mini|hochkant|Burmesische dreisaitige Violine tayaw im Musical Instrument Museum, Phoenix, Arizona. Tayaw (birmanische Schrift ), auch tayàw, tayò, ist das birmanische Wort für „Streichinstrument“, das im 19. Jahrhundert in Myanmar für eine dreisaitige Schalenhalslaute mit einem schweren achtförmigen Korpus und für Mischformen zwischen dieser Laute und der europäischen Violine stand. Heute bezeichnet tayaw die Violine, die in der burmesischen Musik an die Stelle der im 20. Jahrhundert verschwundenen burmesischen Streichlauten getreten ist. Mutmaßlich ab dem 12. Jahrhundert dürfte es in Myanmar Streichinstrumente vom Typus der chinesischen Spießlauten gegeben haben, über die jedoch fast nichts bekannt ist.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Frühere dreisaitige burmesische Fiedel tayaw, um 1900 Myanmar ist geographisch größer als Thailand, dennoch war die Musik des Landes bis 1940 nahezu unbekanntKhin Zaw: Burmese Music (A Preliminary Enquiry). In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London, Band 10, Nr. 3, 1940, S. 717–754, hier S. 717 und wurde seitdem in deutlich geringerem Umfang erforscht als die thailändische Musik. Dies liegt hauptsächlich daran, dass nach der Unabhängigkeit 1948 Militärregierungen das Land von der Außenwelt isolierten und eine Einreise bis in die 1990er Jahre für Ausländer (Touristen und Wissenschaftler) nicht oder nur mit Restriktionen möglich war.Ward Keeler, 2008, S. 84 Bis heute sind nicht alle Bergregionen frei zugänglich oder gefahrlos erreichbar. Die musikethnologische Literatur zu Myanmar konzentriert sich daher auf die klassische Musik der Bamar (Birmanen) in den zentralen Landesteilen, die mit gut zwei Dritteln der Einwohner die stärkste Bevölkerungsgruppe und die Titularnation bilden, weniger auf das übrige Drittel der Minderheitenvölker mit meist eigenen Sprachen und Musikstilen. Die Musikgeschichte Myanmars wird überwiegend über Kenntnisse aus den benachbarten Großregionen Indien und China erschlossen. Von dort sind die wesentlichen äußeren Einflüsse auf die Musik Myanmars zu erwarten, insofern hat in einem weiteren Sinn die kolonialzeitliche Bezeichnung „Indochina“ für die Festlandgebiete Südostasiens ihre historische Berechtigung.

Das heutige Zentrum Myanmars mit den Vorfahren der Mon geriet ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. unter einen sich von Indien nach Osten ausbreitenden Einfluss des Buddhismus, der sich in Gebäuderesten und Skulpturenfunden ab der Mitte des 1. Jahrtausends aus den Mon-Reichen von Dvaravati bis zu den Chenla und Khmer in Kambodscha erhalten hat. Die burmesische Bogenharfe saung gauk, die erstmals um die Mitte des 7. Jahrhunderts auf einem Relief der Pyu erscheint, geht auf indische Bogenharfen (vina) zurück, die um diese Zeit in Indien am Verschwinden waren. Demgegenüber verraten die ältesten erhaltenen Musikinstrumente in Myanmar, Bronzetrommeln aus den letzten vorchristlichen Jahrhunderten, einen Einfluss aus dem südlichen China.Gretel Schwörer-Kohl: Myanmar. 3. Geschichte der Musikinstrumente. In: MGG Online, 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1997)

Die typologisch ältesten südostasiatischen Saiteninstrumente sind Bambusröhrenzithern (Vollröhrenzithern), die vom Nordosten Indiens (gintang in Assam) über die indonesische Insel Bali (guntang) bis in den Norden der Philippinen (kolitong) vorkommen. Bei fast allen werden die Saiten entweder gezupft oder mit Stöckchen geschlagen. Eine äußerst seltene Bambusröhrenzither, deren zwei Saiten mit einem Bogen gestrichen werden, ist von den Moken, einem zu den Seenomaden gezählten Volk in der Andamanensee zwischen Myanmar und der Westküste von Thailand bekannt. Die kating ga-un ist das einzige Melodieinstrument der Moken, das einen anhaltenden Ton produziert und wird in der rituellen Musik und Unterhaltungsmusik verwendet. Bei einem untersuchten Exemplar maß die aus zwei Internodien bestehende Bambusröhre 62 Zentimeter, eine typische Länge für diesen Instrumententyp.Christian Koehn: A Bowed Bamboo Tube Zither from Southeast Asia. In: International Symposium on Musical Acoustics (ISMA), Le Mans 2014, S. 499–502

Die ältesten Streichinstrumente waren Harvey Turnbull (1981) zufolge mutmaßlich Kurzhalslauten in Zentralasien, die wie auf einer Wandmalerei aus Sogdien abgebildet um das 6. Jahrhundert mit einem Reibestab gestrichen wurden. Aus dem 8. Jahrhundert stammt die früheste chinesische Quelle, in der es heißt, dass die Halbröhrenzither yazheng (die aus einem hälftig gespaltenen Bambusrohr besteht), eine Vorläuferin der Wölbbrettzither guzheng, mit einem Stab gestrichen wurde. Ya bedeutet, dass man einen Reibestab ohne Haare verwendete. Halbröhrenzithern sind auf Ostasien beschränkt, ob sie früher oder später als die Lauteninstrumente gestrichen wurden, ist unklar.Harvey Turnbull: A Sogdian friction chordophone. In: D. R. Widdess, R. F. Wolpert (Hrsg.): Music and Tradition. Essays on Asian and other musics presented to Laurence Picken. Cambridge University Press, Cambridge 1981, S. 197–206

Für Indien ist die mögliche Herkunft der Streichinstrumente mit dem Namen ravanahattha verbunden, der sich im mythischen Dämonenkönig Ravana verliert und vermutlich seit dem 7. Jahrhundert als Saiteninstrument erwähnt wird. Ob indische Tempelreliefs aus dem 10. Jahrhundert die ersten Streichinstrumente zeigen, ist eine Frage der Interpretation,Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 101, 103 ebenso unsicher ist, ob die im 11. Jahrhundert erwähnte saranga vina, von der namentlich die heutige Streichlaute sarangi abstammt, ein Streichinstrument war.Joep Bor: The Voice of the Sarangi. An illustrated history of bowing in India. In: National Centre for the Performing Arts, Quarterly Journal, Band 15, Nr. 3, 4 und Band 16, Nr. 1, September–Dezember 1986, März 1987, S. 53 Unabhängig von einem nicht gesicherten altindischen Ursprung gab es mehrere Streichinstrumente in der Mogulzeit, aus denen einige in der Volksmusik gespielte gestrichene Kurzhals- oder Langhalslauten mit einem schalenförmigen Korpus wie die sarinda und die kamaica hervorgingen.

Eine andere Gruppe von Streichinstrumenten sind die chinesischen Röhrenspießgeigen vom Typ der im 20. Jahrhundert standardisierten erhu, die heute am bekanntesten ist. Der im alten China gebräuchliche Name huqin für die Gruppe der zweisaitigen Spießgeigen (sinngemäß „qin der Barbaren aus dem Norden“) verweist auf deren nord- oder zentralasiatische Herkunft. Mitte des 8. Jahrhunderts begannen sich mit einem Bambusstreifen geriebene, lautenförmige Streichinstrumente in China zu verbreiten; der wohl älteste Vertreter der huqin-Familie war die dem Namen nach von Völkern im Norden verwendete xiqin. Der älteste Hinweis auf ein mit einem Pferdehaarbogen gestrichenes Saiteninstrument stammt vom Ende des 11. Jahrhunderts. Einige Dutzend Röhrenspießgeigen mit unterschiedlich geformten Resonanzkörpern sind heute in der klassischen chinesischen Musik und vor allem in der Volksmusik der südchinesischen Minderheiten bekannt. Alan R. Thrasher, Jonathan P.J. Stock: Huqin. In: Grove Music Online, 2001 Nach Myanmar könnten die chinesischen Spießgeigen, Robert Garfias (1985) zufolge, ab dem 12. Jahrhundert gelangt sein, weil dieser Instrumententyp damals auch in anderen Regionen Asiens auftrat.Robert Garfias, 1985, S. 3 Im benachbarten indischen Bundesstaat Manipur blieb mit der pena eine einfach verarbeitete, entwicklungsgeschichtlich frühe Form einer Spießgeige erhalten, bei der Anfang des 20. Jahrhunderts die einzelne Haarbüschelsaite noch ohne Wirbel am oberen Ende festgebunden wurde.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Birmas und Assams im K. Ethnographischen Museum zu München. In: Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-philologische und historische Klasse, 2. Abhandlung. München 1917, S. 24

mini|Zu einem hsaing waing-Orchester gehörende und andere burmesische Musikinstrumente. Hintere Reihe von links: waagrechte Fasstrommel pa’má, Kegeloboe hne, Trommelkreis hsaing waing, hängender Gong moung, Buckelgongkreis kyi waing,Ward Keeler: Burma. In: Terry E. Miller, Sean Williams (Hrsg.): The Garland Handbook of Southeast Asian Music. Routledge, New York 2008, S. 199–221, hier S. 202f mittlere Reihe: dreisaitige Fiedel tayaw, Paarbecken, Bambusschlaggabel walet-hkok, Flöte palwei, Handzimbeln si, Messingplatte kyizi, Krokodilzither mí-gyaùng, vorne: Bambusxylophon pattala, Bogenharfe saung gauk. Aquarell von 1897. Eine chinesische Chronik aus der Tang-Dynastie (617–907) berichtet über eine Gruppe von 35 Musikern und Tänzern aus dem Reich der Pyu, die zum Jahreswechsel 801/802 an Hof des chinesischen Herrschers in Chang’an gereist war. Zu den gelisteten Musikinstrumenten gehören an Saiteninstrumenten zwei Bogenharfen, zwei Krokodilzithern (mí-gyaùng), eine Laute mit einem Naga-kopf, eine Laute mit einem wolkenförmig endenden Hals sowie fünf Stabzithern mit Kalebassenresonatoren und einer oder mehreren Saiten. Außerdem werden vier Flöten und mehrere Mundorgeln erwähnt.Gretel Schwörer-Kohl: Myanmar. 3. Geschichte der Musikinstrumente. In: MGG Online, 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1997) Form und Spielweise der Lauten werden nicht beschrieben. Wie die verschwundene burmesische Mundorgel hnyin früher gespielt wurde, ist ebenfalls nicht bekannt (sie existiert nur noch bei einigen Bergvölkern) und die Krokodilzither, die in Thailand mit dem Namen chakhe vorkommt, wird in Myanmar seit den 1930er JahrenRobert Garfias: A Musical Visit to Burma. In: The World of Music, Band 17, Nr. 1, 1975, S. 3–13, hier S. 4 nur noch von den Mon verwendet.Ward Keeler, 2008, S. 200

Die Mon, eine im Süden Myanmars und im Westen Thailands lebende Minderheit, sind ein altes Kulturvolk, dessen Beitrag zur Verbreitung – sie übernahmen als erste die indische Bogenharfe – und Bewahrung der Musikinstrumente in der Region hervorgehoben wird. Sie pflegen eine eigene Musiktradition, die mit der thailändischen verwandt ist. Früher spielten die Mon eine Variante der thailändischen Stachelfiedel so u, die wiederum auf chinesische Vorbilder zurückgeht. An ihre Stelle ist wie bei den Bamar eine dreisaitige Streichlaute getreten, deren Korpus von der westlichen Violine abgeleitet ist und die als Stachelfiedel in senkrechter Position gespielt wird. Der Sammler burmesischer Volksmusik Khin Zaw (* 1905) traf 1941 im Mon-Staat ein Orchester für die leichte Unterhaltung (a-nyein), das Mon-Musik nach einer alten Tradition spielte. Die einzigen Musikinstrumente waren eine dreisaitige Krokodilzither, eine dreisaitige Fiedel tayaw, eine Bambusflöte palwei, zwei Trommeln und das für den Rhythmus unverzichtbare Zimbel-Klapper-Paar siwa. Der Flötenspieler leitete die Gruppe.Khin Zaw: A Folk-Song Collector's Letter from the Mon Country in Lower Burma (1941). In: Artibus Asiae. Supplementum, Band 23 (Essays Offered to G. H. Luce by His Colleagues and Friends in Honour of His Seventy-Fifth Birthday. Volume 1: Papers on Asian History, Religion, Languages, Literature, Music Folklore, and Anthropology.) 1966, S. 164–166, hier S. 166