Als Einheitswagen (EW) werden Personenwagen der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und verschiedener Schweizer Privatbahnen für den Inlandverkehr bezeichnet.
Technische Merkmale
Alle Serien von Einheitswagen haben folgende Merkmale: zwei Drehgestelle mit je zwei Achsen (total vier Achsen) Einstiege über den Drehgestellen, WC und Plattform am Wagenende, ein grosses Passagierabteil zwischen den Einstiegen Grossraumwagen Vis-à-vis-Sitzanordnung mit einem Mittelgang bei Ablieferung getrennte Raucher- und Nichtraucherabteile, anfänglich je 50 % (Ab Dezember 2005 wurde das Rauchen in Zügen generell verboten, und die Pendeltüren zwischen den Abteilen wurden entfernt.) Leichtbauweise (bis EW III)
Die Einheitswagen lösten die letzten Holzkastenwagen und die schweren Stahlwagen ab und wurden lange gemeinsam mit den Leichtstahlwagen eingesetzt. Nach Einführung des Taktfahrplans im Jahre 1982 wurden die Wagen vermehrt typenrein eingesetzt. Von den Einheitswagen gab es vier Serien.
Einheitswagen I mini|Erstklass-Einheitswagen I A 55 85 18-33 524-2 in Locarno mini|Inneneinrichtung eines EW I im Zustand der 1970er Jahre Die Einheitswagen I sind die Nachfolger der Leichtstahlwagen und wurden zwischen 1956 und 1967 gebaut. Sie waren ursprünglich in SBB-Grün lackiert und hatten ein Gewicht von 28 bis 32 Tonnen, eine Länge von 23,7 m und eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h. Die ersten vier Einheitswagen erschienen 1956, kurz vor der Abschaffung der dritten Wagenklasse, noch als C4ü.
Damit die Einstiege über dem DrehgestellRoland Müller: Die Drehgestelle der Einheitswagen I und II der SBB: Geschichte – Gegenwärtige Entwicklungen – Zukunft. In: Schweizer Eisenbahn-Revue 9/1992, Minirex, Luzern, S. 398–407. angeordnet werden konnten, mussten die Drehgestellrahmen in der Mitte gekröpft ausgeführt werden. Die Primärfederung (zwischen Rad und Drehgestellrahmen) erfolgt durch Schraubenfedern, für die Sekundärfederung (zwischen Drehgestellrahmen und Wagenkasten) kamen zwei Varianten zur Ausführung: Schraubenfedern nach einem Konstruktionsprinzip der SWS Schlieren; das Drehgestell wird deshalb Schlieren-Drehgestell genannt; Torsionsstäbe aus der Entwicklungslinie der SIG Neuhausen für die Wagen erster Klasse.
Die grösste Serie bei den SBB-Personenwagen waren die Zweitklass-Einheitswagen I, von denen in zwölf Jahren 1028 Stück gebaut wurden (drei davon allerdings mit Aluminiumkasten). Die Sitze der EW I hatten in der zweiten Klasse ursprünglich braune Kunstlederpolsterungen. Bei ihrer Hauptrevision in den 1970er-Jahren bekamen sie wie die EW II in Nichtraucherabteilen einen grünen und in Raucherabteilen einen roten Sitzbezug. Die ursprünglichen Faltenbalgübergänge wurden durch Gummiwulstübergänge und die bislang eingebaute Glühlampenbeleuchtung durch eine Beleuchtung mit Leuchtstofflampen wie in den EW II ersetzt. Ausserdem wurden die Wagen mit einer Apparateluftleitung (weisse Absperrhähne und Schlauchkupplungen) versehen und der spätere Einbau einer UIC-Tür- und Beleuchtungssteuerung sowie einer UIC-Lautsprecheranlage, jedoch ohne Sprechstellen in den Personenwagen, wurde vorbereitet.
Bei einer weiteren Modernisierung ab Ende der 1980er Jahre erhielten die Wagen der ersten Klasse graue Stoffbezüge bzw. wurden bei den für den Nahverkehr vorgesehenen Wagen neue Sitze in 2+2-Anordnung eingebaut, in der zweiten Klasse kamen blau-rot gemusterte Stoffbezüge mit blauen Kopfstützen. Die Stirnwände wurden im Nichtraucherbereich blau und im Raucherbereich rot.Innenaufnahmen EW I A und EW I B auf vagonWEB
Fahrzeuge, die mit der Fern- und Vielfachsteuerleitung III und mit einer Apparateluftleitung für Pendelzüge ausgestattet waren, trugen Nummern über 500. Diese Wagen besassen von Anfang an eine Tür- und Beleuchtungssteuerung, die vom Lokomotivführer fernbedient wurde. Ausserdem gab es an den Seitenwänden neben den Einstiegstüren Abfertigungsschalter, mit denen dem Lokomotivführer der Abfahrtsauftrag erteilt werden konnte. In diese pendelzugtauglichen Wagen wurde die oben beschriebene UIC-Vollausrüstung zusätzlich zu den schon vorhandenen Einrichtungen ergänzend eingebaut.
Bei dem später erfolgten Umbau auf kondukteurlosen Betrieb wurden alle dazu ausgewählten Wagen auch für den Betrieb in Pendelzügen umgebaut; diese Wagen (ausser den Steuerwagen) haben eine 5 auf der achten Stelle der UIC-Nummer (z. B. 50 85 20-35 000). Bei diesem Umbau wurden auch die ursprünglich eingebauten Achsgeneratoren mitsamt Laderegler durch elektronische Batterieladegeräte ersetzt, die aus der Zugsammelschiene, früher Heizleitung genannt, versorgt werden (ee-Kennzeichen im Anschriftenfeld).
Die Senkfenster sind einteilig, einfach verglast und rahmenlos; die Scheiben werden beim Öffnen bis zur Hälfte in die Wagenseitenwand versenkt. Die 1962 gebauten Wagen B 50 85 20-33 420 bis 444 wurden versuchsweise wie die Speisewagen mit Übersetzfenstern ausgestattet.
mini|Speisewagen ab den 1970er Jahren als Restaurant Self-Service
Die Speisewagen EW I unterschieden sich von ihren Vorgängern der Leichtstahlbauart vor allem durch das gesickte Dach und die Türen; ausserdem waren sie 80 cm länger. Die Speisewagen wurden in zwei Serien beschafft, diese waren bei Auslieferung weinrot lackiert. Die ersten sieben Wagen von 1958 wurden ab 1975 in Selbstbedienungswagen (Self-Service) umgebaut und erhielten dabei einen helleren roten Anstrich mit grauen Zierlinien. Weitere Umbauten folgten ab 1989, drei Wagen erhielten einen gelben Anstrich mit Käselöchern und wurden als Chäs-Express bezeichnet, drei weitere erhielten ein violettes Fensterband und magentafarbenes Schrägband für den Betreiber Le Buffet Suisse, zwei davon mit der Anschrift Calanda Land. 1961 wurden drei weitere pendelzugfähige Wagen geliefert, welche in den 1980er Jahren eine Modernisierung mit Neuanstrich in verkehrsrot und steingrau entsprechend den Speisewagen der EW IV erhielten. Ein elfter Wagen wurde 1961 aus einem ausgebrannten Leichtstahlwagen umgebaut und wurde in den 1970er Jahren wie die Selbstbedienungswagen angestrichen.
2021 nahmen die SBB die letzten Einheitswagen I aus dem Verkehr.Zum letzten Mal in Betrieb: Goodbye, SBB EW I In: Bahnonline.ch vom 1. April 2021
Verbesserte Versionen für Privatbahnen und Lizenzbauten mini|Schlierenwagen der ÖBB mit der Bezeichnung 50 81 82-35
Diese Bauart von Einheitswagen wurde bis 1981 auch von vielen Privatbahnen beschafft, wobei diese Wagen sich in Details (z. B. doppelverglaste Fenster, Gummiwulstübergänge, Röhrenbeleuchtung, Anordnung der Lüftungsgitter über den Einstiegstüren) zum Teil von denjenigen der SBB unterschieden. Die Privatbahnen haben damit verschiedene Neuerungen, welche die SBB erst mit den EW II einführten, vorweggenommen. Die BLS ging (ab 1990) auch voraus beim Einbau aussenbündiger Türen für NPZ.
Mit einigen Anpassungen wie sie bei Privatbahnen vorgenommen wurden, übernahmen auch die Österreichischen Bundesbahnen das Baumuster, liess die Wagen aber in Lizenz im eigenen Land anfertigen. Bekannt wurde der von 1965 bis 1981 gebaute Wagentyp in Österreich unter dem Namen Schlierenwagen.
Umbauten mini|Revvivo-Wagen BR mit Bistro und Zweitklassabteil. Die Reisenden können am Automaten Getränke und Snacks beziehen.
mini|Die als Zwischenwagen in den NPZ-Pendelzügen der SBB eingesetzten Einheitswagen I erhielten aussenbündige Türen. Bei den Hauptrevisionen in den 1970er Jahren wurden die Faltenbälge an den Wagenübergängen durch Gummiwülste ersetzt und die Wagenkästen an beiden Enden etwas verlängert. Zudem erhielten die Wagen bei diesen Umbauten an beiden Stirnseiten je zwei rote Zugschlussleuchten.
Der grösste Umbau geht auf einen Vorschlag der Schweizer Wagenindustrie zurück. In den vollkommen ausgeräumten und von Asbest befreiten Wagenkasten wurde ein neuer Innenausbau mit geschlossenem Toilettensystem und einer Klimaanlage eingebaut; überdies wurden neue Drehgestelle untergesetzt. Diesen «Revvivo» getauften Umbauwagen beschafften BT (acht Wagen) und SOB (13 Wagen), heute Südostbahn (SOB), zusammen mit den SBB (elf Wagen) 1997–2000 für den Voralpen-Express. Zwei Wagen der SOB erhielten keine neuen Drehgestelle. Seit Dezember 2013 gehören alle 32 Revvivo-Wagen der SOB, wobei aber der Prototyp aufgrund seines schlechten Zustands abgestellt wurde. Im Dezember 2019 wurden die Revvivo-Wagen durch neue Traverso-Triebzüge ersetzt. Vier Revvivo-Wagen wurden von der französischen Museumsbahn «Le Train des Mouttes» an der französischen Atlantikküste übernommen und in Salon- und Speisewagen umgebaut. 23 Fahrzeuge gingen an MÁV-Nosztalgia,Jeannine Fisch: Wo sind sie geblieben? Auf: SOBdirekt, 17. September 2021. wo sie einen weiss-blau-goldenen Anstrich erhielten und für Ausflugsfahrten verwendet werden.Conradin Knabenhans: Die wohl wichtigsten Fahrten der Revvivo-Wagen. Auf: SOBdirekt, 20. März 2022.
Die BLS Lötschbergbahn liess durch Bombardier Villeneuve ab 2003 aus Wagenkasten und Drehgestellen von Einheitswagen I Niederflur-Gelenkwagen herstellen, welche sie als «Jumbo»-Wagen bezeichnet. Dabei wurde (ausser beim Prototyp) der mittlere, niederflurige Teil inklusive Drehgestell vollständig neu gebaut.
Stückzahlen der EW I
Wagenklasse Baujahr Wagenbezeichnung Anzahl beiAblieferung1. Klasse Salon1956, 195850 85 89-33 50050 85 89-30 50121. Klasse1958–1960A 50 85 18-33A 50 85 18-351801. und 2. Klasse (1994–1997 Umbau aus B)(1959–1962)AB 50 85 20-35(39)2. Klasse (39 Stück 1994–1997 zu AB umgeb.)1956–1967B 50 85 20-33B 50 85 20-34B 50 85 20-351028Speisewagen1958–1961WR 50 85 88-3311Gepäck-Steuerwagen 2. Klasse (Umbau)1959BDt 50 85 82-33(27)Steuerwagen, jeweils mit 1. und 2. Klasse1959ABt 50 85 38-3322Gepäck- und Post-Steuerwagen1959DZt 50 85 91-336Total1249 Stand 1997
2018 existierten im Flottenbestand des SBB-Personalverkehrs in der ersten Klasse (A) noch 27 Einheitswagen I, davon 24 in der NPZ-Ausführung; in der zweiten Klasse (B) existieren 64 Stück, alle in der NPZ-Ausführung; dazu kommen 19 Steuerwagen (BDt). Von den in den 1990er-Jahren umgebauten AB-Wagen existieren 7 Exemplare. Der älteste Wagen im Bestand ist B 50 85 20-35 173-7 (NPZ) mit Ablieferungsdatum 30. Dezember 1957.
Beschaffungen durch Privatbahnen Typ BLS/SEZ/GBS/BNheute BLS EBT/VHB/SMBheute BLS BT/SOBheute SOB GFMheute TPF RVTheute TRN MOheute TMR MThB und WM SiTBheute SZU Total inkl. SBB (ohne Umbauten)1. Klasse Salon As 21. Klasse A 13 1931./2. Klasse AB 18 4 221./2.-Klass-Steuerwagen ABt 2DT 11 352.-Klass-Wagen B 61 11DT+11AT 23 2 2 2 6DT 11462.-Klass-Steuerwagen Bt 9 9AT 3 3 3 3 4DT 34Buffet-/Speisewagen BR/WR 3 14Gepäckwagen und Gepäck-2.-Klass-Wagen D/BD 13 8ME 21Gepäck- und Post-Steuerwagen DZt 6TOTAL 114 33 49 5 5 5 3 10 1473 DT = Doppeltür, reduzierte Abteilzahl AT = Aussenbündige Doppeltür, reduzierte Abteilzahl ME = Mitteleinstieg
Einheitswagen II mini|links|Zweitklass-Einheitswagen II in Biasca, erkennbar am quadratischen WC-Fenster und dem Gummiwulst-Übergang. mini|Links ein EW II (quadratisches Fenster) mit den ursprünglichen Türen, rechts ein EW I (rechteckiges Fenster) umgebaut auf aussenbündige Türen mini|RM B 584, der einzige EW II B einer Privatbahn, bei einem seiner letzten Einsätze am 20. September 2003 in einem Dampfzug in Schlieren ZH