniker (Ton und Schnitt) und ein Regieassistent beteiligt. Häufig werden auch ein Komponist, ein Sounddesigner, ein Geräuschemacher sowie Musiker engagiert.

In Hörspielen kann neben den Dialogen der verteilten Charakter/Figuren-Rollen auch eine Erzählstimme vorkommen – sie beschreibt Orte, Zeiten, Aktionen oder Gefühle/Gedanken, die rein akustisch durch Geräusche oder Dialoge nicht klar werden, und verbindet die Szenen miteinander. Dabei kann es sich um eine Figur innerhalb der Geschichte (etwa in der Ich-Perspektive) oder um eine neutrale, nicht ins Geschehen involvierte Instanz handeln.

Geschichte Anfänge Bis zum Beginn des Rundfunks 1923/24 tauchte der Begriff „Hörspiel“ immer wieder auf, um das Schauspiel (für die Augen) vom Hörspiel (für die Ohren) abzugrenzen – die erste derartige Verwendung des Begriffs durch Friedrich Traugott Hase findet sich schon 1780.Matthias C. Hänselmann: Hörspielanalyse. Eine Einführung, transcript Verlag 2024, S. 14. Friedrich Nietzsche schrieb zum Beispiel über die Kunst von Richard Wagner, dass sie Wagner „immer den doppelten Weg, aus einer Welt als Hörspiel in eine rätselhaft verwandte Welt als Schauspiel und umgekehrt“ führe.Hermann Bahr: Wagner und das Barock. In: Das Tagebuch, Heft 1/1920, S. 610 mini|„Dramatisches Hörspiel“ aus Stuttgart (1924) 1924 setzte sich der Rundfunk in Europa soweit durch, dass die Zeitungen Radio-Rubriken einführten. So weist der Tiroler Anzeiger auf ein „Dramatisches Hörspiel“ im Morgenprogramm des 17. Oktober 1924 hin, ausgestrahlt von der Süddeutschen Rundfunk AG (SÜRAG).

Als erstes Original-Hörspiel in Europa gilt Gefahr (Originaltitel A Comedy of Danger) von Richard Hughes (BBC 1924). Das Wort „Hörspiel“ hat sich nach dem Start des Rundfunks in Deutschland 1923 erst langsam etabliert. Die ersten Hörspiele der Berliner Rundfunk-Sendestelle hießen „Spiele“, später „Sendespiele“. Die Fachzeitschrift Der deutsche Rundfunk schrieb 1924 von keinem „dramatischen Werk, das die Vorstellungskraft des Hörers mehr anreizt und darum so tief verfangen kann, wie das Funkspiel“.Ausgabe 30, 2. Jg., S. 1661. 27. Juli 1924

Die deutsche Hörspielgeschichte reicht bis in das Jahr 1918 zurück. Damals begann man bei der Firma Telefunken mit Bearbeitungen von Theaterstücken für die Ausstrahlung per Funk. 1923 inszenierte der Ingenieur F. A. Tiburtius in den Experimentalstudios von Telefunken, deren künstlerischer Leiter er war, das erste richtige Hörspiel nach heutigen Maßstäben. Es hatte den Titel „Anke“ und spielte in einem Leuchtturm. Gesendet wurde es nie. Die ersten im deutschen Radio ausgestrahlten Hörspiele waren „Zauberei auf dem Sender“ von Hans Flesch (am 24. Oktober 1924 in Frankfurt am Main über die Welle 467) und „Spuk“ von Rolf Gunold (1925 über einen Breslauer Sender). 1926 richtete der Berliner Sender eine Wanne zur Erzeugung von Wasser- und Regengeräuschen ein. Das erste Hörspiel dieses Senders (1926) hieß „Der akustische Film“.Die Funkstunde, Ausgabe 1, 1926, S. 9. Signatur der Berliner Staatsbibliothek: 4 Ona65

Ende der 1920er Jahre war die Wirkung gesprochener und mit Geräuschen verbundener Texte sowohl akzeptiert als auch unerforscht, sodass das Preußische Kulturministerium 1928 in Berlin zum Ausloten der Grenzen und Möglichkeiten des Hörspiels eine Rundfunkversuchsstelle einrichtete, die die Nationalsozialisten kurz nach ihrer Machtübernahme wieder schlossen.

Anfang der 1930er Jahre waren Hörspiele im Rundfunk so beliebt, dass die BBC Leitfäden für deren Produktion aufstellte, etwa für den Einsatz von Soundeffekten:

Jedoch hagelte es vor allem aus den Schichten der Geringerverdienenden Kritik. So titelte die Boulevard-Rundfunkzeitung Schlesische Wellen im Juni 1931 „Hörspiel-Überfluß“ und forderte die Reduzierung von Hörspielen auf ein Minimum. Drei Hörspiele pro Woche sei zu viel für den Arbeiter, der sich am Feierabend zu Hause oder in der Gartenlaube nicht konzentrieren, sondern entspannen wolle und deswegen Wert auf Musik lege.Schlesische Wellen, Breslau, 19. Juni 1931, S. 1. Signatur 4 Ona65/66-6, 25/52.1931 in der Staatsbibliothek Berlin

Am 30. Oktober 1938 sorgte die Ursendung von Der Krieg der Welten nach H. G. Wells in New York für Aufsehen. Zahlreiche beunruhigte Bürger meldeten sich bei der Polizei in Besorgnis um einen vermeintlichen Marsangriff.

Nach 1945 In Westdeutschland erlebte das Hörspiel zwischen 1945 und 1960 einen regelrechten Boom, der sich in jährlich 500 gesendeten und insgesamt 160 abgedruckten Hörspielen niederschlug. Diese Tatsache war vor allem den äußeren Umständen im Nachkriegsdeutschland geschuldet, in dem der Großteil der Theater und Kinos noch zerstört waren.. In: Irmela Schneider/Peter M. Spangenberg (Hrsg.): Medienkultur der 50er Jahre. Diskursgeschichte der Medien nach 1945, Bd. I, Wiesbaden 2002, S. 287–298, hier S. 290. Zudem war das Fernsehen in dieser Zeit noch nicht oder nur wenig verbreitet.

In den 1950er Jahren und zum Teil auch in den 1960er Jahren herrschte typischerweise das sogenannte Hörspiel der Innerlichkeit vor, das sich durch Geräuscharmut auszeichnete. Das Primat lag also auf der Sprache, weshalb es auch als „Worthörspiel“ bezeichnet wird – die Illustration durch klangliche Effekte oder eine Geräuschkulisse wurde minimiert und überwiegend nur als sogenannte „key sounds“, Geräusche mit symbolhafter Bedeutung, akzeptiert. Dies fördert die Suggestion einer inneren Welt (z. B. Erinnerungen) beim Rezipienten, was die Funktion einer Vergangenheitsbewältigung – die in der Nachkriegszeit eine große Rolle einnahm – potenziell unterstützen kann. Aus technischen Gründen wurde deshalb der Schnitt, der damals häufig noch als hörbare Markierung wahrgenommen werden musste, vermieden. „Weil der Schnitt stets auf das Magnettonband verweist, auf dem das Hörspiel aufgenommen ist, insistierte er auf die Materialität des akustischen Signifikanten, anstatt ihn zugunsten der Produktion eines imaginären Signifikats zu verdrängen.“Bernhard Siegert: Das Hörspiel als Vergangenheitsbewältigung. In: Irmela Schneider, Peter M. Spangenberg (Hrsg.): Medienkultur der 50er Jahre. Diskursgeschichte der Medien nach 1945. Bd. I, Wiesbaden 2002, S. 287–298, hier S. 289. Bernhard Siegert konstatiert also für das Hörspiel nach 1945 vor allem das Charakteristikum der Abwesenheit des Mediums Radio in den über das Radio gesendeten Hörspielen. Er nennt dieses Phänomen „negative Radioästhetik“.Bernhard Siegert: Das Hörspiel als Vergangenheitsbewältigung. In: Irmela Schneider, Peter M. Spangenberg (Hrsg.): Medienkultur der 50er Jahre. Diskursgeschichte der Medien nach 1945. Band 1. Wiesbaden 2002, S. 287–298, hier: S. 291.

Ein wichtiger Hörspielexperte seit den 1950er Jahren ist Werner Klippert.Klippert, Werner. Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 650. Ein bedeutender Vertreter des „Worthörspiels“ ist Günter Eich. Siegert unterstellt Eich ein bewusst geäußertes Statement für das Worthörspiel, wenn er am Anfang seines Hörspiels Das Jahr Lazertis den Protagonisten Paul sagen lässt:

Für einen Skandal, vermutlich den größten in der deutschen Hörspielgeschichte, sorgte am 24. Januar 1969 Ludwig Harigs Staatsbegräbnis. Harig beschritt mit dieser Persiflage auch akustisches Neuland, weil er ohne gespielte Szenen auskam, sondern ausschließlich Originaltonmaterial der Reden zu Bundeskanzler Konrad Adenauers Staatsbegräbnis gegeneinander verschnitt. Harig und dem Saarländischen Rundfunk (SR) wurde respektloser Umgang mit einem zwei Jahre zurückliegenden ernsten Thema vorgeworfen. Noch drei Jahre später, 1972, weigerte sich aus diesen Gründen der SR-Intendant Franz Mai dem Luchterhand-Verlag die Veröffentlichungsrechte auf Schallplatte einzuräumen.Antje Vowinckel: Collagen im Hörspiel: die Entwicklung einer radiophonen Kunst, Königshausen u. Neumann 1995, S. 233 f., ISBN 978-3-8260-1015-6.

Neben Ludwig Harig gilt als Pionier am Anfang neuer Gestaltungs- und Hörmöglichkeiten der im Jahre 1968 von Klaus Schöning in einem Radioessay als „Neues Hörspiel“Klaus Schöning „Tendenzen im Neuen Hörspiel“, gesendet im 3. Programm des WDR am 3. Oktober 1968 bezeichneten Gattung auch Herbert Schuldt. Sein Hörspiel „Deutschland aufsagen, Deutschland nachsagen“ (1970) wurde von den Hörern der Ursendung im 1. Programm des WDRSchuldts Hörspiel „Deutschland aufsagen, Deutschland nachsagen“ wurde in verkürzter Fassung am 20. April 1970 im 1. Programm des WDR uraufgeführt. Die vollständige Fassung wurde am 25. Juni 1970 im Düsseldorfer Szene-Lokal Creamcheese als Tonbandkonzert aufgeführt. Im Rundfunk erklang diese Version erstmals am 15. Juli 2011 im 2. Programm des Bayerischen Rundfunks als Provokation empfunden. Schuldt hatte mit einfachsten Mitteln zuvor gehörtes Sprachmaterial aufgenommen und von nichtprofessionellen Sprechern nachsprechen lassen und auf eine Weise nachbearbeitet, die das gesprochene Material aus seiner ursprünglichen Funktion der Übermittlung von Sinn und Bedeutung heraustreten und neue Zusammenhänge bilden ließ, die an eine Komposition musikalischen Materials denken lässt. Die an jenem Sendeplatz an klassische Musik gewöhnten Rundfunkhörer reagierten mit Empörung auf die ungewohnten Höreindrücke und sollen mit ihren Anrufen die Telefonzentrale des WDR „nach Schuldts Erinnerung rund zwei Stunden lang blockiert“Klaus Ramm: Das Sprechen ist dem Gesprochenen fremd. In: Schuldt „Trennungen“, München (Belleville) 2015, S. 19. haben.

Ferdinand Kriwet war Autor und Produzent einer Reihe von Hörspielen der 1960er und 70er Jahre, die sich mit Medientheorie beschäftigten. Am 21. Mai 1979 strahlte der WDR „Radioselbst. Hörtext 15“ aus, eine Collage aus einem 24-stündigen Mitschnitt des Programms von WDR 2. Dieses von ihm selbst „Supersendung des Radios rund um die Uhr“ genannte Experimentalhörspiel bestand aus 2200 Tonschnipseln und zeigte vor allem eins: dass das Programm von WDR 2 auch in dieser subjektiven Verkürzung nach WDR 2 klang.Vowinckel, S. 229.