Die Leistungspsychologie () vereint Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen der Psychologie. Ihr Gegenstand ist die Beschreibung und Erklärung von Ursachen, Wirkungsmechanismen und Bedingungen, die exzellente Leistung in unterschiedlichen Einsatzfeldern fördern. Forschungsinteresse ist es, generalisierbare und messbare Faktoren zu identifizieren, zu beschreiben und empirisch zu prüfen, um Methoden und Rahmenbedingungen zu entwickeln, die mit den Ansätzen einer Psychotechnik und der Angewandten Psychologie zu einer optimalen Ausprägung exzellenter Leistung beitragen. Solche objektive Erkenntnisse konnten andererseits auch die Psychopathologie auf eine solidere Grundlage stellen.

Abgrenzung Beteiligte unterschiedliche leistungspsychologische Disziplinen sind abzugrenzen von psychologischen Schulen, gerichtet auf beschreibende Tatbestände einer Deskriptiven Psychologie (Subjektive Erlebnisweisen), von subjektiver Leistungsbewertung, von Verstehender Psychologie und psychosomatischen Zusammenhängen (eher körperliche Begleiterscheinungen) einschließlich weiterhin von einfachen neurologischen Leistungstests mit Ausnahme der Diagnostik neuropsychologischer Syndrome.

Traditionelle Aufgaben der Leistungspsychologie Traditionelle Aufgaben der Leistungspsychologie sind Durchführung von Testpsychologischen Untersuchungen wie etwa Intelligenztests, Gedächtnisleistungen, Tests der Qualifikation zu beruflichen Leistungen (Arbeitsleistung). Allgemein ist es Aufgabe der Leistungspsychologie, die nach außen tretende Wirksamkeit innerer Antriebe aufzuzeigen. Obwohl Karl Jaspers (1883–1969) den Begriff der Objektiven Psychologie in seinem hiermit zitierten Standardwerk selbst nicht gebraucht, hat dieser sich dennoch in der Psychologie durchgesetzt. Leistungspsychologie ist demnach Teilgebiet der Objektiven Psychologie. Diese stellt einen Sammelbegriff dar für die vielfältigen in der Geschichte der Psychologie wirksamen Forschungsansätze, das psychische Geschehen ausschließlich empirisch mit objektiven Phänomenen zu erklären, vgl. hier das Kap. → Geschichte. Damit stellt sich die Frage, ob Leistungspsychologie nur nach den von außen nachprüfbaren Tatsachen zu definieren ist, da „innere Antriebe“ niemals in einer ausschließlich empirischen Art und Weise zu erfassen oder zu verstehen sind und sie nicht einmal dem betroffenen Subjekt selbst vollständig bewusst sind, vgl. → Verstehende Psychologie, Bewusstseinspsychologie, Erkenntnispsychologie.

Weitere Definition und Arbeitsfelder Die Leistungspsychologie ist eine anwendungsbezogene Wissenschaft. Ihr Gegenstand ist die Beschreibung und Erklärung von Ursachen, Wirkungsmechanismen und Bedingungen, die exzellente Leistung in unterschiedlichen Professionen oder Einsatzfeldern wie dem Sport, der Wirtschaft, dem Militär und den darstellenden Künsten fördern. Forschungsinteresse ist es, generalisierbare Faktoren zu identifizieren und empirisch zu prüfen, um Methoden zu entwickeln, die zu einer optimalen Ausprägung der Faktoren beitragen, sodass Menschen (Individuen und Gruppen) systematisch ihre Leistung verbessern und Höchstleistungen erreichen können.

Die Leistungspsychologie ist interdisziplinär ausgerichtet. Entsprechend greift sie auf ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Ansätzen und Theorien zurück. Sie orientiert sich an Erkenntnissen aus der Expertiseforschung, der Sportpsychologie, der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie des Coachings.

Die individuelle Leistungsförderung erfolgt durch die optimale Nutzung eigener Stärken und Ressourcen, die Optimierung von Lebensbedingungen und des Umfeldes, die Orientierung an Tugenden (z. B. Fleiß) und Lösungen sowie die Entwicklung von Bewältigungsstrategien und positiven Attributen (z. B. Optimismus). Dafür identifizieren Leistungspsychologen die Stärken einer Person und untersuchen, wie sich diese Fähigkeiten vor dem Hintergrund der anstehenden Herausforderungen optimal nutzen lassen, um effektiv eine exzellente Leistung zu erreichen. Das Training mentaler Fertigkeiten (Mentales Training) stellt dabei ein wichtiges Instrument dar. Unter anderem verwenden Leistungspsychologen Ansätze und Methoden der Motivations- und Volitionspsychologie, der Selbstwirksamkeitserwartung, der Zielsetzungstheorie, der Selbstregulation und Selbstmotivierung, der Aufmerksamkeitskontrolle oder der Imagination.„Performance psychology is working with the brain to overcome obstacles of performance.“ Ahern 2008 Aus Sicht von Leistungspsychologen ist Leistungsexzellenz nicht nur Resultat genetischer Dispositionen, kognitiver Fähigkeiten und zielgerichteten Übens, sondern hängt entscheidend von mentalen Selbststeuerungsfähigkeiten, Selbstmanagementkompetenzen sowie den anknüpfenden Lernprozessen ab. Ein großer Teil der persönlichen Höchstleistungskompetenz besteht daher in der Erarbeitung und Optimierung von Selbststeuerungsfähigkeiten, um eigene Kompetenzen in systematischen Lernprozessen stetig zu verbessern. Die Leistungspsychologie unterstützt Personen jeder Profession, in der hohe Leistung erwartet wird. Diese Personen beherrschen ihre Fertigkeiten bereits ausgezeichnet und sie werden an ihrer Exzellenz gemessen. Das heißt, ihre Talente und Fertigkeiten müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt optimal eingesetzt werden („Peak Performance just in time“).

Der Anspruch der Leistungspsychologie besteht darin, aus guter Leistung exzellente Leistung zu machen. Das heißt, in einem bereits ausgereizten Spektrum von Leistungsmöglichkeiten, werden Methoden eingesetzt, die dazu befähigen das Leistungsspektrum nach oben zu erweitern. Sie beschäftigt sich daher nicht mit Aspekten, die mit einer defizitorientierten oder heilkundlichen Sichtweise einhergehen, wie es etwa die Klinische Psychologie oder die Psychopathologie tun. "I see the role of a performance psychologist as helping to move a client from 0 to +5 on a performance scale rather than from -5 to 0. However, performance is in the eyes of the client and I start by identifying their perspective of performance, which could range from winning the World Cup to getting out of bed in the morning." Terry 2008

Bereichsübergreifende Leistungsfaktoren Ein Forschungsinteresse der Leistungspsychologie ist es, generalisierbare Faktoren für die Entwicklung von exzellenter Leistung zu identifizieren, zu beschreiben und empirisch zu prüfen, um dafür Methoden und Rahmenbedingungen zu entwickeln, die zu einer optimalen Ausprägung dieser Faktoren beitragen.

Die Expertise- sowie die Begabungsforschung hat hierzu eine Vielzahl von Modellen hervorgebracht. Zwar deuten viele Erkenntnisse häufig auf eine Bereichsspezifität der Faktoren hin, jedoch existieren auch übergeordnete Faktoren, die in der Genese von Spitzenleistung bereichsübergreifend wirksam sind.

Ein Modell generalisierbarer Leistungsfaktoren ist u. a. das Münchner Hochbegabungsmodell. Dieses unterscheidet die vier Variablenbereiche Begabungsfaktoren (bspw. soziale Kompetenz), Leistungsbereiche (bspw. Sport, Technik), nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale (bspw. Leistungsmotivation) und Umweltmerkmale (bspw. Familienklima), die bei der Entwicklung und Förderung von Kindern eine Rolle spielen. Jedoch steht dieses auch in der Kritik, in der empirischen Überprüfung der Leistungsfaktoren ungenügend zu sein bzw. den Leistungsprozess nicht ausreichend zu integrieren.

Ein aktuelles, eher anwendungsorientiertes Modell ist das heuristische Faktorenmodell der Spitzenleistung. Als Ergebnis empirischer Studien, die sich mit generalisierbaren Leistungsfaktoren aus Sicht von Spitzenleistern aus dem Spitzensport und dem Management von Wirtschaftsunternehmen beschäftigen, stellt das Modell die folgenden Faktoren als entscheidend für die Entwicklung exzellenter Leistung dar: Das Modell legt den Fokus auf leistungsrelevante personenbezogene und soziale Faktoren mit deutlichem Bezug zur Beeinflussung durch Selbststeuerung. Dabei spielt der intrapersonelle Bereich bestehend aus persönlicher Kompetenz und Performanz, den motivationalen und volitionalen Bedingungen sowie dem Selbstmanagement eine übergeordnete Rolle. Flankierend werden interpersonelle Beziehungskonstellationen als weitere wichtige und gleichfalls steuerbare Komponenten dargestellt. Ebenfalls benannt werden basale psychophysische Voraussetzungen, gegebene Umfeldbedingungen sowie Faktoren wie Glück oder Zufall. Diese sind aber aufgrund ihrer reduzierten Beeinflussbarkeit kaum steuerbar.

Heuristisches Faktorenmodell der Spitzenleistung Leistungsfaktoren BeschreibungBeeinflussbar durch SelbststeuerungstechnikenIntrapersonellPersönliche Kompetenz und Performanz: Auswahl und gezielter Aufbau jener Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Spitzenleistungen ermöglichenTalentTalent und Begabung frühzeitig erkunden, fördern und langfristig erhalten. Talent allein reicht nicht aus.Fachliche HeimatPersönlicher Orientierungsprozess, Analyse potenzieller Handlungsfelder, Passung individueller Kompetenzen mit Anforderungen für Leistungsexzellenz im HandlungsfeldLernen, Üben, TrainierenLeistungsaufbau mit längerfristiger Perspektive; hohe Lernkompetenz ist Voraussetzung, permanentes und zielgenaues Arbeiten an sich selbst, Deliberate PracticeMotivationale und volitionale Bedingungen: Erkundung und Steuerung von Handlungsantrieb, Wille, Zielsetzungen, visionäre Gedanken, Einstellungen und EmpfindungenWille (Volition)Persistenz, Hartnäckigkeit, Zielorientierung, volitionale SelbststeuerungsprozesseMotivationMotive, Vision, Ziele, Sinn, Einstellungen, EmotionenSelbstmanagement: Prozesse der Selbstreflexion und Selbststeuerung als Antreiber persönlicher Entwicklung und LeistungssteigerungSelbstmanagementReflexion und Steuerung aller Leistungsfaktoren, Entwicklung internaler und externaler SelbstmanagementstrategienInterpersonellInterpersonelle BeziehungskonstellationenSoziales NetzSoziale Kontextbedingungen frühzeitig reflektieren und steuern: individuelles Kompetenzteam aufbauen, passenden Trainer/Coach auswählen, soziales Netzwerk für wichtige Kontakte nutzen, Rückhalt, Akzeptanz und eigene Wurzeln in der Herkunftsfamilie findenWenig beeinflussbarUmfeldbedingungen Materielle Faktoren (finanzielle Ausstattung) Äußere Faktoren (Marktgeschehen, Wettkampfgegebenheiten) Gesellschaftliche Faktoren (Medien, Gesetze, Kultur)basale psychophysische VoraussetzungenKörperliche Unversehrtheit, psychische Handlungsfähigkeitnicht absehbare FaktorenGlück, Zufall, Schicksal etc.

Geschichte

Die Leistungspsychologie hat ihre Wurzeln in dem feststellbaren Bestreben von Anbeginn der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Psychologie an, objektivierbare Tatsachen in qualitativer und quantitativer Hinsicht zu gewinnen, vgl. etwa die Entstehung ab ca. 1860 der Psychophysik von Gustav Theodor Fechner (1801–1887) und der Experimentellen Psychologie von Wilhelm Wundt (1832–1920). Sie nahm daher Abstand von einer rein subjektiven Symptombeschreibung im Falle gestörter Leistungen. In diesem Sinne ist auch die Entstehung des Funktionalismus zu erwähnen. Die Ansätze der Psychotechnik und der Angewandten Psychologie wurzeln aber auch in der Sozialen Frage, dem Industriezeitalter, der Expertiseforschung und der Sportpsychologie.

Die industrielle Psychotechnik entstand in den 1930er Jahren. Unter anderem Walther Moede wollte mit dieser Methode empirisch abgesicherte Begriffe und Modelle zu Arbeitsvermögen, Denk- und Gedächtnisleistungen des Menschen bei der Arbeit – zum Beispiel in Produktionsbetrieben – definieren. Dazu zerlegte er handwerkliche oder intellektuelle Arbeit in einzelne Schritte, um diese in Bezug auf die Leistung von Gruppen, dem Individuum sowie die individuelle Entwicklung einem Bewertungssystem zuordnen zu können. Dabei wurde versucht, allgemeingültige Gesetze zu erarbeiten, die sowohl auf alle Individuen anwendbar sind als auch individuumsspezifische Umsetzungen ermöglichen. Weitere Vertreter und Mitbegründer der Psychotechnik waren Karl Mierke, William Stern und Hugo Münsterberg.