mini|Yves Saint Laurent, 1976, Graphitzeichnung von Reginald Gray mini|Signet der YSL-Modesparte seit 2012
Yves Henri Donat Mathieu-Saint-Laurent ( []; * 1. August 1936 in Oran, Französisch-Algerien; † 1. Juni 2008 in Paris) war ein international bekannter französischer Modeschöpfer, der 1961 das Modeunternehmen Yves Saint Laurent in Paris gründete.
Saint Laurent, der zu Lebzeiten von der Fachwelt als „Revolutionär“han/AFP/dpa/AP: Seine Kleider machten Frauen mächtig, Spiegel online, 2. Juni 2008 des Modedesigns betitelt wurde, wirkte in der Modewelt vielfach stilbildend und wird auch nach seinem Tod als Koryphäe auf dem Gebiet der gehobenen, eleganten Damenmode gewürdigt.Dorothea Hahn: Revolutionär des Frauenbildes, taz, 2. Juni 2008 Der Modeschöpfer, der von 1953 bis 2002 in Paris tätig war und seine Karriere als Assistent von Christian Dior begonnen hatte, verkörperte wie nur wenige andere Designer die französische Haute-Couture-Mode. Den größten Einfluss hinterließ 1967 Saint Laurents Kreation eines Hosenanzuges für Frauen („Le Smoking“), der die weibliche Form elegant und sachlich zugleich zur Geltung brachte und damit auch emanzipatorisch wirkte.Gabriele Strehle: , FAZ, 1. August 2006
Das Unternehmen und damit die Marke Yves Saint Laurent, kurz YSL, bestehen bis heute und waren ab Ende 1999 im Besitz der Gucci-Gruppe, welche wiederum von 1999 bis 2004 schrittweise von dem französischen PPR-Konzern (seit 2013: Kering S.A.) aufgekauft wurde.PPR History, ppr.com, abgerufen: 2. Dezember 2011 Das Unternehmen bietet über ein eigenes Netz von Boutiquen und den gehobenen Einzelhandel weltweit hochpreisige Prêt-à-porter-Bekleidung für Damen und Herren sowie Lederwaren, Schuhe, Uhren, Schmuck, Brillen, Accessoires, Parfüms und Kosmetik im Luxusgütersegment an. Von März 2012 bis März 2016 war Hedi Slimane Chefdesigner aller Modekollektionen des Hauses.Jina Khayyer: Designer Hedi Slimane – Rückkehr des Radikalen, Die Zeit, 8. März 2012 Unter Slimane wurde die Modesparte 2012 in Saint Laurent Paris umbenannt, wobei das Unternehmen selbst weiterhin als Yves Saint Laurent S.A.S firmiert.Jina Khayyer: Yves Saint Laurent – Radikal puzzeln in Paris, Die Zeit, 29. Oktober 2012 Ein Wiederaufleben der Haute-Couture-Kollektion, die 2002 eingestellt worden war, wurde 2012 von Slimane in den Raum gestellt, jedoch bis auf wenige Einzelteile bislang nicht verwirklicht., vogue.de, 24. Juli 2012 Zu Slimanes Nachfolger wurde im April 2016 der Belgier Anthony Vaccarello ernannt.Der nächste Kompromisslose bei Yves Saint Laurent, faz.net, 4. April 2016
Leben und Werk Saint Laurent war der Sohn von Charles Saint-Laurent, dem Eigentümer einer Versicherungsgesellschaft und einer Kinokette, und dessen Frau Lucienne-Andrée, geb. Wilbaux (1914–2010).APA: „Mutter von Yves Saint Laurent gestorben“, Der Standard, 30. Juni 2010 Die Großeltern beider Familien wiederum kamen aus dem Elsass und flohen während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 nach Nordafrika. Yves war das älteste Kind und kam ein Jahr nach der Heirat seiner Eltern zur Welt, zwei Töchter, Michèle und Brigitte, folgten. Er wuchs in der Stadt Oran in Französisch-Algerien auf und besuchte dort das Gymnasium bis zum Baccalauréat. Bei einer Theateraufführung von Molières „Critique de l’École des femmes“ (Kritik der Schule der Frauen) entdeckte er seine Leidenschaft für Kostüme. So fertigte er bereits im Alter von elf Jahren Skizzen und Entwürfe für die Bühne an. Die Welt der Mode war für Saint Laurent auch eine Zuflucht vor dem Mobbing seiner Mitschüler. Er war das Lieblingskind seiner Mutter, die französische Modemagazine abonnierte und gern mit ihren Schneidern ihre neuen Kleider besprach.Dirk van Versendaal: „Yves Saint Laurent. Der Mann, der die Frauen anzog“, stern, 3. Juni 2008
mini|Exposition GOLD: Les ors d’Yves Saint Laurent, 14. Oktober 2022 bis 14. Mai 2023, Musée Yves-Saint-Laurent de Paris
1953 reichte Saint Laurent auf eine Anzeige in Paris Match hin im Alter von siebzehn Jahren von Algerien aus drei eigene Entwürfe bei dem jährlichen Modewettbewerb des Internationalen Wollsekretariats (IWS) ein und erzielte mit einem Abendkleid den dritten Platz. Nach ersten Kontakten bei der Preisverleihung in Paris begann Saint Laurent 1954 eine Ausbildung zum Mode- und Bühnenzeichner an der Modeschule der Chambre Syndicale de la Haute Couture des Pariser Modeverbands, die er nicht beendete. Noch im gleichen Jahr reichte er erneut drei Entwürfe bei dem Modezeichner-Wettbewerb des IWS ein, darunter den eines Cocktailkleides, mit dem er den ersten Platz erlangte. Karl Lagerfeld gewann im gleichen Wettbewerb den ersten Preis in der Kategorie Mantel. Aus einer anfänglichen Freundschaft zwischen Saint Laurent und Lagerfeld entwickelte sich über die Jahre Rivalität.Lagerfeld züngelt gegen Joop, Gaultier und Saint-Laurent, Der Spiegel, 18. Mai 2001Isabelle Graw: Rivalität der Schillernden, taz, 15. Januar 2007 Saint Laurents Modezeichnungen wurden im Magazin Vogue veröffentlicht und das Cocktailkleid ging bei Givenchy in Serie. Michel de Brunhoff, der damalige Direktor der französischen Vogue, stellte den jungen Designer Christian Dior vor. Bei ihm arbeitete Saint Laurent bis zu Diors Tod im Jahre 1957 und wurde im Alter von 21 Jahren vom Eigentümer der Firma Dior, Marcel Boussac, zum künstlerischen Leiter befördert. Boussac hatte die Firma eigentlich schließen wollen, war von Lizenznehmern aber zum Weitermachen gedrängt worden. Im März 1958 lernte Saint Laurent seinen späteren Lebensgefährten und Geschäftspartner Pierre Bergé bei einem Dinner mit der französischen Modejournalistin Marie-Louise Bousquet (Harper’s Bazaar) kennen.
mini|Gedenktafel für Yves Saint Laurent im Jardin Majorelle
1960 wurde Saint Laurent zum Militärdienst nach Algerien eingezogen, wo seit 1955 der Algerienkrieg wütete. Er erlitt noch vor seiner Abreise einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine psychiatrische Anstalt im Val-de-Grâce-Krankenhaus überwiesen, in dem er mit Elektroschocks und Drogen (Sedativa) behandelt wurde. Sein Arbeitgeber, das Modehaus Dior, entband ihn daher von seinem Arbeitsvertrag. Boussac kam dieser Umstand nicht ungelegen, da er mit Saint Laurents Kreationen für Dior nicht mehr einverstanden gewesen war. Bergé dagegen glaubte an Saint Laurents Talent und unternahm alles, um ihn wieder aus der Psychiatrie frei zu bekommen. Saint Laurent und er verklagten Dior wegen Vertragsbruchs und erhielten 680.000 Franc Entschädigung.Mary Rourke: , Los Angeles Times, 2. Juni 2008 Mit diesem Startkapital konnten sich die beiden 1961 selbständig machen. Durch die Investition des US-amerikanischen Finanziers J. Mack Robinson (1923–2014) aus Georgia, der dafür 80 Prozent der Anteile hielt, gründeten Saint Laurent und Bergé das Modeunternehmen Yves Saint Laurent Couture. Der Grafikdesigner A. M. Cassandre steuerte 1963 das Firmenzeichen YSL bei.Rose-Maria Gropp: „Die Kunst von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé“, FAZ, 15. Februar 2009 Saint Laurent und Bergé trennten sich 1976 in freundschaftlicher Verbundenheit; sie blieben weiterhin Geschäftspartner und Vertraute. Bergé kümmerte sich weiterhin um Saint Laurent und stand ihm in seinen schlimmsten Zeiten bei. Ab Mitte der 1970er-Jahre verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Saint Laurent zunehmend; 1977 wurde in einer Falschmeldung der Presse sein Tod verkündet. Mit kurzen Erholungszeiten wurde er von Medikamentennebenwirkungen, Angstzuständen, Nervenzusammenbrüchen und Depressionen geplagt und flüchtete in Alkohol- und Drogenmissbrauch. In den 1990er-Jahren verfasste er Prosagedichte im Stil der Chants de Maldoror von Lautréamont.Marc Zitzmann: , Neue Zürcher Zeitung, 3. Juni 2008
Nachdem Saint Laurent sich 2002 aus dem Modegeschäft zurückgezogen hatte, lebte er weitgehend isoliert in der Villa Majorelle in Marrakesch, in seiner kunstgeschmückten Pariser Wohnung in der Rue de BabyloneMichael Meier: , Tages-Anzeiger, 3. Juni 2008 und im normannischen Château Gabriel in Deauville,Jean-Pierre Beuve: „Les Russes débarquent à Deauville“, Ouest-France, 23. Februar 2009 dessen Zimmer nach Figuren aus Marcel Prousts Romanzyklus À la recherche du temps perdu benannt waren.
2007 wurde bei Saint Laurent ein bösartiger Hirntumor (Glioblastom) entdeckt. Kurz vor seinem Tod am 1. Juni 2008 in Paris besiegelten er und Bergé mit einer formellen Heirat ihre lebenslange Verbundenheit.„Nachruf auf Yves Saint Laurent: Ganz Paris trägt Schwarz“, Die Presse, 2. Juni 2008, mit Bildergalerie An der katholischen Trauerfeier in der Pfarrkirche St-Roch in Paris am 5. Juni 2008 nahmen 800 geladene Trauergäste teil, darunter Staatspräsident Nicolas Sarkozy und seine Frau Carla Bruni, Bernadette Chirac, Bertrand Delanoë, Farah Diba, Catherine Deneuve, Loulou de la Falaise, Betty Cartoux und zahlreiche befreundete Modedesigner wie Sonia Rykiel, Christian Lacroix, Jean Paul Gaultier, Valentino Garavani, John Galliano und Marc Jacobs.Tobias Schmidt: Adieu Yves Saint Laurent, Die Welt, 5. Juni 2008 Saint Laurents Asche wurde im Rosengarten des Jardin Majorelle seiner Villa in Marrakesch verstreut, die er und Bergé 1980 gekauft hatten.„Les cendres d’Yves Saint Laurent dispersées dans son jardin de Marrakech“, AFP, 12. Juni 2008
Unternehmensgeschichte
Yves Saint Laurent Saint Laurents erste Kollektion für das Unternehmen Dior im Januar 1958, die Ligne Trapèze, wurde ein überwältigender, weltweiter Erfolg. Die Trapezlinie befreite die Frauen vom Zwang zur Wespentaille und präsentierte sie in weniger steifer Form auf dennoch elegante Weise. Er befreite die Kostüme ein weiteres Mal, diesmal von Wattierungen und Versteifungen an Taille, Brust und Schultern, ohne jedoch auf die Pracht und die Fülle der Kostüme à la Dior zu verzichten. Saint Laurent verjüngte und modernisierte die Kollektionen bei Dior im Stil „Op-Art-Mode“ über sechs Saisons dramatisch, womit er sich bei den älteren Kundinnen und dem Eigner der Firma Dior unbeliebt machte. Saint Laurents Anstellung bei Dior endete 1960.
Saint Laurents Kollektionen unter seinem eigenen Namen galten in den 1960er-Jahren teilweise als skandalös. Er war einer der ersten Modeschöpfer, die transparente Stoffe verwendeten. Seine erste, konservativ gehaltene Couture-Präsentation im Jahr 1962 stieß auf ein gemischtes Echo. Seine konsequente Verwendung schwarzer Stoffe und die Verwendung des Materials Jersey fand in den frühen 1960er-Jahren wenig Gefallen, bis sich auch dies als Trend durchsetzte. Im Jahr 1965 folgten zur Freude der internationalen Modepresse farbenfrohe, geometrisch gemusterte Kostüme und Mondrian-Kleider im Stil von Piet Mondrian. 1966 entstand der „Schiwago-Look“ mit ersten transparenten Oberteilen, das einen Skandal provozierte: Die durchsichtig, schwarzen Chiffonblusen mit Schleifenkragen sollten ohne Unterwäsche getragen werden. In der Folgezeit setzte sich der Transparent-Look in der Werbefotografie der westlichen Welt durch.