Die Konföderation von Bar (polnisch Konfederacja barska) war die 1768 in Bar gegründete und historisch bedeutendste Konföderation polnischer Kleinadliger zur Verteidigung ihrer Goldenen Freiheit. Sie richtete sich primär gegen ihr eigenes Staatsoberhaupt, den polnischen König Stanislaus II. August Poniatowski, der eine Fremdherrschaft im Interesse Russlands zur grundlegenden Modernisierung ihrer Republik billigte und deshalb bei den Kleinadligen als fremdbestimmter Kurator und Volksverräter verpönt war. Die Konföderation von Bar gilt als letzte große Massenbewegung des polnischen KleinadelsJacek Jędruch: Constitutions, elections, and legislatures of Poland, 1493–1977: a guide to their history. EJJ Books, 1998, ISBN 978-0-7818-0637-4, S. 160; books.google.de und als erster polnischer Nationalaufstand Muzeum Historii Polski (polnisch); abgerufen am 20. Juni 2015. mit weitreichenden Folgen bis mindestens in die 1970er Jahre hinein.

Hintergrund In der Union Polen-Litauen hatte sich die aus der Ritterschaft des Mittelalters hervorgegangene Szlachta (Gesamtheit des polnischen Adels) als die stärkste politische Kraft erwiesen. Ihr Sejm tagte bereits seit 1493, seit 1505 galt die Reichsverfassung Nihil Novi. Sie legte fest, dass das Parlament (Sejm) allen neuen Gesetzen zustimmen muss und der König nur das auf Lebenszeit gewählte Oberhaupt des Staates mit eingeschränkter Macht ist (Wahlkönigtum). Sein eigentliches Feld war die Außenpolitik. Polen war zur Adelsrepublik geworden, in der die Goldene Freiheit herrschte. Dieses System sah gleiche Rechte für alle Edelleute vor; der meist über riesige Ländereien verfügende Hochadel stand rechtlich auf einer Stufe mit dem einfachen, verarmten Kleinadel.

In den 1660er Jahren setzte dieser Kleinadel für sich ein weiteres Recht durch: das Liberum veto (Einspruchsrecht der Freien); es ermöglichte praktisch jedem einzelnen Mitglied der Szlachta, durch seinen Einspruch einen zuvor ausgehandelten Beschluss des Sejms zu Fall zu bringen. Die unkritischen, finanzschwachen Kleinadligen waren in Polen-Litauen nun also omnipotent. Zur gleichen Zeit gerieten sie aber auch in eine lange Phase zumeist unfreiwilliger kriegerischer Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn im Ausland. Insbesondere die immer wiederkehrenden Zusammenstöße mit Schweden und Russland belasteten die Stabilität ihres Unionsstaates stark.

Kosakenaufstand, Schwedische Sintflut und Sarmatentum mini|Polen-Litauen war bis Ende 1655 fast vollständig von den Schweden (hellblau) und russisch-kosakischen Truppen (hellgrün) besetzt worden Kriegerische Auseinandersetzungen, welche die Szlachta und ihren Unionsstaat schwer erschütterten, begannen schon 1648 mit dem großflächigen Chmielnicki-Aufstand der ukrainischen Kosaken, die sich gegen die (polnische) Adelsherrschaft in der westlichen Rus auflehnten.Die Magnaten auf dem Gebiet der Ukraine waren zumeist ruthenisch-ukrainischer Abstammung (Nachkommen des Rurik). Im Vertrag von Perejaslaw stellten sich die Kosaken schließlich unter den Schutz Russlands, womit der Russisch-Polnische Krieg 1654–1667 begann. Das Vorrücken der Russen und Kosaken begünstigte 1655 den Einfall Schwedens in Polen-Litauen (Zweiter Nordischer Krieg), der in der polnischen Geschichtsschreibung als Potop – also als „(Blutige) Sintflut“ bzw. „Schwedische Sintflut“ – bekannt wurde. Zeitweise rückten die Schweden bis nach Warschau und Krakau vor. Gegen Ende der 1650er Jahre wurde Schweden durch den Kriegseintritt weiterer Mächte dann so weit in die Defensive gedrängt, dass der polnische König im Frieden von Oliva den Status quo ante aushandeln konnte. Die Auseinandersetzungen mit Russland gingen jedoch weiter. Im Jahr 1667 musste die Adelsrepublik große Teile ihres östlichen Territoriums (Smolensk, Linksufrige Ukraine) abtreten und verlor damit hunderttausende Quadratkilometer Staatsfläche und Millionen von Einwohnern an das Russische Zarentum. Weitere Gebietsabtretungen (Teile der Rechtsufrigen Ukraine und Podolien) folgten nach einem Osmanisch-Polnischen Krieg 1672–1676. Nicht nur territorial war die Szlachta und ihre Republik nun dadurch geschwächt. Außenpolitisch wurde sie zunehmend handlungsunfähig und wirtschaftlich bedeuteten die Kriegsfolgen eine Katastrophe: Die Hälfte der Bevölkerung starb in den Wirren der Kriege oder wurde vertrieben, 30 % der Dörfer und Städte waren zerstört. Der Rückgang landwirtschaftlicher Erzeugnisse war dramatisch, allein die Getreideproduktion erreichte nur noch 40 % des Vorkriegsniveaus.Rudolf Jaworski, Christian Lübke, Michael G. Müller: Eine kleine Geschichte Polens. Frankfurt a. M. 2000, S. 167. Polen-Litauen geriet bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts in einen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsrückstand, den es bis ins darauffolgende Jahrhundert nicht aufholen konnte.

Gleichzeitig entwickelte die Szlachta, die in Polen-Litauen etwa 8–15 % der Bevölkerung ausmachte, eine eigene provinzielle Kultur, das Sarmatentum. Es prägte die Bildende Kunst, Architektur, Literatur sowie den Alltag. Die Mode orientierte sich an Vorbildern aus dem Orient, zu dem Sarmatien angeblich gehörte. Preußens König Friedrich II. spottete über die „türkischen Gewänder“ des polnischen Kleinadels, der sich von europäischen Einflüssen abzuschotten versuchte. Die Aufklärung erreichte zwar den polnischen Hochadel und die Gelehrten, nicht aber die Szlachta. Stattdessen frönte diese einem sehr ausgeprägten Marienkult. Ausgelöst hatte ihn 1655 die Verteidigung der Klosterfestung Jasna Góra im Zweiten Nordischen Krieg. Der Kleinadel, der die Polen seitdem gern als auserwähltes Volk der Gottesmutter von Jasna Góra ansah und sie ein Jahr später von König Jan II. Kazimierz zur Patronin und Königin von Polen wählen ließ,Die verhältnismäßig ruhigen Zeiten, die nach 1711 in Polen-Litauen nach den schwedischen, osmanischen und Kosakenkriegen waren, begünstigten die Vorbereitungen für die Krönung des Gnadenbildes. Dass die päpstliche Krone das Haupt der Muttergottes von Jasna Góra zieren werde, wünschten sich schon seit langem die Herzen der Gläubigen, insbesondere die des polnischen Kleinadels. 1716 fuhr Chryzostom Koźbiałowicz mit der Bitte nach Rom und schenkte Papst Clemens XI. eine Kopie des Bildes der Muttergottes von Częstochowa. Der Papst unterzeichnete auf Wunsch der Gläubigen das Krönungsbreve, und am 8. September 1717 fand die feierliche Krönung statt, an der 200.000 Gläubige teilnahmen. zeigte sich gegenüber anderen Bekenntnissen häufig intolerant und prangerte die Juden als „Christusmörder“ an. Streitigkeiten trugen die Kleinadligen nicht selten im Duell aus, sie verachteten die weltliche Gerichtsbarkeit (anerkannten nur die göttliche Gerichtsbarkeit, also die des Papstes als offizieller Stellvertreter Christi auf Erden). Es galt der Grundsatz: Ehre vor Nützlichkeit. Auch Opfermut wurde als herausragende Tugend gepriesen.

Der polnische Kleinadel unter sächsischer Hegemonie mini|König August „der Starke“ zu Pferde im Harnisch, den Marschallsstab in seiner rechten Hand haltend. Gemälde von Louis de Silvestre, um 1718, Öl auf Leinwand, Jagdschloss Moritzburg

Bedingt durch den auszehrenden Zweiten Nordischen Krieg war die Adelsrepublik ein Land ohne staatliche Verwaltungsorgane, mit einer unterentwickelten Wirtschaft, unzureichenden Steuereinnahmen und einer Armee, die den Erfordernissen der Zeit weder qualitativ noch zahlenmäßig gewachsen war.René Hanke: Brühl und das Renversement des alliances. Die antipreußische Außenpolitik des Dresdener Hofes 1744–1756. Lit, Berlin 2006, ISBN 3-8258-9455-X, S. 18 Dafür verfügte die Adelsrepublik über Rohstoffreichtum und war daher für das gewerblich geprägte Kurfürstentum Sachsen interessant. Mit den üblichen Bestechungsgeldern konnte nach dem Tod König Jan III. Sobieskis auf dem Wahlfeld in Wola Sachsens Kurfürst Friedrich August „der Starke“ entgegen allen Anfangserwartungen gewählt werden. Am 15. September 1697 wurde er zum König gekrönt. Unter sächsischer Hegemonie wurde der polnische Kleinadel und seine Republik im März 1700, gegen seinen Willen, nun in den Dritten oder Großen Nordischen Krieg hineingezogen, der heute häufig als Ausgangspunkt der Geschichte der Teilungen Polens angesehen wird.Zur Periodisierung vgl. Müller: Die Teilungen Polens. S. 12 f. Über 20 Jahre dauerten die erneuten Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft im Ostseeraum. Die meisten Anrainer schlossen sich im Vertrag von Preobraschenskoje zur „Nordischen Liga“ zusammen und bezwangen Schweden letztendlich. Die Friedensverträge von Stockholm, Frederiksborg und Nystad bedeuteten das Ende Schwedens als europäische Großmacht und den gleichzeitigen politischen und militärischen Aufstieg des 1721 von Peter I. gegründeten Kaiserreiches Russland.