Die Geschichte der Basken ist wesentlich bestimmt von den Motiven der Selbstbehauptung und Selbstbestimmung. Als ethnische und kulturelle Gemeinschaft war und ist ihnen die baskische Sprache ein vorrangiges Identitätsmerkmal und Anliegen. Die Basken bezeichnen sich selbst als Euskaldunes – „Baskisch-Sprecher“. Ihre Siedlungsgebiete beiderseits der Pyrenäen und am Kantabrischen Gebirge, die vor allem eine an Eigenständigkeit und Ungebundenheit gewöhnte Kultur von Bergbauern haben entstehen lassen, waren mit ursächlich dafür, dass die Basken gegenüber den Herrschaftsansprüchen großer historischer Reiche und Machtkomplexe auf regionaler Ebene nahezu durchgängig ihr Eigenleben und politische Sonderrechte in Form von Autonomieregelungen bewahren konnten.
Nur einmal waren die Basken am Anfang des 11. Jahrhunderts in einem Herrschaftsgebiet politisch geeint. Die Aufteilung des Baskenlands in ein südlich der Pyrenäen bestehendes spanisches (Hegoalde) und ein nördlich der Pyrenäen gelegenes französisches (Iparralde) hat sich hingegen durch alle geschichtlichen Umbrüche bis in die Gegenwart erhalten. In diversen lokalen Regelungen, die als Foralsystem bezeichnet werden und die auf Selbstverwaltung und auf Begrenzung der jeweiligen übergeordneten Herrschaftsmacht zielten, schufen die Basken seit dem Spätmittelalter ein ihre politische Identität prägendes Rechtsgefüge.
Wirtschaftliche Blütezeiten erlebten Basken als Walfänger und Hochseefischer, als Schiffskonstrukteure und Werftenbetreiber, bei der Förderung und dem Export von Eisenerz sowie mit dem Aufbau einer Schwerindustrie. Zu ihren wichtigsten Stadtgründungen gehören auf französischer Seite Bayonne und Biarritz, im spanischen Baskenland San Sebastián und Bilbao sowie Gernika als symbolischer Ort baskischer Freiheit und Selbstbehauptung.
Ein Volk am Rande antiker Zivilisation
Die Ursprünge des baskischen Volkes sind ungeklärt. Erwiesen ist allerdings, dass die baskische Sprache als eine mit keiner anderen verwandte vorindogermanische Sprache die älteste in Westeuropa noch existierende ist.Auf das besonders hohe Alter der baskischen Sprache weist linguistisch außer der isolierten Position auch das Vokabular hin; die Bezeichnungen diverser Trennwerkzeuge vom Beil bis zur Schere enthalten den Wortstamm aitz oder haitz („Stein“), was auf einen bis in die Steinzeit (auf der Iberischen Halbinsel bis vor etwa 4.000 Jahren) zurückreichenden Grundwortschatz schließen lässt. Erste schriftliche Zeugnisse, die die Existenz baskischer Stämme im Baskenland belegen, stammen von römischen Schriftstellern wie Sallust und Plinius dem Älteren und von Geographen wie Strabon und Claudius Ptolemäus. Wie Sprachzeugnisse zeigen, ging das frühere Siedlungsgebiet der Basken weit über das heutige hinaus.„Eindeutige Typonyme baskischen Ursprungs in dem heutigen Baskenland benachbarten Gegenden wie Rioja, den Zentralpyrenäen oder der Gascogne lassen Rückschlüsse auf eine weit über das gegenwärtige Verbreitungsgebiet hinausgehende sprachliche Verankerung des Baskischen zu.“ (Seidel 2010, S. 17)
Die Gebirgszüge der Pyrenäen und des Kantabrischen Gebirges blieben von der römischen Expansion lange ausgenommen, und in den unzugänglichen Gebirgsgegenden des baskischen Raumes entzogen sich die Stammeskulturen weitgehend der Romanisierung. In gleicher Weise behaupteten die Basken ihre Siedlungsgebiete und ihre Sprache auch gegenüber den nachfolgenden Reichen der Westgoten und der Franken, die von Norden her expandierten, und der von Süden kommenden Mauren. Die baskische Geschichtsschreibung erklärt die Vielfalt der unterschiedlichen Dialekte innerhalb eines kleinen geographischen Raumes im Baskenland mit einer weitgehend statischen soziokulturellen Entwicklung bei nur geringem Austausch nach außen.„Jüngste DNA-Analysen bestärken die Vorstellung einer sozialen Isoliertheit auf engstem Raum.“ (Seidel 2010, S. 22)
Im Wirkungsfeld mittelalterlicher Mächte
Als Akteure am Rande der Auseinandersetzung zwischen Franken und Mauren widersetzten sich die Basken gelegentlich den von fränkischer Seite auferlegten Tributen und brachten ihnen 778 in der durch das Rolandslied nachwirkend bekannt gewordenen Schlacht von Roncesvalles eine Niederlage bei. Die anhaltende Rivalität zwischen Christen und Mauren im Norden der Iberischen Halbinsel brachte im 9. Jahrhundert die Herrschaft von Íñigo Arista über das christliche Pamplona hervor, die in der Folge zu einem erblichen Königtum wurde, dem Königreich Navarra. Im Baskenland bildeten sich innerhalb des navarrischen Einflussbereichs die Grafschaften Bizkaia, Álava und Gipuzkoa und der Vizegrafschaften Labourd und Soule heraus. Zum „König aller Basken“ wurde zu Beginn des 11. Jahrhunderts Sancho der Große (Sancho el Mayor), unter dem das Königreich Pamplona, über den Nordrand der Pyrenäen ausgreifend, seine größte Ausdehnung erreichte, bevor es nach seinem Tod unter seinen Söhnen geteilt wurde. In der Folge waren Gipuzkoa, Álava und Bizkaia den wechselnden Herrschaftsansprüchen Kastiliens und Navarras ausgesetzt.Kasper 2008, S. 30–34.
Wie alle frühen kulturellen Impulse von außen kam auch die Christianisierung der Basken erst vergleichsweise spät voran. So scheiterte im 7. Jahrhundert der heilige Amandus mit seinem Missionierungsversuch bei den Basken. Wirksamer erwiesen sich diesbezüglich Kirchenbauten und Klosteranlagen, die später entlang des Jakobswegs entstanden, der zeitweise an der Biskayaküste verlief. Doch in Kernregionen wie Gipuzkoa und Bizkaia stammen die ältesten erhaltenen Kirchenanlagen meist aus der Gotik; und Klosterleben gab es in diesem Raum erst im Spätmittelalter.Seidel 2010, S. 46 f. Im Jahr 1534 aber war es der Baske Ignatius von Loyola, der in einer Krypta des Pariser Montmartre den Orden der Jesuiten gründete, nachdem er seinen baskischen Landsmann Franz Xaver ebenfalls für die katholische Sache gewonnen hatte. Die Jesuiten bildeten den ersten Orden, der weltweit missionierte, und Franz Xaver wurde zu diesem Zweck nach Asien ausgesendet und missionierte in Japan, den Molukken und Malaysia, bevor er auf dem Weg nach China 1552 starb. Beide Ordensgründer wurden 1662 heiliggesprochen.Kurlansky 2000, S. 99–101.
Autarke (Berg-)Bauern und städtische Anfänge
mini|Bauernhöfe im baskisch geprägten Norden Spanisch-Navarras mini|Bauernhof im französischen Baskenland Noch als Wilhelm von Humboldt zum zweiten Mal das Baskenland bereiste und seine Eindrücke festhielt,Für Niebel ist Humboldts Beschreibung der baskischen Gesellschaft noch heute aktuell (Niebel 2009, S. 50). Kurlansky nennt ihn einen der Väter der „Baskologie“. (Kurlansky 2000, S. 455) erschienen ihm als eigentlicher Kern der baskischen Nation die Bauern mit ihren „oft tief im Gebirge“ liegenden Einzelgehöften. Die Städte hingegen seien „ein fremder und späterer Zusatz“. Wie vermutlich seit den frühesten Zeiten, so Humboldt, weise Bizkaia eine zerstreute Besiedlung auf, die Höfe einsam, oft in beträchtlicher Entfernung voneinander liegend. In dieser Abgeschiedenheit nähre der Baske „den Geist der Freiheit und Unabhängigkeit, der ihn auszeichnet“. Dort entwickle er die Liebe zu den Eigentümlichkeiten seiner Lebensart, seiner Nation und Sprache.Wilhelm von Humboldt: Werke in fünf Bänden. Herausgegeben von Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt 1961, Band 2: Schriften zur Altertumskunde und Ästhetik. Die Vasken. S. 545.
Ein von Humboldt aufgesuchter einfacher Berghof war zweistöckig, aus Stein und Holz gebaut, schornsteinlos und mit flach ablaufenden Dächern. Versammlungsort der Familie war die Küche; die daran anschließenden Kammern dienten zum Schlafen und für häusliche Tätigkeit wie die Leinweberei. Oben gab es Böden und unmittelbar an der Küche den Stall. Die Futterkrippe für die von der Feldarbeit zurückgebrachten Ochsen war an der Trennwand von der Küche zum Stall angebracht, „und in der Wand sind zwei Oefnungen durch welche die Thiere den Hals stecken. So wird Unreinlichkeit vermieden und der Landmann hat doch immer die beiden wichtigsten Stücke seiner Wirtschaft unter unmittelbarer Aufsicht.“Wilhelm von Humboldt: Werke in fünf Bänden. Herausgegeben von Andreas Flitner und Klaus Giel, Darmstadt 1961, Band 2: Schriften zur Altertumskunde und Ästhetik. Die Vasken. S. 548 f.
An die Zugehörigkeit zu einem Haus ist die Identität der Basken laut Kurlansky ebenso gebunden wie an die zum Volk. Oft beziehen sich sogar baskische Nachnamen auf Begriffe wie Haus, Steinhaus, neues oder altes Haus. Zu jedem dieser Häuser gehören Gräber für die Angehörigen und als geistliches Oberhaupt eine Frau, die für Segenssprüche und Gebete zuständig ist, die alle Hausangehörigen einschließen: Lebende und Verstorbene. „Noch heute erinnern manche Basken an ihre Ursprünge, wenn sie sich einem Landsmann in der Fremde nicht mit ihrem Familiennamen vorstellen, sondern mit dem Namen ihres Hauses, eines Gebäudes, das vielleicht schon seit Jahrhunderten nicht mehr steht. Der Hausgründer mag entschwunden, der Familienname untergegangen sein, doch der Name des Hauses dauert fort.“Kurlansky 2000, S. 16 f.
mini|Arrasate (Mondragón), vom Berg mini|hochkant|Arrasate (Mondragón), Eingang zur Altstadt Im 13. Jahrhundert nahm die wirtschaftliche Bedeutung der Küstengebiete von Bizkaia und Gipuzkoa zu, deren Häfen nun zum Beispiel für die Ausfuhr kastilischer Wolle nach England genutzt wurden. Die zunehmende Bedeutung von Handwerk und Handel führte zu Städtegründungen mit wirtschaftlichen Privilegien und eigener Rechtsprechung, die nur der Krone unterstanden. Vorreiter war das 1181 vom navarresischen König gegründete San Sebastián. Spätere Städtegründungen gingen hauptsächlich von Kastilien aus. Bilbao wurde 1300 gegründet. Zu den Hafenstädten kamen jene an den Handelsstraßen vom Inland zur Küste. Nach 1330 wurden Stadtgründungen mit Mauern versehen, um die Bewohner zu schützen. Außer dem 1366 gegründeten Gernika dienten die Stadtgründungen dieser Zeit durchweg Verteidigungszwecken.Kasper 2008, S. 37 f.
Die auf handwerklichen und merkantilen Fähigkeiten beruhenden Wirtschaftsformen der Städte machten sie zu bürgerlichen Inseln in ländlicher Umgebung. Die dort vorherrschenden Streusiedlungen schlossen sich mit der Zeit zu größeren Verbänden zusammen, in der Regel bis zu den Grenzen des jeweiligen Tals. Im Zuge der Urbanisierung kam es für viele von ihnen zum Anschluss an die Städte, speziell in Gipuzkoa, wo Ende des 14. Jahrhunderts fast das ganze Gebiet unter städtischem Einfluss stand.Kasper 2008, S. 39.
Fueros – Selbstbehauptung aus eigenem Recht
Pestepidemien und klimabedingte Missernten schwächten im 14. und 15. Jahrhundert die Wirtschafts- und Sozialstrukturen auch im Baskenland. Um die Vorherrschaft ringende verfeindete Grundherren bildeten Kampfverbände, die untereinander Bandenkriege austrugen bis hin zu Schlachten mit Tausenden von Soldaten. Die zunächst von Seiten Kastiliens, dann auch von Navarra dagegen aufgebotenen Hermandades, Polizeitruppen, die sich aus Bauern, Stadtbewohnern und einigen Kleinadligen zusammensetzten, bekamen nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen Ende des 15. Jahrhunderts die Oberhand. Dies trug dazu bei, dass die baskischen Territorien sich als politische Einheiten organisierten und innerhalb ihrer jeweiligen Grenzen zu ersten Gesetzgebungen gelangten. Ein sich breit entwickelndes Bewusstsein der juristischen Gleichheit aller Bewohner führte in Gipuzkoa