Moderne bezeichnet historisch einen Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegenüber der Tradition, bedingt durch industrielle Revolution, Aufklärung und Säkularisierung. In der Philosophiegeschichte fällt der Beginn der Moderne mit dem Skeptizismus der Vordenker der Aufklärung (Montaigne, Descartes, Spinoza) zusammen. Die Moderne folgt als Teil der Neuzeit auf die Frühe Neuzeit und dauert je nach Definition bis in die Gegenwart an oder endete im zwanzigsten Jahrhundert.
Wortgeschichte Ein früher Nachweis des Wortes in seiner lateinischen Form modernus findet sich in einem Rundschreiben des Papstes Gelasius I. aus dem 5. Jahrhundert,Andreas Thiel: Epistolae Romanorum Pontificum genuinae et quae ad eos scriptae sunt a S. Hilaro usque ad Pelagium II. E. Peter, Braunsberg 1868, S. 389: „Quis enim aut leges principum aut patrum regulas aut admonitiones modernas dicat debere contemni, nisi qui impunitum sibi tantum aestimet transire commissum?“ in dem der Ausdruck für die Zeit steht, die der Schreiber selbst noch erlebt hat.Anne-Marie Bonnet: Kunst der Moderne, Kunst der Gegenwart: Herausforderung und Chance. Deubner Verlag für Kunst, Theorie und Praxis, Köln 2004, S. 10, ISBN 978-3-937111-05-6.
Bernhard von Chartres (genannt Sylvestris, † nach 1124) gebraucht das Wort in ähnlichem Sinn, doch allgemeiner für Zeitgenossenschaft, und beschreibt das Verhältnis von moderni zu antiqui hinsichtlich der Wissenschaften als eine Lage, die er um 1120 im Gleichnis der Zwerge auf den Schultern von Riesen darstellt:
Das lateinische Wort modernus (neu, neuzeitlich, gegenwärtig, heutig‘) stammt vom lateinischen Adverb modo (‚gerade, eben erst, jüngst‘). Später entlehnt aus dem Französischen (moderne und moderniser), erscheint es im Deutschen als Fremdwort seit 1727 in der Bedeutung von neu als Gegensatz zu alt, antik. Modernité wird als Substantiv erstmals 1849 von Chateaubriand verwendet (in einem abwertenden Sinne) und 1859 maßgeblich von Charles Baudelaire aufgegriffen. Im Deutschen verwendet Eugen Wolff den Ausdruck die Moderne erstmals 1886 auf „moderne Kunst“ bezogen.
„Die Moderne“ ist, seitdem der Begriff im Zuge des Naturalismus in Deutschland eingeführt wurde, der inhaltlich umrissenen Bedeutung nach immer vage gewesen. Zumeist wurde damit jede neu aufkommende Stilrichtung oder Kunstgattung bezeichnet.
Heute wird das Adjektiv modern umgangssprachlich häufig nicht in der oben genannten Bedeutung eines historischen Umbruchs verwendet, sondern abgewandelt synonym zu „modisch“, also im Sinne von „der Mode entsprechend“, daneben im Sinne von „zeitgenössisch“. Der Ausdruck Modernität wird häufig auch gleichbedeutend mit bloßer Fortschrittlichkeit oder Aktualität verwendet. Das als Ismen-Bildung zu sehende Wort Modernismus bezeichnet spezielle Phänomene verschiedener Themengebiete.
Begriff der Moderne Der Ausdruck Moderne wird in unterschiedlicher Bedeutung gebraucht. Er bezeichnet historisch den Begriff einer Epoche, daneben werden in Kunst, Musik, Film und Architektur bestimmte Stilrichtungen so benannt, und darüber hinaus steht Moderne für ein Konzept der Philosophie.
Moderne als Epoche In der Querelle des Anciens et des Modernes (1687) war „Moderne“ noch ein Gegenbegriff zu „Antike“. Erst im 19. Jahrhundert wurde es üblich, mit dem Wort Moderne die Gegenwart von der Vergangenheit allgemein abzugrenzen. In der Philosophie fällt die Moderne mit der Aufklärung zusammen. Der landläufigste Begriff für die Moderne bezeichnet die Folgezeit nach der industriellen Revolution mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen wie Urbanisierung, Arbeiterstand, Massenindustrie usw. In einem gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext wird diese Epoche als Gründerzeit bezeichnet, deutet also auf einschneidende Veränderungen um 1900 und in der (zunächst nicht näher abgegrenzten) Folgezeit. Mit dem landläufigen Moderne-Begriff ist etwa derselbe geschichtliche Zeitpunkt und dessen Folgezeit gemeint, aber in Bezug auf eine geistige Sphäre (Philosophie, Literatur, Künste). Moderne ist also eine Geistesepoche, zeitgleich und in gegenseitiger Bedingung mit der Gründerzeit.
Die Epoche der Moderne in diesem Sinne wird nach manchen – umstrittenen – Theorien etwa im mittleren bis späten 20. Jahrhundert durch eine Postmoderne abgelöst (in Abgrenzung zum Begriff Posthistoire), also in einer gewissen geistigen Gegenströmung, in der sich eine Skepsis gegen die modernen Konzepte ausdrückt (Gegenmoderne). Als stilkundlichen Begriff verwendet man dann den Ausdruck „Klassische Moderne“ für ein abgeschlossenes Zeitalter.
Weitere Ansätze wollen zudem zwischen einer „Ersten“ und einer Zweiten Moderne differenzieren. „Vorbereitende“ Entwicklungsstufen der Moderne, in denen man Ursachen vermutet, werden bisweilen als Protomoderne bezeichnet.
Über den landläufigen Begriff (s. o.) hinaus wird, je nach Kontext (Kultur/Gesellschaft, Politik, ethnologischer Raum, Kunst), der Beginn „der“ Moderne sehr verschieden angesetzt: Geistesgeschichtlich mit der Renaissance etwa ab dem 15. Jahrhundert, ökonomisch mit der Industrialisierung des mittleren 18. Jahrhunderts, politisch mit der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts (politische Moderne) und dem Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts, in der Literatur- und der Kunstgeschichte als ästhetische Moderne mit dem beginnenden, als Stil mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Nach Jürgen Osterhammel wurden „die intellektuellen Grundlagen der Moderne […] bereits während der Frühen Neuzeit in Europa gelegt, frühestens im Zeitalter Montaignes, spätestens in der Aufklärung.“Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 1282.
Moderne als philosophisches Konzept Der Moderne-Begriff kann zudem als ein offenes philosophisches Motto aufgefasst werden, wo es also weniger um konkrete Datierungen in dieser oder jener Hinsicht geht, sondern um die Frage danach, wie überhaupt das Wesen einer Moderne zu fassen und zu definieren sei und welche Erkenntnisse sich hieraus ableiten ließen.
Anfang der Moderne Der Begriff der Moderne geht tendenziell weit über einen Epochenbegriff – wie etwa den des Mittelalters – hinaus. Das historische Einsetzen der Moderne ist dabei stets eine Frage theoretischer Interessen und Grundlagen. Bezeichnend dafür ist eine schwer eindämmbare Rückdatierung. Das entspricht eher dem Phänomen „Ende der Antike“, das sich auch nur behelfsmäßig an Eckdaten festmachen lässt (so Erwin Panofsky).
Aus einer zunehmend kulturwissenschaftlichen – allerdings beschränkten, da eurozentristischen – Sicht verschiebt sich das Einsetzen der Moderne rückwärts. Die vorgeschlagenen Anfänge reichen dabei vom Zusammenbruch des Realsozialismus und einem „Ende der Geschichte“ über die Erschütterungen durch den Ersten Weltkrieg, die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts bis – wenn auch seltener – zum Beginn der Neuzeit mit dem Humanismus und der Reformation zurück. Meist jedoch wird der Beginn zwischen dem späten 18. und mittleren 19. Jahrhundertsiehe etwa Lothar Gall: Europa auf dem Weg in die Moderne 1850–1890. (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Band 14). Oldenbourg, München 1989, ISBN 3-486-49772-3. angesetzt – und damit mit der Zeit des Übergangs von einem feudalistischen zu einem bürgerlichen Gesellschaftsmodell datiert.
In einem gewissen Sinne steht die Moderne dabei, neben der Überwindung des Mittelalters, auch in einer Auseinandersetzung und Abgrenzung zur Neuzeit: Nach einer Wiedergeburt der Antike, nach der sich die Renaissance benennt, orientiert sich die Moderne nicht mehr an historischen Vorbildern. Diese große Wende im Denken vollzog sich erst gegen Ende der Aufklärung, spürbar wurde sie erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Der Umbruch prägte die auf einen ästhetischen Klassizismus folgende Stimmung im Sturm und Drang und in der Romantik. Schon Goethe bemerkte revolutionäre Änderungen in Politik und Kriegsführung, als er nach der Kanonade von Valmy der antirevolutionären Kampagne in Frankreich sagte:
In den Jahren der Gründerzeit gibt es aber trotz sozialer und wirtschaftlicher Auf- und Umbruchstimmung einen nochmaligen Rückgriff auf antike und mittelalterliche Konzepte (Historismus). Daher wird auch, in Unterscheidung zu einer politischen Moderne und ästhetischen Moderne,Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Hrsg. von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann, 13. Auflage. Frankfurt am Main 1970, 1995. die als Reaktion auf den Historismus folgende, heute schon klassische Moderne deutlich später angesiedelt.
Ende der Moderne Die Reflexion auf die Erschütterung traditioneller Werte bildet aber weitgehend den Kern aller Theorien zur Moderne. Ausnahmen bilden etwa Konzepte, nach denen Traditionswandel fester Bestand aller menschlichen Entwicklung sei, oder die die Entwicklung als solche nicht anerkennen. Charakteristisch für den Begriff der Moderne, insbesondere im Unterschied zur Postmoderne, ist zudem die Ersetzung der Tradition durch neue „Versprechen“, die einen geänderten, aber erneut gefestigten Wertekatalog oder Bezugsrahmen vorgeben. Dieser Standpunkt erklärt also den Moderne-Begriff zu einem unhaltbaren Konzept.
Zweite Moderne und Spätmoderne Der Soziologe Ulrich Beck hat den Begriff der Zweiten Moderne popularisiert. Bereits sein erstes Buch – Risikogesellschaft – trug den Untertitel Auf dem Weg in eine andere Moderne. Als theoretischen Begriff kennzeichnet Beck mit Zweiter Moderne den Ausbruch aus dem kategorialen Rahmen der Industriegesellschaft mit dem dazugehörigen national begrenzten Wohlfahrtsstaat durch eine Politik der Globalisierung und der Öffnung zur Weltgesellschaft.Ulrich Beck: Was ist Globalisierung. Edition Zweite Moderne, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
Ein weiterer Ansatz, den Begriff der Moderne kritisch zu reflektieren, ist es, ihn aus dem Kontext der europäischen Geschichte zu lösen. Andreas Heuer unterscheidet hierfür die Begriffe europäische Moderne und Welt-Moderne. Aus historischer Sicht, im Gegensatz zu einer systematischen soziologischen Betrachtungsweise, würde Ulrich Becks Begriff der Zweiten Moderne konkreter an die verschiedenen, zum Teil andauernden Veränderungsprozesse einer Welt-Moderne geknüpft, die nicht mehr einseitig aus der historischen Entstehung der europäischen Moderne zu verstehen sind. Die Veränderungen außerhalb Europas – in Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt und in Afrika – sind auch aus den jeweiligen besonderen historischen Entwicklungen zu verstehen. Dort entwickeln sich neben gleichen bzw. ähnlichen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur unterschiedliche Ausdrucksformen von Moderne. Hieraus entsteht die Forderung, sich diesen Entwicklungen anhand des Begriffs Welt-Moderne zu öffnen
Diese Entwicklungen zu einer Welt-Moderne vollziehen sich aber auch innerhalb der Gesellschaften. Nach Charles Taylor werden alle Gesellschaften in „zunehmendem Maße multikulturell und zugleich durchlässiger. Beide Entwicklungen vollziehen sich nebeneinander. Durchlässigkeit bedeutet, dass die Gesellschaften offener für multinationale Wanderungsbewegungen sind; immer mehr Menschen innerhalb dieser Gesellschaften führen ein Leben in der Diaspora, dessen Mitte woanders liegt.“Charles Taylor: Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt am Main 2009, S. 49. Welt-Moderne ist, anders als der Begriff Postmoderne, eine offenere Formulierung für Entwicklungen weltweit, die mit dem generellen Begriff der Moderne verbunden werden können. Damit wäre Moderne nicht, wie es in Europa gedeutet wird, ein Begriff, der zur Erfassung einer historischen Entwicklung in Europa dient, die bereits abgeschlossen ist.