Paolo Golinelli (* 4. Dezember 1947 in Mirandola) ist ein italienischer Historiker. Golinelli lehrte als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Verona. Er hat sich jahrzehntelang intensiv mit Mathilde von Canossa befasst.
Leben und Wirken Paolo Golinelli legte 1967 das Abitur in Mirandola ab. Er schloss 1972 bei Ovidio Capitani das Studium der Lettere Moderne an der Universität Bologna ab. Von 1972 bis 1984 war er dementsprechend Lehrer für italienische Literatur, aber auch für Geschichte an Mittel- und Oberstufenschulen im Umkreis von Modena. Von 1984 bis 1988 war er Alumno an der Scuola Nazionale di Studi Medievali, um danach von 1988 bis 2000 zur mittelalterlichen Geschichte an der Universität Verona zu forschen. Von 2000 bis 2011 war er außerordentlicher Professor und von 2011 bis 2016 ordentlicher Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Verona, nämlich am Dipartimento „Tempo, Spazio, Immagine e Società“. Seit dem 11. Oktober 2016 ist er im Ruhestand.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Religion und Gesellschaft des Mittelalters, Hagiographie und Heiligenverehrung, Mathilde von Canossa und das mittelalterliche Mönchtum. Von den italienischen Mediävisten hat sich in den letzten drei Jahrzehnten am intensivsten Golinelli mit Mathilde von Canossa befasst. Zu ihr legte er zahlreiche Studien vor.Die wichtigsten Beiträge wurden gebündelt veröffentlicht in Paolo Golinelli: L’ancella di san Pietro. Matilde di Canossa e la Chiesa. Milano 2015. Golinelli untersuchte die Beziehungen Mathildes zu ihrer Mutter und Papst Gregor VII.Paolo Golinelli: Prima di Canossa. Considerazioni e notazioni sui rapporti di Gregorio VII con Beatrice e Matilde. In: Studi Gregoriani. 14, 1991, S. 195–206. die politischen Beziehungen zwischen Mathilde und Heinrich V.,Paolo Golinelli: Matilde ed Enrico V. In: Paolo Golinelli (Hrsg.): I poteri dei Canossa da Reggio all’Europa. Atti del convegno internazionale di studi, Reggio Emilia, 29.–31.10.1992. Bologna 1994, S. 455–471. Mathildes vermeintliche Adoption von Guido Guerra um 1099Paolo Gollinelli: Sul preteso „figlio adottivo“ di Matilde di Canossa, Guido V Guerra. In: Gino Badini, Andrea Gamberini (Hrsg.): Medioevo reggiano. Studi in ricordo di Odoardo Rombaldi. Milano 2007, S. 123–132. die Rolle der Markgräfin Mathilde bei der Gründung des Klosters von Orval,Paolo Gollinelli: Mathilde de Toscane/Canossa et les monastères fondés entre les Ardennes et l’Italie du Nord du temps de son premier mariage. In: Jean-Marie Yante (Hrsg.): Les origines de l’abbaye cistercienne d’Orval. Actes du colloque organisé à Orval le 23 juillet 2011. Turnhout 2015, S. 17–26. die Beziehungen zwischen Erzbischof Anselm von Canterbury und Mathilde,Paolo Golinelli: „Non semel tantum sed pluribus vicibus“. I rapporti tra Anselmo d’Aosta e Matilde di Canossa. In: Benedictina. 56, 2009, S. 207–214. vom Ursprung des Mythos der GräfinPaolo Golinelli: Le origini del mito di Matilde e la fortuna di donizone. In: Paolo Golinelli (Hrsg.): Matilde di Canossa nelle culture europee del secondo millennio. Dalla storia al mito. Atti del convegno, Reggio Emilia, 25–27 settembre 1997. Bologna 1999, S. 29–52. oder die Rezeption Mathildes über die Jahrhunderte hinweg.Paolo Golinelli: Die Rezeption des Canossa-Ereignisses und das Bild der Markgräfin Mathilde in Italien. In: Christoph Stiegemann, Matthias Wemhoff (Hrsg.): Canossa 1077. Erschütterung der Welt. München 2006, S. 592–602; Paolo Golinelli: The Afterlife of Matilda of Canossa (1115–2015). In: Michèle K. Spike (Hrsg.): Matilda of Canossa & the origins of the Renaissance. An exhibition in honor of the 900th anniversary of her death. Williamsburg 2015, S. 31–35. Golinelli hält die Mathildische Schenkung an die Kurie von 1102 für eine Fälschung aus den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts. Mathilde habe vielmehr Heinrich V. 1110/11 zu ihrem einzigen Erben gemacht.Paolo Golinelli: Matilde ed Enrico V. In: Paolo Golinelli (Hrsg.): I poteri dei Canossa da Reggio all’Europa. Atti del convegno internazionale di studi, Reggio Emilia, 29.–31.10.1992. Bologna 1994, S. 455–471, hier: S. 462 f.; Paolo Golinelli: Le origini del mito di Matilde e la fortuna di donizone. In: Paolo Golinelli (Hrsg.): Matilde di Canossa nelle culture europee del secondo millennio. Dalla storia al mito. Atti del convegno, Reggio Emilia, 25–27 settembre 1997. Bologna 1999, S. 29–52, hier: S. 34–39; Paolo Golinelli: Die Lage Italiens nach dem Investiturstreit: Die Frage der mathildischen Erbschaft. In: Werner Goez, Klaus Herbers (Hrsg.): Europa an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert. Beiträge zu Ehren von Werner Goez. Stuttgart 2001, S. 54–67, hier: S. 62; Paolo Golinelli: I mille volti di Matilde. Immagini di un mito nei secoli. Milano 2003, S. 20–21. Golinelli war Koordinator und Organisator zahlreicher internationaler Konferenzen. Zur 900. Wiederkehr von Mathildes Zusammenkunft mit ihren Verbündeten in Carpineti wurde im Oktober 1992 ein von der Provinz Reggio Emilia finanziell unterstützter Kongress abgehalten. Golinelli gab die Beiträge dieser Tagung 1994 heraus.Paolo Golinelli (Hrsg.): I poteri dei Canossa da Reggio Emilia all’Europa. Atti del convegno internazionale di studi (Reggio Emilia – Carpineti, 29 – 31 ottobre 1992). Il mondo medievale. Studi di Storia e Storiografia. Bologna 1994. Ein internationaler Kongress in der Reggio Emilia im September 1997 widmete sich ihrem Nachleben in kultureller und literarischer Hinsicht. Die Beiträge gab Golinelli 1999 heraus.Paolo Golinelli (Hrsg.): Matilde di Canossa nelle culture europee del secondo millennio. Dalla storia al mito. Atti del convegno internazionale di studi, Reggio Emilia, Canossa, Quattro Castella, 25–27 settembre 1997. Bologna 1999. Vgl. dazu die Besprechungen von Duane J. Osheim in: Speculum 76, 2001, S. 458–459; Uta-Renate Blumenthal in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 57, 2001, S. 357 (online) Er veröffentlichte 1991 eine Biographie zu Mathilde,Vgl. die Besprechungen von Detlev Jasper in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 49, 1993, S. 317 (online); Silvana Anna Bianchi in: Quaderni medievali 33, 1992, S. 247–248. die 1998 ins Deutsche übersetzt wurde.Paolo Golinelli: Mathilde und der Gang nach Canossa. Im Herzen des Mittelalters. Düsseldorf u. a. 1998. Vgl. dazu die kritischen Besprechungen von Rudolf Schieffer: Das weibliche Rittertum in voller Blüte Markgräfin Mathilde wollte kein Mauerblümchen mehr sein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. März 1998 (online); Johannes Laudage in: Historische Zeitschrift 268, 1999, S. 747–749; Detlev Zimpel in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 19, 2000, S. 297–298 (online). Über die wichtigste Quelle zu Mathilde, die Vita Mathildis von Donizo, legte er 2008 eine Edition vor.Vgl. dazu die Besprechungen von Eugenio Riversi in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 88, 2008, S. 668–670 (online); Huguette Taviani-Carozzi in: Cahiers de civilisation médiévale 55, 2012, S. 304–306. Im Jahr 2003 veröffentlichte er eine Darstellung über die verschiedenen Bilder zu Mathilde im Laufe der Jahrhunderte.Paolo Golinelli: I mille volti di Matilde. Immagini di un mito nei secoli. Milano 2003. Er war von 2010 bis 2015 Direktor vom Centro Studi Matildici.
Seit 1979 leitet er die Arbeitsgruppe Storia del monastero di San Benedetto Polirone, die sich mit der Geschichte des Klosters Polirone südöstlich von Mantua auseinandersetzt und aus der acht Publikationen hervorgegangen sind. Mit Bruno Andreolli gab er 1983 eine Bibliographie zum canusinischen Hauskloster Polirone heraus. Die Bibliographie beschränkt sich auf das Mittelalter bis 1420 und listet 648 Titel auf.Vgl. dazu die Besprechung von Thomas Groß in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 65, 1985, S. 557 (online) Mit Rosella Rinaldi und Carla Villani gab er 1993 eine Edition mit 113 Dokumenten aus dem Zeitraum 961 und 1125 heraus. Dabei war die größte Herausforderung für die Edition das Sammeln des Materials, da die Urkunden in Oberitalien weit verstreut sind.Vgl. dazu die Besprechung von Wilhelm Kurze in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 74, 1994, S. 775–776 (online) Der zweite Teil der Urkundenedition für den Zeitraum 1126 bis 1200 gab er mit Rosella Rinaldi 2011 heraus. Den dritten Teil für den Zeitraum 1201 bis 1464 gab er mit Emanuela Lanza 2016 heraus. Golinelli war 1998 Herausgeber eines Sammelbandes zur Geschichte des Klosters Polirone von 961 bis 1125.Vgl. dazu die Besprechungen von Wilhelm Kurze in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 79, 1999, S. 788–789 (online); Paola Foschi in: Quaderni medievali 48, 1999, S. 258–259; Giorgio Giuseppe Picasso in: Rivista di Storia della Chiesa in Italia 54, 2000, S. 661. Er selbst befasste sich dabei mit den Verbindungen der Markgräfin Mathilde zum Kloster.Paolo Golinelli: Matilde di Canossa e l’abbazia di Polirone. In: Ders. (Hrsg.): Storia di San Benedetto. Le origini (961–1125). Bologna 1998, S. 91–100. Er war Präsident des Wissenschaftlichen Komitees für das tausendjährige Jubiläum Polirones (1007–2007). Er gab 2009 zum Kloster Polirone einen Ausstellungskatalog zur Kunst und Geschichte von 1007 bis 2007 heraus.
Zum 900. Todestag von Bischof Anselm II. von Lucca in Mantua wurde im Mai 1986 von Stadt, Diözese und Provinz Mantua in Zusammenarbeit mit der Region Lombardia und der Universität Bologna ein internationaler wissenschaftlicher Kongress veranstaltet. Anselm fand sein Grab in Mantua und gilt als Stadtpatron. Golinelli gab die Beiträge der Tagung ein Jahr später heraus.Vgl. dazu die Besprechungen von Dieter Geuenich in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 69, 1989, S. 425–426 (online); Claudia Märtl in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 45, 1989, S. 269–271 (online) Er veröffentlichte 1996 eine Darstellung über Papst Coelestin V.Vgl. dazu die Besprechungen von Peter Herde in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 77, 1997, S. 580–581 (online); Karl Borchhardt in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 53, 1997, S. 705–706 (online); Daniele Solvi in: Studi medievali 37, 1996, S. 847–851; Felice Accrocca in: Archivum Historiae Pontificiae 35, 1997, S. 283–287. 2001 erschien von ihm eine Arbeit zu Adelheid von Burgund, der Ehefrau Otto des Großen.Vgl. dazu die Besprechung von Adelaide Ricci in: Quaderni medievali 54, 2002, S. 333–335.
Schriften
Quelleneditionen mit Emanuela Lanza: Codice diplomatico polironiano. 3: 1201–1464. Cartulario del monastero di San Benedetto Polirone, Verona, Biblioteca civica, ms. n. 736 (= Il mondo medievale. Band 20). Pàtron, Bologna 2016. mit Rosella Rinaldi: Codice diplomatico polironiano. 2: 1126–1200 (= Storia di San Benedetto Polirone. Sez. 2.: Documenti). Pàtron, Bologna 2011. Donizone, Vita di Matilde di Canossa. Edizione, traduzione e note di Paolo Golinelli, con un saggio di Vito Fumagalli, Biblioteca di Cultura Medievale (= Di fronte e attraverso. Band 823). Jaca book, Milano 2008, ISBN 978-88-16-40823-4. mit Rosella Rinaldi und Carla Villani: Storia di San Benedetto Polirone. Band 2, 1: Codice diplomatico polironiano, 961–1125. Pàtron, Bologna 1993.
Monographien L’ancella di san Pietro. Matilde di Canossa e la Chiesa. Jaca Book, Milano 2015, ISBN 978-88-16-41308-5. I mille volti di Matilde. Immagini di un mito nei secoli. F. Motta, Milano 2003, ISBN 88-7179-420-6. Adelaide. Regina santa d’Europa. Jaca Book, Milano 2001, ISBN 88-16-43511-9. Il papa contadino. Celestino V e il suo tempo. Camunia, Firenze 1996, ISBN 88-7767-205-6. Matilde e i Canossa nel cuore del medioevo. Camunia, Milano 1991, ISBN 88-7767-104-1. Mathilde und der Gang nach Canossa. Im Herzen des Mittelalters. Aus dem Italienischen von Antonio Avella. Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 1998, ISBN 3-538-07065-2.
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