Die R-17 ist eine in der Sowjetunion entwickelte ballistische Boden-Boden-Rakete, die 1959 ihren Erstflug hatte. Der NATO-Codename lautet SS-1c Scud-B und im GRAU-Index wird die Rakete als 8K14 bezeichnet. Die Bezeichnung für den Gesamtkomplex lautet 9K72 Elbrus und die Exportversion wird als R-300 und R-17E bezeichnet. Sie gehörte zur Klasse der Kurzstreckenraketen (SRBM). Die R-17-Raketen und ihre Abarten sind bis heute im Einsatz und zählen zu den weltweit am weitesten verbreiteten Kurzstreckenraketen.
Entwicklung Ab 1952 wurde im sowjetischen OKB-1 die Kurzstreckenrakete R-11 (NATO-Codename SS-1b Scud-A) entwickelt.Mark Wade: Diese basierte auf der während des Zweiten Weltkriegs entwickelten deutschen Wasserfall-Flugabwehrrakete.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 278. Urheber dieser Rakete waren die Konstrukteure Sergei Pawlowitsch Koroljow, Wiktor Petrowitsch Makejew und Aleksei Michailowitsch Isajew, der das Flüssigkeitsraketentriebwerk entwickelte. Da das Modell R-11 die Anforderungen der Sowjetarmee nicht ausreichend erfüllte, beschloss schließlich 1958 die Regierung die Entwicklung einer verbesserten Ausführung. Noch im selben Jahr begann die Entwicklung unter der Bezeichnung R-11MU (8K12). Die Entwicklung erfolgte im SKB-385 (Makejew) mit der Unterstützung von Koroljow. Das Triebwerk wurde wiederum von Isajew entwickelt.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 285. Bereits im Februar 1959 hatte Makejew das erste Vorführmodell fertiggestellt, das aber mit dem Ursprungsentwurf der R-11 wenig gemein hatte. Die neue Rakete hatte u. a. eine abgeänderte Rumpfgeometrie, verwendete ein neues Steuersystem und verfügte über ein verbessertes Triebwerk. Der erste Teststart der nun als R-17 bezeichneten Rakete erfolgte am 12. Dezember 1959 auf dem Testgelände Kapustin Jar.Mark Wade: 1960 wurde die weitere Entwicklung in die Maschinenbaufabrik Wotkinsk transferiert. Dort erfolgte die Produktion der R-17-Raketen. Die ersten Raketensysteme wurden 1962 an die Sowjetarmee ausgeliefert. Dort wurde das Gesamtsystem als 9K72 Elbrus bezeichnet und im GRAU-Index bekam die Rakete die Bezeichnung 8K14. Im Jahr 1964 war das R-17-System operationell.Duncan Lenox: Jane’s Strategic Weapon Systems, Edition 2001. 2001. S. 131–134. In dem Maschinenbauwerk Wotkinsk wurden R-17-Raketen und deren Weiterentwicklungen bis zum Jahr 1987 produziert. Von der NATO bekam die R-17-Rakete die Bezeichnung SS-1c Scud-B.Zaloga Steven, Laurier Jim & Ray Lee: Scud Ballistic Missile Launch Systems 1955–2005. 2006. S. 7–8.
Technik mini|R-17 im polnischen Armeemuseum in Posen
Die R-17 ist eine einstufige Rakete. Die Rakete ohne Gefechtskopf wird als 8K14 bezeichnet. Die Rakete kann grob in fünf Sektionen aufgeteilt werden: Am Heck befinden sich das Raketentriebwerk, die vier Steuerflächen und vier Druckgasflaschen mit 15 kg Druckluft zur Druckgasförderung für den Brennstoff- und Oxidatortank. Über dem Triebwerk sitzt der Tank für den Oxidator und nach einer Zwischenstruktur der Tank für den Brennstoff. Dann folgt die 0,85 m hohe Instrumentensektion und darüber der Adapter-Kranz für den Gefechtskopf.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 286.
Rumpf Der Raketenrumpf besteht aus Stahl-Spanten und Aluminium-Stringern. Diese Tragkonstruktion hat eine Beplankung aus 0,5–1 mm starken Stahlblechen. Der Rumpf hat einen Außendurchmesser von 880 mm und ein Leergewicht von 1087 kg (ohne Sprengkopf). Außen verlaufen zwei Schächte für die Kabel und die Druckgasleitungen.
Treibstofftanks Treibstoff und Oxidator befinden sich in getrennten Tanks, die in Integralbauweise ausgeführt sind. Die Tanks bestehen aus rostfreien Stahlblechen mit einer Wanddicke von 2 mm. In den Tanks befinden sich drei bzw. vier Spanten aber keine Stringer. Als Oxidator wird inhibierte, rot rauchende Salpetersäure (russische Bezeichnung AK-27i) verwendet. Als Brennstoff kommt Kerosin (russische Bezeichnung TM-185) zur Anwendung. Insgesamt befinden sich in den beiden Tanks 2919 kg Oxidator sowie 822 kg Brennstoff. Der Tankdruck beträgt 0,5 MPa. Weiter gibt es für den Startkraftstoff einen kleinen Tank. Dieser ist mit 30 kg „TG-02 (Tonka-250)“ befüllt, einer Mischung aus Xylidine und Triethylamin. Die Brennstoffleitung aus dem obenliegenden Brennstofftank führt durch den Oxidator-Tank zum Triebwerk.
Raketentriebwerk mini|Rückansicht einer 8K14-Rakete mit den Strahlrudern und Steuerflächen
Die R-17 verwendet ein Flüssigkeitsraketentriebwerk vom Typ 9D21 (S5.2).Zaloga Steven, Laurier Jim & Ray Lee: Scud Ballistic Missile Launch Systems 1955–2005. 2006. S. 11. Dieses ist ein Nebenstromtriebwerk und basiert auf einer Turbopumpe mit Gasgeneratorantrieb. Weiter gibt es einen nachgeschalteten Wärmetauscher für das Aufheizen des Druckgases für die Tankbeaufschlagung. Die Brennkammer wird regenerativ durch den Treibstoff gekühlt. Der Brennkammerdruck liegt im Betrieb bei knapp 7 MPa. Das Triebwerk entwickelt am Boden einen Startschub von 130,53 kN. Die Schubkraft im Vakuum beträgt 144,22 kN. Im Schnitt werden pro Sekunde knapp 58 kg Brennstoff und Oxidator verbrannt. Weiters sind an der Düse vier Strahlruder angebracht, die mit den vier trapezförmigen Steuerflächen verbunden sind. Die maximale Brenndauer des Raketentriebwerkes beträgt bei der R-17-Standardrakete 62–65 Sekunden.
Lenkeinheit Über dem Brennstofftank befindet sich eine 0,85 m hohe Instrumentensektion. Dort sind die Energieversorgung, die Lenkeinheit und der Analogrechner untergebracht. Diese Geräte sind mit einem Holzkreuz am Raketenrumpf fixiert und über Öffnungen im Raketenrumpf zugänglich.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 290. Das Gewicht dieser Geräte beträgt rund 240 kg. Die Lenkeinheit besteht aus einem Trägheitsnavigationssystem, das mit einem Analogrechner gekoppelt ist. Die Lenkeinheit funktioniert ähnlich wie die der A4-Rakete und besteht aus einem 1SB9-Kreiselhorizont sowie einem 1SB10-Kreiselvertikant mit Kreiselintegrator für die Querbeschleunigung. Hinzu kommt ein 1SB12-Piga-Geschwindigkeitsmesser (Pendulum Integrating Gyro Assembly). Für die Auswertung und die Datenverarbeitung kommt der 1SB13-Analogrechner zum Einsatz. Die errechneten Lenkimpulse werden an die 1B14-Rudermaschinen übermittelt, die die Strahlruder für die erforderlichen Kurskorrekturen steuern. Die maximale Betriebsdauer der Lenkeinheit beträgt rund 100 Sekunden.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 292.
Gefechtsköpfe mini|Durch eine irakische R-17 zerstörtes Gebäude in Ramat Gan, Israel (26. Januar 1991)
Die R-17 kann wahlweise mit einem Nukleargefechtskopf, einem Gefechtskopf für chemische Kampfstoffe, einem konventionellen Splittergefechtskopf oder einem Gefechtskopf für Streumunition bestückt werden. In der Sowjetarmee war der Standardgefechtskopf nuklear und die konventionellen Gefechtsköpfe waren primär für den Export vorgesehen.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 292.Zaloga Steven, Laurier Jim & Ray Lee: Scud Ballistic Missile Launch Systems 1955–2005. 2006. S. 17. So standen in den 1970er Jahren für die Sowjetarmee 1125 R-17-Raketen bereit. Von diesen waren 1080 mit einem Nukleargefechtskopf bestückt und die restlichen 45 waren für den Einsatz von chemischen Kampfstoffen vorgesehen.Zaloga Steven, Laurier Jim & Ray Lee: Scud Ballistic Missile Launch Systems 1955–2005. 2006. S. 17. Es existieren zwei unterschiedliche Ausführungen der R-17-Raketen: Die Standardversion 8K14B mit der 8F14-Raketenspitze für Nukleargefechtsköpfe und die Ausführung 8K14F mit der 8F44-Raketenspitze für konventionelle Gefechtsköpfe. Die beiden Ausführungen unterscheiden sich in der Größe sowie darin, dass die nukleare Standardversion 8K14B über zwei Anschlüsse (AK-1 und AK-2) für eine externe Thermalkontrolle sowie über ein zusätzliches Sicherungssystem für den Nukleargefechtskopf verfügt.
Nukleargefechtsköpfe Der erste Nukleargefechtskopf, der für die R-17 ab 1964 zur Verfügung stand, war das Produkt 269A. Dieser Sprengkopf wurde im KB-11 (VNIIEF) in Sarow entwickelt und hatte eine Sprengkraft von 10 kT. Anfang der 1970er-Jahre folgte der Nukleargefechtskopf 9N33 mit der RA17 Nuklearladung.Zaloga Steven, Laurier Jim & Ray Lee: Scud Ballistic Missile Launch Systems 1955–2005. 2006. S. 18. Diese Nuklearladung war eine Wasserstoffbombe und hatte eine Sprengkraft von 300 kT. Weiter folgte der verbesserte 9N33-1-Nukleargefechtskopf. Dieser Gefechtskopf konnte mit verschiedenen Nuklearladungen (RA104, RA104-01, RA104-02) bestückt werden und hatte daher eine selektierbare Sprengkraft von 20 kT, 200 kT oder 300 kT. Seit Ende der 1970er-Jahre steht der 9N72-Nukleargefechtskopf mit einer selektierbaren Sprengkraft von 200 kT, 300 kT oder 500 kT zur Verfügung. Die Nukleargefechtsköpfe sind in der kegelförmigen 8F14-Raketenspitze untergebracht. Diese hat an der Basis einen Durchmesser von 884 mm und ist 2,87 m lang. Sie hat ein Gewicht von 989 kg, wovon 710 kg auf den Nukleargefechtskopf entfallen. Die restlichen 279 kg entfallen auf die Hülle, die Thermalkontrolle sowie das Sicherungs- und Zündsystem.
Gefechtsköpfe für chemische Kampfstoffe Der erste Gefechtskopf für chemische Kampfstoffe, der für die R-17 ab 1967 zur Verfügung stand, war der 3H8. Dieser Sprengkopf enthielt eine unbekannte Menge der Kampfstoffmischung HL (russische Bezeichnung RK-7), die aus Lost und Lewisit bestand. Da dieser Sprengkopf ein erhöhtes Gewicht von 1016 kg hatte, kam er nur mit der modifizierten 8K14-1-Rakete zum Einsatz.Schmucker Robert & Schiller Markus: Raketenbedrohung 2.0: Technische und politische Grundlagen. 2015. S. 283. Der nächste Gefechtskopf für chemische Kampfstoffe war der Typ 8F44G Tuman-3. Dieser wiegt 985 kg und enthält 555 kg verdicktes Soman (russische Bezeichnung VR-55). Weiters folgte der Sprengkopf 8F44G1 Fog-3, der 555 kg verdicktes VX (russische Bezeichnung VR-33) fasst. Die 8F44G-Gefechtsköpfe werden in einer vorselektierten Höhe von rund 1500 m über dem Zielgebiet durch eine Zerlegeladung aktiviert. Durch die Detonation und den Luftstrom wird aus dem flüssigen Kampfstoff ein Aerosol gebildet, das sich in Abhängigkeit zur Windgeschwindigkeit über eine Fläche von bis zu 0,6 × 4,0 km verteilt und diese vergiftet.
Konventionelle Gefechtsköpfe Die Exportraketen sind standardmäßig mit einem konventionellen Splittergefechtskopf bestückt. Dieser ist in der kegelförmigen 8F44F-Raketenspitze untergebracht. Diese hat an der Basis einen Durchmesser von 884 mm und ist 2,65 m lang. Diese Raketenspitze hat ein Gewicht von 987 kg, wovon 799 kg auf den Splittergefechtskopf und davon 545 kg auf den Sprengstoff entfallen. Der Gefechtskopf verfügt über einen Kopfzünder, einen Bodenzünder und einen Havariezünder. Bei der Detonation auf sandigem Boden erzeugt dieser Gefechtskopf einen Krater mit einer Tiefe von 1,5–4 m und einem Durchmesser von rund 12 m. Später kam auch ein barometrischer Näherungszünder für diesen Gefechtskopf hinzu. Dieser zündet den Splittergefechtskopf in einer vorselektierten Höhe über dem Zielgebiet und entfaltet so eine optimale Splitterwirkung.