Ifigenia in Tauride ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Dramma per musica“) in drei Akten von Gian Francesco de Majo (Musik) mit einem Libretto von Mattia Verazi. Sie wurde am 5. November 1764 im Hoftheater in Mannheim uraufgeführt.

Handlung

Vorgeschichte

Um die beleidigte Göttin Diana zu versöhnen, beschließt Agamemnon, der König von Argos, ihr seine Tochter Ifigenia (Iphigenie) zu opfern. Dieser gelingt jedoch mit Hilfe ihrer Mutter Clitennestra (Klytaimnestra) die Flucht nach Tauris, wo sie Schutz bei den Skythen findet und ihr Leben der Göttin Diana widmet. Sie lebt dort viele Jahre unerkannt unter den heiligen Jungfrauen und wird schließlich zur Oberpriesterin ernannt. Ihre Eltern halten sie inzwischen für tot. In Tauris lässt der grausame Usurpator Toante (Thoas) alle am Strand eintreffenden Fremden den Göttern opfern.

Nach dem Ende des Trojanischen Kriegs ermordet Clitennestra zusammen mit ihrem Geliebten Egiste (Aigisthos) ihren Gatten Agamemnon. Als Ifigenias jüngerer Bruder Oreste (Orestes) einige Jahre später die Tat an Egiste rächt, tötet er versehentlich auch seine Mutter, die ihm ins Messer läuft. Die Erinnyen schlagen ihn daraufhin mit Wahnsinn und verfolgen ihn. Da ihm ein Orakelspruch Erlösung verspricht, falls er das Standbild der Diana aus Tauris raubt und nach Griechenland bringt, macht sich Oreste mit seinem Freund Pilade (Pylades) per Schiff auf den Weg nach Tauris.

Den eigentlichen Inhalt der Oper gab der Librettist Verazi im Vorwort des deutschen Librettos von 1764 folgendermaßen an:

Erster Akt

Ein der Göttin Diana geweihter Wald

Rechts der Tempel der Diana; in der Ferne links die Meeresküste mit gefährlichen Klippen und Felsen; auf einer Felsenspitze ein schwer erreichbarer Wachturm, von dem alle ankommenden Schiffe frühzeitig entdeckt werden können

Szene 1. Bei einem schweren Unwetter kentert das Schiff der Griechen. Nur wenige Überlebende können sich auf einen Felsen retten. Nach dem Abklingen des Sturms plündern die einheimischen Skythen die Schiffbrüchigen und nehmen sie gefangen. Nur Pilade kann sich kämpfend in den heiligen Hain retten. Die Hohepriesterin Ifigenia staunt über die Tapferkeit des Fremden und befiehlt den Rückzug. Sie informiert den Geretteten darüber, dass er als Fremder den heiligen Wald entweiht habe. Er dürfe den Ort daher erst wieder verlassen, nachdem er die Gottheit versöhnt habe. Anschließend teilt sie ihm mit, dass dies ein Vorwand für sie sei, ihm das Leben zu retten, denn das Gesetz gebiete es, alle Fremden zu töten. Der Tyrann Toante sei gerade jetzt besonders übel gelaunt, weil ein Grieche versucht habe, die Statue der Göttin zu rauben. Dieser soll in Kürze wilden Tieren vorgeworfen werden. Pilade, der sofort erkannt hat, dass es sich um seinen Freund Oreste handelt, bittet Ifigenia, diesem Schauspiel zusehen zu dürfen. Sie verspricht, ihm zu diesem Zweck einen skythischen Mantel zur Verfügung zu stellen. Sie hat Mitleid mit ihm, weil sie selbst als Fremde in dieses Land gekommen und seither den Launen Toantes ausgesetzt ist (Arie: „De’ tuoi mali esultarei“).

Szene 2. Pilade ist erschüttert über die Verlogenheit der Götter, deren Spruch Oreste in diese Lage gebracht hat. Er macht sich selbst Vorwürfe, dass er Oreste nicht an Land begleitet hat, und nimmt sich vor, ihm in Zukunft selbst in der größten Gefahr beizustehen (Arie Pilade: „Fra cento belve e cento“)

Thermen im Königspalast mit Springbrunnen, Wasserspielen und Grotesken

Szene 3. Ifigenia unterhält sich mit der taurischen Prinzessin Tomiri über das Schicksal Orestes. Tomiri kennt als einzige Ifigenias wahre Herkunft. Sie vermutet, dass diese deshalb Partei für den Griechen ergreift. Zugleich ist sie eifersüchtig auf Ifigenia, auf die Toante mittlerweile ein Auge geworfen hat. Sie hatte sich selbst Hoffnungen gemacht, durch eine Heirat mit dem Usurpator ihre rechtmäßige Herrschaft wiederzuerlangen, doch nun versucht Toante, sie mit dem Barbarenkönig Merodate zu vermählen (Arie Tomiri: „E specie di follia“).

Szene 4. Als Oreste Ifigenia zum Verhör vorgeführt wird, erschauern beide. Sie erkennen sich nicht als Geschwister, da die Trennung zu lange zurückliegt. Dennoch fühlt sich Oreste an seine von ihm ermordete Mutter erinnert. Sein Wahnsinn macht sich bemerkbar (Cavatine: „Per pietà deh nascondimi almeno“). Ifigenia zieht sich erschüttert zurück.

Szene 5. Im Wahn sieht sich Oreste in der Unterwelt am Ufer des Totenflusses, umgeben von Furien (Accompagnato: „Grazie ai Numi, partì“ – Arie: „Rimorsi tiranni“).

Großes Amphitheater am Palast

Rechts die königliche Loge mit einem Thron; Käfige für die wilden Tiere; Gittertore zwischen den beiden Seiten des Amphitheaters; Zugang zum Theater von einem mit prachtvollen Bauwerken umgebenen und geschmückten Hügel

Szene 6. Der sarmatische Herrscher Merodate trifft in einem Triumphwagen an der Spitze seines großen Gefolges ein. Er hat Tomiri Mohrensklaven, wilde Tiere, Zwerge und Riesen als Brautgeschenk mitgebracht. Als ihm Toante und Ifigenia entgegenkommen, fragt er Toante hochmütig, ob dies die von ihm als Bettgespielin bestimmte Skythin sei. Sie möge sich zur Eingewöhnung gleich zu seinen Füßen niederlassen. Toante verspricht, dass Tomiri in Kürze erscheinen werde. Unterdessen möge er die Zeit bei den Feierlichkeiten verbringen. Merodate lässt sich von seinen Leuten bejubeln (Cavatine: „Vuoi così? T’appagherò“ – Chor der sarmatischen Krieger: „Pace al mondo, a noi riposo“).

Szene 7. Tomiri erscheint. Sie betrachtet spöttisch den Auftritt Merodates. Dann stellen sie einander vor und überlegen, was sie voneinander halten sollen. Tomiri schlägt vor, er möge doch Ifigenia an ihrer Stelle nehmen. Toante sorgt schließlich für ein Ende der gegenseitigen Sticheleien, und Merodate akzeptiert Tomiri, der er noch einige Verhaltensregeln mitgibt (Arie: „Di me s’accenda“). Alle gehen in ihre Logen, um einem Schaukampf der Ringer zuzusehen.

Szene 8. Als nächste Attraktion der Festlichkeiten soll Oreste an wilde Bestien verfüttert werden. Pilade wirft ihm aus seiner Loge Waffen zu und springt selbst hinab, um an seiner Seite zu kämpfen. Toante ruft die Wachen herbei. Die beiden Freunde kämpfen unerschrocken, müssen sich aber vor der Übermacht in Richtung Königspalast zurückziehen.

Hof im Königspalast

Szene 9. Pilade und Oreste werden festgenommen und auf Befehl Toantes angekettet. Jeder der beiden Freunde ist bemüht, die Schuld auf sich alleine zu nehmen, um den anderen zu retten. Toante interessiert das nicht. Er verheißt ihnen einen schrecklichen Tod (Arie: „Non m’irritate, o perfidi“).

Szene 10. Pilade und Oreste verabschieden sich zärtlich voneinander, als sie von den Wachen getrennt werden (Accompagnato: „Pilade amato“ – Duett: „Che crudele addio funesto“).

Zweiter Akt

Kabinett

Szene 1. Um sich Ifigenia geneigt zu machen, verspricht Toantes Ifigenia, einen der beiden Gefangenen freizulassen. Allerdings müsse sie den anderen eigenhändig der Göttin opfern. Ifigenia lehnt mit Hinweis auf ihr Keuschheitsgelübde ab. Außerdem weist sie ihn auf den Thronanspruch Tomiris hin. Da verrät ihr Toante einen heimtückischen Plan: Er hat den Hochzeitsbecher vergiftet, um bei der Zeremonie sowohl Tomiri als auch den hochmütigen Merodate zu ermorden. Er erklärt der entsetzten Ifigenia, dass Versprechen für Regenten keine Bedeutung haben, denn für sie gelten keine Regeln. Er schickt Ifigenia fort, da er mit Tomiri sprechen möchte.

Szene 2. Toante erklärt Tomiri, dass ihre Ehe mit Merodate wichtig für das Reich und von den Satrapen angeordnet worden sei. Tomiri verweist auf die gegenteiligen Stimmen des Volks und des Heeres sowie auf ihre Liebe zu ihm, die sie trotz ihres Zorns verspüre (Accompagnato: „Pensaci: e infin ch’io t’amo“ – Arie: „Ah lo sdegno degli amanti“).

Szene 3. Nachdem Tomiri gegangen ist, beschließt Toante, seine Pläne unverändert auszuführen. Er ist sich sicher, dass Ifigenia seinem Werben nachgeben wird (Arie: „Pudico fu spesso“).

Großzügig beleuchteter prächtiger Saal im Königspalast; in der Mitte ein Altar mit einem Bildnis der Concordia

Szene 4. Nachdem Ifigenia Tomiri über den Mordplan Toantes informiert hat, bittet diese sie um Entschuldigung für ihr Verhalten.

Szene 5. Toante, Merodate kommen in Begleitung der skythischen Satrapen, Wachen und weiterem Gefolge hinzu. Toante fordert die Satrapen auf, ihre Zustimmung zur Hochzeit noch einmal zu bestätigen (Chor: „Ceder devi. Concordi noi siamo“). Anschließend heuchelt er vor, um des Friedens willen auf seine Liebe zu Tomiri zu verzichten und verlangt den Hochzeitsbecher für die Trauungszeremonie. Merodate soll als erster den Schwur leisten und daraus trinken – doch er verlangt, dass zuvor Toante daraus trinke. Toante bleibt nichts übrig, als Merodate den Trank zu erlassen. Als anschließend Tomiri daraus trinken soll, wirft sie Toante dem Becher wütend für die Füße. Die Szene endet mit allseitigen Beschimpfungen und Drohungen (Quartett: „Tu m’insulti?“).

Grausiges Verlies im Turm

Der Eingang zum Verlies ist oben durch ein Gitter verschlossen, durch das eine Treppe hinabführt. Links und rechts bewegliche Tore zu verschiedenen Gefängniszellen.

Szene 6. Pilade informiert Oreste darüber, dass Toante beschlossen habe, einen von ihnen freizulassen. Er werde freudig in den Tod gehen, um seinen Freund zu retten.

Szene 7. Als Ifigenia von Pilade erfährt, dass Oreste aus ihrer Heimat Argos stammt, bittet sie ihn um Nachrichten von Agamemnon. Die beiden berichten ihr von seinem Tod durch die Hand Clitennestras und den Fluch, der auf dem gemeinsamen Sohn lastet. Oreste gesteht (ohne seinen Namen zu nennen), dass er selbst Clitennestra getötet habe. Das ruft Ifigenias Zorn hervor. Sie ist nun entschlossen, Oreste zu opfern. Dass die beiden weiterhin darum streiten, wer von ihnen für den anderen sterben dürfe, bringt sie vollkommen in Verwirrung (Duett Oreste/Pilade [mit Ifigenia]: „Senti, ah no: morir volg’lio“).

Szene 8. Ifigenia hat ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Einerseits verspürt sie ein merkwürdiges Gefühl der Zuneigung für Oreste, andererseits ist sie entschlossen, ihre Mutter zu rächen (Accompagnato: „Chi resister potria?“ – Arie: „Ombra cara, che ontorno t’aggiri“).

Dritter Akt

Abgeschiedener idyllischer Ort im königlichen Garten

Szene 1. Tomiri und Ifigenia haben ihre Differenzen endgültig beigelegt. Ifigenia überredet die Prinzessin, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und einen Aufstand gegen Toante zu organisieren. Sie schlägt vor, durch geheuchelte Schmeicheleien zu versuchen, Merodates Unterstützung zu gewinnen. Tomiri traut sich eine solche Täuschung jedoch nicht zu. Sie glaubt, dass ihre Gefühle für Toante zu leicht zu durchschauen seien.

Szene 2. Merodates will mit Tomiri in seine Heimat abreisen. Ihren Wunsch, zuvor ihren eigenen Thron von Toante zurückzuerobern, lehnt er ab. Ifigenia rät er, Toantes Drängen zum Schein nachzugeben, um ihn dann einen Dolch ins Herz zu stoßen. Dadurch wäre auch Tomiris Schmach gerächt. Ifigenia überredet ihn, mit der Abreise bis zum nächsten Morgen zu warten. Der Aufstand sollte dann beendet sein. Merodate schlägt vor, dass Ifigenia im Falle eines Fehlschlags mit ihm reisen und vielleicht seine Liebe gewinnen könne. Das Konzept der ehelichen Treue hält er für eine Missgeburt des Gehirns (Terzett: „Di mente aborto vana“).

Unterirdisches Gewölbe des Dianatempels in Form einer weitläufigen und tiefen Höhle

Licht bietet nur der schwache Schein einiger brennender Lampen, die inmitten anderer abstoßender Verzierungen von mysteriösen Sphinxen gehalten werden. In der Mitte vor dem schrecklichen Abbild der dreigestaltigen Göttin der heilige Dreifuß, auf dem die grausamen Opfer ausgeführt werden. Auf einer Seite eine zum Tempel hinaufführende Treppe. Auf der anderen Seite ein dunkler Vorhof, in dem die Waffen und Besitztümer der barbarisch geopferten Menschen aufbewahrt werden.