mini|Anatol, 2014 mini|Anatols Werkstatt, Ausbau 1982, Museum Insel Hombroich, 2006 Anatol Herzfeld (Künstlername Anatol), bürgerlich Karl-Heinz Herzfeld (* 21. Januar 1931 in Insterburg, Ostpreußen; † 10. Mai 2019Kunstwelt trauert um Bildhauer Anatol, rp-online.de, abgerufen am 12. Mai 2019 in Moers, Nordrhein-Westfalen), war ein deutscher Bildhauer, Maler und Aktionskünstler. International bekannt wurde der Beuys-Schüler und dreimalige documenta-Teilnehmer vor allem mit Großplastiken aus Holz, Stein und Eisen. Anatols langjährige Wirkungsstätte, ein von ihm seit 1982 genutztes Holzhaus mit Atelier, befindet sich auf dem Gelände des Museum Insel Hombroich in Neuss-Holzheim.
Leben Anatol wurde als Karl-Heinz Herzfeld 1931 in Insterburg, Ostpreußen, als uneheliches Kind einer jungen Mutter geboren und wuchs bei bibelfesten Pflegeeltern auf. Der Pflegevater war überzeugter Sozialdemokrat. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete die Familie vor den polnischen und sowjetischen Truppen nach Westdeutschland.Brinkmann 2001. Im Rheinland begann Karl-Heinz Herzfeld zunächst eine Lehre zum SchmiedBrinkmann, Heribert: Anatol. Lebenszeiten Arbeitszeiten, Neuss 2001, S. 96ff.. Von 1953 bis zur Pensionierung 1991 war er als Verkehrspolizist in Düsseldorf und schließlich in der Verkehrserziehung mit einem selbst gestalteten Puppenspiel-Programm tätig.
Anatol selbst definierte sich über eine lose Liste von Berufen, Mitgliedschaften, Qualifikationen, Hobbys und Eigenschaften:„Anatol ist gelernter Hufschmied; deshalb / trägt er einen Hufnagel in seinem Hut. / Wenn er nach dem Beruf gefragt wird, / gibt er folgendes zu Protokoll: Bildhauer, / Maler, Zeichner, Puppenspieler, Schmied, / Geschichtenerzähler, Angler, Karikaturist, / Haudegen, Meisterschüler durch Beuys, / jetzt Meister, Mitbegründer der ‚Akademie / Oldenburg‘, Kneipenbruder, CDU-Mitglied, / Polizeibeamter.“
– Gerd Winkler: pardon, März 1976Winkler, Gerd: „Alle Lieben Anatol“, in: pardon, 3, März 1976, S. 114–120, hier S. 120. Eine vergleichbare Auflistung findet sich in Gerresheimer Berichte. Ein Magazin aus und um Oldenburg, Heft 4, Dezember 76-Januar 77, Dezember 1976, S. 27.In dieser Beschreibung schwang nicht nur Anatols Unwille mit, sich in Schubladen einordnen zu lassen, sie spiegelte auch sein breites Interessenspektrum wider, das sich sowohl in seinem Lebenslauf als auch in seinem Oeuvre ablesen lässt. mini|Wächter vor Anatols Haus, Museum Insel Hombroich
Über seine Künstlerfreunde Norbert Tadeusz und Peter Heisterkamp (Blinky Palermo) kam Anatol in Kontakt mit Joseph BeuysVgl. Brinkmann 2001, S. 102f. und studierte zwischen 1964 und 1972 mit dem Schwerpunkt Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf vorrangig in der Beuys-Klasse.Vgl. Brinkmann 2001, S. 49. Eigenen Angaben zufolge studierte er zudem einige Semester bei Karl Wimmenauer, dem Lehrstuhlinhaber für Baugeschichte, um über das Bildhauerische hinaus ein näheres Verständnis für den Raum und seine Gestaltung zu bekommen.Bezüglich seines Studiums wurde von Anatol gelegentlich auch ein Studium der Philosophie erwähnt. Unklar ist, ob es sich dabei um die Teilnahme an Seminaren und Vorlesungen oder um ein (Aufbau-)Studium gehandelt hatte. Einzige ermittelbare Printquelle stellt ein kurzer Artikel von Horst Morgenbrod dar: Gespräch mit dem Aktionskünstler Anatol Herzfeld. „Jeder von uns ist king“. In: Das Tor. Zeitschrift der Düsseldorfer Jonges. Neuss, Heft 12/1985, S. 40–42; hier S. 40. Um sich neben seiner Tätigkeit als Verkehrspolizist eine zweite Persönlichkeit als Künstler zuzulegen, entschied er sich für den Künstlernamen Anatol, nach einer Figur aus Tolstois Krieg und Frieden.Vgl. Brinkmann, 2001.
Als talentierter Redner mit einnehmender Präsenz etablierte Anatol während seiner Studienzeit die heute von dem Beuys-Schüler Johannes Stüttgen geleiteten Ringgespräche.
1972, 1977 und 1982 war Anatol bei der documenta in Kassel vertreten und rückte dort beispielsweise als Ringrichter des Boxkampfes für direkte Demokratie oder mit seinem Traumschiff Tante Olga in den Fokus der Aufmerksamkeit. 1975 war er Mitbegründer der Freien Akademie Oldenburg. Im Sommersemester 1980 und Wintersemester 1980/1981 hatte er Lehraufträge an der Kunstakademie Düsseldorf.Einstellungsbescheid der Kunstakademie Düsseldorf, 9. April 1980, Archiv Anatol Herzfeld, Stiftung Insel Hombroich. Ab 1982 war Anatol auf dem Gelände des Museum Insel Hombroich künstlerisch aktiv. Hier entstand nach seinen Entwürfen im Stil eines ostpreußischen Bauernkaten das von ihm bis zu seinem Tode genutzte Atelier.Brinkmann 2001, S. 21
Anatol Herzfeld war verheiratet mit Erdmute (Misi) Herzfeld. Im Gedenken an seinen 1976 mit 17 Jahren bei einem Motorradunfall verstorbenen Sohn Heico Herzfeld signierte Anatol – bis weit in die 1980er Jahre – seine Arbeiten mit ANATOL-HEICOvgl. dazu die erkennbaren Signaturen z. B. in Katalog Kunstverein Düsseldorf: Anatol – Bilder und Plastiken – 1965–1985 – Arbeitszeit. Düsseldorf 1985..
2019 starb Anatol in Moers. Im Mai 2019 wurde er auf dem Nordfriedhof Düsseldorf beerdigt. Anatols gesamter künstlerischer und dokumentarischer Nachlass sowie seine Bibliothek und das Fotoarchiv seiner Frau ging nach deren Tod im Jahr 2021 an die Stiftung Insel Hombroich.
Künstlerische Tätigkeit Anatols Œuvre zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Vielfältigkeit aus und reicht von teils sehr filigranen Zeichnungen, Radierungen, Malerei und Multiples über großformatige Gemälde auf Holz und Skulpturen bis hin zu einer Vielzahl von Aktionen. In seinem künstlerischen Schaffen setzte er auf unterschiedliche Materialität, wobei er Stein, Holz, Eisen und Stahl sowie gefundene Materialien bevorzugte. Häufig nahm er mit seinen Werken Bezug auf zeitaktuelle politische und gesellschaftliche Themen. Viele seiner markanten Skulpturen prägen den öffentlichen Raum, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Dazu zählen zum Beispiel der Königsstuhl im Abteigarten Mönchengladbach, der Kopf Joseph Beuys in Meerbusch, die Gedenkstätte Wächter in Selm-Bork, aber auch Die Jade am Kurhausstrand im Nordseebad Dangast oder die Wächter der Goitzsche in Bitterfeld.
Als Meisterschüler von Joseph Beuys orientierte Anatol sich eng an den künstlerischen Vorstellungen seines Lehrers. Das Konzept des Erweiterten Kunstbegriffs fand auch in Anatols künstlerischem Schaffen seinen Widerhall.
Aktionskunst Inspiriert durch seinen Lehrer an der Kunstakademie, Joseph Beuys, führte Anatol ab Ende der 1960er Jahre eine große Anzahl von Aktionen durch. Diese kennzeichnete von Beginn an ein interaktiver, in der Öffentlichkeit ausgeführter Werkprozess. Für besonders viel Aufsehen sorgte 1973 die Heimholung des Joseph Beuys, in der sich auch Anatols enge Verbundenheit mit seinem Lehrer zeigte. Nachdem Beuys durch den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen worden war, wollte Anatol etwas „machen, das auch die Leute aufmerksam macht, die nicht die genauen Zusammenhänge kennen. Wie das ist, wenn man einen guten Lehrer aus einer wichtigen Position drängt.“Anatol im Gespräch mit Heribert Brinkmann in: Brinkmann 2001, S. 112. Anatol besorgte einen 30 Meter langen Pappelstamm, den er mit Helfern im September 1973 auf der Terrasse der Kunsthalle Düsseldorf bearbeitete. So entstand der Einbaum Das Blaue Wunder. Damit überquerte Anatol am 20. Oktober 1973 mit Joseph Beuys und weiteren freiwilligen Helfern den Rhein. Die Heimholung startete am Ufer des Stadtteils Oberkassel und endete an der gegenüberliegenden Rheinseite, nicht wie geplant auf Höhe der Kunstakademie, sondern aufgrund der Strömung auf Höhe des Nordparks. Von dort wurde das Boot zu der Kneipe Ohme Jupp an der Ratinger Straße, eines der Stammlokale der damaligen Düsseldorfer Kunstszene gefahren, wo zusammen mit der „Heimholung“ auch die (inoffizielle) 200-Jahr-Feier der Kunstakademie zelebriert wurde. Der Journalist Heribert Brinkmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Gegendemonstration“.Vgl. Brinkmann 2001, S. 46. In einer Ausgabe des Kunstforum International von 1973 findet man folgenden Hinweis: „Allenfalls bei Spoerri oder beim Ohme Jupp kann sich heutigentags ein Künstler bedingt sehen lassen.“ (Kunstforum International: Problem Realismus, Band 4–5, Köln 1973, S. 58). mini|hochkant|Grab von Anatol und Heico Herzfeld, Nordfriedhof Düsseldorf (2019) mini|hochkant|Anatol 2014, sitzend auf seinem Stuhl der Kreuzblume – ein Thron für die Natur (1985), Remscheid, Alleestraße Arbeitszeit Durch seine Aktion Königsstuhl, eine Tonne Stahl (1969) im Museum Abteiberg in Mönchengladbach prägte Anatol den Begriff der Arbeitszeit. und Renate Buschmann: Chronik einer Nicht-Ausstellung: between (1969–1973). in der Kunsthalle Düsseldorf. Berlin, S. 78f. Er verstand diesen als Unterkategorie der Aktionskunst und damit als Alternative zur Aktion, zum Happening oder zur Performance (Kunst). Die Idee leitet sich von der von Beuys geforderten Zusammenführung von Kunst und Leben ab. Im Katalog zur documenta 5 in Kassel wurde ein von Anatol verfasster, wie ein Manifest wirkender Text publiziert, der die Arbeitszeit erstmals begrifflich fassen sollte:„ARBEITSZEIT // Schaut ein Mensch auf einen arbeitenden Menschen, tut er dieses / gezielt und bewußt, so nimmt er einen tiefen Kontakt auf. / Er wird zum Mitarbeiter // zum Mitmenschen // er ist gefangen. // Warum verstecken sich viele Former (Künstler), sind sie wie / Zauberer? Ich meine nicht den guten, wichtigen Zauberer des / frühen Menschen, nein, die späteren, die uns immer so schöne / Stunden des Einlullens schenken! Zeigt Euch mal, kommt heraus / aus den Deuterbuden! // Ist es nicht eine Gemeinheit an dem heutigen, oft verplanten / Menschen, ihm das Bilderlebnis einer entstehenden Form, gleich / welcher Art, vorzuenthalten. // Bei mir darf jeder Mensch dabeisein, ja, sogar anfassen. / Wer gut zeichnen kann, kann und darf auch Zeichen geben. // Arbeit ist Kunst // Kunst ist Arbeit // Das sind die kleinen Gedanken zur Arbeitszeit. // Düsseldorf, den 16. Februar 1972“
– AnatolKatalog Kassel: Documenta 5. Befragung der Realität, Bildwelten heute. Kassel 1972, S. 16, 89. Im Katalog findet sich keine Autorenangabe. Der Text ist in der Spalte unterhalb der Biographie Anatols eingefügt. In späteren Katalogen wird die Autorenschaft stets Anatol zugeschrieben. Die Schrägstriche im Text verdeutlichen die Textsetzung im Katalog. Ein einzelner Schrägstrich markiert einen Zeilenumbruch, und zwei Schrägstriche zeigen einen neuen Absatz an.Wo Beuys Theoretiker und Metaphysiker war, auch mit einem Hang zur Selbstinszenierung, blieb Anatol der bodenständige Arbeiter. Dabei setzte er Kunst und Arbeit gleich: „Kunst = Arbeit und Arbeit = Kunst“. Das Wirken sei somit über einen definierten Zeitraum (Arbeitszeit) bereits im Prozess (plastischer Prozess)Vgl. hierzu die entsprechende Literatur über Joseph Beuys. als Kunst zu erachten. Ebenso wichtig war Anatol die Öffentlichkeit und die Beteiligung des Betrachters. In dem Sinne begann Anatol in immer stärkerem Maße, seine eigene Kunst, sein Kunstschaffen in die Öffentlichkeit zu stellen. Kunstwerke wurden von ihm in aller Öffentlichkeit produziert, also im Werkprozess ausgestellt. Der Betrachter erhielt dabei die Möglichkeit, in einen Dialog mit Anatol einzutreten. Zudem wurden zu zahlreichen Arbeitszeiten Anatols gezielt Pressevertreter eingeladen, wodurch viele seiner Aktionen in Bild, Text, Film und Video festgehalten sind.
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