Das Namenstabu ist ein kulturelles Phänomen in China und einigen angrenzenden Ländern in Asien. Hauptbestandteil dieses Tabus ist es, Respektspersonen sowohl schriftlich wie auch mündlich nicht mit ihrem persönlichen Namen zu nennen. Solche Namenstabus bestanden bereits lange vor Gründung des Chinesischen Kaiserreichs. Die Praxis dauerte bis zu dessen Ende an, danach wurden die entsprechenden Gesetze abgeschafft. Der Brauch ist seither stark rückläufig.
Bezeichnungen und Varianten Der chinesische Begriff bihui () unterlag in seiner wörtlichen Bedeutung einem Wandel. Das erste Schriftzeichen lässt sich unter anderem als Vermeidung, höfliche Zurückweisung übertragen. Das zweite Schriftzeichen stand im frühen 1. Jahrtausend vor Christus noch für Fehler begehen. Seit der Zeit der Streitenden Reiche kodifizierte sich allerdings die spätere Bedeutung Furcht/Zögern sowie Verschweigen/Maskieren mit deutlichem und später ausschließlichem Bezug auf das Namenstabu, für das es im modernen Mandarin steht. Weitere Bezeichnungen sind noch und für Tabus allgemein.Adamek 2017, S. 6–8
Das bihui (Namenstabu) ist Teil eines umfassenderen kulturellen Tabubegriffs, der grob folgende fünf Dinge (insbesondere deren Erwähnung in einer gepflegten Konversation) als anstößig empfindet: Körperausscheidungen, Sexualorgane und -akte, Krankheit und Tod, persönliche Namen, Heilige und Gottheiten.He Yun, 2016. S. 380. Während die meisten dieser Tabuthemen aus europäisch-westlicher Perspektive nachvollziehbar sind, gilt dies nicht für die Namen.
In der westlichen Kultur besonders bekannt wurde das Tabu des (persönlichen) Namens des regierenden Fürsten sowie all seiner Ahnen (, alternativ auch ). Zu mancher Zeit umfasste dieses Namenstabu zudem weitere Mitglieder der kaiserlichen Familie, etwa die Kaiserin. An dieses Tabu hatten sich alle Untertanen des Staates zu halten.
Allerdings waren zahlreiche weitere Respektspersonen mit individuellen Namenstabus belegt, die für jedermann anders lauteten: Der persönliche Name des eigenen Vaters sowie weiterer Ahnen war zu vermeiden. Dies galt auch für Respektpersonen im größeren Familienverband (Clan). Wie viele vorherige Ahnengenerationen jeweils zu berücksichtigen waren, unterlag gesellschaftlicher Konvention, häufig wird hier die Zahl sieben genannt. Dies wurde als bezeichnet. Schüler durften auch nicht den Namen ihres Lehrers aussprechen oder schreiben; auch enge Freunde, die eigenen Vorgesetzten und staatliche Beamte waren durch das bihui zu ehren.Adamek 2017, S. 3
Mehrere Sinologen sahen bis ins frühe 20. Jahrhundert einen Unterschied zwischen dem westlichen Begriff des Tabus (ein Lehnwort aus dem Polynesischen, welches darum die Konnotation spirituell-religiösen Aberglaubens hatte) und dem chinesischen bihui, welches zu seinen religiösen und sittlichen Komponenten auch eine Beschämung des unreinen Tabubrechers impliziere und nicht mit den polynesischen Tapu-Bräuchen gleichzusetzen sei. Andere Forscher widersprechen hier und weisen darauf hin, dass auch das bihui eine erkennbare Entwicklungsgeschichte habe.Adamek 2017, S. 9
Außer in China gab es auch in Korea und in Japan Namenstabus.
Methoden der Umgehung mini|Beispiel für die Anwendung des Namenstabus beim Kangxi-Kaiser: Bei beiden Zeichen wird der letzte Strich weggelassen. mini|Beispiel für die Anwendung des Namenstabus im Đại Nam thực lục (Chinesisches Geschichtswerk zur Nguyễn-Dynastie)
Zu den Methoden, das Namenstabu einzuhalten, gehörten: Auslassung des tabuisierten Zeichens, zeitweise auch ein Abdecken durch spezielles gelbes Papier. Falschschreibung des tabuisierten Zeichens, ab Ende der Song-Dynastie üblicherweise durch Auslassung des letzten Striches. Ersetzung des tabuisierten Zeichens oder der Silbe durch ein anderes von gleichem Klang (Homonym) oder von ähnlichem Aussehen. Hierzu gehörte oft großes sprachliches Verständnis, denn in manchen Zeiten wurden auch entweder Homonyme oder ähnliche Zeichen tabuisiert. Bei häufig vorkommenden Wörtern mit Tabuzeichen wurden die gewünschten Sprachformen offiziell geregelt. Umgehung der tabuisierten Bezeichnung durch ein Synonym oder eine andere Wortwahl. Vermutlich in den Bereich der Legenden gehören Geschichten, in denen besonders eifrige Personen konsequent auch das physische Objekt selbst mieden, dessen Nennung für sie persönlich tabu war.Adamek 2017, S. 1, S. 219. Als Beispiele nennt er ‚Stein‘ und ‚Musik‘. Es bildeten sich im Verlauf der Zeit durchaus Regeln heraus, welche Personen(gruppen) welche Tabus in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen einzuhalten hatten, und auch diese Regeln waren Bestandteil des bihui-Konzepts. Bereits in der Han-Dynastie gab es zudem Regelwerke und Schriftstücke, in denen Tabus dargelegt und diskutiert wurden. In einigen Fällen wurden sogar offizielle Listen von tabuisierten Herrschernamen angefertigt, damit das Tabu im amtlichen Schriftverkehr korrekt eingehalten werden konnte, ohne den Beteiligten zu schaden. Auch auf niedrigerer Ebene war es, etwa im Umgang mit neuen Bekanntschaften, ebenfalls wichtig, die dem jeweils anderen noch unbekannten Namenstabus so deutlich zu machen, dass im Anschluss allen Beteiligten klar war, welcher Silben- und Zeichenschatz verwendet werden konnte.Adamek 2017, S. 219
Methoden der Abmilderung des Tabus Zahlreichen Herrschern war bewusst, dass ihr Name die Bevölkerung vor große Probleme stellen konnte. Vor diesem Hintergrund sind Praktiken zu verstehen, bei denen nach dem Tod ein postumer Name vergeben wird (auch in der Geschichtsschreibung üblicherweise verwendet) und als Anrede ein offizieller Herrschername anstelle des persönlichen Namens verwendet wird. Der persönliche Name wurde auch geändert, um akzeptablere Tabus herzustellen. Zu tabuisieren war dann nicht mehr der Geburtsname oder vorherige Personenname, sondern bloß der aktuelle. Spätere Dynastien vermieden es teilweise ganz, ihren Prinzen Namen mit gebräuchlichen Zeichen oder Silben zu geben, sondern wählten bewusst hochliterarische und seltene Namen. Es existieren verschiedene Beispiele für mildere Anwendung des Tabus: Han Xuandi (91–49 v. Chr.) änderte seinen persönlichen Namen mit zwei sehr häufigen Zeichen in die seltenere Vokabel . Han Mingdi (28–75) änderte seinen persönlichen Namen in . Wei Yuandi änderte seinen persönlichen Namen von (huáng ist ‚gelb‘) in . Tang Taizong (599–649) ordnete an, dass sein persönlicher Name mit zwei sehr häufigen Zeichen nur unter das bihui fallen solle, wenn beide Zeichen direkt hintereinander stünden. Sein Sohn Tang Gaozong widerrief zu Angedenken seines Vaters während seiner eigenen Regentschaft diese Anordnung, weshalb sogar sein Kanzler seinen Namen ändern musste. Der Daoguang-Kaiser (1782–1850) änderte seinen Namen von in um.
Bewertung Das Namenstabu wurde von chinesischen Philosophen als unverzichtbarer Bestandteil ihrer Kultur wahrgenommen: Der Name könne als Essenz oder Seele des Seins aufgefasst werden, die raffinierte Namensumgehung als das kulturelle Herz der gesitteten Gesellschaft.Adamek 2017, S. 4 Nichtbeachtung von Tabus war somit Barbarei und Anzeichen des Verfalls von moralischen Sitten.
Ferner war das Namenstabu ein prägendes Element in der chinesischen Sprachentwicklung. Im Laufe der Jahrhunderte wurden tausende von Personennamen, Titeln, geographischen Namen und Vokabeln geändert, um staatlichen Namenstabus zu genügen. Darunter waren auch etwa Monatsnamen: Der Monat wurde in umgeändert, später dann in . Viele Dynastien währten lange genug, um die älteren Bezeichnungen in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch ältere Werke durften nicht mehr ungeändert vervielfältigt werden, wenn neuere Namenstabus zu beachten waren. In einigen Fällen wurden sogar ältere Chroniken bearbeitet, um den Leser nicht in die Verlegenheit zu bringen, einen Tabunamen zu lesen.
Qian Daxin (1728–1804) war der erste chinesische Historiker, der das Namenstabu ausnutzte, um Texte vergangener Perioden anhand der darin befolgten Tabus zu datieren und gegebenenfalls sogar die Urheberschaft zu ermitteln, falls diese fraglich war.Adamek 2017, S. 11 Diese Methode ist bis heute ein besonders wichtiges Element der chinesischen historischen Textkritik. Sie nutzt einerseits die tabuisierten Herrschernamen selbst sowie auch die Methode, mit der das Tabu befolgt wurde.
Trotz zahlreicher gelehrter Werke über das bihui verfasste erst 1928 Chen Yuan ein systematisches und umfassendes wissenschaftliches Werk über Methodik und Auswirkungen des Tabus. Die weitere gründliche Aufarbeitung des Themas begann in den 1990er Jahren.Adamek 2017, S. 13 Im Westen wurde bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert über das Phänomen des Tabus berichtet, sowie auch darüber, wie gekränkt Chinesen häufig durch die unzivilisierte Nichtbeachtung ihrer Sitten durch die Europäer waren.
Ein teilweise als verschieden erklärtes Phänomen, nämlich ein allgemeines Benennungstabu bezüglich religiöser, übersinnlicher und magischer Phänomene (vergleichbar etwa dem westlichen Tabu bezüglich des Teufelsnamens), wird in der heutigen Volksrepublik China ebenfalls als Nebenthema dem Namenstabu zugeordnet. Umgekehrt lässt sich allerdings auch die Entstehung des Namenstabus aus einem Teilaspekt der allgemeinen sprachlichen Tabus interpretieren.
Entwicklungsgeschichte und Beispiele In der Tang-Dynastie wurde das Namenstabu massiv ausgeweitet. Während die ersten Tang-Kaiser bemüht um Abmilderung waren und auch ihre Namen änderten, dachten spätere Kaiser nicht mehr an die Auswirkungen des Namenstabus für ihre Untertanen. Tempelname, Grabname und Regierungsdevise des Herrschers fielen unter das Tabu. Insbesondere durch Usurpatoren, die besonders um die Legitimität ihrer Herrschaft besorgt waren, wurden viele Namenstabus errichtet. So ließ Wu Zetian die persönlichen Namen ihrer Eltern, Kinder und Schwiegersöhne im ganzen Land tabuisieren. Auch vor ihrer Regentschaft wurden bereits Provinz- und Städtenamen umgeändert, um dem fürstlichen Namenstabu zu genügen; sogar die Namen von Monumenten und Tempeln wurden angepasst.
Persönliche Namenstabus waren lebensprägend und konnten auch Karrieren verhindern: Die Gesetzgebung der Tang verbot allen Personen unter Androhung von einem Jahr Strafarbeit, ein Amt oder einen Titel anzunehmen, wenn die zu führende Bezeichnung ein väterliches oder großväterliches Namenstabu des Amtsinhabers verletzte. Dies galt für die zivile Verwaltung und für militärische Posten. Zahlreiche Chinesen waren darum aufgrund ihrer Familiengeschichte für bestimmte Positionen ungeeignet; aus der Tang-Dynastie sind vor allem Fälle überliefert, in denen ein Schriftzeichen des ersehnten Titels tabu war.Adamek 2017, S. 219 f. Berühmt wurde der Dichter Li He (ca. 790–816): Ihm blieb der höhere Staatsdienst versagt, weil er durch das nötige Examen einen Titel erhalten hätte, der ein Zeichen enthalten hätte, welches ein Homophon zu dem Vornamen seines Vaters war. Diese Spitzfindigkeit wird eine Intrige gewesen sein, zeigt jedoch das Gewicht, welches dem Tabu gesellschaftlich beigemessen wurde. Ein Zeitgenosse Lis, Han Yu, äußerte sich zu dem Fall wie folgt: Wenn der Vatername sei, könne dem Sohn erlaubt bleiben, ein zu sein?Adamek 2017, S. 150. Gegen die Zensur von Homonymen konnte allerdings noch erfolgreich bei Hofe petitiert werden, wie ein Beispiel aus der Tang-Dynastie zeigt, wo der Kanzler Li Xi ein Homonym für einen tabuisierten Namen in einem Schriftstück verwendete, bestraft wurde, dann aber nach seinem Einspruch begnadigt wurde.