Die Akte Vaterland ist ein historischer Roman des deutschen Autors Volker Kutscher, der im Jahr 2012 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien. Es handelt sich um den vierten Kriminalroman in der Serie um den Kriminalkommissar Gereon Rath. Die Handlung setzt zehn Monate nach Goldstein ein und spielt überwiegend im Juli 1932 zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in Berlin und in Masuren.
Das Buch zeichnet sich erneut neben der vordergründigen Kriminalhandlung, die in der Tradition der amerikanischen Hardboiled detectives steht, durch sein anschauliches Sittengemälde der frühen dreißiger Jahre in Deutschland aus. Dargestellt werden gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront sowie die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, der Preußenschlag von Reichskanzler Franz von Papen in der späten Weimarer Republik und der dadurch weiter erstarkende Nationalsozialismus. Dieser ist auch für die handelnden Personen erkennbar, wird aber in seiner Tragweite im Hinblick auf die sich auflösende Republik nur teilweise ernst genommen. Neben fiktiven treten auch Personen der Zeitgeschichte und historische Ereignisse wie die Reichstagswahl am 31. Juli 1932 auf, die aus der Sicht der Hauptfigur geschildert werden.
Handlung Im Juli 1932 steht die Berliner Kriminalpolizei vor einem Rätsel: Der Spirituosenhändler Herbert Lamkau wird im Lastenaufzug vom Haus Vaterland, dem legendären Vergnügungstempel am Potsdamer Platz, von einem Wachmann tot aufgefunden. Die Spuren deuten darauf hin, dass er dort ertrunken ist. Kommissar Gereon Rath ist wenig erfreut über den neuen Fall, denn er hat schon genug Ärger. Seine Ermittlungen gegen den das „Phantom“ genannten, mysteriösen Auftragsmörder, der die Stadt in Atem hält, treten seit Wochen auf der Stelle, seine große Liebe Charly Ritter kehrt von einem Studienjahr in Paris zurück und fängt als Kommissaranwärterin bei der Weiblichen Kriminalpolizei am Alex an und wird ausgerechnet seiner Mordkommission zugeteilt, was die Dinge nicht einfacher macht. Es zeigt sich, dass der Tote vom Haus Vaterland Teil einer deutschlandweiten Mordserie zu sein scheint, deren Spur weit nach Osten führt, denn Raths Ermittlungen fördern zwei weitere Todesfälle zutage, die unter ähnlichen Umständen geschahen und deren Opfer wie Lamkau aus Ostpreußen stammten. Sämtliche Opfer wurden mit dem indianischen Pfeilgift Tubocurarin gelähmt. Die Leitung der Ermittlungsgruppe „Phantom“ wird Rath entzogen und Kommissar Herbert Dettmann übergeben, mit dem Rath eine Auseinandersetzung hat, nachdem dieser Charly beleidigt hat.
Während Charly als Küchenhilfe ins Haus Vaterland eingeschleust wird und dabei zufällig einen Fall von Erpressung aufdeckt, ermittelt Rath kurz nach seiner Verlobung mit Charly in der masurischen Kleinstadt Treuburg nahe der polnischen Grenze und gerät in eine für ihn fremde Welt. Dort lernt er den Gutsbesitzer Gustav Wengler kennen, den deutschnational gesinnten Besitzer der Luisenbrand-Destillerie, deren Vertriebspartner in Berlin Lamkau war. Alle Mordopfer sind ehemalige Mitarbeiter der Brennerei und wurden von Wengler als Schlägertruppe gegen Polen eingesetzt. Unterdessen geschieht auf dem Verkehrsturm am Potsdamer Platz ein weiterer Mord, diesmal an einem ebenfalls aus Masuren kommenden Verkehrspolizisten, welcher sich als Bruder Wenglers herausstellt. Zunächst scheint es, dass alle Opfer im Jahr 1924 an einem Schwarzbrennskandal beteiligt waren, in dessen Folge die Mutter von Artur Radlewski gestorben ist. Dieser lebt, seitdem er seinen Vater getötet hat, wie ein Indianer als Einsiedler im Moor und gerät unter dringenden Tatverdacht. Aber es gibt noch einen weiteren Zusammenhang. Wenglers damalige Verlobte Anna von Mathée wurde 1920 am Tag der Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Ostpreußens zum Deutschen Reich oder zu Polen brutal vergewaltigt und ertränkt, wobei Radlewski das Verbrechen heimlich beobachtet hat, ohne jedoch einzugreifen, wofür er sich Vorwürfe macht. Für die Tat wurde der Assistenzarzt Jakub Polakowski verurteilt, welcher eine heimliche Liebesbeziehung zu der Frau hatte, am Tatort von Wengler und seinem Bruder verhaftet wurde und 1930 angeblich bei einem Gefängnisausbruch ums Leben gekommen ist. Wengler nutzt dieses Verbrechen, um politische Stimmung gegen die Polen zu machen.
Die Widerstände gegen den Ermittler aus Berlin wachsen, als er ein lang gehütetes Geheimnis aufzudecken droht. Die Bibliothekarin Maria Cofalka, welche mit Radlewski heimlich in Kontakt steht, gibt Rath Briefe, aus denen hervorgeht, dass Wengler Annas Mörder ist, und kommt kurz darauf ums Leben. Die Briefe werden Rath gestohlen. Als Rath versucht, Radlewski aufzuspüren, wird er absichtlich im Moor zurückgelassen und überlebt nur, weil Radlewski ihn rettet, ist jedoch eine Woche außer Gefecht, bevor er nach Treuburg zurückkehren kann. Er vermutet, dass die örtliche SA Maria Cofalka im Auftrag Wenglers ermordet hat. Ihm fehlen jedoch die Beweise, um Wengler zu überführen. Während die politisch motivierten Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten kurz vor der Reichstagswahl immer mehr Todesopfer fordern, putscht unterdessen der reaktionäre Reichskanzler von Papen in Berlin die demokratische Regierung Preußens aus dem Amt und mit ihr die Spitze der von Demokraten geführten Berliner Polizei. Damit verschärft sich die Lage auch für Gereon Rath, der sich im fernen Ostpreußen bisher der Protektion durch den Berliner Polizeivizepräsident Bernhard Weiß sicher sein konnte. Nachforschungen in der Haftanstalt, in der Jakub Polakowski einsaß, ergeben, dass dieser seinen Tod nur vorgetäuscht hat. Rath kehrt nach Berlin zurück, nachdem er Polakowski auf einem Foto als den Wachmann wiedererkannt hat, der angeblich Lamkaus Leiche entdeckt hat.
Dort wird Rath zunächst verhaftet, da ein Unbekannter sich als Gereon Rath ausgegeben und Wenglers Geschäftsführer, welcher sich wegen Alkoholschmuggels in Untersuchungshaft befand, in seiner Zelle getötet hat, bevor er Wengler belasten konnte. In Verdacht gerät Harald Dettmann. Rath schließt nach einem Gespräch mit Johann Marlow, dass dieser auch das „Phantom“ sein muss und die Morde für den Ringverein Piraten an Mitgliedern der Konkurrenzorganisation Concordia begangen hat, mit der auch Wengler illegale Geschäftsbeziehungen hat. Ernst Gennat eröffnet Rath, dass Dettmann schon länger im Visier der Ermittlungen steht, ihm bisher jedoch nichts nachzuweisen ist. Polakowski kann sich unterdessen der Verhaftung entziehen. Da Rath vermutet, dass Wengler das letzte Opfer von Polakowskis Rachefeldzug werden soll, reist er noch einmal nach Treuburg. Er kann den Mann am Tag der Reichstagswahl stellen, als dieser versucht Wengler zu ertränken. Es stellt sich jedoch heraus, dass Wengler alles geplant hat und die Ermordung seiner Komplizen billigend in Kauf genommen hat, um sich unliebsamer Zeugen zu entledigen, und nun vorhat, auch Polakowski mit Hilfe des Treuburger Polizeichefs Erich Grigat scheinbar in Notwehr zu töten und dabei auch Rath zu beseitigen. Bevor er jedoch seinen Plan umsetzen kann, wird er von Artur Radlewski mit Pfeil und Bogen getötet. Rath vertuscht diese Tat, um Radlewski zu schützen, der ihm zweimal das Leben gerettet hat, und lässt auch Polakowski entkommen. Mithilfe von Johann Marlow gelingt es Rath und Gennat, den untergetauchten Anführer der Concordia zu überzeugen, bei einem Plan mitzuhelfen, Dettmann zu überführen.
Historischer Hintergrund Haus Vaterland mini|Das Erlebnisrestaurant „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz.
Das Kempinski Haus Vaterland war von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann. In den Gasträumen am Potsdamer Platz gab es eine Vielzahl von unterschiedlichen Themenrestaurants, die von einer zentralen Küche versorgt wurden: Rheinterrasse, Löwenbräu (bayerisches Bierrestaurant), Grinzing (Wiener Café und Weinstube), Türkisches Café, Spanische Bodega, Czardas, Japanische Teestube, Bremer Kombüse, Wild-West-Bar (Arizona-Bar; später als Kolonialstube bezeichnet), Osteria (italienische Spezialitäten), Teltower Rübchen sowie der Palmensaal (Tanzlokal, Gestaltung: Ernst Stern und Josef Thorak). Hier gab es neben landesüblichen Speisen und Getränken auch diverse musikalische und künstlerische Veranstaltungen, Vorführungen und Varietéprogramme. Berühmt waren die Wettersimulationen in der Rheinterrasse. Unter dem Motto „Im Haus Vaterland ißt man gründlich, hier gewitterts stündlich“ wurden in einer nachgebauten Kulisse der Rheintallandschaft bei St. Goar (mit Blick auf die Burg Rheinfels und den Loreleyfelsen) zu jeder Stunde die Saalbeleuchtung gedämpft sowie Donner, Blitz und Wolkenbrüche simuliert. Zum Schutz der Gäste vor den Regengüssen waren die Tischreihen mit Glasscheiben zur Kulisse hin abgetrennt. Im nachgebauten Rheintal fuhren Modelleisenbahnen, außerdem bewegten sich Schiffsmodelle auf dem Wasserlauf. Es wurden sogar in Kooperation mit der Lufthansa Flugzeugmodelle an dünnen Fäden durch die Kulissenlandschaft bewegt. Nach einem kriegsbedingten Großbrand 1943 wurde in Teilen des Gebäudes ein eingeschränkter Restaurantbetrieb mit mehreren Unterbrechungen fortgeführt und schließlich im Juni 1953 endgültig eingestellt.
Preußenschlag mini|Die Notverordnung des Reichspräsidenten (Juli 1932)
Mit dem Preußenschlag (auch als Staatsstreich in Preußen bezeichnet) wurde am 20. Juli 1932 durch eine erste Notverordnung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die geschäftsführende, aber nicht mehr durch eine parlamentarische Mehrheit gestützte Regierung des Freistaates Preußen durch den Reichskanzler Franz von Papen als Reichskommissar ersetzt. Eine zweite Verordnung vom selben Tag übertrug dem Reichswehrminister die vollziehende Gewalt in Preußen und schränkte die Grundrechte ein. So ging die Staatsgewalt im von der Preußenkoalition unter dem Sozialdemokraten Otto Braun geführten größten Land des Deutschen Reiches auf die Reichsregierung von Franz von Papen über. Damit wurde von Papen auch die Führung der Berliner Polizei übertragen. Vizepolizeipräsident Bernhard Weiß und der Kommandeur der Schutzpolizei Heimannsberg wurden während des Preußenschlags verhaftet. Alle zivilgesellschaftlichen wie auch staatlichen Möglichkeiten des Protests oder Widerstands waren durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg für illegal erklärt. Folgen des Preußenschlages waren die Schwächung der föderalistischen Verfassung der Weimarer Republik und die Erleichterung der späteren Zentralisierung des Reiches unter Adolf Hitler. Hauptergebnis war jedoch die Ausschaltung des letzten möglichen Widerstandes des größten deutschen Staates gegenüber Papens Politik der Errichtung eines „Neuen Staates“. Hitlers Weg zur Macht wurde so entscheidend erleichtert.Ludwig Biewer: Der Preußenschlag 1932. Ursachen, Ereignisse, Folgen und Wertung. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte. Bd. 119, 1983, S. 159–172, hier S. 169.
Weltwirtschaftskrise miniatur|hochkant=1.2|rechts|Deutscher Aktienindex 1924–1942 (Statistisches Reichsamt)