mini|Sir Henry Campbell-Bannerman, 1902 Sir Henry Campbell-Bannerman GCB, PC (* 7. September 1836 in Glasgow; † 22. April 1908 in London) war ein britischer liberaler Politiker und Premierminister vom 5. Dezember 1905 bis zum 3. April 1908. In eine mittelständische Familie im schottischen Glasgow geboren, hegte er früh politische Ambitionen und trat bald als Kandidat der Liberalen Partei auf. 1899 wurde er Oppositionsführer im Unterhaus (House of Commons). Ursprünglich nur als Übergangslösung angesehen, behielt er den Posten auch in der für die Liberalen turbulenten Phase um die Jahrhundertwende und wurde Ende 1905 Premierminister, als der konservative Premierminister Arthur Balfour die Regierungsgeschäfte an die Liberalen übergab. Campbell-Bannerman rief sofort Neuwahlen aus, die für die Liberalen in einem Erdrutschsieg mündeten. Gestärkt von einer großen Mehrheit im Unterhaus, begannen die Liberalen seiner Führung mit dem Versuch, einige große sozialen Reformvorhaben umzusetzen. Diese wurden jedoch von der konservativen Mehrheit im Oberhaus (House of Lords) behindert. Campbell-Bannerman erlitt im Verlauf des Jahres 1908 mehrere Herzattacken und trat infolgedessen 3. April 1908 zurück. Er starb wenig später in 10 Downing Street.

Leben Campbell-Bannerman wurde 1836 als Henry Campbell in Glasgow (Schottland) als zweiter Sohn in eine mittelständische Familie geboren. Sein Vater war Sir James Campbell, ein Selfmademan. Dieser leitete gemeinsam mit seinem Bruder einen prosperienden Familienbetrieb, der sich auf den Import von Rohstoffen und den Export von Fertigprodukten spezialisiert hatte.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 9. Seine Mutter war Janet Bannerman. Der junge Henry besuchte die Glasgow High School, anschließend machte er mit seinem 10 Jahre älteren Bruder eine kurze Grand Tour. Bei seiner Rückkehr listete er sich an der Universität Glasgow, wo er Klassische Altertumswissenschaft studierte. In Griechisch zeichnete er sich aus, blieb jedoch nicht bis zur Abschlussprüfung an der Universität, sondern wechselte (als Gentleman Commoner) an das Trinity College in Cambridge. Er graduierte mit „Third Class Honours“.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 9 f.

Danach kehrte er nach Glasgow zurück, um im Familienbetrieb zu arbeiten. 1860 wurde er ein Partner in der Firma. Im gleichen Jahr lernte er die drei Jahre ältere Charlotte Bruce kennen, eine Freundin seiner Schwägerin. Mit ihr verlobte er sich bereits beim zweiten Treffen. Die Beziehung war von Anfang an von großer Zuneigung und vieler gemeinsamer Interessen, wie beispielsweise eine Liebe für Reisen, geprägt.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 10.

Ungefähr zur gleichen Zeit wie seiner Eheschließung beschloss Campbell-Bannerman, der Liberalen Partei beizutreten. Sein Vater war ein Konservativer gewesen und es ist unklar, was seine Konvertierung veranlasste. Gemeinhin wird zum einen der Einfluss seines Onkels William genannt, der Liberaler war oder der eines Angestellten im Familienbetrieb, Daniel Lawson.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 10 f.

1868 wurde er als liberaler Abgeordneter ins Unterhaus gewählt. 1884 trat er Gladstones zweitem Kabinett als Minister für Irland bei. In Gladstones drittem (1886) und viertem (1892–1894) Kabinett und auch in Roseberys Regierung (1894–1895) diente er als Kriegsminister. Als sein größter Erfolg in dieser Zeit gilt, dass er den Herzog von Cambridge, einen Cousin der Königin Victoria und Oberbefehlshaber der Truppen, zum Rücktritt bewegen konnte. Dadurch wurde der Weg für dringend notwendige Reformen der Armee frei; Campbell-Bannerman wurde 1895 als Knight Grand Cross des Order of the Bath zum Ritter geschlagen.William Arthur Shaw: The Knights of England. Band 1. Sherratt and Hughes, London 1906, S. 214.

mini|Karikatur in Vanity Fair, August 1899 1899 wurde Campbell-Bannerman Nachfolger von Sir William Vernon Harcourt als Führer der Liberalen im Unterhaus. Er übernahm als Oppositionsführer eine zerstrittene Partei. Zu diesem Zeitpunkt wurde Campbell-Bannerman eher als ein Platzhalter und Übergangslösung angesehen. Er hatte die schwierige Aufgabe, die zerstrittene Partei zusammenzuhalten. Der Burenkrieg in Südafrika bedeutete für die Liberale Partei, die uneins über ihre Haltung zum Krieg war und sich bald in Pro-Buren und Liberalen Imperialisten teilte, eine schwere innere Zerreißprobe. Rosebery, H. H. Asquith und Edward Grey unterstützten den Krieg im Zeichen des Britischen Imperialismus, John Morley und der junge David Lloyd George lehnten ihn hingegen strikt ab.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 74 ff. Cambell-Bannerman selbst äußerte sich kritisch über den Krieg. Die Unterhauswahl 1900, als Khaki-Wahl bezeichnet, führte zu einer patriotischen Stimmung im Land und zu einer schweren Niederlage für die Liberalen.

Mit Ende des Krieges rückten jedoch schnell wieder andere Themen in den Vordergrund.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 82. Die regierenden Konservativen wurden nun selbst gespalten, als Joseph Chamberlain eine Abkehr vom Freihandelsdogma proagierte und für die Errichtung von Zollhandelsschranken eintrat, von denen die Dominions (unter dem Schlagwort „Imperiale Präferenz“) ausgenommen sein sollten. Dahinter stand seine Vision einer weitergehenden Union zwischen Großbritannien und seinen Dominions (Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland), die er mit einer Zollunion begründen wollte; diese würde in seinen Augen irreversibel sein und schrittweise über eine ökonomische und militärische zu einer politischen Union führen. Eine solche Union würde zudem auf lange Sicht allen Klassen immense Vorteile bieten, dazu wäre Großbritanniens machtpolitischer Status auch in der Zukunft abgesichert.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 43.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 27. Während Chamberlains Ideen innerhalb der Konservativen Partei binnen weniger Jahre zu einer wichtigen Strömung avancierten und von den meisten konservativen Unterhausmitgliedern befürwortet wurden, war das Thema bei Wahlen niemals mehrheitsfähig. Bei einem großen Teil der Arbeiterklasse waren Zölle sehr unbeliebt, da sie die Zufuhr günstiger Lebensmittel eingeschränkt hätten. Ebenso fühlten sich die Rentner der Mittelschicht von der Idee bedroht, da sie eine Verminderung der Kaufkraft ihrer fixen Renten befürchteten. Außerdem einte Chamberlains Kampagne die zuvor zerstrittene Liberale Partei, traditionell ein starker Befürworter des Freihandels.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 180 ff. Campbell-Bannerman zählte ebenfalls zu den starken Befürwortern der Freihandelsidee;John Wilson: CB: A Life of Sir Henry Campbell-Bannerman. Constable & St Martin's Press, London 1973. S. 407. er hielt mehrere große Reden, in denen er die Freihandelsidee vehement verteidigte.John Wilson: CB: A Life of Sir Henry Campbell-Bannerman. Constable & St Martin's Press, London 1973. S. 413.

Die Liberalen handelten 1903 den Gladstone-MacDonald-Pakt mit der Labour-Partei aus, der ein informelles Bündnis darstellte, um eine Zersplitterung der Stimmen im linken Parteienspektrum zu verhindern und diese stattdessen zu bündeln, um die regierende Konservative Partei bei der nächsten Unterhauswahl abzulösen.

Im Verlauf des Jahres wurde deutlich, dass die konservative Regierung von inneren Streitigkeiten über der Zollfrage zunehmend zerrissen wurde. Daraufhin entschloss sich Premierminister Balfour (als bislang letzter Premierminister), den Liberalen die Regierungsgewalt zu übergeben und trat ohne Neuwahlen zurück.

Nach dem Rücktritt der konservativen Regierung Balfour im Dezember 1905 wurde Campbell-Bannerman mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Ein Versuch des Triumvirats Asquith, Grey und Haldane, Campbell-Bannerman im Zuge des sogenannten Relugas Compact ins Oberhaus „abzuschieben“ scheiterte. Stattdessen nahm er eine starke Position als Führer des Unterhauses ein, die durch einen Erdrutsch-Sieg in der von ihm im Januar 1906 initiierten Neuwahl – die den Liberalen zahlreiche zusätzliche Mandate erbrachte – noch weiter gestärkt wurde.

Die Liberalen traten mit einem umfangreichen Reformprogramm an und intendierten, zahlreiche Gesetze einzubringen, die die Armut in Teilen der Gesellschaft lindern sollten. Die Umsetzung dieser Reformgesetze stellte sich teilweise als sehr schwierig dar, weil die konservativen Lords des Oberhauses die meisten Reformvorhaben der Liberalen blockierten. Immerhin erreichte seine Regierung mit seinem Außenminister Sir Edward Grey Verständigung mit dem Kaiserreich Russland: den Vertrag von Sankt Petersburg und einen Vertrag über Tibet (beide geschlossen am 31. August 1907). Ebenfalls 1907 wurde Campbell-Bannerman zum Father of the House (Abgeordneter mit der längsten ununterbrochenen Mandatszeit). Er ist bis heute der einzige Premierminister, der diese Rolle innehatte.

Seit langem von schlechter Gesundheit, erlitt Campbell-Bannerman im Verlauf des Jahres 1907 drei Herzanfälle.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 132. Mehrere kurze Kuren bewirkten keine Besserung. In dieser Phase wurde er jeweils von Schatzkanzler Asquith, seit langem der kommende Mann in Wartestellung, vertreten. Im Februar 1908 erlitt er einen erneuten Herzanfall.Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006, S. 133. Campbell-Bannerman trat deshalb am 3. April 1908 von seinem Amt zurück. Er starb nur 19 Tage später in Downing Street No. 10. Sein Nachfolger als Premierminister wurde Asquith.

Campbell-Bannerman wurde bestattet auf dem Friedhof der Pfarrkirche von Meigle, in der Nähe von Belmont Castle, seinem Heim seit 1887. An der Außenwand der Kirche erinnert eine Steinplatte an ihn.undiscoveredscotland.co.uk

Literatur John A. Spender (1862–1942): The Life of the Right Hon. Sir Henry Campbell-Bannerman. 1923. Band I, Roy Hattersley: Campbell-Bannerman (British Prime Ministers of the 20th century series). Haus Publishing, 2006; Contents, Introduction John Wilson: CB: A Life of Sir Henry Campbell-Bannerman. Constable & St Martin's Press, London 1973.

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Einzelnachweise

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