Ebo Rothschild (* 4. November 1902 in Londorf; † 2. August 1977 in Rechovot) war ein deutsch-israelischer Rechtsanwalt. Als Jude erhielt er im April 1933 Berufsverbot und emigrierte zunächst nach Spanien. 1939 gelang ihm mit seiner Familie über Frankreich die Flucht nach Chile. 1955 erfolgte die Einwanderung nach Israel. Rothschild arbeitete in Darmstadt in einer Kanzlei zusammen mit Friedrich Moritz Mainzer und Hermann Wolf.

Die Jahre 1902 bis 1933 Ebo Rothschild war der Sohn des früh verstorbenen Kaufmanns („Fruchthändler“ laut Ebos Geburtsurkunde) Markus Rothschild aus Londorf und dessen Ehefrau Emma.Quelle: Ausbildung und juristischer Werdegang bis zum Berufsverbot

Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Gießen, der heutigen Herderschule, legte Ebo Rothschild dort am 25. Februar 1921 die Reifeprüfung ab und studierte vom 1. Mai 1921 an Jura an der Ludwigs-Universität in Gießen, der heutigen Justus-Liebig-Universität Gießen. Im November 1924 schloss er das Studium mit der Note „im ganzen gut“ ab und begann sein Referendariat, das ihn unter anderem zum Amtsgericht Grünberg (Hessen), zu Rechtsanwälten in Gießen und zum dortigen Landgericht führte. Im April 1928 bestand er die Staatsprüfung mit der Note „gut“ und wurde am 22. Juni 1928 zum Gerichtsassessor ernannt. Wenige Tage später wird er vertretungsweise zum Amtsanwalt bei den Amtsgerichten Bensheim, Fürth (Odenwald), Lampertheim und Wald-Michelbach berufen. Parallel dazu erfolgte seine Vereidigung als Beamter.

Am 6. Oktober 1928 bittet er das Justizministerium in Darmstadt darum, „von meiner Verwendung in den nächsten 6 Wochen Abstand zu nehmen, da ich während dieser Zeit auf dem Büro der Herren Rechtsanwälte Dr. Mainzer und Dr. Wolf in Darmstadt beschäftigt bin“. Ein dreiviertel Jahr später, am 15. Juli 1929, unterrichtete das Darmstädter Justizministerium den Landgerichtspräsidenten darüber, dass der Gerichtsassessor Ebo Rothschild „um Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Landgericht Darmstadt sowie der Kammer für Handelssachen in Offenbach“ nachgesucht habe. Die Zulassung wurde am 3. September 1929 erteilt. Kurz darauf trat Rothschild in die Kanzlei von Mainzer und Wolf ein.

In welcher Funktion er in dieser Kanzlei mitgearbeitet hat, ist umstritten. In einem Schreiben vom 17. März 1952 bezeichnete Friedrich Mainzer Ebo Rothschild im Zusammenhang mit dessen Streichung aus der Anwaltsliste ausdrücklich als „mein Sozius und Mitarbeiter“.Schreiben F. Mainzers vom 17. März 1952, HHStAW: Wiedergutmachungsverfahren Friedrich Moritz Mainzer, Signatur: HHStAW, Abt. 518, Nr. 23755 Davon ist in einem weiteren Brief, drei Jahre später, nicht mehr die Rede, denn nun heißt es: „Herr Rothschild war, soweit ich mich erinnere, zunächst als Gerichtsassessor bei mir tätig und war dann mehrere Jahre in meiner Advokatur als festhonorierter Rechtsanwalt tätig.“Brief von Friedrich Mainzer an das Regierungspräsidium Darmstadt vom 16. Februar 1955, Quelle: HHStAW Entschädigungsakte (Abt. 518 Nr. 29002) Im Streit um den Goodwill dieser Kanzlei im Rahmen der Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht während der Nazi-Zeit beharrte Grete Rothschild als Erbin ihres Mannes darauf, dass Ebo Rothschild nicht nur Mainzers Angestellter gewesen sei, sondern dessen Sozius.

Durch einen gerichtlichen Vergleichsvorschlag vom 26. August 1960, der von allen beteiligten Parteien akzeptiert worden war, wurde den Parteien Rothschild und Wolf ein Entschädigungsanteil von 15.720,-- DM zugesprochene, dessen Auszahlung in voller Höhe an Irene Wolf erfolgte. An die Partei Mainzer gingen 30.000,-- DM.HHStAW: Entschädigungsverfahren Hermann Wolf, Signatur: Abt. 518 Nr. 30032

Ebo Rothschilds Karriere als Anwalt endete mit der Machtübernahme durch die Nazis. Am 7. April 1933 war das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft verabschiedet worden, durch das den meisten jüdischen Anwälten die Ausübung ihres Berufes verboten wurde. Da Ebo Rothschild nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und er somit nicht das Frontkämpferprivileg für sich in Anspruch nehmen konnte, erhielt er vom 1. Mai 1933 an Berufsverbot. „Er hat danach noch kurze Zeit einige Arbeiten für mich gemacht, für die er eine Vergütung erhalten hat. […] Es hat sich vielleicht um 3-4 Monate gehandelt.“ Doch das war nicht die einzige Unbill, die ihm zuteilwurde. Am 5. März 1933 „wurde ich aus meinem Büro, Darmstadt, Bismarckstr. 48, von S.A.-Leuten herausgeholt und gezwungen, alte Wahlplakate der Linksparteien in unmittelbarer Naehe des Bueros mittels einer aetzenden Lauge abzukratzen, zusammen mit Rechtsanwalt Dr. Fritz Freund, der später umgekommen ist“. Am 10. März 1933 entging er nur knapp einer Attacke auf seine Wohnung. Rothschild vermutete, dass für diese ein ehemaliger Prozessgegner verantwortlich war, der nun SA-Sturmbannführer war. Kurz nach der Entziehung seiner Zulassung als Rechtsanwalt wurde er Anfang Mai 1933 spät abends durch SA-Leute zusammen mit Friedrich Mainzer und einer weiteren Person in Mainzers Privathaus in der Osannstr. 11 verhaftet. Zum Glück der drei Verhafteten war an der Aktion auch ein Polizist beteiligt, der dafür sorgte, dass sie statt ins Braune Haus, der Darmstädter NS-Zentrale, in ein reguläres Polizeigefängnis gebracht wurden.Schreiben Ebo Rothschilds an das Landgericht Darmstadt (Entschädigungskammer) vom 8. Oktober 1969, Quelle: HStAD, Klage gegen das Land Hessen wegen Reisekosten während der Emigration

Stationen des Exils Spanien Ebo Rothschild wollte nicht unvorbereitet in die Emigration gehen und bemühte sich um Vertretungen für deutsche Firmen im Ausland. Am erfolgversprechendsten war ein Angebot der Deutsche Milchwerke AG aus Zwingenberg (Bergstraße) für deren Vertretung in Spanien, das ihm durch deren Vertriebsleiter für das Auslandsgeschäft, Julius BlochJulius Bloch (1877–1956). EHRI-Projekt, ehri-project.eu aus Frankfurt, vermittelt worden war.Brief Ebo Rothschilds an das Regierungspräsidium Darmstadt vom 11. Mai 1962, Quelle: HHStAW Entschädigungsakte Ebo Rothschild (Abt. 518 Nr. 29002) Rothschild nahm Spanischunterricht und reiste im Dezember 1933 nach Holland und von dort aus im Januar 1934 weiter nach Paris. An beiden Stationen versuchte er weitere Vertretungsaufträge zu erhalten, aber offenbar ohne Erfolg.

Am 8. Februar 1934 verließ Ebo Rothschild Paris und reiste nach Barcelona, wo er mehr als ein Jahr lang versuchte, die Fissan-Produkte der Deutsche Milchwerke AG unter Ärzten zu vertreiben. Rothschild schilderte dies als schwieriges Unterfangen, vermutlich auch aufgrund seiner noch unzureichenden Sprachkenntnisse, die ihn veranlassten, weiterhin Sprachunterricht zu nehmen. Doch dann zerschlug sich die Sache aus einem weit banaleren Grund: Blochs Tochter hatte sich nach Spanien verheiratet und in der Folge davon übertrug Bloch die Vertretung für Spanien seinem Schwiegersohn.

Rothschild kam in Verbindung mit der Firma Benavent y Marx in Barcelona, die mehrere deutsche Firmen in Spanien vertrat, darunter die Eisenwerke Meurer, dresdner-stadtteile.de die einen Gasherd namens Prometheus herstellten, die Firma Vaillant aus Remscheid als Hersteller von Heisswasserspeichern und die Firma HallerVereinigte Metallwarenfabriken AG vorm. Haller u. Co., Altona-Ottensen. deutsche-digitale-bibliothek.de aus Altona, die Petroleumkocher herstellte. Um sich für den Vertrieb derartiger Produkte das nötige Fachwissen anzueignen, schickte ihn Benavent y Marx im August 1935 für etwa 5 Wochen zurück nach Deutschland, wo Rothschild bei den einzelnen Firmen hospitierte.

Die Ehe mit Grete Ostwald Nach seiner Rückkehr nach Barcelona Ende September wurde Ebo Rothschild mit Wirkung vom 1. Dezember 1935 die Vertretung der Firma Benavent y Marx für Valencia übertragen. Damit einher ging auch eine private Veränderung: im November 1935 hatte er Grete Ostwald geheiratet.

Grete Ostwald war die Tochter von Siegmund Ostwald (* 16. Oktober 1865 in Dortmund-Aplerbeck; † 24. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt) und dessen Ehefrau Helene (auch Hetty genannt, geborene Mayer, * 7. September 1867 in Leutershausen an der Bergstraße; † 12. Mai 1929 in Koblenz).Die Informationen über die Familie Ostwald stützen sich auf Einträge im Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945 sowie auf einer schriftlichen Auskunft der Stadtverwaltung Koblenz, Stadtarchiv, vom 6. Dezember 2018, die auf einem Auszug aus der „Residentenliste der jüdischen Einwohner von Koblenz“ des Stadtarchivs Koblenz beruht (Stand 5. Dezember 2018, Signatur: StAK DB 6). Siegmund Ostwald betrieb in Koblenz zusammen mit seinem Bruder Otto (* 3. Januar 1864 in Dortmund; † 30. Juli 1941 in Köln) die Firma „O. & S. Ostwald, Mehl- u. Hülsenfrüchte, Kolonialwaren, Konserven u. Südfrüchte“. Otto Ostwalds Ehefrau Johanna (geborene Herzberg, * 24. Juli 1878 in Altena) wurde am 30. Oktober 1941 von Köln aus, wo das Ehepaar zuletzt gewohnt hatte, ins Ghetto Litzmannstadt deportiert und von da aus weiter ins Vernichtungslager Kulmhof, wo sie im Mai 1942 ermordet wurde.

Das Ehepaar Siegmund und Helene Ostwald hatte fünf Kinder: Luzie (Lucie), * 21. Januar 1896 in Koblenz. Franz Otto, * 14. April 1897 in Koblenz, gestorben am 9. Juli 1918 in Koblenz an einer 1915 erlittenen Kriegsverletzung. Walther Leopold, * 27. Dezember 1900 in Koblenz; † 22. Januar 1959 in Tel Aviv. Walther immatrikulierte sich am 14. Oktober 1918 in Bonn für das Fach Medizin. uni-bonn.de Am 22. April 1925 meldete er sich in Koblenz ab und zog nach Frankfurt am Main. Hier entstand 1928 seine Dissertation unter dem Titel Klinische Beiträge zum Williams’schen Trachealton.Nachweis über Walter Ostwalds Dissertation. Katalog der Universitätsbibliothek Frankfurt. 1929 lebte er in Mannheim, wo er auch Käthe David, seine spätere Ehefrau, kennenlernte. Zu Beginn der 1930er Jahre ließ er sich als Arzt in Berlin-Charlottenburg nieder. Hier wurde die gemeinsame Tochter Renate geboren (* 1. Juli 1933). Die Familie emigrierte am 5. März 1934 von Berlin-Charlottenburg aus nach Tel Aviv. Käthe, * 25. Juli 1902 in Koblenz; † 9. August 1902. Grete Franziska, * 29. November 1906; † 8. Oktober 1986 in Israel.

Grete hatte in Koblenz das Hilda-Gymnasium besucht,Geschichte. Hilda-Gymnasium. bevor sie im November 1930 nach Berlin zog. Über sich selber berichtete sie, sie sei bis 1933 Mitarbeiterin in einer Werbefirma („Propaganda-Firma“), dem T.W. Textil-Werbedienst,Vermutlich war damit die Firma „Te-We-Textil-Werbedienst GmbH, Werbebüro (Werbung), Gegründet 1930, Liq.: 1939, Krausenstrasse 38/39 (Kreuzberg)“ gemeint. (Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930–1945. hu-berlin.de/djgb ) gewesen, die vorwiegend für Warenhäuser Kinder-Journale hergestellt habe. 1933 sei „allen Angestellten auf Grund der polit. Verhältnisse gekündigt und anschliessend der ganze Betrieb aufgelöst“ worden. Sie sei dann noch 1933 alleine nach Spanien gegangen, wo sie Ebo Rothschild kennengelernt und geheiratet habe.Undatierte Erklärung von Grete Rothschild aus dem Jahre 1985, Quelle: HHStAW Entschädigungsakte Ebo Rothschild (Abt. 518 Nr. 29002)