mini|Etikett der französischsprachigen Single in Westdeutschland (1965) mini|Textautor Pierre Delanoë (1982)

Nathalie ist ein französischsprachiges Chanson, dessen Text von Pierre Delanoë verfasst und das im Februar 1964 von Gilbert Bécaud, der auch die Musik dazu geschrieben hat, veröffentlicht wurde. Das 4:07 Minuten lange Lied erschien zunächst in Frankreich sowohl auf Vinyl-Single als auch als EP bei Pathé-Marconis Label La voix de son maître.Annie und Bernard Réval, Gilbert Bécaud, 2001, S. 283 und 287 Im Juli 1965 folgte in der Bundesrepublik Deutschland eine Doppelveröffentlichung des Chansons; Electrola gab gleichzeitig die französische (mit der B-Seite L’Orange) und eine deutschsprachige FassungEs war Mitte der 1960er Jahre noch absolut üblich, dass internationale Stars auch selbst deutschsprachige Versionen ihrer Hits produzierten; die Palette reichte von Paul Anka und Cliff Richard über die Beatles oder Dusty Springfield bis hin zu Charles Aznavour und eben auch Gilbert Bécaud. Bear Family Records hat ab 2000 unter dem gemeinsamen Titel „1000 Nadelstiche“ (so hieß die deutsche Fassung des Searchers-Hits Needles And Pins) eine zwölf CDs umfassende Serie solcher übersetzter Coverversionen herausgegeben (siehe die Übersicht bei bear-family.de). mit Nimm dir doch Zeit (Il faut marcher) als B-Seite heraus. Nathalie war nicht Bécauds kommerziell erfolgreichste Platte, aber sie wurde zu einem seiner international größten Erfolge, der auf kaum einer seiner Best-of-Kompilationen fehlt.

Der politische Kontext der Entstehung und Veröffentlichung dieses Liebeslieds hat zu einer Rezeption geführt, die über den Bereich der Unterhaltungsmusik weit hinausreicht. Die Jahre 1964 und 1965 markieren den Übergang von der Hochzeit des Ost-West-Konfliktes hin zu einer anfangs noch sehr vorsichtigen, hauptsächlich auf kulturellem und touristischem Feld stattfindenden Öffnung der UdSSR speziell gegenüber Frankreich. Diese Gleichzeitigkeit ist eine Ursache dafür, dass das Lied insbesondere in Frankreich auch im 21. Jahrhundert noch Gegenstand von politik- und literaturwissenschaftlichen Untersuchungen und Einordnungen ist.

Eine zusätzliche Besonderheit dieses Chansons liegt darin, dass eine Transformation der fiktiven Person Nathalie in die Realität stattgefunden habe, wie es der Romanist Matei Chihaia, der auch vom „Faszinosum Nathalie“ spricht, formuliert hat:Matei Chihaia, Fiction et vérité de Nathalie, 2008, S. 201 (deutschsprachige Zusammenfassung). – Chihaia lehrte, als er seine Abhandlung verfasste, an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, mittlerweile (2019) an der Bergischen Universität in Wuppertal.

Nathalie gilt zudem als „repräsentatives Beispiel des ‚Systems Bécaud‘“, der in seinen Liedern gerne einfache Geschichten erzählte, in denen aber prägnante Charaktere dargestellt werden und die den Hörer aufgrund ihrer passenden, dichten Stimmung ansprechen.Gilles Verlant, L’Odyssée de la Chanson française, 2006, S. 41 Dass die darin geschilderte Handlung für realistisch gehalten werden könnte, verdankt sie auch der für Bécauds gesanglichen Vortrag ebenfalls typischen Präsenz als Ich-Erzähler.Matei Chihaia, Fiction et vérité de Nathalie, 2008, S. 188.

Text und Musik Handlung und Text Der SongEnglischer und französischer Liedtext bei lyricstranslate.com; dort auch Hinweise auf weitere Sprachversionen. beschreibt in der Form der Ich-Erzählung, wie sich ein junger französischer Tourist im winterlichen Moskau in seine Stadtführerin namens Nathalie (die in Delanoës ursprünglicher Textfassung Natacha hieß)nach dem Interview mit Pierre Delanoë vom 28. März 2005 bei L’Express verliebt. Anfangs ist diese sehr formell und distanziert, führt ihn zu wichtigen Orten wie dem Roten Platz und dem Lenin-Mausoleum, erläutert dabei in nüchternen Worten die Bedeutung, die diese für die Oktoberrevolution aufweisen (wörtlich „elle parlait en phrases sobres de la révolution d’octobre“), während er ihren „schönen Namen“ und die blonden Haare anspricht und sich ausmalt, im – wohl fiktiven – Café Puschkin gemeinsam eine heiße Schokolade zu trinken.

Im Lied entwickelt sich diese Beziehung dahin, dass beide nach dem offiziellen Besichtigungsprogramm zu Nathalies Studentenbude an der Moskauer Universität gehen, wo sie von einer Gruppe russischer Studenten erwartet werden, die viel über Frankreich wissen wollen, was Nathalie übersetzen muss. Die Stimmung wird zusehends feucht-fröhlicher („Moscou, les plaines d’Ukraine et les Champs d’Élysées, on a tout mélangé“ – „Moskau, das ukrainische Tiefland und die Champs d’Élysées, alles ging durcheinander“), man lacht, trinkt, singt und tanzt zusammen. Auch Nathalie selbst taut dort auf („plus question de phrases sobres“ – „keine nüchternen Sätze mehr“). Als ihre Kommilitonen spät nachts weggehen, bleibt der Franzose noch dort („quand la chambre fût vide … je suis resté seul avec mon guide“ – „als das Zimmer sich geleert hatte, bin ich mit meiner Fremdenführerin alleine dort geblieben“). Unausgesprochen bleibt in diesem Chanson, ob – und in welcher Intensität – seine Schwärmerei dann von ihr erwidert wird; darin unterscheidet sich die Original- von der deutschsprachigen Version, in der er sie in seinen Armen hält und „ihre Küsse nie [vergisst]“.Christoph Sator: La vie en rose. Frankreich in 100 Chansons. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, ISBN 978-3-462-01060-2, S. 67 Am Ende träumt der männliche Protagonist davon, dass Nathalie zu einem Gegenbesuch nach Paris kommt und er sie dort – dann mit vertauschten Rollen als ihr Stadtführer – gleichfalls mit Sehenswürdigkeiten und Kulturgütern vertraut macht.Bécaud singt „Nathalie“ live im Mai 1964 (Video bei YouTube aus den Beständen des Institut national de l’audiovisuel).

mini|„Der Rote Platz war leer,der Rote Platz war weiß.“ Laut Delanoë dauerte es rund ein Jahr, bis aus seinem Textentwurf eine Fassung entstand, die Bécaud akzeptierte; der Sänger forderte den Textautor auf, für den Einstieg, der zunächst „Qu’elle était jolie cette Russe rousse sur la place Rouge“ („Wie hübsch sie war, diese rotblonde Russin auf dem Roten Platz“) lautete,Bécauds Biographen nennen eine weitere Fassung des Anfangs aus der Phase, als Delanoë noch bei der Arbeit am Text war, nämlich „La Russe rousse, Natacha des lointaines Russies“, auf Deutsch etwa „Die rotblonde Russin, Natascha aus den fernen russischen Landschaften“ – Annie und Bernard Réval, Gilbert Bécaud, 2001, S. 96. „ein stimmungsstarkes Sprachbild zu erfinden“.siehe den Artikel „Nathalie de Gilbert Bécaud“ vom 1. August 2011 im Figaro Das entstand schließlich mit den Worten „La Place Rouge était vide; devant moi marchait Nathalie. … La Place Rouge était blanche, la neige faisait un tapis“ („Der Rote Platz war leer; vor mir marschierte Nathalie. … Der Rote Platz war weiß, der Schnee hatte darauf einen Teppich ausgebreitet“).Dass Delanoë mit dem Bild vom weißen Roten Platz auf den Konflikt zwischen Bolschewiki und Weißer Armee im Russischen Bürgerkrieg anspielen wollte, hält Chihaia für eindeutig überinterpretiert (Matei Chihaia, Fiction et vérité de Nathalie, 2008, S. 190 f.). Erst daraufhin war Bécaud zufrieden, setzte sich an sein Piano und komponierte binnen weniger Stunden die Musik dazu.

Das Sprachbild vom winterlichen Roten Platz entspricht einem bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert und namentlich seit Napoléons Russlandfeldzug 1812 im französischen Roman sehr verbreiteten Klischee von den „eingeschneiten russischen Landschaften“; gleichzeitig ist diese Kälte im Jahr 1964 eine Metapher für das politische Klima und Synonym für die kommunistische Herrschaft.Charlotte Krauss: La Russie et les Russes dans la fiction française du XIXe siècle (1812–1917): D’une image de l’autre à un univers imaginaire. Brill, Leiden 2007, ISBN 978-94-012-0404-0, S. 394 (Textauszug bei Google Books) Für Matei Chihaia erzählt dieser Text „eine komplexe Geschichte, ja, einen ganzen Roman und eine ganze Epoche, mit erstaunlich sparsamen sprachlichen Mitteln und ohne ein einziges überflüssiges Detail“. Dafür benötigt er nur zwei Szenen mit zusammen 42 Zeilen, auf dem Roten Platz und in Nathalies Zimmer, wobei er für die Erklärung, wie es zum überraschenden Übergang vom ersten zum zweiten Ort kommt, lediglich acht kurze Wörter braucht („J’ai pris son bras, elle a souri“ – „Ich nahm ihren Arm, sie hat gelächelt“). Das Chanson schließt mit vier Textzeilen des Rück- und Ausblicks, in denen die vorangehende euphorische einer traurigeren („Que ma vie me semble vide“ – „Mein Leben erscheint mir so leer“), zugleich aber auch optimistischen („Mais je sais qu’un jour à Paris“ – „Aber ich weiß, eines Tages in Paris“) Stimmung Platz macht.Matei Chihaia, Fiction et vérité de Nathalie, 2008, S. 186/187 Dabei steht am Ende zweimal der langgezogen gesungene, auf der letzten statt wie üblich auf der ersten Silbe betonte Name Nathalie. Sprachlich spielt für Chihaia auch die Semantik dieses Textes eine wesentliche Rolle, weil sie wiederholt „die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westeuropa hervorhebt“.Matei Chihaia, Fiction et vérité de Nathalie, 2008, S. 201

Gegliedert ist der Text in zehn Strophen à vier oder sechs Zeilen. Darin werden unterschiedliche Reimformen verwendet, beginnend mit zwei Strophen mit Kreuzreim, denen eine mit Paarreim und die vierte wieder mit Kreuzreim folgt. Ab der fünften Strophe – und damit inhaltlich ab dem Zeitpunkt, an dem sich das Geschehen in Nathalies Zimmer abspielt und auch musikalisch ein Tempo- und Stimmungswechsel stattfindet – ändert sich die Reimform von Strophe zu Strophe, werden auch noch Block-, Haufen- und Schweifreim verwendet, ehe Delanoë in den letzten Zeilen zum Kreuzreim zurückkehrt. Ein Reimpaar, die Wörter „vide“ und „guide“ (leer und Führerin), taucht dabei gleich vierfach auf; dies ist der Fall in der ersten, vierten, achten und letzten Strophe, was der textlichen Entsprechung eines Rondos nahe kommt.

Musik und Instrumentierung