Chioggia [] (venezian. Cióxa) ist eine Hafenstadt an der Adria in der italienischen Region Venetien. Sie gehört zur Metropolitanstadt Venedig. Chioggia hat Einwohner (Stand ) und eine Fläche von 185 km². Die Einwohner nennen sich Chioggiotti, in der älteren römischen Form auch Clodiensi.
Geographie mini|Luftbild von Chioggia mini|Die Riva Vena verbindet die Ufer der Altstadt mini|Die Vigo-Brücke am Ende des Vena-Kanals Die auf Holzpfählen errichtete Stadt liegt am Südende der Lagune von Venedig, etwa 25 Kilometer Seeweg von Venedig entfernt. Sie trägt wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Metropolitanstadt den Beinamen „Klein-Venedig“. Chioggia ist über eine Steinbrücke mit dem Festland verbunden. Der Vena-Kanal teilt die Stadt und wird von neun Brücken gekreuzt.
Wirtschaft Chioggias ökonomische Entwicklung lässt sich bis in die Spätantike zurückverfolgen (vgl. Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig). Hochseefischerei und Gemüseanbau (Radicchio rosso, auch „la rosa di Chioggia“ genannt, und Karotten) sind die wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt. Chioggia hat den größten Fischereihafen an der italienischen Adriaküste (gefolgt etwa neunzig Kilometer weiter südlich von Porto Garibaldi) und den größten Fischmarkt Italiens. Es werden Stahl, Backsteine und Textilien produziert.
Ein weiterer Wirtschaftszweig ist der Sommertourismus. Einen elf Kilometer langen Sandstrand bietet der Ortsteil Sottomarina. Mit seiner Strandpromenade, Hotels, Bars, Diskotheken, Restaurants und Strandeinrichtungen ist der Badeort der Hausstrand der Bewohner der ganzen Region um Padua. Zwischen Chioggia und Venedig verkehrt eine Fähre.
Chioggia war schon vor 2010 als Standort für ein neuzubauendes Kernkraftwerk im Gespräch. Dieser ist 30 km Luftlinie von Venedig entfernt. Zahlreiche Seiten, darunter österreichische Regierungsstellen, kritisierten das Vorhaben, auch wegen der dortigen Erdbebengefahr. Die Pläne dafür sind nach einem Referendum gegen Ministerpräsident Berlusconi nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima um voraussichtlich zehn Jahre zurückgestellt worden. 2022 jedoch tauchte Chioggia erneut als möglicher Standort für eines von insgesamt 14 Atomkraftwerken in den Medien auf.Diese waren neben Chioggia Torino Vercellese, Caorso, Monfalcone, San Benedetto del Tronto, Termoli, Brindisi, Palma di Montechiaro, Scanzano Jonico, Garigliano, Borgo Sabotino, Montalto di Castro, Scarlino, Oristano (https://www.polesine24.it/home/2022/09/02/news/una-centrale-nucleare-a-chioggia-e-scoppia-il-caos-205175/ "Una centrale nucleare a Chioggia". E scoppia il caos, in: La voce di Rovigo, 2. September 2022).
Verkehr Im Stundentakt verkehren Fahrgastschiffe zwischen Chioggia und der Lidoinsel Pellestrina, wo Busanschlüsse zum Lido di Venezia bestehen. Von dort verkehren Vaporetti nach Venedig und weiteren Zielen in der Lagune. Im Streckennetz der Verkehrsbetriebe actv bildet die Verbindung Chioggia–Lido, die zwischen Pellestrina und Lido eine weitere Seestrecke enthält, die durchgehende Linie 11.
Geschichte mini|links|Skizze der Stadt von 1534 mini|links|Karte des Hafens, 1804 Über den Ursprung von Chioggia berichtet die Legende, dass Antenor, Aquil und Clodio, flüchtig aus dem Trojanischen Krieg, sich an der oberen Adriaküste niederließen. Aquil soll Aquileia, Antenor Padua und Clodio Clodia gegründet haben. Schon Plinius beschrieb die Hafenstadt Edron, die später Fossa Clodia genannt wurde. Der Name Clodia änderte sich im Laufe der Zeit zu Cluza und Clugia, um sich schließlich zu Chioggia zu wandeln. Erste Nennungen der Stadt sind in byzantinischen Schriften aus dem fünften Jahrhundert zu finden.
Dennoch reicht die Geschichte der Stadt mindestens bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. zurück. Sie war bereits zu dieser Zeit ein Knotenpunkt im Wegenetz durch die Lagunen zwischen Ravenna und Aquileia. Zwei Angriffe trafen die Stadt im 9. Jahrhundert, nämlich vor 810 der Angriff König Pippins, eines Sohnes Karls des Großen, und um 899 der Angriff der Ungarn, die, wie die Franken unter Pippin, Venedig über die langgestreckten Inseln am Ostrand der Lagune attackieren wollten.
1110 wurde Chioggia zum Bischofssitz erhoben. Eine besondere Rolle spielte die Stadt im Salzhandel, denn Meersalz wurde im Umkreis der Stadt in einer Reihe von Salinen gewonnen. Dabei beanspruchte Venedig früh ein Monopol auf das in weitem Umkreis gehandelte Produkt. Dies führte dazu, dass die Republik die Produktionskosten niedrig hielt, um gleichzeitig hohe Exportzölle zu verlangen. Dies führte im 13. Jahrhundert zu einer Krise der Salzproduktion. Dazu trug in hohem Maße bei, dass die Konkurrenz der Salinen von Cervia und auf Istrien die Situation verschärfte. Schließlich entzog der wachsende Bedarf der Handels- und Kriegsmarine, insbesondere seit dem Vierten Kreuzzug, einen erheblichen Teil der Arbeitskräfte dem lokalen Markt.
Während des sogenannten Chioggia-Krieges, dem entscheidenden Zusammenstoß zwischen Venedig und Genua, eroberten die Genuesen 1379 nach einer Invasion von der Seeseite aus die Stadt, wurden aber 1380 von Venedig zurückgeschlagen. Die Kriegsfolgen waren jedoch gravierend, denn die Salinen waren schwer geschädigt, die Stadt zur Hälfte zerstört, viele waren geflohen. Zudem sah Venedig die Stadt als potentielle Konkurrentin und verhinderte den Wiederaufbau der Salinen, die Ausdehnung oder gar Befestigung der Stadt. Diese durchlebte eine lange Zeit der „Verländlichung“. So verlegten sich viele der Bewohner auf den Gartenbau, der größere Teil von ihnen lebte von den Ressourcen der Lagune. Die tartana wurde ab dem 14. Jahrhundert das vorherrschende Schiff der Fischer, ein Wasserfahrzeug, das sich zudem leicht für Kriegszwecke umbauen ließ.
Erst um 1600 wuchs die Bevölkerung wieder an. Der Fischfang, der sich lange auf die Lagune konzentrierte, verlagerte sich zunehmend in die Adria. Dies erforderte einen Ausbau des Hafens, der nun auch für Handelszwecke an Bedeutung gewann. Doch auch dieser wirtschaftliche Aufschwung erreichte bald seine Grenzen, die Fischer wurden zunehmend gezwungen, ihre Fänge auf den Märkten Venedigs anzubieten. Zudem wurde in diesen Bereich immer weniger investiert. Der Rückgang war so stark, dass die großen tartane weitgehend durch kleinere Boote, wie die bragozzi ersetzt wurden. mini|Auszug aus dem napoleonischen Kataster von 1808 mit Chioggia und Sottomarina, Staatsarchiv VenedigGundula Rakowitz, Alessandro Virgilio Mosetti: Lessico lagunare. Configurazioni, saline, progetti, in: Christian Toson, Lorenza Gasparella, Alessandro Virgilio Mosetti (Hrsg.): Venezia, Laguna. Persistenze e metamorfosi di luoghi in divenire, engramma, o. J., S. 95–113, hier: S. 107, Abb. 9 (online, PDF). 1797 besetzte Napoléon Bonaparte Venedig, und somit war auch Chioggia der französischen Verwaltung unterstellt. Entsprechend dem Vertrag von Campoformio (1798) wurde die Stadt Österreich übergeben. Gegen die neuen Herren, die Österreicher, kam es zu einem Aufstand. Dieser erfolgte am 20. April 1800 während der Prozession des Christus von San Domenico (La sollevazione del Cristo). Bis 1814 wechselte die Herrschaft zwischen den beiden Besatzungsmächten (bzw. der napoleonischen „Republik Italien“). Als die Franzosen 1805 zurückkamen, wurden sie mit Jubel empfangen, während man den abermals 1814, bzw. 1815 wieder einziehenden Österreichern mit Misstrauen und Ablehnung begegnete. mini|Josef Theodor Hansen (1848–1912): Gade i Chioggia (Straße in Chioggia), Öl auf Leinwand, 39 × 26 cm, 1885, private Sammlung Von 1814 bis 1866 war Chioggia mit Venetien Teil des Kaisertums Österreich, anschließend kam es zu Italien; 1866 hatte die Stadt 22.000 Einwohner.Die Einwohnerzahlen entstammen der Tabelle bei Martina Lunardi: Pescatori di Chioggia, tesi di laurea, Università Ca' Foscari, Venedig 2017, S. 19. Bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde Chioggia als rückständig betrachtet. Es war verarmt, der Analphabetismus war der Normalfall, Krankheiten grassierten immer wieder, es gab wenig Entwicklungsaussichten, die politische Situation war instabil. Dabei stieg die Bevölkerungszahl stetig an: 1871 zählte die Kommune 28.051 Einwohner – eine Zahl, die bis 1881 auf 29.236, bis 1901 auf 31.218 anstieg, zehn Jahre später auf 35.052.Populazione residente dei Comuni. Censimenti dal 1871 al 1991, Istat, Rom 1994, Tab. 3: Popolazione residente per Comune, S. 331 (online, PDF).
Die schwierige Situation änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. 1892 entstand eine erste Schule, in der die Schüler wohnen konnten. Deren Aufgaben, insbesondere die Alphabetisierung, hatten bis dahin die örtlichen Konvente übernommen. Bei den Mädchen konzentrierte man sich auf die für angemessen erachteten Handwerke, wie etwa die Stickerei. Weiterhin sorgte der Zwangsverkauf in Venedig dafür, dass nur die Zwischenhändler zu Vermögen kamen. Selbst die Wasserversorgung wurde nur von entsprechenden Verkäufern gesichert, den acquaioli, die Wasser von weit her holen mussten, etwa aus dem Brenta. Erst 1888 entstand ein Aquädukt, durch den Süßwasser unmittelbar in die verarmte Stadt gelangte. 1840 war die Mündung des Brenta nach Süden verlagert worden, was jedoch zu einer starken Verlandung der Umgebung führte. Dies wiederum förderte die Malaria und machte den Hafen beinahe unbrauchbar.
Erst als der Fluss erneut verlagert wurde, und sein Wasser direkt in die Adria floss, verbesserte sich die Situation. Um 1900 begann ein rapides Wachstum verschiedener Industriezweige, wie der Produktion von Zement, es entstanden Konservenfabriken. Darüber hinaus entstanden durch den frühen Tourismus mit den Schwerpunkten Chioggia und Sottomarina weitere Arbeitsplätze. 1887, noch vor der Fertigstellung der Wasserversorgung durch besagten Aquädukt, wurde Chioggia ans Eisenbahnnetz angeschlossen, nämlich nach Adria. Damit entstand zum ersten Mal eine unmittelbare Verbindung zum Festland. Schließlich wurde eine Straßenbeleuchtung aufgebaut. Im Laufe der Zeit verschwanden die zahlreichen von Pferden getriebenen Mühlen, eine Antriebsweise, die vorgezogen wurde, weil das Gefälle der Flüsse zu gering war. So zählte man 1874 noch 56 Pferdemühlen, dazu zwei mit Dampf getriebene Exemplare.Filippo Zattin: Mulini in Veneto: un'analisi geostorica dai Colli Euganei a Chioggia, Diss., Padua 2021, S. 37 f. (im Gebiet von Cavarzere fanden sich 1874 immerhin 73 Wassermühlen, S. 39) (online). Zattin bezieht sich auf Domenico Monterumici: Distretto di Chioggia. Illustrazioni statistiche amministrative, Luigi Zoppelli, Treviso 1874. mini|Chioggia, Kürbis-Markt. Historisches Bild von Leo Wehrli (1937) mini|Der Strand von Sottomarina
Während der beiden Weltkriege wurde die ökonomische Aktivität weitgehend blockiert. Der Fischfang verlor endgültig an Bedeutung, die Stadt verarmte. Viele Arbeitskräfte wanderten ab, dennoch stieg die Einwohnerzahl bis 1921 auf 36.427, zehn Jahre später lag sie bei 40.252.