Gandharva ( m.; Pali gandhabbā) ist in den frühen Schriften der indischen Veden ein mit magischen Fähigkeiten begabtes, niederes Geistwesen, später ein Halbgott (upa-deva), welcher die Geheimnisse des Himmels und der göttlichen Wahrheit kennt und offenbart. In den einzelnen Textsammlungen besitzen die Gandharvas unterschiedliche Fähigkeiten, mit denen sie in der hinduistischen Mythologie überliefert wurden. Sie gelten als Personifizierungen des Sonnenlichts oder haben die Aufgabe, als dienstbare Geister den Soma, den Trank der Götter, zu bereiten und zu beschützen. Nach der buddhistischen Tradition zählen sie zu den Göttern (devas). In den auf Sanskrit verfassten klassischen Epen kommen Gandharvas (anderer Plural Gandharven) in größeren Gruppen zusammen mit ihren weiblichen Gefährtinnen, den Apsaras, als Musiker und Sänger vor. mini|Tanzende Apsara (links) und Gandharva-Musiker (rechts). Indisch beeinflusster Cham-Stil, Tra Kieu, Zentral-Vietnam, 10. Jahrhundert

Gandharva bezeichnet in Theorie und praktischer Anleitung auch die altindische Ritualmusik, die besonders dazu geschaffen war, die himmlischen Götter zu erfreuen. Der (halbmythische) Gelehrte Bharata Muni beschrieb als erster die streng festgelegte Musik, einschließlich Tanz und Drama, detailliert in dem um die Zeitenwende entstandenen Werk Natyashastra. Diese altindische Musiktheorie Gandharva-Veda enthält viele der bis heute gültigen Grundlagen der klassischen indischen Musik.

Herkunft und Erscheinungsformen Die Zahl der Gandharvas wird im Atharvaveda an einer Stelle mit 6333 angegeben, das Mahabharata nennt „siebenmal 6000 Gandharvas“. In frühen und späteren Schriften sind sie Frauen sehr zugetan und besitzen eine magische Macht über diese. Die Apsaras erscheinen in einer Gruppe mit den Gandharvas als ihre Gemahlinnen oder Gespielinnen.

Gandharvas kennen sich mit Heilkunde aus, kontrollieren den Göttertrank Soma und helfen, den nächtlichen Sternenhimmel zu formieren. Im Umfeld des vedischen Gottes Indra, des Herrn des Himmels, unterhalten die Gandharvas mit Musik die Götter bei den Festlichkeiten. Die Götter sind in ihrer Versammlungshalle von tausenden Gandharvas und Apsaras umgeben, die singen, Instrumente spielen, tanzen und glückbringende Rituale vollziehen. Wohnsitz der Götter ist der heilige Berg Kailasa, dessen Gipfel in den Klang himmlischer Musik und wohlriechender Düfte eingehüllt ist.

Laut dem Atharvaveda wird die Welt in vier Gebiete eingeteilt, denen in der Aufzählung die vier Veden entsprechen: 1) Die Erde besteht aus Ozeanen, Bergen und sieben Inseln. 2) Den Luftraum bevölkern Gandharvas, Apsaras und weitere niedere Gottheiten, die Yakshas genannt werden. 3) Im Himmel halten sich alle Götter auf, darunter die Vasus, Rudras (Gefolge von Rudra) und Adityas. 4) Im jenseitigen, höchsten Raum weilt das Prinzip des Brahman.Paul Deussen (Übers.): Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda. F.A. Brockhaus, Leipzig 1938, S. 756 (Marix, Wiesbaden 2006, S. 906f) Nach dem Yajurveda kannten die Gandharvas die großen Geheimnisse, also die Wohnorte der Götter und die Weltenordnung.

Woher die Gandharvas kamen und wer ihr Anführer ist, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Im Vishnupurana sind sie einmal Nachkommen von Brahma; sie kamen zur Welt, als sie die göttliche Melodie und Rede aufsaugten (gam dhayantah). Anderswo werden sie als Söhne eines himmlischen Weisen (Rishi) namens Kashyapa und seiner Gemahlin Arishta vorgestellt. Im Harivamsa wird Muni, eine andere von Kashyapas Frauen als ihre Mutter genannt, auch sollen sie dort aus der Nase Brahmas gekommen sein. Der Sänger Citraratha, Sohn der Muni, ist Anführer der himmlischen Musiker, die zusammen mit den Apsaras in prachtvoll angelegten Städten wohnen. Nach dem Padmapurana gibt es 60 Millionen Gandharvas, die auf Vach, die Tochter von Daksha, einer anderen Frau von Kashyapa, zurückgehen.William Joseph Wilkens, 1975, S. 484

mini|Möglicherweise Narada, der Erfinder der vina. Miniatur vom Anfang des 19. Jahrhunderts In den vorepischen Texten stehen Gandharvas noch kaum mit Musik in Verbindung und werden wie die Apsaras selten erwähnt. In einem Hymnus des Atharvaveda tönt aus den Bäumen Musik, nachdem sich zuvor Apsaras darunter aufgehalten hatten. In derselben Textstelle wird ein Gandharva tanzend zwischen Apsaras erwähnt.Monika Zin, 2003, S. 158

Ihre eigentliche Bekanntheit beginnt mit dem Mahabharata. Ein Gandharva-König heißt Visvavasu, er ist der Sohn von Danu und soll bei einer Opferzeremonie so schön vina gespielt haben, dass jeder Zuhörer glaubte, er spiele allein für ihn. Visvavasus Sohn Citrasena begleitete Arjuna, als sich dieser im Khandava-Wald aufhielt und brachte ihm Tanzen, Singen und das Harfenspiel bei.Swami Parmeshwaranand: Encyclopaedic Dictionary of Purāṇas. Volume 3 (I–L). Sarup & Sons, Neu-Delhi 2001, S. 641; Walter Kaufmann, 1981, S. 42

Auch der mythische Weise Narada, der Sohn Brahmas und Erfinder des ältesten Saiteninstruments vina ist ihr Anführer. Narada agiert als Götterbote und trägt die Beinamen Deva-Gandharva („göttlicher Gandharva“) oder Gandharva-Raja („König der Gandharvas“).

Einer der berühmtesten himmlischen Musiker ist der meist mit einer Bogenharfe abgebildete Pancasikha, der nur in der buddhistischen, aber nicht in der hinduistischen Tradition vorkommt. Pancasikha gehört zu den Begleitern Indras, zwei Jatakas beschreiben, wie Pancasikha, Indra und Matali (Indras Wagenlenker) zusammen in eine Familie wiedergeboren werden.Monika Zin, 2003, S. 155 Nach der bekanntesten Erzählung wollte einst Indra Buddha besuchen. Indra erhoffte sich von Buddha eine Verlängerung seiner zu Ende gehenden Lebensspanne im Himmel, zweifelte aber, ob dieser ihn empfangen würde, da Buddha ihn nicht kannte. Also sollte Pancasikha vorauseilen, um den Buddha mit sanfter Musik aus seiner Meditation aufzuwecken und auf den Besuch vorzubereiten. Pancasikha brachte Lobgesänge auf den Buddha sowie an eine Apsara gerichtete Liebeslieder dar. Ein Steinrelief des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. aus Nagarjunakonda (Insel im Nagarjuna-Stausee in Andhra Pradesh) zeigt wie viele ähnliche Abbildungen diese Szene. Indra, der an einer hohen zylindrischen Kopfbedeckung zu erkennen ist, steht rechts, neben ihm spielt Pancasikha Harfe. Zwischen den beiden Besuchern und Buddha haben sich sechs himmlische Gestalten (möglicherweise Bodhisattvas) dazugesellt, die drei vorne Sitzenden halten sich die Ohren zu.Walter Kaufmann, 1981, S. 20, 108

Auf einem Gandhara-Relief am Stupa von Sikri (nordwestlich von Taxila) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. meldet Pancasikha Indras Besuch bei Buddha an, der sich zur Meditation in eine Höhle zurückgezogen hat. Links unterhalb des sitzenden Buddha fährt der kleiner dargestellte Pancasikha mit weit ausgreifenden Handbewegungen in die vier Saiten seiner Harfe. Noch kleiner und ganz in den Hintergrund gedrängt steht Indra am linken Bildrand. Vielleicht ist Indra noch weit entfernt, als Pancasikha bereits vor Buddha musiziert.Walter Kaufmann, 1981, S. 142

Im Vishnupurana findet sich die Geschichte vom Kampf der Gandharvas mit den Schlangengottheiten (Nagas), deren unterirdisches Reich sie plünderten. Die Naga-Oberhäupter wandten sich daraufhin an Vishnu und baten um Unterstützung. Vishnu versprach, in Gestalt des Königs Purukutsa (auch ein Dichter vedischer Mantras) einzugreifen. Die Nagas verheirateten ihre Tochter Narmada (Fluss Narmada in Zentralindien) mit Purukutsa, der die Gandharvas aufspürte und vernichtete.

mini|hochkant|Pferdeköpfiger Tumburu, leitender Musiker-Sänger der Gandharvas mit einer vina. Gouache um 1820, vermutlich aus Tamil Nadu Die Gandharvas sind Mischwesen wie die schlangengestaltigen Nagas oder die ebenfalls musizierenden Kinnaras mit Vogelbeinen (deren weibliche Entsprechung sind die Kinnaris). Die Kinnaras sind gutmütige, hilfsbereite Fabelwesen, sie treten stets paarweise auf (wenn sie beispielsweise zusammen im Fluss baden) und sind vorzügliche Musiker. Bei festlichen Anlässen unterhalten sie zusammen mit Gandharvas und Apsaras. Ein solches Fest fand statt, als der Palast des Königs Yudhishthira, einer der fünf Pandavas des Mahabharata, eingeweiht wurde und alle, auch die eingeladenen Rishis unter der Leitung von Tumburu himmlische Lieder sangen.Walter Kaufmann, 1981, S. 180 Tumburu ist der Sohn des Rishi Kashyapa und seiner Frau Pradha, er gilt als der beste Musiker unter den Gandharvas. Nach einer anderen Erzählung wird er mit Viradha gleichgesetzt, einem menschenfressenden Dämon (Rakshasa), der nach seinem grausamen Tod als schöner Gandharva wieder ins Leben trat. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass der zwergengestaltige Gott Kubera ihn zu einer Existenz als Rakshasa verurteilt hatte, aus der er durch Rama befreit wurde.John Dowson, 1879, S. 358f

In der hinduistischen Literatur haben die Kinnaras manchmal Pferdebeine wie die Gandharvas, zu denen sie gelegentlich gerechnet werden, aber nur, weil auch sie Mischwesen sind und musizieren. In jedem Fall stehen die beiden himmlischen Wesen in Beziehung zu Pferden (vajin). Beide können menschengesichtig mit Pferdeunterleib dargestellt werden. Viele Gandharvas, vor allem solche, die auf dem Wind (Windgott Vayu) dahertreiben, besitzen dagegen einen Pferdekopf. Entsprechend heißt die Urmutter der Pferde Gandharvi,Vettam Mani, 1975, S. 275 ebenso wie Kadru die Schlangen (nagas) gebar, und Rohini die Kühe. Der Zusammenhang zwischen Gandharvas und Pferden wird im Mahabharata an mehreren Stellen hervorgehoben. Die Gandharvas besitzen dort rasend galoppierende Pferde, die ihre Farbe beliebig wechseln können. Der Gandharva Tumburu schenkt Yudhishthira 100 Pferde, die er später beim Würfelspiel verlieren wird. Arjuna erhält vom Sänger Citraratha ebenfalls Pferde.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde und wird über eine Verbindung des Sanskritwortes gandharva mit dem griechischen kentauros diskutiert, dem Kentaur, einem Mischwesen der griechischen Mythologie mit menschlichem Oberkörper und Pferdeunterleib. Abgesehen von der Etymologie, die bis heute unterschiedlich beurteilt wird, gibt es Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild und Verhalten der beiden mythischen Geschöpfe. Sie reiten gleichermaßen auf dem Sturmwind daher, stellen Frauen nach und sind mit magischen Fähigkeiten ausgestattet. Pferde waren für die frühen indogermanischen Steppenvölker Jagdbeute und Totemtiere, noch bevor sie als Reit- und Lasttiere domestiziert wurden.J. Nigro Sansonese: The Body of Myth: Mythology, Shamanic Trance, and the Sacred Geography of the Body. Inner Traditions, Rochester (Vermont) 1994, S. 60, ISBN 978-0-89281-409-1

In früheren Schriften ließ die Zuneigung zu Frauen die Gandharvas manchmal auch als bedrohlich wirken und eine negative Beschreibung erhalten. In einem Vers des Atharvaveda erscheinen sie behaart wie Affen und den Hunden ähnlich, verwandeln sich aber in schöne Gestalten, um die Frauen zu verführen. Behaart sind sie auch in anderen Texten: Im Mahabharata trägt an einer Stelle ein tanzender Gandharva ein Haarbüschel, an einer anderen Stelle schleift Arjuna einen Gandharva, den er im Kampf besiegt hat, an den Haaren mit sich fort.Monika Zin, 2003, S. 157f

Im Mahabharata wird anlässlich mehrerer Kämpfe die Bewaffnung der Gandharvas geschildert, einige Male werden sie als Bogenschützen erwähnt. Citraratha, den Arjuna im Kampf besiegt hat, teilt mit Arjuna seine magische Fähigkeiten (cakshusi vidya), die es ihm erlauben, in alle drei Welten hineinsehen und so im Kampf die Menschen besiegen zu können. Möglicherweise war mit diesen Fähigkeiten auch die Waffenkunde gemeint.Monika Zin, 2003, S. 156