mini|Die unscheinbare Straßenseite der Spitalkirche mini|hochkant|Der Marienaltar im Chor Die Spitalkirche Hl. Geist war ein Teil des Heilig-Geist-Spitals in der Großen Kreisstadt Dinkelsbühl, Landkreis Ansbach. Nach der Säkularisation von 1802/03 blieb sie die einzige evangelisch-lutherische Stadtpfarrkirche, bis 1843 die neue St.-Pauls-Kirche sie als Hauptkirche der Protestanten ablöste. Sie ist wie viele andere Bauwerke im Stadtquartier des Spitals ein geschütztes Denkmal (Denkmalnummer: D-5-71-136-96). Sie ist ein Saalbau mit stark eingezogenem gerade schließendem Chor, angefügter Sakristei und schlankem Fassadenturm, 1280/1456. Um- und Einbauten erfolgten im 17./18. Jahrhundert; die Kirchenausstattung steht ebenfalls unter Denkmalschutz. Von der Straße aus ist nur der Turm von 1456 sichtbar.

Geschichte Die Spitalkirche Hl. Geist ist Teil des am Rothenburger Tor gelegenen Spitalkomplexes und bildet eine Baueinheit mit dem ehemaligen Pfründnerhaus oder dem ehemaligen Krankensaal. Standort, Baugeschichte und Erscheinungsbild hängen mit dem Hospital, der Reformation und den Religionsverhältnissen in der bikonfessionellen Reichsstadt nach dem Dreißigjährigen Krieg zusammen.Gerfrid Arnold: Chronik Dinkelsbühl, Band 3 und 4 (1273 – 1400), Dinkelsbühl 2002 u. 2003. - Die Darstellung des Artikels beruht auf den Forschungen dieses Autors und auf seinen Aufsätzen in der Schriftenreihe Alt-Dinkelsbühl.

Bis zur Reformation Ursprung war wohl eine Marienkapelle, die an der 1236 genannten Pilgerstraße von Norddeutschland nach Rom vor dem Tor der staufischen Stadtmauer lag. Gegen 1280 erbaute dort der Spitalorden einen Hospitalkirchensaal „Heilige Jungfrau Maria und Heiliger Geist“ für Kranke, Arme und Pilger. Eine Vergrößerung erfolgte schon um 1310. Der profane Bereich wurde in ein angeschlossenes Pfründnerhaus mit Krankensaal verlegt. Die Kirche „Jungfrau Maria“ erhielt einen dreischiffigen Kirchenraum und einen Chorraum für die Ordensgeistlichkeit. Daran wurde später die Sakristei angebaut.

Das Heilig-Geist-Spital war der größte Grundbesitzer der Stadtrepublik und besaß um 1350 Güter in 94 Ortschaften. So konnten 1383 drei weitere Altäre unter anderem für alle Apostel, die Heiligen Nikolaus, Katharina, Maria Magdalena, Cosmas und Damian sowie im Krankensaal für Elisabeth und Ottilia geweiht werden. Um 1445 wurde der Kirchenraum an den beiden Längsseiten und an der Straßenseite erweitert. Außerdem erhielten Kirche und Pfründnerhaus (Krankensaal) eine gemeinsame Fassade. Um das Kircheninnere zu erhöhen, wurde eine von vier sechseckigen Holzsäulen getragene, flache Holzdecke in das Dachwerk eingebaut. Den Glockenturm setzte man 1456 auf die Ecke der Trennmauer von Kirche und Pfründnerhaus.

Reformation und danach In der Reformationszeit wurde die Reichsstadt lutherisch, in die „Spitalkirche“ kam 1537 der Abendmahlsaltar, eine evangelische Staatskirche etablierte sich. Nach einem gegenreformatorischen Eingriff Kaiser Karls V. wurde die Reichsstadt von katholischen Räten regiert, und die wenigen Katholiken erhielten die Stadtpfarrkirche St. Georg für ihren Kultus. Auch der Augsburger Religionsfriede von 1555 bewirkte nichts, die Evangelischen konnten in der Spitalkirche keinen Gottesdienst mehr abhalten. Erst 1566 bildete sich eine evangelische Gemeinde unter der Leitung von zwölf Kirchenpflegern, die vom katholischen Magistrat unabhängig war, und ein Jahr später wurde die Spitalkirche den Protestanten wieder zugesprochen.

Da sie den rund 3.500 Seelen zu wenig Platz bot, wurden 1608/09 Emporen am Haupteingang und an der südlichen, fast fensterlosen Längsseite eingebaut, womit man eine evangelische Predigtsaalkirche vorwegnahm. Als 1642 eine größere Orgel angeschafft wurde, setzte man eine Orgelempore über den Chorbogen. mini|Bautafel des Rokokoumbaus Im Friedensvertrag des Dreißigjährigen Kriegs wurde für die Reichsstadt Dinkelsbühl eine paritätische, konfessionell gleichberechtigte Ratsregierung ausgehandelt, wobei die kirchlichen Besitzverhältnisse von 1624 galten und die Stadtpfarrkirche katholisch blieb. Im Exekutionsrezess von 1649 konnten die Protestanten die Erlaubnis für den Bau einer größeren Kirche auf eigene Kosten vereinbaren. Weil danach die Spitalkirche aber beiden Konfessionen offen stehen sollte, sperrte sich der katholische Ratsteil gegen alle Umbauten. Streit gab es auch zwischen den evangelischen Kirchenpflegern und dem evangelischen Ratsteil, der meinte, über Baumaßnahmen bestimmen zu können. Dennoch wurde 1771/74 das Innere zu einer klassizistisch beeinflussten Spätrokokokirche umgestaltet. Unter anderem wurden zusätzlich die oberen Emporen und das Deckengewölbe eingebaut und freskiert sowie Dachgauben eingefügt. Für die neue, dreimal so große Orgel wurde wegen der Blasbalgkammer 1789 der Chor aufgestockt. Umbenannt in „Heiliggeistkirche“ wurde die „Spitalkirche“ 1924, renoviert 1967/68 und 2009/2010.

Außenbau mini|Außenaufgang und Pforte zum Friedhof Die einstöckige Hauptfassade der Kirche bildet mit dem Spitalbau eine Einheit und ist in der Dr.-Martin-Luther-Straße als mittelalterliches Gotteshaus kaum erkennbar. In der Gebäudemitte und zugleich an der Südwestecke der Kirche steht der spätgotische, sechsseitige Glockenturm von 1456 frontbündig an der Dachtraufe. Auf einem dreiseitigen Unterbau sitzend zeigt er in drei Geschossen Spitzbogenfriese und Dreipassmaßwerk, jedoch eine eingeschnürte Barockhaube. Die Kirchenfassade gliedert sich profan durch zwei klassizistische Portale, vier Stichbogenfenster und ein Renaissance-Doppelfenster von 1608/09, sowie zwei Schleppgauben im Dach. Durch sie und die seitlichen Gauben von 1774 erhalten die oberen Emporen und das Deckenfresko ihr Licht.

Eine Pforte führt in den ehemaligen Spitalfriedhof auf der Nordseite. Hier führt ein Außenaufgang zur unteren Empore. Es folgt der rechteckige Sakristeianbau mit Pultdach. Der eingezogene, gerade geschlossene Chor mit Strebepfeilern, um 1310, ist aus Sandstein (frühgotisches Steinmetzzeichen) und hatte ein Satteldach. Deutlich unterscheidet sich davon das 1789 aufgestockte Fachwerk mit Walmdach. Das östliche Chorfenster wurde um 1383 vergrößert, die südlichen sind noch von 1310. Zum ältesten Bau, dem Hospitalkirchensaal um 1280, gehört die Ostmauer des Langhauses aus unregelmäßigem Quaderwerk mit zwei zugesetzten, frühgotischen Fensterchen im Erd- und Obergeschoss sowie ein Stück der Südmauer.

Innenraum mini|Der Abendmahlsaltar vor dem eingezogenen Chor In der Vorhalle sind Grabplatten der einstigen Langhauspflasterung aus dem 17. und 18. Jahrhundert aufgestellt. Die aufgemalte Rosette, Kreuz mit Segenshand, stammt von der Kirchenweihe nach 1445. Der in das Dachwerk reichende Kirchenraum überrascht durch seine Höhe. Trotz einiger älteren Ausstattung repräsentiert er sich mit den zweistöckigen Emporen, der Orgel, dem dominanten Deckenfresko und der Kanzel als protestantische Predigtsaalkirche im klassizistisch geprägten Rokoko. Das dreischiffige Langhaus, an der Südseite (zum Spitalbau) ausspringend, hat im Mittelschiff ein Mulden-Tonnen-Gewölbe, getragen von vier Säulen, unter deren Putz sechseckige, 1680 mit Trauben, Rosen und Rankenwerk bemalte Pfeiler stecken.

Die flachen Abseiten werden an zwei Seiten von tiefen Doppelemporen verdeckt. 1771/74 wurden die Emporen mit Blendbalustraden erneuert oder hinzu gebaut und stehen nahezu vierseitig umlaufend auf toskanischen Holzsäulen: Über dem gotischen Chorbogen die zwischengebaute Orgelempore; die untere Empore an der Spitalseite (Süden), über dem Haupteingang (Westen) und ein Stück zum Außenaufgang (Norden); danach folgen die 1774 vergrößerten klassizistischen Rundbogenfenster, hier wurde wegen des benötigten Lichts und freien Raums die untere Empore nicht fortgesetzt und die obere als Illusionsempore aufgemalt, was dem Schiff Geschlossenheit verleiht. Ausgeführt 1774 von Josef Albert Honigens, Dinkelsbühl, ließ sie der evangelische Ratsteil im Machtkampf mit der evangelischen Kirchenpflege heimlich überweißen, weil es eine „in eine Kirch sich gar nicht schickliche Sache sei“.

Chor mini|links|Der Marienaltar mit den zwei Flügeln (Hl. Dorothea und Hl. Nikolaus) Der bereits 1321 als Choraltar genannte Marienaltar ist Teil eines Wandelaltars um 1490 vom sogenannten Meister des Dinkelsbühler Marienlebens. Auf den Standflügeln sind die Heiligen Dorothea und Nikolaus zu sehen, die wandelbaren Schreinflügel sind in Museen und zeigten werktags den Apostelabschied, an den Festtagen in vier Szenen das Marienleben. Auf der Predella sind links Maria als Schmerzensmutter und Christus als Schmerzensmann dargestellt, rechts noch einmal Dorothea und Nikolaus, darüber Engel mit Deutegestus und Kreuznägeln oder Rosenkranz in Händen. Die Madonna mit Kind in einer Strahlenmandorla auf Mondsichel und daneben knienden Engeln, um 1500, stammt von einem anderen Altar.

Orgel mini|Ansicht der Kanzel und der Orgel über dem AbenmahlsaltarDer frühklassizistische, barock beeinflusste Prospekt der Orgel, 1790, Dekoration von Johann Michael Mayer, Kirchberg, Malerei Josef Albert Honigens, Dinkelsbühl, ergänzt harmonisch das Deckenfresko und die Emporen. Das Orgelwerk stammt von Orgelmacher Johann Georg Schultes aus Ellenberg aus dem Jahr 1792. Es verfügt über 26 Register auf zwei Manualen und Pedal. Das Instrument wurde bereits kurz nach der Fertigstellung und im Laufe der Zeit mehrfach verändert. In den 1960er Jahren folgte ein tiefgreifender Umbau. Die Firma Deininger & Renner aus Wassertrüdingen restaurierte das Instrument im Jahr 1984. Mindestens die Hälfte des ursprünglichen Pfeifenmaterials ist noch erhalten. Die Disposition lautet wie folgt:Orgel Databank, abgerufen am 19. Dezember 2018. I Hauptwerk C–f3 Bourdon 16′ Prinzipal 8′ Flûte Harmonique 8′ Rohrflöte 8′ Oktave 4′ Blockflöte 4′ Quinte ′ Superoktave 2′ Cornett V (ab g°) Mixtur IV ′ Trompete 8′ II Schwellwerk C–f3 Geigenprinzipal 8′ Lieblich Gedackt 8′ Fugara 4′ Rohrflöte 4′ Waldflöte 2′ Sifflöte 1′ Hörnlein II Cymbel IV ′ Oboe 8′ Tremulant Pedal C–f1 Prinzipalbass 16′ Subbass 16′ Oktavbass 8′ Choralbass 4′ Mixtur IV ′ Posaune 16′ Rohrschalmey 4′

Koppeln: II/I, I/P

Gestühl, Kanzel, Taufstein Das erneuerte Gestühl besitzt noch die Wangen (Rosetten und Palmetten über Fruchtwerk) und Brüstungen (Girlanden) von 1699.

Die hoch in den Raum ragende hölzerne Kanzel, 1802, hellgrau mit violett getöntem Gips-Marmor, ist eine Dinkelsbühler Arbeit, der Engel mit Evangelium auf dem Schalldeckel aus Würzburg.

Der Taufstein, ein achtseitiger Stein im Frühbarock, Stiftungsinschrift von 1662 im Zinnbecken, zeigt am Deckel die Taufe Jesu in einer Schnitzgruppe.

Nebenaltar Von den 14 Nebenaltären hat sich ein Altarschrein (Knorpelwerk, spätes 17. Jahrhundert) mit der Holzstatue der heiligen Elisabeth, um 1490, vermutlich Riemenschneiderschule, erhalten. Bei der Restaurierung 1972 kam der Name St. Histelhiedis (vermutlich Hadelhidis, Adelheid) zum Vorschein. In hoher künstlerischer Qualität geschnitzt und bemalt (Pressbrokat auf dem Untergewand), hält sie ein geöffnetes Buch in Händen, zu Füßen knien betend ein Knabe und ein Mädchen.

Chorraumfresken mini|hochkant|Die klugen und törichten Jungfrauen im Chorbogen Die erkerartige Sakramentsnische, um 1450, weist oben und unten ein Maßwerkfries auf, seitlich Figurenkonsolen. Die Chorraumfresken, vermutlich 1383, wurden 1967/68 entdeckt. Farblich am besten erhalten sind die Rankenmuster am Fenstergewände, auch die klugen und törichten Jungfrauen im Chorbogen.