mini|Peter Camper, um 1780

Petrus Camper, deutsch auch Peter Camper (* 11. Mai 1722 in Leiden; † 7. April 1789 in Haag), war ein niederländischer Mediziner, unter anderem Anatom, Physiologe, Chirurg sowie Botaniker. Der Naturforscher und Aufklärungsgelehrter gilt als einer der einflussreichsten Vertreter der vergleichenden Anatomie im 18. Jahrhundert und war Mitglied zahlreicher europäischer Akademien.

Camper beschäftigte sich unter anderem mit der Technik der Amputation von Gliedmaßen. Seine anatomischen und naturhistorischen Untersuchungen – insbesondere zu Orang-Utans, zur Skelettstruktur von Vögeln sowie zu fossilen Funden wie dem bei Maastricht entdeckten Mosasaurus – fanden europaweite Beachtung. Auch Beobachtungen zur Lautäußerung von Amphibien werden in der zeitgenössischen und späteren Literatur mit seinem Namen verbunden.

Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete Camper als einen „Meteor von Geist, Wissenschaft, Talent und Thätigkeit“.https://www.rug.nl/news/2025/09/kleurrijke-kopstukken-petrus-camper?lang=en

Leben Camper wuchs als Sohn eines wohlhabenden reformierten Predikant in Ruhestand auf, der zwischen 1702 und 1713 Einkünfte aus der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) erzielte.A. J. Van der Aa: Biographisch Woordenboek der Nederlanden. deel 3, J. J. van Brederode, Haarlem 1858: 66.Klaas van Berkel; Bart Ramakers (Hg.): Petrus Camper in Context: Science, the Arts, and Society in the Eighteenth Century Dutch Republic. 2015, S. 94. Bereits als Schüler interessierte er sich für Baukunst, Optik, handwerkliche Techniken, Sprachen und Mathematik. Über seinen Vater lernte er Herman Boerhaave kennen, der ihm begleitete.van der Korst, J.K. (2008). Leiden (1722–1750). In: Het rusteloze bestaan van dokter Petrus Camper (1722-1789), S. 8. Bohn Stafleu van Loghum, Houten. https://doi.org/10.1007/978-90-313-6617-0_1

Ab 1734 studierte er Medizin und Philosophie an der Universität Leiden und promovierte 1746 am selben Tag in beiden Fächern. Nach kurzer Tätigkeit als praktischer Arzt in Leiden unternahm Camper 1748–1749 eine Studienreise nach London und Paris. Dort knüpfte er Kontakte zu zahlreichen führenden Wissenschaftlern seiner Zeit, unter anderem zu Georges-Louis Leclerc de Buffon. Diese internationalen Begegnungen prägten seine weitere wissenschaftliche Laufbahn nachhaltig.

Akademische Laufbahn mini|Tibout Regters – Die Anatomievorlesung von Petrus Camper

1749 wurde Camper an die Universität Franeker als Professor für Philosophie berufen: bereits ein Jahr später übernahm er dort zusätzlich die Professur für Anatomie und Chirurgie.Werner E. Gerabek: Camper, Petrus. 2005, S. 228 f. 1755 wechselte er als Professor für Chirurgie nach Amsterdam, 1763 folgte die Berufung nach Groningen, wo er Chirurgie und Botanik lehrte. Neben seiner Lehrtätigkeit zog er sich regelmäßig auf sein Landgut Klein Lankum zurück, wo er naturkundliche und anatomische Studien betrieb. Seit 1771 war er Mitglied der Académie des sciences. 1773 legte er sein Professur nieder, lebte zeitweise als Privatgelehrter in Franeker und unternahm mehrere Forschungsreisen.

Wissenschaftliche Arbeit mini|Petrus Camper: Gesichtswinkel von seinem Sohn Adriaan Gilles – vom Baby bis zum alten Mann mini|Ganggrab von Noordlaren (G1) von Petrus Camper (1768)

Camper verband Medizin, Anatomie und Naturgeschichte und gilt als einer der frühen Begründer der vergleichenden Anatomie. Nach seinem Rückzug aus dem Lehramt in Groningen widmete er sich verstärkt anatomischen Studien und verglich systematisch die Skelette von Menschen und Tieren, um gemeinsame Strukturprinzipien der Wirbeltiere herauszuarbeiten. Er untersuchte unter anderem die Ursachen von Leistenbrüchen, die Funktion der Kniescheibe sowie die anatomisch zweckmäßige Form von Schuhen.

Er veröffentlichte Artikel über die Impfung gegen Pocken und war Experte auf dem Gebiet der Bekämpfung der Rinderpest, die 1768 auf dem Land wütete.Vorlesungen über das heutige herumgehende Viehsterben. Verlegts Christian Gottlob Proft und Rothens Erben, Kopenhagen 1771 ()Ueber das Anstecken der Viehseuche, die wahre und eigenthümliche Ursache derselben, und die eigentlichen Vorbauungsmittel darwider. Röse, Greifswald 1783. (Digitalisat)

Seine naturwissenschaftliche Arbeit verband Camper stets mit gesellschaftlicher Verantwortung. In populärwissenschaftlichen Schriften und Vorträgen setzte er sich für Prävention, öffentliche Gesundheit und eine auf Vernunft gegründete medizinische Aufklärung ein.

1777 sezierte er mehrere Orang-Utans und veröffentlichte nach Untersuchungen an insgesamt acht Tieren eine Abhandlung, die bis ins 19. Jahrhundert als Standardwerk galt.Naturgeschichte des Orang-Utang und einiger andern Affenarten, des Africanischen Nashorns und des Rennthiers. mit Kupfern, ins Deutsche übersetzt, und mit den neuesten Beobachtungen des Verfassers herausgegeben von J. F. M. Herbell. Dänzer, Düsseldorf 1791. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf Aufgrund dieser Studien vermutete er, dass Galenos seine Beschreibungen der menschlichen Anatomie teilweise an Menschenaffen orientiert hatte – eine für die Zeit aufsehenerregende These.

Parallel befasste sich Camper mit Fossilien. Er untersuchte und zeichnete den bei Maastricht entdeckten Mosasaurus; seine Abbildungen wurden später von Barthélemy Faujas de Saint-Fond publiziert und gelten als frühe Beiträge zur Paläontologie. Camper deutete den bei Maastricht gefundenen Schädel zunächst als Wal. Er stützte sich dabei auf mehrere Beobachtungen: die glatten Kieferknochen und fest verankerten Zähne erinnerten ihn an Pottwale, die gefundenen Phalangen deutete er als paddelförmige Gliedmaßen, zudem verwies er auf Zähne am Gaumen sowie auf den marinen Fundkontext aller Fossilien. Da er Krokodile für reine Süßwassertiere hielt, schloss er diese aus und kam zu dem – später als falsch erkannten – Schluss, es handle sich um einen Wal.

In einem Vortrag von 1778 formulierte er die Vorstellung, dass alle Wirbeltiere einem gemeinsamen Bauplan folgen. Durch zeichnerische „Metamorphosen“ – etwa die schrittweise Umwandlung eines Pferdeskeletts in das eines Menschen – veranschaulichte er die strukturellen Entsprechungen zwischen den Arten. Diese Idee einer Einheit des organischen Aufbaus beeindruckte unter anderem Denis Diderot und Johann Wolfgang von Goethe und beeinflusste Naturforscher wie Johann Friedrich Blumenbach und Georges Cuvier.

Bekannt wurde Camper außerdem durch seine Messungen des sogenannten „Gesichtswinkels“, eines anatomischen Proportionsmaßes des Schädels.Deutsche Fassung von Samuel Thomas von Soemmering: Über den natürlichen Unterschied der Gesichtszüge in Menschen verschiedener Gegenden und verschiedenen Alters. Über das Schöne antiker Bildsäulen und geschnittener Steine, nebst einer Darstellung einen neuen Art, allerlei Menschenköpfe mit Sicherheit zu zeichnen. Vossische Buchhandlung, Berlin 1792. () Ursprünglich für künstlerische und vergleichend-anatomische Zwecke gedacht, wurde diese Methode im 19. Jahrhundert für rassentheoretische Deutungen missbraucht. Camper selbst wandte sich jedoch ausdrücklich gegen die Vorstellung einer naturgegebenen Unterlegenheit bestimmter Bevölkerungsgruppen; die Hautfarbe der ersten Menschen sei wissenschaftlich nicht bestimmbar.Alan J. Barnard, Review Essay: "Anthropology, Race, and Englishness: Changing Notions of Complexion and Character," Eighteenth Century Life 25 (2002): 94–102.

Er kritisierte zudem die uneinheitliche Systematik von Carl Linnaeus und Georges-Louis Leclerc de Buffon bei der Benennung der Menschenaffen. Charakteristisch für Camper war dabei seine Skepsis gegenüber rein systematischen Klassifikationen: Anatomische Struktur und funktionelle Vergleichbarkeit galten ihm als verlässlichere Kriterien als formale taxonomische Ordnung. Zu seinen Besuchern und Korrespondenten gehörte unter anderem Samuel Thomas von Soemmerring; auch Immanuel Kant erwähnte ihn mehrfach in der Kritik der Urteilskraft.

Kunst und Architektur mini|Petrus Camper – Die indischen Elefanten Hans und Parki aus der Menagerie des Statthalters Willem V.

Neben seiner medizinischen und naturwissenschaftlichen Arbeit betätigte sich Camper intensiv als Zeichner, Maler und Bildhauer. Er wurde von Karel de Moor unterrichtet und betrachtete die Anatomie als Grundlage der bildenden Kunst und veröffentlichte mehrere Schriften über das Verhältnis von Naturbeobachtung und künstlerischer Darstellung.

Besondere Bedeutung haben seine großformatigen anatomischen und osteologischen Zeichnungen, die wissenschaftliche Präzision mit künstlerischer Klarheit verbinden. Während seines Londoner Aufenthalts (1748–1749) stand Camper in Kontakt mit dem schottischen Geburtshelfer William Smellie und lieferte anatomische Zeichnungen für dessen A Sett of Anatomical Tables (1749, 1754, 1761).https://collections.nlm.nih.gov/catalog/nlm:nlmuid-2523045R-bk Das Werk umfasst insgesamt 39 anatomische Tafeln; ein Teil davon – nach späteren Angaben etwa elf – wird Petrus Camper als Zeichner zugeschrieben.https://www.nlm.nih.gov/exhibition/historicalanatomies/smellie_bio.htmlhttps://www.baumanrarebooks.com/rare-books/smellie-william/sett-of-anatomical-tables/56878.aspx

Dank seiner handwerklichen Geschicklichkeit – er beherrschte Tischlerwerkzeuge und die Drehbank – stellte er zudem selbst Modelle und Terrakottafiguren her. Seine plastischen Arbeiten standen unter dem Einfluss von Johann Joachim Winckelmann und dem zeitgenössischen Klassizismus.

Auch der Architektur wandte sich Camper theoretisch und praktisch zu; unter anderem war er am Entwurf eines Rathauses in Groningen beteiligt. Kunst, Handwerk und Wissenschaft bildeten für ihn keine getrennten Bereiche, sondern ergänzten sich gegenseitig.

Politik In seinen späteren Jahren engagierte sich Camper zunehmend politisch als Orangist. 1782 wurde er Bürgermeister von Workum und 1787, als die Patriotten ihre Macht verloren hatten, wurde Mitglied des Staatsrats.

Internationale Anerkennung Seit 1778 war er Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Camper erhielt Besuch von Samuel Thomas von Soemmerring, der später Professor in Göttingen wurde. Camper stand in Kontakt mit Johann Friedrich Blumenbach und Johann Heinrich Merck. 1779 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Band 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Band 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 55. 1780 reiste er in Begleitung seines Sohnes nach Wolfenbüttel und traf sich dort mit Gotthold Ephraim Lessing. In Potsdam wurde er von Friedrich dem Großen empfangen, dem er von Henri de Catt vorgestellt worden war. In Berlin traf er Moses Mendelssohn und Samuel Formey.

1783 wurde er Fellow der Royal Society of Edinburgh, 1786 auswärtiges Mitglied der Accademia Nazionale delle Scienze und 1788 der Preußischen Akademie der Wissenschaften sowie 1789 Mitglied der American Philosophical Society. Nachdem er 1787 Mitglied des Staatsrats geworden war, siedelte er nach Den Haag über. Camper hatte einen burgundischen Lebensstil, wog nach eigenen Angaben 220 Pfund, trank ein gutes Glas Champagner und starb an Pleuritis.

Werke mini|Abbildung der Camperschen Ebene basierend auf einem Kupferstich aus Peter Campers Werk Über den natürlichen Unterschied der Gesichtszüge in Menschen verschiedener Gegenden und verschiedenen Alters von 1792. Die Campersche Ebene ist orange hervorgehoben.