Der Oregon Trail war eine rund 3500 km (2200 Meilen) lange Route, über die um die Mitte des 19. Jahrhunderts Siedler aus den damals besiedelten Teilen im Osten und der Mitte der USA über die Rocky Mountains in den Westen der Vereinigten Staaten zogen. Die Strecke wurde meist in Planwagen zurückgelegt und führte durch Steppen, Wüsten und Berge, um neue Regionen im Pazifischen Nordwesten zu besiedeln. Große Teile der Route wurden auch für Trecks in andere Teile des Westens genutzt.
Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die Briten, als Eigentümer des späteren Kanadas, und die Vereinigten Staaten vereinbart, die Gebiete westlich der Rocky Mountains gemeinsam zu besiedeln, doch wenige Jahre nachdem die ersten amerikanischen Pioniere eingetroffen waren, beschlossen die beiden Staaten 1846 im Oregon-Kompromiss, das Gebiet entlang des 49. Breitengrads zu teilen. Die Besiedelung der südlichen, US-amerikanischen Hälfte begann damit erst richtig und der Oregon Trail gewann an Bedeutung. Ab 1847 zogen auch die Angehörigen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) auf dem Trail über die Berge, zweigten dann aber auf dem Mormon Trail zum Großen Salzsee ab. Als 1849 der kalifornische Goldrausch ausgebrochen war, entwickelte sich aus dem Oregon Trail der California Trail, der bis über die Rocky Mountains mit der bekannten Route identisch war und erst danach südlicher verlief. Die Zeit der Trecks und des Oregon Trails war schlagartig zu Ende, als 1869 die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung vollendet wurde. Der Trail wurde 1978 in das National Trails System aufgenommen.
Der Oregon Trail wurde zum allergrößten Teil von Ost nach West bereist. Die Reise in die umgekehrte Richtung war ungleich gefährlicher, da nur in kleinen Gruppen gereist werden konnte und seit dem kalifornischen Goldrausch Gold bei ihnen vermutet wurde. Gemäß einer Schätzung reisten 1853 etwa 1200 Personen und 1855 etwa 600 bis 1000 von West nach Ost. In denselben Jahren zogen mehr als 35.000 Personen (1853) resp. knapp 7000 Personen (1855) von Ost nach West.Unruh, S. 124–131
Geschichte mini|hochkant|Oregon Trail Ruts in Wyoming, eine National Historic Landmark, wo man die Spuren der Pferde und der Wagenräder noch im Sandstein erkennen kann
Dank der Lewis-und-Clark-Expedition von 1804/1806 gab es erste Karten von Teilen der Strecke. Allerdings war die von der Expedition benutzte Route über den Lolo Pass in den Rocky Mountains zu steil für Siedler mit Gepäck und Planwagen. Im Jahre 1810 initiierte die American Fur Company von John Jacob Astor eine Expedition, um eine Versorgungsroute für den Pelzhandelsstützpunkt Fort Astoria an der Mündung des Columbia Rivers zu finden. Obwohl die Expedition und der Stützpunkt ein Fehlschlag waren, fanden die 1811 zurückkehrenden Astorians eine weitaus bessere Route durch die Rocky Mountains: den South Pass. Ihre Entdeckung wurde jedoch im offiziellen Bericht nicht erwähnt, weil die American Fur Company nicht in den zentralen Rocky Mountains operierte und den Pass ihren Konkurrenten nicht bekanntgeben wollte.
Einige Expeditionsberichte, zum Beispiel die von Leutnant Zebulon Pike (1806) und Major Steven Long (1819), beschrieben die Great Plains als ungeeignet für eine Besiedlung und nannten die Gegend „die große amerikanische Wüste“. Die Great Plains galten teilweise bis beinahe 1880 als unbewohnbare Wüste. Gleichzeitig berichteten erste Missionare seit 1818 euphorisch aus Oregon. Missionare, Politiker sowie frühe Siedler und Geschäftsleute im Westen, wie Johann August Sutter und John Marsh propagierten den Westen als sehr fruchtbar und klimatisch angenehm. Sogar die Reise in den Westen beschrieben sie als gesundheitlich förderliche Kur.Unruh, S. 30 und 92
Frühe Siedlertrecks Im Februar 1824 zeigten Crow- und Cheyenne-Indianer den South Pass einer Trapper-Gruppe des Pelzhandelsunternehmens Ashley & Henry (der späteren Rocky Mountain Fur Company) unter der Leitung von Jedediah Smith. Diese erkannten die Bedeutung sofort und der Pfad wurde von da an regelmäßig von Pelzjägern und -händlern benutzt. Ihnen schlossen sich zuweilen Missionare der Methodisten und Presbyterianer an, die über die Rockys nach Oregon reisten. In den 1830er Jahren verbreitete sich über Zeitungen die Meldung, dass der Pelzhändler William Sublette erfolgreich mit Wagen zu einem Rendezvous am South Pass und zurückgereist war. Bis dahin galten die Rocky Mountains für Wagen als unbezwingbares Hindernis. 1840 begleiteten Joel Walker und seine Familie als erste Siedler die Pelzhandelskarawane nach Westen. Die Erkenntnis, dass der Landweg nach Oregon passierbar ist, erhielt durch ein Buch des Missionars Samuel Parker weiter Auftrieb. Parker beschrieb darin, wie er 1835 als alternder Mann die Reise schaffte. 1841 reiste die erste Siedlergruppe ohne Begleitung von erfahrenen Mountain Men nach Oregon, mit dabei waren Jesuiten-Missionare um Pierre-Jean De Smet. Einige Siedler stießen bis Fort Vancouver im heutigen Washington vor. Längst nicht alle Emigranten erreichten ihr Ziel. Z. B. 1841 kehrten ungefähr zehn Prozent der Reisenden wieder um.Unruh, S. 29, 91/92, S. 118, S. 122
Am 16. Mai 1842 startete der erste organisierte Zug von Planwagen mit 100 Personen von Elm Grove aus. Im folgenden Jahr erreichten 900 Siedler Oregon, 800 von ihnen ließen sich im Willamette Valley nieder. Die Siedler bildeten eine provisorische Regierung. Damit begab sich die USA in Konflikt mit den Briten, die bislang über die Hudson’s Bay Company Oregon beherrschte. Trotz der Feindseligkeiten unterstützte John McLoughlin von der Hudson’s Bay Company in Fort Vancouver die neuen Siedler in den Jahren 1842 bis 1845 großzügig.Unruh, S. 357 Die britische Presse machte sich über die Absicht der amerikanischen Bürger lustig, Oregon über die Rocky Mountains zu erreichen, oder sie zweifelte über die Ernsthaftigkeit der Emigrations-Versuche. Diese Haltung behielt die britische Presse teilweise bis um 1844 bei, als die Emigration längst im Gange war. 1846 regelte der Oregon-Kompromiss den Grenzverlauf zwischen den Briten und den USA im Westen. Auf dessen Basis entstand zwei Jahre später auf Seiten der USA das Oregon-Territorium. Mit dem Grenzvertrag verlor die britische Presse das Interesse an der Emigration der amerikanischen Siedler.Unruh, S. 5 und 31–35
Die amerikanische Presse unter dem Einfluss von Horace Greeley stand der Emigration nach Westen anfänglich ebenfalls kritisch gegenüber und sah die Notwendigkeit nicht ein, da im Osten ausreichend fruchtbares Land zur Verfügung stand. Auswanderer wurden kritisiert, ihre Familien unnötig in Gefahr zu bringen. Mitte der 1840er Jahre kippte die Stimmung, und die Skepsis wich einer Euphorie, das Gebiet der USA bis an die Westküste des Kontinents auszudehnen. Fortan wurden Emigranten als Helden gepriesen und die Gefahren der Reise verharmlost. Der Entdecker und Politiker John C. Frémont warb für den South Pass als einfacheren Übergang über die Rockys. US-Präsident James K. Polk schlug 1845 vor, erfolgreiche Pioniere, die Oregon erreichten, mit einem kostenlosen Stück Land zu belohnen. Sein Vorstoß scheiterte jedoch.Unruh, S. 36–50
Schon bald boten geschäftstüchtige Personen entlang des Oregon Trails ihre Dienste an. 1843 wurde die erste kommerziell betriebene Fähre am Kansas River in Betrieb genommen. Aufgrund des hohen Preises bauten die meisten Auswanderer aber ihre eigenen Fähren.Unruh, S. 244–247 In Oregon und Kalifornien halfen viele frühe Siedler Neuankömmlingen, versorgten sie medizinisch, boten ihnen Unterkünfte an, kamen ihnen mit Proviant entgegen und patrouillierten wegen feindlicher Indianer. Auch Missionsstationen waren wichtig für Einwanderer, die spät im Jahr eintrafen und verzweifelt einen Platz zur Überwinterung suchten. In Kalifornien tat sich besonders John Sutter mit seinem Fort Sutter hervor in der großzügigen Unterstützung von in Not geratenen Immigranten.Unruh, S. 360–365
Im Winter 1846 ereignete sich eines der größten Unglücke in der Geschichte des Oregon Trails: Etwa 90 Emigranten unter der Führung von George Donner wurden auf dem Weg nach Kalifornien am Donner Pass von frühem Schneefall überrascht. Rund die Hälfte der Donner Party starb und viele der übrigen überlebten nur dank Kannibalismus. Dieses Ereignis wurde in der Presse zwar mehrheitlich verschwiegen, ab diesem Zeitpunkt ging die euphorisch-romantisierende Berichterstattung aber allmählich in eine realistischere über und Zeitungen veröffentlichten nützliche Informationen zum Routenverlauf sowie Briefe von Siedlern in Oregon.Unruh, S. 49–57
Viele Hunderttausende Auswanderer nach Oregon und Kalifornien folgten, besonders nach dem Goldfund in Kalifornien 1848. Während dieser Zeit verbreitete sich die Cholera über die Prärie.Unruh, S. 137 Die steigende Zahl der Emigranten setzten die Indianerstämme im Westen immer mehr unter Druck und es kam vermehrt zu Spannungen zwischen Auswanderern und Indianern. Vermutlich eingeschleppte Masernerreger, die bei den Cayuse- und Umatilla-Indianern viele Todesopfer forderten, brachte diese gegen die weißen Siedler auf. 1847 verübten Cayuse- und Umatilla-Indianer das Whitman-Massaker am Missionar Marcus Whitman, seiner Familie und 15 weiteren Siedlern. Der folgende Cayuse-Krieg machte ein militärisches Engagement im pazifischen Nordwesten notwendig. Der Krieg endete 1855 mit der Niederlage der beteiligten Indianerstämme und deren Umsiedlung in Indianerreservate.
Ausbau und Verbesserung des Trails mini|Abbruch eines Camps bei Sonnenaufgang. Gemälde von Alfred Jacob Miller Die Route wurde stetig verbessert, verkürzt und die Infrastruktur entlang der Route sowohl von der Regierung als auch aus privater Initiative ausgebaut. 1845 hatte Colonel Stephen W. Kearny erstmals eine Truppe der US Army zum South Pass und zurück nach Osten geführt. Im folgenden Jahr gab das US-Parlament Geld zur Errichtung von Armeeposten entlang des Oregon Trails. Stephen W. Kearny ließ am Westufer des Missouri Rivers eine erste Station errichten, das Fort Kearny. Der Aufbau der Fortkette verzögerte sich aufgrund des Ausbruchs des Mexikanisch-Amerikanischen Krieg, auch Fort Kearny wurde vorübergehend verlassen.Unruh, S. 202–205
1849 ritten die rund 600 Männer des 3. US-Kavallerieregiments die gesamte Strecke des Oregon Trails ab und errichteten unterwegs militärische Posten. Nach Fort Kearny waren Fort Laramie und Fort Hall die nächsten Militärposten, wobei die Armee beide Forts privaten Händlern abkaufte und in Militärstützpunkte umwandelte. Fort Hall wurde im kommenden Frühling aufgrund des schwierigen Nachschubs wieder aufgegeben. Im Mai 1850 wurde Camp Drum errichtet. Während der 1850er Jahre baute das 3. US-Kavallerieregiment in Gegenden mit erhöhtem Konfliktpotential mit Indianern weitere Armeeposten. Für die Reisenden des Oregon Trails boten die Militärstationen nicht nur Schutz, sondern auch Möglichkeiten, sich mit Proviant und Ersatzteilen zu versorgen. Oft erhielten verzweifelte Auswanderer in Armeeposten gar kostenlos das Nötigste. In den 1850er Jahren waren bis zu 90 Prozent der Truppen der US Army in den 79 Armeeposten westlich des Mississippi stationiert.Unruh, S. 201–209
Die US-Regierung versuchte auch durch Verhandlungen mit Indianerstämmen den Trail zu befrieden. 1848 bezahlte sie 2000 US-Dollar für 600 mi².Unruh, S. 223 1851 lud sie verschiedene Stämme zu einem Treffen bei Fort Laramie ein. Über 10.000 Indianer nahmen teil. Bei diesem Treffen wurden im Vertrag von Fort Laramie die Grenzen definiert und die USA erhielten die Erlaubnis, Forts und Straßen zu bauen. Dafür wurden den Indianern Handelsgüter im Wert von jährlich 50.000 US-Dollar während 50 Jahren zugesichert. Allerdings nahmen nicht alle Gruppen der beteiligten Stämme am Treffen teil, diese fühlten sich nicht an die Vereinbarungen gebunden.