mini|Indonesische Soldaten posieren im osttimoresischen Batugade mit einer erbeuteten portugiesischen Flagge, November 1975
Nach über 400 Jahren kam es 1975 zum Ende der portugiesischen Herrschaft auf Timor. Durch eine Destabilisierungskampagne von Indonesien brach in der Phase der Dekolonisation ein Bürgerkrieg aus, der die portugiesische Kolonialverwaltung zum Abzug zwang und Portugiesisch-Timor sich selbst überließ. Nachdem es sich als Osttimor am 28. November 1975 einseitig für unabhängig erklärt hatte, besetzte Indonesien neun Tage später den Nachbarn.
Vorgeschichte mini|Portugiesische Zivilisten und Militärs in Dili, 1900 mini|Landkarte Portugiesisch-Timors zwischen Indonesien und Australien
1515 landeten die Portugiesen, die an dem lukrativen Indienhandel teilhaben wollten, auf Timor. 1556 wurde von Dominikanern die erste europäische Siedlung gegründet. 1586 wurden große Teile der Insel zur portugiesischen Kolonie erklärt. Die finalen Grenzen wurden 1916 festgelegt. Im Oktober 1973 lebten dort neben etwa 600.000 Timoresen auch 21.000 Chinesischstämmige, 6.000 Europäer und Mestiços und 1.000 Arabischstämmige.José Luís Leiria Pinto: , abgerufen am 25. Mai 2016. Verglichen mit dem Kolonialkrieg in Afrika war für portugiesische Wehrpflichtige der Dienst in Portugiesisch-Timor deutlich angenehmer. Während Söhne von einfachen Landbewohnern und Arbeitern in Afrika kämpften, nahmen die Angehörigen der Mittelschicht und einflussreichen Familien teilweise sogar ihre Frauen und Kinder mit in das „tropische Paradies“. (RTF; 63 kB)
Am 25. April 1974 beendete die Nelkenrevolution in Lissabon die portugiesische Diktatur. Kapitänleutnant José Luís Leiria Pinto, ab Oktober 1973 Kommandeur der Marine, Kapitän der Häfen der Kolonie und Chef des Serviços de Transportes Marítimos (STM) in Portugiesisch-Timor, war der erste Angehörige der Kolonialverwaltung, der offizielle Nachrichten über die Revolution erhielt. In der Funkstation der Marine, wo er Dienst tat, ging in den frühen Morgenstunden des 26. Aprils Ortszeit (Lissabon und die Kolonialhauptstadt Dili haben eine Zeitdifferenz von neun Stunden) eine entsprechende Nachricht ein.José Luís Leiria Pinto: Timor 1973/75 – Recordações de um Marinheiro. S. 25. Infolge der Nelkenrevolution sollte das portugiesische Kolonialreich, das letzte bestehende mit größeren Territorien, aufgelöst und die Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen werden.„Chega!“: „Part 3: The History of the Conflict“, Rapid decolonisation, turmoil in Portugal, S. 13–14.
In Portugiesisch-Timor arbeiteten in der Zeit vor der Nelkenrevolution nur wenige Kräfte für eine Unabhängigkeit von Portugal. Unter den portugiesischen Wehrpflichtigen waren auch Intellektuelle, die nicht gut auf die portugiesische Diktatur zu sprechen waren. Das Nachrichtenmagazin der Streitkräfte, die Revista do Comando Autonómo Provincial, wurde das Medium erster national-timoresischer Ideen, auch für einheimische Autoren. Nachdem die Kolonie 1972 zur autonomen Region Portugals umgewandelt worden war und die Einwohner eine eingeschränkte portugiesische Staatsbürgerschaft bekommen hatte, erhielten auch einige Timoresen aus der assimilierten städtischen Bevölkerung, Mestiços und Söhne der adligen Familien die Möglichkeit zu einem Studium an der Universität Lissabon. Die Sprösslinge der lokal herrschenden Familien wurden zu politischen Führern mit festen Werten ausgebildet, die Bildung, Nationalstolz und auch Gleichheit befürworteten. Diese Privilegierten trafen sich im Geheimen, um ihre Ideen zu Themen von Bildung, über Landwirtschaft, bis hin zu traditionellen Hochzeiten zu diskutieren. Im Januar 1970 begann eine Gruppe solch junger Osttimoresen, Pläne zur Unabhängigkeit der Kolonie zu schmieden. Aus der gut ausgebildeten jungen timoresischen Elite kamen nach der Nelkenrevolution die Gründer der ersten politischen Parteien.„Chega!“: „Part 3: The History of the Conflict“, The dawning of political consciousness. S. 23–24. Die katholischen Zeitungen, wie etwa die SEARA, waren ebenfalls ein Sprachrohr für solche Ideen. Politisch waren die jungen Aktivisten jedoch unerfahren und daher trotz ihres Ehrgeizes sehr naiv.History and Politics: 2. b. Portuguese contact and historical experience – Center for Southeast Asian Studies, Northern Illinois University
Ringen um die Zukunft der Kolonie mini|Fahneneid timoresischer Kolonialsoldaten in Marobo (1968)
Anders als in den afrikanischen Kolonien Portugals (in Portugiesisch-Guinea zum Beispiel verlor Gouverneur José Manuel Bettencourt Rodrigues sein Amt bereits am Tag nach der Revolution) wurde der bisherige Gouverneur Portugiesisch-Timors Fernando Alves Aldeia nicht sofort abgesetzt. Als er im Mai um Instruktionen zur neuen Kolonialpolitik bat, wurde er nur angewiesen, er solle nach den Prinzipien des Programmes der revolutionären Movimento das Forças Armadas (MFA) handeln, unter Berücksichtigung der lokalen Bedingungen, um eine Verschlechterung der Beziehungen zu Indonesien zu vermeiden. Am 13. Mai gründete Aldeia die Kommission zur Selbstbestimmung Timors. Ende des Monats wurde der Befehlshaber des lokalen Oberkommandos Major Arnão Metello zum offiziellen Vertreter der MFA ernannt.„Chega!“: „Part 3: The History of the Conflict“, The impact of the Carnation Revolution in Portuguese Timor, S. 14–15. Erst am 15. Juli 1974 übergab Aldeia die Amtsgeschäfte an Oberstleutnant Níveo Herdade, der nun die Verwaltung als stellvertretender Gouverneur (Governador delegado) leitete. (englisch), abgerufen am 1. November 2018Cronologia do ano de 1974-XXXI Herdade war in Portugiesisch-Guinea ein enger Mitarbeiter von General António de Spínola gewesen, der die portugiesische Übergangsregierung führte. Herdade hatte in Portugiesisch-Timor Spinolas Politik der sozialen Integration aus Guinea eingeführt.Dagmar Janevová: A descolonização de Timor Longo caminho para a independência, Bakalářská diplomová práce, 2011, abgerufen am 27. November 2018.
Mehrere Parteien wurden gegründet und Vorbereitungen zu Wahlen durchgeführt. Während die linksgerichtete Associação Social Democrática Timorense (ASDT) die völlige Unabhängigkeit Osttimors anstrebte, präferierte die União Democrática Timorense (UDT) eine enge Bindung zur Kolonialmacht „im Schatten der portugiesischen Flagge“. Zunächst nur mit innerer Autonomie, ab dem 1. August 1974, unter Berücksichtigung des wachsenden timoresischen Nationalismus, in einer zeitweiligen Föderation mit Portugal, womit man mit der in Portugal vorherrschenden Meinung übereinstimmte. Im Gegensatz zu den afrikanischen Kolonien, die man als verloren akzeptieren musste, glaubte man im Mutterland bei Portugiesisch-Timor nicht an die Überlebensfähigkeit als unabhängiger Staat und sah eine Föderation mit Portugal als realistische Möglichkeit.„Chega!“: „Part 3: The History of the Conflict“, The formation of political parties in Portuguese Timor, S. 15–16. Die APODETI strebte den Anschluss an den Nachbarn Indonesien an. Finanziert wurde die APODETI von Jakarta aus, doch fand sie nur wenig Unterstützung in der Bevölkerung und vertrat in der Kolonie klar nur eine Minderheit. Daneben gab es einige weitere kleine Parteien.Robert Lawless: The Indonesian Takeover of East Timor. S. 949, Asian Survey Vol. 16, Nr. 10 (Okt. 1976), S. 948–964. Die Mehrheit der Osttimoresen wollten zumindest eine symbolische Verbindung zu Portugal behalten, was sich auch bei einem Besuch von António de Almeida Santos, des portugiesischen Ministers für Koordination interterritorialer Angelegenheiten, im Oktober 1974 in Dili zeigte. 10.000 Menschen begrüßten ihn jubelnd und salutierten vor der Flagge Portugals. Dieser Enthusiasmus spiegelte sich nur wenig in der Politik Portugals, das sich möglichst schnell aus seinen Kolonien zurückziehen wollte. Man fürchtete die aufkommenden Probleme.Frédéric B. Durand: History of Timor-Leste. S. 103.
Von Spinola hatte Herdade den Auftrag erhalten, Portugiesisch-Timor in eine Föderation mit Portugal zu führen. Herdade stand damit den Vorstellungen der Partei UDT nahe.Cronologia do ano de 1974-XXXI Die ASDT war für Herdade eine Rebellenbewegung, die es zu neutralisieren galt. Politische Führer wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Doch auch die UDT war mit Herdade nicht zufrieden. Sie kritisierte die „undemokratische Ernennung“ Herdades, die ohne Absprache mit den lokalen Parteien stattgefunden hatte.J. Chrys Chrystello: Timor Leste – The Secret Files 1973–1975. Abgerufen am 27. November 2018. Im dauernden Konflikt stand Herdade auch mit Major Metello. Etwa 25 Offiziere opponierten gegen den diensthabenden Gouverneur. Bei einem Besuch des indonesischen Atambua in Westtimor im September, bei dem er auf El Tari, den Gouverneur der indonesischen Provinz Nusa Tenggara Timur traf, betonte Herdade das Selbstbestimmungsrecht der Osttimoresen über ihre Zukunft.
Am 18. November 1974 traf Oberst Mário Lemos Pires in Dili ein, der der letzte Gouverneur Portugiesisch-Timors sein sollte. Vor seiner Abreise hatte er Portugals Präsident Francisco da Costa Gomes gefragt, ob man beabsichtige, die Kolonie Indonesien zu überlassen. Gomes verneinte dies, erklärte aber, dass Indonesien natürlich Teil der Realität sei.„Chega!“: „Part 3: The History of the Conflict“, Governor Lemos Pires’s “mission impossible”. S. 29–31. Pires erwartete nach eigenen Aussagen schon vor dem Beginn seiner Mission nicht, dass er viel Unterstützung aus Portugal erwarten könne. Später sah er sich in dieser Einschätzung bestätigt. Immerhin verlief die Kommunikation mit Portugal nur noch über ihn. Zuvor war die Verantwortung zwischen Herdade und Metello geteilt.
Pires schlug den drei großen Parteien vor, eine Koalition zu bilden, was von UDT und der FRETILIN (der bisherigen ASDT) aufgegriffen wurde, während die APODETI es ablehnte. Am 21. Januar 1975 wurde die Koalition geschlossen und Mitte März bildeten UDT und FRETILIN mit der portugiesischen Kolonialverwaltung eine gemeinsame Übergangsregierung für Osttimor, die bis zur Wahl einer verfassunggebenden Versammlung drei Jahre im Amt bleiben sollte.José Ramos-Horta: Funu: The Unfinished Saga of East Timor. The Red Sea Press, 1987, Am 14. März unterrichtete der portugiesische Botschafter in Jakarta sein Außenministerium, dass der indonesische Präsident Suharto vom Militär unter Druck gesetzt werde, die militärische Invasion Timors zu „autorisieren“.Moisés Silva Fernandes: O Processo de Descolonização do Timor Português nos Arquivos Portugueses, 1974–1975. Instituto de Ciências Sociais, Universidade de Lisboa, abgerufen am 1. November 2018. Im März 1975 lud die portugiesische Administration eine australische Delegation nach Timor ein. Zu ihr gehörten Parlamentarier, Studenten, Gewerkschaftler und Vertreter der Aborigines. Zu den Politikern gehörten Ken Fry und John Kerin vom Repräsentantenhaus und Gordon McIntosh, Richie Gunn, Neville Bonner und Arthur Gietzelt vom Senat. Bonner, der erste Aborigine, der in das australische Parlament einzog, war Mitglied der Liberal Party, die anderen alle von der Australian Labor Party. Dazu kamen die Gewerkschaftler Keith Wilson und Jim Roulston, John Birch vom Australian Council for Overseas Aid, der Aborigines-Vertreter Bill Williams und von der Australian Union of Students Jill Jolliffe und Tim Rowse. Der Journalist Mark Aarons von ABC begleitete die Delegation.Jill Jolliffe: Run for Your Life. 2014, Die Mitgliedschaft von Aarons und Rowse bei der Communist Party of Australia (CPA) führte dazu, dass die spätere australische Unterstützungsbewegung für Osttimor vom ASIO, dem australischen Geheimdienst beobachtet wurde.Bob Boughton, Deborah Durnanand Antero Benedito da Silva: , TL Studies, abgerufen am 5. November 2019.
mini|Die portugiesische 6. Kavallerieschwadron in Bobonaro (1970)