Die Geschichte der Theaterarbeit in Schleswig-Holstein gibt Auskunft über die geistige Bewältigung zeitgeschichtlicher Umstände im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein mit den Mitteln der darstellenden Kunst.
Motto 1949 hieß es auf dem Theaterzettel zur Aufführung des „Urfaust“ von Goethe in Lübeck unter der Überschrift „Die Komödie im neuen Jahr“:Vgl. dazu: Günther Rüther: Thomas Manns Deutschlandbilder im Goethejahr 1949 (Onlinefassung).
Zeitliche Abfolge 1430: Lübecker Fastnachtspiel 1450: Flensburger Passionsspiel 1668: Oper in Schleswig-Gottorf 1764: Opern- und Komödienhaus Kiel 1783: Altonaer Schauspielhaus 1823: Paapsches Theater Rendsburg
Vom Fastnachtspiel zum Stadttheater: Lübeck Theatervorstellungen sind in LübeckUngeachtet der Tatsache, dass die Hansestadt Lübeck erst im Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 ihre 711 Jahre alte territoriale Eigenständigkeit verlor und damit Teil der Provinz Schleswig-Holstein wurde, wird ihre Theatergeschichte hier im regionalen Zusammenhang geschildert. seit über 500 Jahren zu erleben. Seit gut 250 Jahren kommt man dafür in die zentral gelegene Beckergrube, wo noch heute zwischen Wohn- und Geschäftshäusern der Theaterbau mit seinen mittlerweile drei Bühnen zu finden ist.Dieser und die folgenden Abschnitte nach: Historie auf theaterluebeck.de, abgerufen am 22. November 2022Vgl. dazu auch: Archiv der Hansestadt Lübeck: Vorwort zum Bestand 04.04-1/7 – Theaterbehörde/Bühnen der Hansestadt Lübeck ()
Spätmittelalterliche Theaterdarbietungen Anfangs waren die Theaterdarbietungen in Lübeck noch an bürgerliche oder kirchliche Institutionen gebunden wie die spätmittelalterliche Kaufmannsverbindung der „Zirkelgesellschaft“ mit ihren Lübecker Fastnachtspielen oder – seit der Reformation – die Schulspiele der Lateinschule St. Katharinen. Noch gab man sich mit Laiendarstellern zufrieden.
Wanderbühnen Ab dem 17. Jahrhundert besuchten Wanderbühnen die Stadt, 1637 erstmals schriftlich bezeugt. Damit war der erste Schritt in Richtung einer freien, unabhängigen Theaterausübung getan. Die Truppen traten meist auf dem Marktplatz auf, später auch in geeigneten Privathäusern.
Im Schröderschen Haus In der Mitte des 18. Jahrhunderts beherbergte immer öfter der besonders theaterbegeisterte Zimmermeister Hermann Hinrich Schröder die Truppen in seinem Haus in der Königstraße, Ecke Wahmstraße.
1751 wurde dieser Brauch offiziell, indem Schröder für die Aufführungen in seinem Haus von der Stadt das Theaterprivileg erhielt. Schon 1746 erlebte Lübeck hier seine erste Opernaufführung, „Ipermestra“, dargeboten von einer italienischen Operntruppe unter Leitung von Pietro Mingotti, der am Schröderschen Haus auf eigene Kosten für die Belange der Oper notwendige bauliche Veränderungen vornehmen ließ.
Damit begann die lange Reihe der Theaterneu- und -umbauten, die immer wieder die Räumlichkeiten den steigenden Komfortansprüchen des Publikums anzupassen, Fortschritte in der Bühnentechnik zu ermöglichen und später auch Sicherheitsbelange zu berücksichtigen suchten.
Im Lüneburger Hof Einen wesentlichen Schritt tat in dieser Entwicklung angesichts des Erfolgs in seinem Haus Hermann Hinrich Schröder: Auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten, die sich vor allem für die aufwändigeren Opernaufführungen auf Dauer besser eignen, stieß er auf den leer stehenden „Lüneburger Hof“ in der Beckergrube. 1753 eröffnete er hier ein einstöckiges Logentheater.
Damit war die bis heute gepflegte Tradition des Lübecker Theaters in der Beckergrube mitten in der Altstadt begründet. Nach 25 Jahren verkaufte Schröder das Haus an die Brüder Hinrich und Johannes Ebbe, die es als „Ebbesches Theater“ weiterführten und allmählich den sich wandelnden Bedürfnissen des Lübecker Bürgertums anpassten.
Stehendes Theater mit festem Ensemble Kurz vor der Jahrhundertwende, im Jahr 1799, trat an die Stelle der wechselnden Wanderbühnen in erweiterten Räumlichkeiten erstmals ein stehendes Theater mit einem festen Ensemble. Regelmäßig wurden hier nun Schauspiel- und Opernvorstellungen geboten, bis 1857 das Bedürfnis nach einem zeitgemäß ausgestatteten, repräsentativen Gebäude wieder so groß wurde, dass unter der Federführung einer aus Mitgliedern des Senats und aus wohlhabenden Kaufleuten sich begründenden Aktiengesellschaft, der Casino-Gesellschaft, ein kompletter Theaterneubau nach den Plänen des Eisenbahnbaudirektors Benda beschlossen und begonnen wurde. Am 3. März 1857 schloss das alte Theater seine Pforten endgültig.
Lübecker Theaterdirektoren 1799–1857:Smith, Kost: Theater Lübeck …, 2008, S. 143. 1799–1810: Friedrich August Leopold Löwe 1810–1815: F. A. L. Löwe / Carl Becker 1815–1818: H. P. F. Hinze 1818–1821: H. P. F. Hinze / Ludwig Huber 1821–1824: Graf von Hahn-Neuhaus 1824–1827: H. Santo 1827–1831: Georg Friedrich Engel 1832–1834: M. Ulbrich / W. Gerstel 1834–1837: Carl Schütze 1837–1838: Carl Schütze / A. Drechmann 1838–1849: Friedrich Engel 1849–1850: J. Steiner / A. Brunner 1850–1857: Friedrich Engel
Casinotheater Am 3. März 1858 wurde erstmals in Lübeck ein von Grund auf zu diesem Zweck konzipierter Theaterbau eröffnet, der neben der Bühne auch verschiedene Gesellschaftsräume enthielt. Knapp 50 Jahre sollte dieser Neubau Bestand haben. Hier fanden beispielsweise die Lübecker Erstaufführungen von Der Ring des Nibelungen (zunächst ohne Götterdämmerung), Die Meistersinger oder Tristan und Isolde statt. Die von Thomas Mann beschriebenen Wagner-Erlebnisse hat man sich hier im Casinotheater vorzustellen, wo im Repertoiresystem eine große Bandbreite an Schauspiel- und Opernaufführungen zu sehen war.
Doch die Entwicklung ging weiter: Es mehrten sich Beschwerden über die Unbequemlichkeit des Zuschauerraums. So kam es der allgemeinen Stimmung entgegen, dass jüngere Erkenntnisse in Fragen der Feuersicherheit, verschiedene spektakuläre Theaterbrände seit Ende des 19. Jahrhunderts und schließlich verschärfte Sicherheitsgesetze den Senat zur Schließung des alten Theaters zu Ostern 1905 veranlassten.
Lübecker Theaterdirektoren 1858–1908: 1858–1864: Friedrich Engel 1864–1868: Leopold Riel 1868–1871: Carl Gaudelius 1871–1873: Frau Gaudelius / Friedrich Engel 1873–1874: Bruno Langer 1874–1876: Peter Grevenberg 1876–1878: Paul Borsdorff 1878–1882: Richard Jesse 1882–1885: Walter Hasemann 1885–1886: Sigmund Lauterberg 1886–1898: Friedrich Erdmann-Jeßnitzer 1898–1900: Max Heinrich 1900–1905: Franz Gottscheid 1905–1908: Ludwig Piorkowsky
Bauplatzdebatte Damit stellte sich die Frage nach der Zukunft des Theaters in Lübeck neu. Schnell einigte man sich darauf, einen Neubau und nicht etwa einen Umbau des alten Theaters anzustreben. Doch wo sollte die neue Bühne errichtet werden? Gerade vor dem Hintergrund der Brandschutzargumentation favorisierten viele ein freistehendes Theater, wie es in den meisten deutschen Städten zu finden war. Über neun Monate dauerte die Bauplatzdebatte. Die Theaterfrage drohte zur Farce zu werden, bis endlich Senator Emil Possehl den Gordischen Knoten durchschlug und mit einem an ein Ultimatum gebundenes Angebot einer großzügigen Grundstücksschenkung Ende 1905 die Entscheidung herbeiführte: Gebaut wurde auf dem angestammten Theaterareal in der Beckergrube.
Dülferscher Theaterneubau Ein Wettbewerb unter den bedeutendsten Theaterarchitekten der Zeit entschied über die Vergabe des Projektes, das in der Ausschreibung folgendermaßen charakterisiert wurde: „Das Theater soll zur Aufführung von Opern und Schauspielen benutzt werden. Die Bühneneinrichtung ist so zu treffen, dass das Haus sowohl für die Wagner’sche Oper, wie auch für das Konversationsstück benutzt werden kann.“ Die Wahl fiel zugunsten eines in sich geschlossenen Jugendstil-Entwurfes von Professor Martin Dülfer aus.
Am 1. Oktober 1908 öffnete das neue Theater seine Pforten und erstaunte, begeisterte und befremdete das Publikum mit seinem reichen, ungewohnten Jugendstildekor – allem voran im Großen Haus mit seiner von Meeresornamentik geprägten Decke. Schon zur Eröffnungsfeier kam das Orchester des Vereins der Musikfreunde zum Einsatz, das heutige Philharmonische Orchester, das neben seinen Sinfoniekonzerten fortan auch die Opernaufführungen im neuen Haus spielte.
Weitere Spielstätten Musste in den ersten 13 Jahren das Große Haus noch alle Opern- und Schauspielaufführungen beherbergen, so gewann das Theater 1921 vorübergehend die „Kammerspiele am Fünfhausen“ als Bühne v. a. für das zeitgenössische Schauspiel hinzu, die 1925 dann von dem zu den „Kammerspielen“ umgewidmeten „Marmorsaal“ abgelöst wurden. Zur Studiobühne mauserte sich später das ehemalige Speisezimmer, das seit dieser Spielzeit als „Junges Studio“ ein neues Profil gewonnen hat.
100-jähriges Jubiläum Mit dem Dülferschen Theaterneubau hat Lübeck 1908 einen Ort gewonnen, an dem sich bis heute das Lübecker Theaterleben konzentriert. Dazwischen lagen Zeiten des Wohlstands und der Mittelknappheit, zwei Weltkriege, die das Theater glücklicherweise unbeschadet überstand, verschiedene Umbaumaßnahmen und schließlich eine umfassende Sanierung zwischen 1993 und 1996, die die alte Jugendstilpracht zu neuem Glanz brachte, den Standard des Hauses in technischer und sicherheitstechnischer Hinsicht verbesserte, der aber die dritte Sparte des Theaters, das Ballett, zum Opfer fiel.
In der Spielzeit 2008/2009 feierte das Theater Lübeck sein 100. Jubiläum und erinnerte in zahlreichen Veranstaltungen an die vielfältige Geschichte des Hauses, gab Einblicke in die Theaterarbeit und präsentierte sich einmal mehr als kulturelles Kraftzentrum der Hansestadt Lübeck.
Liste der Direktoren und Intendanten Die Direktoren (bis 1923) und Intendanten (ab 1924) des neuen Lübecker Theaters wurden von Günter Zschacke in einer Artikel-Serie zum 100-jährigen Theaterjubiläum in der Lübecker Stadtzeitung dargestellt:
1908–1911: Georg Kurtscholz (Der erste Direktor) 1911–1918: Stanislaus Fuchs (Kenner der Szene) 1918–1923: Paul von Bongardt (Der Opernliebhaber) 1923–1925: Georg Hartmann (Der erste Intendant) 1925–1929: Thur Himmighoffen (Thomas Mann in der Vaterstadt) 1929–1932: Otto Liebscher (Zeit der Krisen) 1932–1934: Edgar Groß (Neuer Zeitgeist) 1934–1943: Robert Bürkner (Feierstätte der Nation) 1943–1944: Otto Kasten (Gleich zwei Chefs) 1945–1947: Friedrich Siems (dito) 1948–1951: Hans Schüler (Kunst braucht Geld) 1951–1958: Christian Mettin (Mehr Öffentlichkeit) 1959 (interim): Christoph von Dohnányi (dito) 1959–1964: Arno Wüstenhöfer (Parteienstreit) 1964–1968: Walter Heidrich (Geholt und gefeuert) 1968–1979: Karl Vibach (Musical-Spezialist) 1979–1991: Hans Thoenies (Hans im Glück) 1991–2000: Dietrich von Oertzen (Der Sanierer) 2000–2007: Marc Adam (Adieu Intendant)
Herausragende Intendanten In seinem Buch Lübeck und sein Theater. Die Geschichte einer langen Liebe aus dem Jahr 1996 stellte Wolfgang Tschechne drei Lübecker Intendanten besonders heraus, nämlich: Arno Wüstenhöfer (S. 151 ff.) Karl Vibach (S. 153 ff.) Hans Thoenies (S. 155 ff.)
Und unter der Überschrift Vier Jahrzehnte, vier Intendanten – die letzten ihrer Art in Lübeck? stellte Klaus Brenneke im Jubiläumsjahr 2008 im Heft 14 der Lübeckischen Blätter mit besonderen Akzenten vor:
Karl Vibach als „sanguinisches Vollblut“ (S. 228) Hans Thoenies als „umgänglichen Rheinländer“ (S. 228) Dietrich von Oertzen als „spröden Preußen“ (S. 228 ff.) Marc Adam als „charmanten Elsässer“ (S. 230)
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