Hermann David Wolf (* 28. April 1880 in Alzey; † 27. Juli 1951 in New York) war ein deutschamerikanischer Rechtsanwalt. Als Jude erhielt er 1938 Berufsverbot und emigrierte in die USA. Wolf arbeitete in Darmstadt in einer Kanzlei zusammen mit Friedrich Moritz Mainzer und Ebo Rothschild. Seine Cousine war die in Auschwitz ermordete Johanna Geissmar.Marlies Wolf Plotnik: We came to America. S. 21.

Herkunft und beruflicher Werdegang Eltern und Geschwister Hermann David Wolf wurde am 28. April 1880 im damals zum Großherzogtum Hessen gehörenden und in Rheinhessen gelegenen Alzey geboren.Soweit keine anderen Quellen angegeben sind, folgt die Darstellung des Werdeganges von Hermann Wolf dem Guide to the Papers of the Wolf-Oppenheimer Family 1843–2015 (siehe Quellen). Er war der Sohn des Lederfabrikanten und Lederhändlers Theodor Wolf (1843–1917) und seiner Frau Cäcilie (1855–1936), geborene Levintas. Theodor Wolf war eine in Alzey bekannte Persönlichkeit. Er war dort zwölf Jahre lang stellvertretender Bürgermeister (erster Beigeordneter) sowie langjähriges Mitglied der Handelskammer und des Bezirksrates von Alzey-Bingen. Darüber hinaus gehörte Theodor Wolf lange Jahre der Führung der Jüdischen Gemeinde an und engagierte sich in jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen.

Das Ehepaar Theodor und Cäcilie Wolf hatte insgesamt fünf Kinder; zwei von ihnen starben im Kindesalter: Eduard Wolf (1876–1879) Paul Jacob Wolf (1879–1922) Hermann David Wolf (1880–1951) Ella Wolf (1883–1941) Karl Wolf (1886–1886) Paul Jacob, der wie sein Bruder Hermann Jura studierte und Rechtsanwalt wurde,Seine Dissertation von 1902 mit dem Titel „Über das schlichte Mobiliarmiteigentum unter dem Rechte des Bürgerlichen Gesetzbuchs für das Deutsche Reich“ und etliche von ihm verfasste juristische Aufsätze befinden sich im Bestand der Bibliothek des Leo Baeck Institut. starb im April 1922 in Darmstadt an Leukämie.

Das Schicksal der Ärztin Ella Wolf Über Ella Wolf heißt es in einer am 31. Dezember 1914 vom damaligen Alzeyer Bürgermeister ausgestellten Bescheinigung: „Frl. Dr. med. Ella Wolf hat sämtliche medizinischen Examina summa cum laude bestanden und geniesst in ihren Heidelberger Fachkreisen grosses Ansehen.“Abgedruckt bei Marlies Wolf Plotnik: We came to America. Teil 2, ohne Seitenangabe. Dies angesichts ihrer Kindheit äußerst bemerkenswert. Unter Bezug auf die nach ihren Worten excellente Begabung der Brüder Paul und Hermann Wolf schreibt Plotnik: „Und das wurde wichtig. Ihre Schwester Ella erkrankte an Tuberkulose und war vom vierten Lebensjahr bis zum 18. Lebensjahr bettlägerig. Ella wurde von ihren Brüdern unterrichtet und die einzige professionelle Hilfe, die sie in Anspruch nahm, war ein Professor aus Mainz, der kam, um ihr fortgeschrittene Mathematik und Chemie beizubringen.“Marlies Wolf Plotnik: We came to America. S. 27. „And that became important. Their sister Ella, contracted tuberculosis and was bedridden from the age of four until the age of 18. Ella was tutored by her brothers and the only professional help called in was a professor from Mainz who came to teach her advanced math and chemistry.“

Auch Ella Wolf blieb – wie den meisten ihrer Geschwister – ein schweres Schicksal nicht erspart. Auf der Webseite Ärztinnen im Kaiserreich ist nachzulesen: „1921 erkrankte sie an Kinderlähmung, zuletzt lebte sie in der Hessischen Landesheil- und Pflegeanstalt Heppenheim/Bergstraße.“Ärztinnen im Kaiserreich: Ella Wolf Im Zusammenhang mit seinen Aufwendungen für seine Schwester kam in seinem Entschädigungsantrag vom 19. Januar 1950 auch Hermann Wolf auf die Krankheit seiner Schwester zu sprechen: „Sie hatte sich als Specialaerztin fuer Ohrenheilkunde wegen des Aerztemangels im ersten Weltkrieg, dem staedt. Krankenhaus in Stettin zur Verfuegung gestellt und erlitt dort in Folge einer Leicheninfektion bei einer Sektion eine Blutvergiftung, die sie dauernd erwerbsunfaehig machte.“HHStAW: Entschädigungsverfahren Hermann Wolf, Signatur: Abt. 518 Nr. 30032

Als Ella Wolfs Sterbeort wird auf der Webseite Ärztinnen im Kaiserreich „Hadamar, Heppenheim/Bergstraße“ genannt, was darauf schließen lässt, dass Ella Wolf von der damaligen Ehemaligen Landesirrenanstalt Heppenheim in die Tötungsanstalt Hadamar überführt und dort am 4. Februar 1941 ermordet wurde. Dies deckt sich auch mit dem Eintrag im Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, wo sie als Opfer der Krankenmorde aufgeführt wird.Gedenkbuch-Eintrag für Ella Wolf. Der Eintrag in der Datenbank von Yad Vashem bezieht sich zwar auf das Gedenkbuch, bleibt aber in seiner Aussage vager: „Ella Wolf wurde 1883 in Alzey, Deutsches Reich geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte sie in Heppenheim, Deutsches Reich. Während des Krieges war sie in Hadamar, Deutsches Reich. Ella wurde in der Schoah ermordet.“ (Ella Wolf in der Zentralen Datenbank der Namen der Holocaustopfer von Yad Vashem) Etwas genauer wird es in einer schriftlichen Auskunft der Gedenkstätte Hadamar vom 21. Dezember 2018 dargestellt: „Frau Ella Wolf, geb. am 17. Januar 1883 in Alzey, wurde am 03.08.1930 in die Anstalt Heppenheim aufgenommen. Heppenheim fungierte im Jahr 1941 als eine sogenannte Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar. Das heißt, Patienten jüdischen Glaubens aus anderen Anstalten wurden hier gesammelt und bald darauf nach Hadamar verlegt. Aber auch Patienten aus Heppenheim wurden selektiert. Von Heppenheim wurde Frau Wolf am 4. Februar 1941 in einem Transport mit 66 weiteren jüdischen Patienten nach Hadamar gebracht. Die Patienten eines solchen Transports wurden am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Der 4. Februar 1941 ist daher als der Todestag von Frau Wolf anzusehen.“ Auch der Widerspruch zu dem in dem in Hermann Wolfs Wiedergutmachungsakten abgehefteten Erbschein, in dem behauptet wird, Ella Wolf sei am 29. März 1941 in Chelm verstorben, wird durch die Auskunft der Gedenkstätte aufgelöst: „Im Fall der jüdischen Opfer der NS-‚Euthanasie‘ aus diesem Zeitraum wurde nicht nur die offizielle Angabe des Todesdatum sowie die Todesursache falsch angegeben, sondern auch der Sterbeort. Es wurde behauptet, die Patienten seien in den polnischen Ort Chelm (oder Cholm) verlegt worden und dort gestorben: In diesem Fall wurde den Angehörigen übermittelt, Ella Wolf sei am ‚29.03.1941‘ in ‚Chelm‘ gestorben und dort begraben worden. Es gab zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Anstalt mehr in Chelm. Die jüdischen Anstaltspatienten starben in den Tötungsanstalten in Deutschland, d.h. in Brandenburg a.d. Havel sowie in Hadamar.“Unklar bleibt danach nur noch Marlies Plotniks Behauptung, Ella Wolf sei 1941 im KZ Treblinka umgekommen. (Marlies Wolf Plotnik: We came to America. S. 26)

Am 12. Januar 1939 verwies Hermann Wolf in einem Schreiben an die Deutsche Bank in Darmstadt auf ein „Sonderkonto Dr. Ella Sara Wolf zur Zeit Heppenheim a.d.B.“ und bat darum, Anleihen über RM 1.000,– zu verkaufen, um damit die 2. Rate der Judenvermögensabgabe für Ella Wolf zu begleichen. Unter dem gleichen Datum schrieb er an die Devisenstelle beim Oberfinanzpräsidenten Hessen, dass er vor seiner Auswanderung beabsichtige, „um meine seit 1921 anstaltsbedürftige geistig erkrankte Schwester Dr. Ella Sara Wolf einigermaßen sicherzustellen, ihr einen Betrag in Wertpapieren im Nennwert von RM 6.500,– zu Unterhaltszwecken zu ueberlassen“. Er bittet darum, dass die Deutsche Bank ermächtigt wird, die entsprechende Umbuchung von seinem Konto auf das Konto von Ella Wolf vorzunehmen. Dem gleichen Adressaten teilte Hermann Wolf am 17. Januar 1939 – einen Monat vor seiner Emigration – mit, dass er bei seiner Ausreise eine geistig erkrankte Schwester zurücklasse. Deshalb „habe ich Frau Studienrätin a. D. Marie Reinhardt in Darmstadt, Sudetengaustrasse 34/I gebeten, für diese Schwester, soweit es in ihren Kräften steht, zu sorgen“. Für Frau Reinhardts Auslagen in den nächsten fünf Jahren veranschlagte er RM 1.200,–, um deren Freigabe von seinem Konto er bittet sowie um den Transfer des Betrags auf das Konto von Marie Reinhardt.Leo Baeck Institute: Guide to the Papers of the Wolf-Oppenheimer Family 1843–2015; Series I: Hermann Wolf and Family, 1886–2014; Box 1, Folder 10: Financial Matters and Emigration

Ob diese von Hermann Wolf erbetenen Transfers stattgefunden haben, geht aus den Unterlagen nicht hervor; Marie Reinhardt (* 22. Juli 1885 in Mainz, † 11. Juli 1944 in Darmstadt) starb bei einem Luftangriff auf Darmstadt. An Ella Wolf erinnert ein Stolperstein in Alzey.Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Cousinen Ella Wolf und Marie Kaufmann-Wolf stammt von Renate Rosenau, die den beschwerlichen Werdegang dieser frühen Medizinerinnen beschreibt: Renate Rosenau: Die Kusinen Marie Kaufmann-Wolf und Ella Wolf: Zwei Alzeyer Mädchen auf dem langen Weg zum Studium und Arztberuf. In: Alzeyer Geschichtsblätter. Heft 41, 2015, S. 128 ff. Der Artikel ist online einsehbar: Leo Baeck Institute: Guide to the Papers of the Wolf-Oppenheimer Family 1843–2015, Subseries 1: Wolf and Related Families, Box 1, Folder 36.

Schule und Studium Hermann Wolf erhielt seine schulische Ausbildung in der Realschule in Alzey und nach dem Abschluss dort am Großherzoglichen Gymnasium in Mainz,Geschichte des heutigen Rabanus-Maurus-Gymnasiums Mainz wo er die Reifeprüfung ablegte. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Gießen, Heidelberg (wo er am 7. August 1902 bei Heinrich Buhl zum Dr. jur. promoviert worden war) und ersuchte am 30. März 1908 mit Verweis auf die bestandenen Prüfungen und die seit 1906 bei einem Mainzer Notar gesammelten Erfahrungen das Großherzogliche Ministerium der Justiz in Darmstadt um die Zulassung als Rechtsanwalt.Hessisches Staatsarchiv Darmstadt: Dokumente zu Hermann Wolfs Werdegang bis zum Berufsverbot, Digitalisat 266–267 Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass er zusätzlich noch in Berlin studiert hat und dort selber unfreiwillig in eine Mietsache verwickelt war.Darauf spielt der Bänkelsong „Hermanns erster Prozeß“ an, der bei seiner Hochzeitsfeier vorgetragen wurde. (Leo Baeck Institute: Guide to the Papers of the Wolf-Oppenheimer Family 1843–2015, Series 1, Box 1, Folder 20: Various Family Papers – Official Documents, Correspondence and Family Trees)

Die Darmstädter Jahre Hermann Wolf scheint sich zunächst als Einzelanwalt in Darmstadt niedergelassen zu haben. Erste Kontakte zu Friedrich Moritz Mainzer, mit dem er später in einer Kanzlei zusammenarbeitete, sind aber in den Unterlagen des Staatsarchivs dokumentiert, da Mainzer spätestens ab 1910 immer wieder als Vertreter von Wolf nominiert wurde. Außerdem war Hermanns Bruder Paul nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod im Jahre 1922 in Mainzers Kanzlei tätig.Marlies Wolf Plotnik: We came to America. S. 32.