mini|Tekerőlant mit drei Saiten, hergestellt vom ungarischen Drehleierspieler, Klarinettenspieler und Sänger Bársony Mihály (1915–1989). Tekerőlant (, „Drehleier“), auch tekerő, forgólant, ist eine Drehleier mit einem gitarrenförmigen flachen Korpus und meist drei Saiten, die in der ungarischen Volksmusik gespielt wird. Die früher in Osteuropa weit verbreitete und in Ungarn im 16. Jahrhundert erstmals erwähnte Drehleier wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts als Volksmusikinstrument vor allem in der ungarischen Tiefebene beliebt. In der Tanzmusik des 19. Jahrhunderts spielten halbprofessionelle Musiker auf dem Land die tekerőlant häufig zusammen mit einer Klarinette. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die tekerőlant nahezu verschwunden. Seitdem wird sie wieder solistisch und zur Gesangsbegleitung verwendet.
Herkunft und Verbreitung Da die Drehleier wie die wesentlich ältere Sackpfeife ein Borduninstrument ist,Vgl. Emanuel Winternitz: Bagpipes and Hurdy-Gurdies in Their Social Setting. In: The Metropolitan Museum of Art Bulletin, New Series, Bd. 2, Nr. 1, Sommer 1943, S. 56–83 lag es nahe, ihren Ursprung im Mittelmeerraum und in Asien zu suchen, wo ein Bordunton oder zumindest ein tonales Zentrum zum Wesen der Musik gehört.Peter Williams: The Organ in Western Culture, 750–1250. Cambridge University Press, Cambridge 2004, S. 31 Als Vorbilder erscheinen Instrumente wie das antike Rohrblattinstrument aulos oder die weit verbreiteten Doppelflöten mit einer Bordunpfeife. In diesem Zusammenhang sollte der Instrumententyp der Drehleier auf eine Instrumentenliste der muslimischen Bruderschaft Ichwan as-Safa, die im 10. Jahrhundert in Basra wirkte, zurückgeführt werden. Eines der darin gelisteten Musikinstrumente, die einen Dauerton produzieren, wurde mit einer 1405 fertiggestellten Beschreibung eines Musikinstruments des persischen Autors Ibn Gaibī († 1435) gleichgesetzt, in der Henry George Farmer 1962 eine Drehleier zu erkennen glaubte.Henry George Farmer: ʿAbdalqādir ibn Ġaibī on Instruments of Music. In: Oriens, Bd. 15, 31. Dezember 1962, S. 242–248 Diese Zuschreibung ist laut Christopher Page ebenso wenig stichhaltig, wie sich ein arabischer Import der Drehleier nach Spanien im Zuge der islamischen Eroberung nachweisen lässt.Christopher Page: The Medieval Organistrum and Symphonia: 1: A Legacy from the East? In: The Galpin Society Journal, Bd. 35, März 1982, S. 37–44, hier S. 38f Die Bordunspielweise, die Ausgangspunkt für die Entwicklung der Drehleier ist, findet sich aber bei zweisaitigen Langhalslauten, die in der Volksmusik auf dem Balkan gespielt werden und deren Name übersetzt „mit zwei Saiten“ lautet: mazedonisch dvotelnik, bei den Türken in Mazedonien ikitelli Vasil Hadžimanov: The Dvotelnik, a Macedonian Folk Instrument. In: Journal of the International Folk Music Council, Bd. 15, 1963, S. 82f und in Albanien çiftteli. Der Spieler greift auf einer Seite die Melodie und zupft zugleich die andere leere Saite. Dies entspricht musikalisch den von Hirten verwendeten Doppelflöten und Sackpfeifen. Bordunsaiten prägen ferner das gesangsbegleitende Spiel des im 15./16. Jahrhundert beliebten Streichinstruments Lira da Braccio.
Unabhängig von dieser aus der Volksmusik herrührenden Spielweise stellt die Form der Drehleier eine Weiterentwicklung des musikologischen Zwecken dienenden und von Mönchen zur Begleitung gesungener Verse verwendeten Monochords dar. Die frühesten Darstellungen von Drehleiern aus dem 12. Jahrhundert gehören nicht in das ländliche, sondern in das kirchliche Umfeld. Die ältesten, organistrum genannten Drehleiern, die von zwei Spielern zu bedienen waren, halfen möglicherweise den Mönchen bei der korrekten Intonation beim Einüben neuer Lieder, wobei der Sänger die Tasten gedrückt und sein Lehrer die Kurbel gedreht haben könnten.Christopher Page, 1982, S. 42 Seit dem 13. Jahrhundert zeigen die vor allem aus Frankreich und Deutschland stammenden Abbildungen die bis heute bekannten allgemeinen, aber in ihrer Ausgestaltung vielfach variierten Merkmale, zu denen ein kastenförmiger Korpus, Drucktasten mit Tangenten, um die drei, vier oder später mehr Saiten zu verkürzen, und ein geharztes Streichrad, das mit einer Kurbel angetrieben wird, gehören.Andreas Michel, Oskár Elschek: Instrumentarium der Volksmusik. In: Doris Stockmann (Hrsg.): Volks- und Popularmusik in Europa. (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 12) Laaber, Laaber 1992, S. 304
mini|Ninera in der Slowakei Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert war die Drehleier offenbar ein angesehenes Instrument in kirchlichen Kreisen und in Klöstern, bevor sie im Spätmittelalter in einer kleineren, von einer Person zu bedienenden Bauart zu einem symphonia genannten Begleitinstrument der Spielleute wurde. Bald gehörte sie zur Ausstattung der blinden Straßensänger und Bettler, Männern wie Frauen.Marianne Bröcker: Drehleier. II. Geschichte. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1995) Michael Praetorius schrieb im Zusammenhang mit diesem sozialen Abstieg in Syntagma musicum (1615) von einer „Bauern und umblaufenden Weiber-Leyer“.Willi Apel: Harvard Dictionary of Music. Harvard University Press, Cambridge 1969, S. 396 Im ländlichen Raum war die Drehleier darüber hinaus bis ins 19. Jahrhundert ein Bestandteil des Volksmusikinstrumentariums. Im 15./16. Jahrhundert erfuhr die Drehleier die größte Ausbreitung in Europa. Sie gelangte im Norden bis nach Island, wo sie spätestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als fon (oder simfon, von symphonia) bekannt war, und im 15. Jahrhundert als lira über Polen (heute lira korbowa) in die Ukraine und von dort weiter nach Russland (lira, relya) kam. Speziell in Frankreich, wo die Drehleier als Volksmusikinstrument besonders geschätzt wurde, fand sie im 18. Jahrhundert Eingang in die höfische Musik, neben der Fidel (vièle) und der damals in Mode gekommenen kleinen Sackpfeife musette.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 462 Heute wird die Drehleier nur noch in wenigen Regionen in Europa in einer ununterbrochenen Tradition in einer Volksmusik gespielt. Zu diesen gehören hauptsächlich in Zentralfrankreich die historischen Provinzen Berry, Bourbonnais und Auvergne,Marianne Bröcker: Die Drehleier. 2. Auflage. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn-Bad Godesberg 1977, S. 424 (englische Teilübersetzung bei hurdygurdy.com) die Gegend um Krosno an der polnisch-slowakischen Grenze und das Verbreitungsgebiet der tekerőlant in der ungarischen Tiefebene. Weniger bekannt ist die ninera in der Slowakei.
mini|Mit dem im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Namen kintorna bezeichnete museale, ungarische Drehleier. In Ungarn wird die aus Westeuropa eingeführte Drehleier erstmals zuverlässig in schriftlichen Zeugnissen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erwähnt. Bis in das 11. Jahrhundert zurückreichende Kodizes, in denen die Namen simphonia und quinterna (ungarisch kintorna) erwähnt werden, gelten als fragwürdige Quellen. Quinterna steht im 16. Jahrhundert für eine Zupflaute ähnlich der Mandora, während Ungarisch kintorna im 19. Jahrhundert „Drehleier“, ansonsten „Drehorgel“, bedeuten konnte; in den beiden fraglichen ungarischen Kodizes war aber vermutlich eine Art Psalterium mit zehn Saiten gemeint. Die älteste ungarische Abbildung einer Drehleier stammt aus dem 17. Jahrhundert und findet sich auf dem Wappen der Familie Lantos („Lautenspieler“, für Musiker war Lantos ein mit Stolz ergänzter Namenszusatz). Populär wurde die Drehleier wohl erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts und ihre typische Form dürfte sie erst im 19. Jahrhundert erhalten haben, als während der Monarchie Österreich-Ungarns Wanderarbeiter einen Tiroler Drehleiertyp einführten. Ob der heute typisch-ungarischen Form der Drehleier ein Tiroler Vorbild zugrunde liegt oder ob beide auf ältere slawische Vorläufer zurückgehen, lässt sich nicht sagen. Gestützt wird die These einer österreichischen Herkunft durch die Feststellung, dass in jenen Gebieten, in denen die moderne Form der tekerőlant Ende des 19. Jahrhunderts vorkam, große öffentliche Bauprojekte mit österreichischen Arbeitskräften durchgeführt wurden.
Jedenfalls war die Drehleier im 19. Jahrhundert in weiten Gebieten der Tiefebene verbreitet. Anfang des 20. Jahrhunderts kam sie noch im Umkreis der Insel Csepel südlich von Budapest und im Süden der großen ungarischen Tiefebene besonders um die Stadt Szentes vor.Arle Lommel, Balázs Nagy, 2007, S. 184f
Bauform mini|Zwei moderne tekerőlant Die Namen tekerőlant und forgólant sind von Ungarisch tekerni und forogni, „drehen“ abgeleitet, lant bedeutet „Laute“. Die übliche Kurzform ist tekerő („Gedrehtes“). Weitere umgangssprachliche Namen mit Bezug auf die Form oder Funktion des Instruments sind tekerőhegedű („Drehgeige“), tekerőmuzsika („Drehmusik“), szentlélekmuzsika („Heiliger-Geist-Musik“), kolduslant („Bettlerlaute“) und parasztlant („Bauernlaute“). Onomatopoetische Benennungen sind nyenyer, nyenyere (abwertend), nyekere und nyekerő.Bálint Sárosi, 1967, S. 50
Die tekerőlant ist eine relativ große Drehleier mit einem gitarrenförmigen Korpus, an dessen taillierten Längsseiten mehr oder weniger deutlich die Verbindungsbügel zwischen den einzelnen Zargenelementen erkennbar sind. Diese Korpusform ist die älteste und am weitesten verbreitete. Die Gesamtlänge beträgt 70 bis 77 Zentimeter. Die Decke ist flach oder leicht gewölbt, in Längsrichtung fällt sie geringfügig zum Wirbelkasten hin ab; das heißt, die Zarge ist am unteren Ende etwas höher als am oberen. Aus dem ungefähr quadratischen Wirbelkasten (kulcsszekrény, „Schlüsselschrank“ oder kulcsház, „Schlüsselhaus“) ragen meist vier kräftige, 15 Zentimeter lange Wirbel (kulcs, „Schlüssel“) aus Buchsbaumholz nach oben, deren Kopf breit abgeflacht ist wie bei der Violine. An den Wirbelkasten schließt der in der Mitte auf der Decke aufgesetzte Tastenkasten (kottaház, „Notenhaus“) an. Während Drehleiern in Frankreich und Spanien große Scheibenräder besitzen (mit Durchmessern über 17 Zentimeter wie bei der galicischen zanfona), sind die Räder der nord- und osteuropäischen Drehleiern wie etwa der schwedischen vevlira meist kleiner und messen weniger als 15 Zentimeter im Durchmesser. Kleinere Räder verweisen auf eine ältere Entwicklungsstufe, weil für die früher aus Massivholz gefertigten Räder ungefähr 14 Zentimeter der größtmögliche Durchmesser war, wenn man durch die Ausdehnung des Materials bei Feuchtigkeitszunahme nicht zu starke Formänderungen in Kauf nehmen wollte. Bei kleinem Raddurchmesser ist aber die Saitenzahl beschränkt, weshalb solche Drehleiern nur drei Saiten besitzen.Arle Lommel, Balázs Nagy, 2007, S. 183 Das Scheibenrad (kerék, „Rad“) wird über eine Achse von einer Handkurbel am unteren Ende angetrieben.