Der Wissenschaftsrat ist ein wissenschaftspolitisches Beratungsgremium in Deutschland. Er wurde 1957 gegründet (konstituierende Sitzung 1958) und berät Bund und Länder in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Weiterentwicklung des Hochschulsystems sowie der staatlichen Förderung von Forschungseinrichtungen. Der Sitz befindet sich in Berlin, die Geschäftsstelle ist in Köln angesiedelt.
Aufgaben Seine Beratungsfunktion erfüllt der Wissenschaftsrat hauptsächlich durch die Erarbeitung von Empfehlungen, die auch veröffentlicht werden. Diese Empfehlungen können sowohl einzelne wissenschaftliche Institutionen (Universitäten, Fachhochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) als auch übergreifende Fragestellungen des Wissenschaftssystems (zum Beispiel Hochschulzugang, Lehrerbildung, Hochschulmedizin) betreffen.
Stellungnahmen (Auswahl) In der jüngeren Vergangenheit äußerte sich der Wissenschaftsrat in seinen Stellungnahmen, Empfehlungen und Positionspapieren unter anderem zu den Themen:
Friedens- und Konfliktforschung, Hochschulbau, abgerufen am 10. Februar 2022., Transformation des wissenschaftlichen Publizierens zu Open AccessWissenschaftsrat: Empfehlungen zur Transformation des wissenschaftlichen Publizierens zu Open Access; Köln 2022. https://doi.org/10.57674/fyrc-vb61, WissenschaftskommunikationWissenschaftskommunikation (PDF; 928 KB), abgerufen am 27. Mai 2025.. Wissenssicherheit Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem
2020 veröffentlichte er zudem ein Positionspapier „Impulse aus der COVID-19-Krise für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland“.Impulse aus der COVID-19-Krise für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland (PDF; 818 KB), abgerufen am 10. Februar 2022.
Daneben hat der Wissenschaftsrat im Laufe der Zeit eine Reihe von Einzelaufgaben übernommen:
Evaluation von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, insbesondere der Leibniz-Gemeinschaft sowie der sog. Ressortforschung Institutionelle Akkreditierung von privaten und kirchlichen Hochschulen (seit 2001) Durchführung der Exzellenzinitiative bzw. Exzellenzstrategie (seit 2005, gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft) Beratung des Bundes und der Länder zur Struktur der Forschungsförderung
+ Bisherige Vorsitzende Name Jahr von bis Helmut Coing 1958 1961 Ludwig Raiser 1961 1965 Hans Leussink 1965 1969 Reimar Lüst 1969 1972 Theodor Heidhues 1972 1976 Wilhelm A. Kewenig 1976 1979 Andreas Heldrich 1979 1982 Hans-Jürgen Engell 1982 1985 Heinz Heckhausen 1985 1987 Kurt Kochsiek 1987 1989 Dieter Simon 1989 1993 Gerhard Neuweiler 1993 1994 Karl-Heinz Hoffmann 1994 1996 Dagmar Schipanski 1996 1998 Winfried Schulze 1998 2001 Karl Max Einhäupl 2001 2006 Peter Strohschneider 2006 2011 Wolfgang Marquardt 2011 2014 (PDF) Manfred Prenzel 2014 2017 Martina Brockmeier 2017 2020 Dorothea Wagner 2020 2023 Wolfgang Wick 2023
Trägerschaft und Organisation Der Wissenschaftsrat ist eine Einrichtung auf der Grundlage eines Verwaltungsabkommens zwischen Bund und Ländern.
Der Wissenschaftsrat wird von einem Vorsitzenden geleitet, seit Februar 2023 ist dies der Neurologe Wolfgang Wick.
Die Vollversammlung des Wissenschaftsrats besteht aus zwei gleichberechtigten Kommissionen:
Die Wissenschaftliche Kommission besteht aus 24 Wissenschaftlern und 8 Repräsentanten des öffentlichen Lebens. Sie werden vom Bundespräsidenten berufen. Die 24 Wissenschaftler werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, der Hochschulrektorenkonferenz, Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsam vorgeschlagen. Die 8 Repräsentanten des öffentlichen Lebens werden von Bundes- und Landesregierungen gemeinsam vorgeschlagen.z. B. Hans-Heinrich Trute: Die Forschung zwischen grundrechtlicher Freiheit und staatlicher Institutionalisierung: das Wissenschaftsrecht als Recht kooperativer Verwaltungsvorgänge. Tübingen 1994, S. 704 Die Verwaltungskommission besteht aus je einem entsandten Vertreter der sechzehn Länder und sechs Vertretern des Bundes, wobei letztere jedoch 16 Stimmen besitzen, so dass auch die Verwaltungskommission auf 32 Stimmen kommt. Vollversammlungen des Wissenschaftsrats finden vierteljährlich statt und müssen ihre Beschlüsse mit einer Zweidrittelmehrheit beschließen.
Die Geschäftsstelle des Wissenschaftsrats ist in Köln. Dort betreuen etwa 100 Mitarbeiter – davon 50 Wissenschaftler – die Arbeit des Wissenschaftsrats in seinen Gremien und Ausschüssen. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats wird jeweils für ein Jahr bestimmt und vertritt den Wissenschaftsrat nach außen. Generalsekretärin ist seit 1. Juli 2025 die Juristin Esther Seng, die vorher das Referat Grundsatzfragen leitete.
Geschichte Zunächst regelten die Länder die gemeinsame Finanzierung von Forschungseinrichtungen auf der Grundlage des Königsteiner Abkommens von 1949 (auf Grundlage von Artikel 30 Grundgesetz). Es wurde eine bundesweite Vergabe finanzieller Mittel für die Entwicklung und den Aufbau des deutschen Wissenschaftssystems gefordert.
Konrad Adenauer unterzeichnete am 5. September 1957 ein Verwaltungsabkommen über die Errichtung eines Wissenschaftsrats. Er solle erstmals einen Gesamtüberblick über die wissenschaftliche Arbeit in der Bundesrepublik geben und den Regierungen von Bund und Ländern Vorschläge für die Förderung der Wissenschaft unterbreiten.
Unterstützer der Gründung eines Wissenschaftsrats waren seit Mitte der 1950er Jahre führende Wissenschaftler und Politiker (der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Gerhard Hess, und Bundespräsident Theodor Heuss, der Wissenschaftler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in den Wissenschaftsrat berief und die konstituierende Sitzung am 6. Februar 1958 leitete).
Kritik Kritik wurde geäußert, dass der Wissenschaftsrat als Mitglied der Allianz der Wissenschaftsorganisationen bei Fragen zu Tierversuchen die Politik nicht unabhängig beraten könne. Die Allianz ist ein Zusammenschluss großer deutscher Forschungseinrichtungen und im Lobbyregister des Deutschen Bundestages eingetragen. Sie äußert sich unter anderem kritisch zu Initiativen zur Reduktion von Tierversuchen. Auch koordiniert sie die Initiative „Tierversuche Verstehen“, die über die aus ihrer Sicht bestehende Notwendigkeit von Tierversuchen informieren.
Literatur Olaf Bartz: Der Wissenschaftsrat. Entwicklungslinien der Wissenschaftspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1957–2007. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09074-2. Olaf Bartz: Wissenschaftsrat und Hochschulplanung. Leitbildwandel und Planungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1957 und 1975, Diss., Köln 2005. (als elektronische Ressource verfügbar) Rolf Berger: Zur Stellung des Wissenschaftsrats bei der wissenschaftspolitischen Beratung von Bund und Ländern. Nomos-Verlag, Baden-Baden 1974, ISBN 3-7890-0109-0. Friedhelm Neidhardt: Institution, Organisation, Interaktion: Funktionsbedingungen des Wissenschaftsrats, In: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft. 40(2), 2012, S. 271–296. Hans Christian Röhl: Der Wissenschaftsrat. Kooperation zwischen Wissenschaft, Bund und Ländern und ihre rechtlichen Determinanten, Nomos, Baden-Baden 1994, ISBN 3-7890-3480-0. Marie-Christin Schönstädt: Wissenschaft evaluieren. Der Wissenschaftsrat und das ostdeutsche Wissenschaftssystem während der Wende (1989/90), Franz Steiner Verlag 2024, ISBN 978-3-515-13590-0. Andreas Stucke: Der Wissenschaftsrat. In: Svenja Falk, Dieter Rehfeld, Andrea Römmele, Martin Thunert (Hrsg.): Handbuch Politikberatung. VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-14250-0, S. 248–254.
Siehe auch Gemeinsame Wissenschaftskonferenz Liste der Beratungsgremien der Bundesregierung
Weblinks
Wissenschaftsrat Veröffentlichungen des Wissenschaftsrats Mitglieder der Wissenschaftlichen Kommission und der Verwaltungskommission Olaf Bartz:Wissenschaftsrat und Hochschulplanung Leitbildwandel und Planungsprozesse in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1957 und 1975 Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln 2005.
Einzelnachweise
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