mini|Demonstration am Ende der vierten Degrowth-Konferenz, Leipzig, 2014

Die wachstumskritische Bewegung ist eine soziale Bewegung von Wissenschaftlern und Aktivisten, die sich mit Wachstumskritik befassen und das vorherrschende Entwicklungsmodell des Wirtschaftswachstums kritisieren. Im deutschsprachigen Raum wird sie auch als Postwachstumsbewegung bezeichnet, weitere Schlagworte sind Wachstumsrücknahme, Entwachstum oder Wachstumswende. In anderen Sprachen sind , , , oder gebräuchlich. Die wachstumskritische Bewegung beinhaltet vielfältige und teils widersprüchliche Strömungen und PositionenKonzeptwerk Neue Ökonomie e. V., DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Degrowth in Bewegung(en) – 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. 2017. oekom verlag, München, ISBN 978-3-86581-852-2. und unterscheidet sich in ihrer theoretischen Einbettung auch regional.

Geschichtlicher Abriss

mini|Das Foto Earthrise von 1968 veranschaulichte das „Raumschiff Erde“

Ab den 1960er Jahren wurde Kritik an auf Wirtschaftswachstum ausgelegten Wirtschaftssystemen geäußert, weil sie ökologisch nicht nachhaltig und sozial ungerecht seien. Kenneth Boulding prägte den Begriff des „Raumschiffs Erde“Kenneth Ewart Boulding: The Economics of the Coming Spaceship Earth. In: Henry Jarrett (Hrsg.): Environmental Quality in a Growing Economy. Essays from the Sixth RFF Forum on Environmental Quality. Baltimore, The Johns Hopkins Press, 1966. S. 3–14.Kenneth Ewart Boulding: Die Ökonomik des zukünftigen Raumschiffs Erde. Übersetzt von Lexi von Hoffmann. In: Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“. Vereinigung für Ökologische Ökonomie – Beiträge und Berichte 7 / 2006, ISBN 978-3-9811006-1-7. Seiten 9–21. Siehe auch die Beiträge von Blake Alcott (Kenneth Bouldings Wegweiser von 1966, S. 25–29) und Fred Luks (Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“, S. 30–42) in diesem Heft. und Nicholas Georgescu-Roegen argumentierte, die Ökonomie müsse die Grenzen der Thermodynamik berücksichtigen und könne daher nicht unbegrenzt wachsen.Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press, Cambridge MA 1971, ISBN 0-674-25780-4.Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process in Retrospect. In: Eastern Economic Journal, Band 12, Nr. 1, Januar–März 1986, , S. 3–25 (PDF; 2,21 MB).Nicholas Georgescu-Roegen: Demain la décroissance. Favre, Paris u. a. 1979. (Neuausgabe: La décroissance. Entropie – Écologie – Économie. Éditions Sang de la terre, Paris 1995, ISBN 2-86985-077-8, PDF; 1,01 MB).Andrea Maneschi, Stefano Zamagni (1997): Nicholas Georgescu-Roegen, 1906–1994. In: The Economic Journal 107 (442), S. 695–707. Herman Daly prägte den Begriff des unökonomischen Wachstums (uneconomic growth): Die Folgeschäden von Wachstum seien höher als die ökonomischen Vorteile, ein Ausweg sei eine stationäre Wirtschaft (steady-state economy). Der Verbrauch von Material und Energie sei zu begrenzen und die Weltbevölkerung zu stabilisieren.Herman Daly: Uneconomic Growth in Theory and in Fact. The First Annual Feasta Lecture. Trinity College, Dublin, 26. April 1999.„“ Herman E. Daly: Economics in a Full World. In: Scientific American. September 2005, S. 100–107, steadystate.org (PDF; 1,15 MB)Herman E. Daly: Steady-state economics versus growthmania: A critique of the orthodox conceptions of growth, wants, scarcity, and efficiency. In: Policy Sciences (5), 1974, S. 149–167.Herman E. Daly: Steady-State Economics: Second Edition With New Essays. Island Press, Washington, D.C. 1991.Herman E. Daly: Beyond Growth – The Economics of Sustainable Development. 1997, ISBN 0-8070-4709-0. 1972 veröffentlichte der Club of Rome den Bericht The Limits to Growth,Dennis L. Meadows, Jørgen Randers, William W. Behrens: Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-02633-5. der katastrophale Folgen eines unbeschränkten Wirtschaftswachstums für Ökologie und Gesellschaft aufgrund der begrenzten Ressourcen und der Übernutzung der vorhandenen Naturschätze prognostizierte. Diese Kritiken am Wirtschaftsmodell wurden zunächst von der Umweltbewegung aufgegriffen, die in den 1970er Jahren an Stärke gewann. In Frankreich entstand in dieser Zeit eine erste soziale Bewegung der décroissance.

Nach dem Ende der Ölkrise verloren die wachstumskritischen Debatten in der Öffentlichkeit an Bedeutung, wurden aber in Bereichen wie der Bioökonomie, Ökologischer Ökonomie, politischer Ökologie und der Kritik an der Entwicklungstheorie fortgeführt.Giorgos Kallis, Joan Martinez-Alier, François Schneider: Crisis or opportunity? Economic degrowth for social equity and ecological sustainability. Introduction to this special issue. In: Journal of Cleaner Production 18 (6), 2010, S. 511–518. Bis heute argumentieren viele Wachstumskritiker mit ökologischen Grenzen,Reinhard Steurer: Die Wachstumskontroverse als Endlosschleife: Themen und Paradigmen im Rückblick. In: Wirtschaftspolitische Blätter. 4/2010. Schwerpunkt Nachhaltigkeit: Die Wachstumskontroverse, S. 423–435. während Teile der Umweltbewegung sich einer grundsätzlichen Wachstumskritik nicht anschließen.Joanna Nogly: Degrowth-Konferenz in Leipzig: Kuschelkurs mit den Mächtigen. die tageszeitung, 5. September 2014.

In Frankreich erhielt die Bewegung Anfang des 21. Jahrhunderts wieder Zulauf und erweiterte sich 2004 nach Italien und 2006 nach Spanien. 2008 wurde die alle zwei Jahre stattfindende Internationale Degrowth-Konferenz gegründet, die sich als wichtige Veranstaltung der Bewegung etabliert hat.Biennial International Conferences on Degrowth for Ecological Sustainability and Social Equity, degrowth.org, abgerufen am 27. August 2019. In Deutschland wird seit 2014 die Entstehung einer Bewegung diskutiert. Aktivistische Gruppen existieren ebenso in Belgien, der Schweiz, Finnland, Polen, Griechenland, Portugal, Norwegen, Dänemark, Tschechien, Mexiko, Brasilien, Puerto Rico und Kanada. Die wachstumskritische Debatte wurde insbesondere in Frankreich maßgeblich von Aktivisten der neuen sozialen Bewegung geprägt, die kritische Ideen und politische Aktionen zusammenbringen und die sozial-ökologischen Debatten repolitisieren wollten. Neben aktivistischem Widerstand verfolgt die Bewegung den Aufbau von Alternativen durch Praktiker und die wissenschaftliche Ausarbeitung politischer Vorschläge, für die Mehrheiten in der Gesellschaft gefunden werden sollen. Die konkreten Ansätze und Konzepte zur Lösung der sozialen und ökologischen Probleme sind sehr divers. Sie reichen von konservativer Kulturkritik bis hin zu Kapitalismuskritik und umfassen sozialreformerischen und ökologischen Linksliberalismus, Forderungen nach individueller Genügsamkeit (Suffizienz) sowie die feministische Perspektive der Subsistenz.Matthias Schmelzer: Spielarten der Wachstumskritik. Degrowth, Klimagerechtigkeit, Subsistenz – eine Einführung in die Begriffe und Ansätze der Postwachstumsbewegung. In: Le Monde diplomatique, Kolleg Postwachstumsgesellschaften. Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr. Le Monde diplomatique/taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Berlin 2015, S. 116–121.Dennis Eversberg, Matthias Schmelzer: The Degrowth Spectrum: Convergence and Divergence Within a Diverse and Conflictual Alliance. In: Environmental Values, Heft 27, 2018, 245–267. doi:10.3197/096327118X15217309300822.

Grundannahmen Die Degrowth-Bewegung zeichnet sich durch eine hohe Diversität aus. Verschiedene Strömungen legen unterschiedliche Schwerpunkte. Dennoch können einige Überzeugungen benannt werden, die beinahe alle Akteure innerhalb der Bewegung miteinander teilen.

Verringerung der Wirtschaftsaktivitäten Zentral für die wachstumskritische Bewegung ist die Forderung, die Menge an Energie und Ressourcen, die in den Wirtschaftskreislauf eingespeist wird, zu reduzieren. Dies wird als notwendige Bedingung angesehen, um weitere durch Wirtschaftswachstum verursachte Umweltzerstörung zu vermeiden und innerhalb planetarer Grenzen zu verbleiben. Deshalb sieht sich die Degrowth-Bewegung auch in fundamentaler Opposition zum grünen Wachstum. Ebenso werden Agrowth-Ansätze abgelehnt, die menschliches Wohlergehen fördern wollen, unabhängig davon ob Wirtschaftswachstum vorliegt oder nicht. Eine Verringerung des Bruttoinlandsprodukts ist für die Bewegung dennoch kein Selbstzweck. Bestimmten Bereichen der Wirtschaft wie etwa dem Gesundheits- oder Bildungssektor wird die Möglichkeit zu wachsen zugestanden.

Der Unterschied zwischen Degrowth und einer Rezession besteht derweil darin, dass Degrowth stets auf geplanten Maßnahmen beruht und darüber hinaus anstrebt, menschliches Wohlergehen zu fördern. Beide Kriterien sind bei einer Rezession nicht erfüllt.

Ablehnung rein technischer Lösungsansätze Die wachstumskritische Bewegung wendet sich gegen Vorschläge, die der Klimakrise allein mit technischen Innovationen begegnen wollen. Ihre Vertreter zweifeln daran, dass CCS-Technologien in einem solchen Maße skalierbar sind, dass sie irgendwann der Atmosphäre der Erde nennenswerte Mengen an CO2 entziehen. Darüber hinaus bezweifeln sie, dass jemals durch Effizienzsteigerungen eine langfristige absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltschäden erreicht werden könnte, die ausreichen würde, um die Klimaziele zu erreichen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Menschen, die der Degrowth-Bewegung nahestehen, technische Hilfsmittel zur Bekämpfung der globalen Erwärmung gänzlich ablehnen. Sie gehen lediglich davon aus, dass diese ohne eine tiefgreifende Veränderung unserer bisherigen Art des Wirtschaftens nicht genug Wirkung entfalten würden.

Selbstverständnis als emanzipatorische Bewegung In der wachstumskritischen Bewegung spielen auch soziale Aspekte wie Kulturalismus, Demokratie, Gerechtigkeit eine große Rolle. Auch Fragen nach dem Sinn des Lebens oder dem Wohlergehen von Mensch und Umwelt sind Thema.Viviana Asara, Iago Otero, Federico Demaria, Esteve Corbera: Socially sustainable degrowth as a social-ecological transformation. Repoliticizing sustainability. In: Sustainability Science 10 (3), 2015, S. 375–384. doi:10.1007/S11625-015-0321-9. Die Bewegung steht dem Feminismus nahe und dem Kapitalismus kritisch gegenüber. Hohe Zustimmung finden zudem Umverteilungsmaßnahmen wie etwa die Besteuerung von Vermögen anstatt von Einkommen, ein bedingungsloses Grundeinkommen sowie Höchstgrenzen für Vermögen und Einkommen.

Degrowth als Konzept wurde im globalen Norden erdacht und sollte laut Unterstützern der wachstumskritischen Bewegung zunächst auch nur auf diesen angewendet werden. Dem globalen Süden müsse dagegen Wirtschaftswachstum zugestanden werden, um die dort großflächig auftretende Armut beseitigen zu können. Dabei baut Degrowth in Teilen auf den Ideen des Post-Development auf und möchte ermöglichen, dass Länder im globalen Süden ihren eigenen Weg jenseits von Wachstumsabhängigkeit gehen können. Dafür sollen die industrialisierten Länder wirtschaftliche Produktion und Konsum reduzieren, bis die wirtschaftliche Aktivität innerhalb der Belastungsgrenzen der Erde (Planetary Boundaries) stattfindet. Dies soll zu einem gesteigerten Wohlergehen von Mensch und Umwelt auf lokaler sowie globaler Ebene und ebenso generationsübergreifend führen. Unklar ist dabei jedoch, was es für den globalen Süden bedeuten würde, wenn sich die Länder des globalen Nordens zu Postwachstumsgesellschaften transformieren würden.

Internationale Perspektiven der Wachstumskritik Décroissance im französischen Sprachraum mini|Graffiti: „Décroissance für unser Wohl“