mini|Auswahl historischer Urkunden aus der Selbstdarstellung der CAHJP mini|Gebäude der National Library of Israel, seit 2023 mit den CAHJP The Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) sind eine der wichtigsten Sammlungen von Quellen zur Geschichte des Judentums. Sie wurden 1939 in Jerusalem als Jewish Historical General Archives von aus Europa eingewanderten jüdischen Historikern und Archivaren wie Joseph Meisl und Ben-Zion Dinur gegründet. 1944 wurden sie der Historical Society of Israel angegliedert und 1947 für das Publikum geöffnet.
Wie das Gesamtarchiv der deutschen Juden hatten die CAHJP zunächst die Aufgabe, Archive jüdischer Gemeinden und Organisationen zu einem zentralen historischen Archiv zusammenzuführen. Die Beschränkung auf das deutsche Judentum entfiel jedoch, die General Archives sollten von Anfang an die Geschichte des gesamten Judentums dokumentieren.
Während des Holocaust sind zahlreiche jüdische Gemeinden in Europa untergegangen. Ihre Archive sind vernichtet oder an den verschiedensten Orten eingelagert worden. Sie konnten in seltenen Fällen vor der Beschlagnahmung durch die NS-Behörden bewahrt werden, sind nach dem Krieg von den Alliierten in deutschen Archiven sichergestellt worden, teilweise wurden sie als Raubgut in sowjetische Archive gebracht. Historisch wertvolle Archivalien sind aus dem Zusammenhang gerissen und mit anderen Beständen vermischt worden, andere tauchten auf dem Sammlermarkt für Judaica auf.
Dieses Archivmaterial zu sichern und nach Jerusalem zu überführen war die wichtigste Aufgabe der Jewish History General Archives, die 1969 als Central Archives for the History of the Jewish People eine staatliche Einrichtung wurden. Diese Aufgabe endete nicht mit der Öffnung sowjetischer Archive in den 1990er Jahren, darunter das Sonderarchiv Moskau. Bis heute werden ganze Archive und einzelne historische Dokumente den CAHJP übergeben.
Den Vorstand der CAHJP bilden Vertreter der Regierung des Staates Israel, der Historical Society of Israel, der Jewish Agency for Israel, der Israelischen Akademie der Wissenschaften, der Hebräischen Universität Jerusalem, der Universität Tel Aviv und der Bar-Ilan-Universität.
Zu den Beständen des Archivs gehören hunderte jüdische Gemeindearchive, Archive lokaler, nationaler und internationaler jüdischer Organisationen und mehr als 300 Familienarchive und private Sammlungen. Die CAHJP besitzen die weltweit umfangreichste Sammlung historischer Dokumente, Pinkassim, Memorbücher und weiterer Archivalien zur jüdischen Geschichte vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Material ist in etwa 70 Sprachen verfasst und stammt aus 60 Ländern in Europa, Nord- und Südamerika, dem Nahen Osten, Nordafrika und Südasien.
Der Gesamtbestand umfasste 2022 auf 6.000 Regalmetern Dokumente mit insgesamt mehr als 60 Millionen Seiten, 18 Millionen Microfiches, 15.000 Fotografien von Personen des Judentums und Motiven wie Synagogen und jüdischen Friedhöfen bis zur Dokumentation einzelner Mazevot und ihrer Inschriften sowie 8.000 Drucksachen wie Satzungen, Flugblätter, Handzettel und Plakate. hinzu kamen 2.000 Repertorien von Archivalien anderer Archive, 1,2 Millionen Zeitungsausschnitte und 15.000 Bücher und Zeitschriften über die jüdische Geschichte.
Viele der Archivalien sind als Folge unsachgemäßer Lagerung über viele Jahre und aufgrund anderer Umstände stark beschädigt. Ihre Restaurierung ist eine Aufgabe der CAHJP, die hohe Kosten verursacht.
Primär dienen die CAHJP als wissenschaftliches Archiv der Erforschung der jüdischen Geschichte. Einen breiten und zunehmenden Raum nimmt die Familienforschung ein. Insbesondere aus den Vereinigten Staaten erreichen die CAHJP zahlreiche private Anfragen.
Im Januar 2013 vereinbarten die Israelische Nationalbibliothek und die Central Archives for the History of the Jewish People ihren Zusammenschluss. Den CAHJP werden damit die Einrichtungen und Ressourcen der Nationalbibliothek verfügbar gemacht. So sollen ein besserer Zugang zu weiteren Archiven mit Material zum Judentum erreicht, und die umfangreichen Bestände der CAHJP einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Geschichte des jüdischen Archivwesens Bis ins 20. Jahrhundert Die jüdische historische Forschung war über Jahrhunderte hinweg von der Betrachtung der talmudischen Geschichte und den Ereignissen bis zur Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels dominiert. Erst mit dem Beginn der jüdischen Emanzipation im 18. Jahrhundert kam ein Bewusstsein für die neuere Geschichte der Juden auf.
In der Diaspora konzentrierte sich die Forschung zunächst auf die Geschichte jüdischen Lebens in den jeweiligen Heimatorten oder -ländern. Vorrangige Themen waren die Geschichte der Judenverfolgungen und der jüdischen Emanzipation. Judenpogrome, falsche Anschuldigungen von Ritualmorden oder Brunnenvergiftungen und Judenprivilegien, sowie die Stellung der Juden als mit zunehmend mehr Rechten ausgestatteten und schließlich gleichberechtigten Bürgern in der sie umgebenden Gesellschaft.
Die Arbeit von jüdischen Historikern, die an der Geschichte über die Interaktion der Juden mit ihrer Umgebung hinaus interessiert waren, wurde durch eine Reihe von Faktoren behindert. Es gab infolge der Judenverfolgungen in Mittelalter und Früher Neuzeit oft keine durchgehende oder überhaupt in Dokumente gefasste historische Überlieferung. Nur wenige jüdische Gemeinden besaßen eine Jahrhunderte zurückreichende Geschichtsschreibung. Selbst große jüdische Gemeinden begannen erst spät mit dem Aufbau von Archiven für profane Dokumente, so die Israelitische Kultusgemeinde Wien 1841 und die Jüdische Gemeinde Worms 1871. Kleinere Gemeinden folgten erst um die Wende zum 20. Jahrhundert. Demgegenüber stand eine reichhaltige Überlieferung bedeutender sakraler Objekte wie Torarollen, Machsorim und Haggadot und historischer Urkunden wie mittelalterlicher Judenprivilegen.
Archivalien waren aus Desinteresse staatlicher Stellen und sogar jüdischer Gemeinden vernichtet oder dem Verfall preisgegeben worden. Viele Dokumente, Bibliotheksbestände und Judaica, denen ein kultureller oder materieller Wert zugemessen werden konnte, wanderten schon vor der Judenverfolgung im Nationalsozialismus in Bibliotheken und Sammlungen in der ganzen Welt. Das verbliebene Material befand sich verteilt in jüdischen Gemeindearchiven und anderen isolierten Beständen.
Die Hinwendung zu einem Verständnis der jüdischen Geschichte als Nationalgeschichte des jüdischen Volkes begann im späten 19. Jahrhundert mit dem Beginn der zionistischen Bewegung. Schnell zeigte sich auch vor allem in Deutschland, dass es an der für die Geschichtswissenschaft unerlässlichen Verfügbarkeit historischer Quellen mangelte. Ein organisiertes Archivwesen auf nationaler Ebene, das Material zur Geschichte der Juden in Deutschland hätte bewahren und ordnen können, gab es nicht.
Erst im 20. Jahrhundert wurden Archive aufgebaut, die Material zur jüdischen Geschichte zusammenführen sollten. Das waren 1905 in Deutschland das Gesamtarchiv der deutschen Juden, 1925 in Lettland der Jiddischer Wissenschaftlecher Institut (YIVO), und 1947 in den Vereinigten Staaten auf Initiative von Jacob Rader Marcus die American Jewish Archives. In Paris waren die Archive der Alliance Israélite Universelle von Bedeutung. Diese Archive hatten ihren besonderen Fokus: das Gesamtarchiv die Geschichte der Juden in Deutschland, der YIVO die Geschichte der osteuropäischen Juden, die American Jewish Archives die Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten, und die Archive der Selbsthilfeorganisation Alliance Israélite Universelle die Bürgerrechte der Juden in der ganzen Welt.
Gesamtarchiv der deutschen Juden
Das Gesamtarchiv der deutschen Juden wurde 1905 mit Unterstützung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds und des deutschen Dachverbands Unabhängiger Orden Bne Briss gegründet. Erster Direktor war Eugen Täubler, der von 1906 bis 1918 dieses Amt bekleidete.
Zum Sitz des Gesamtarchivs wurde die Reichshauptstadt Berlin als Zentrum des politischen Lebens im Deutschen Kaiserreich bestimmt, obgleich sich auch die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main darum bemüht hatte. Der Leitung des Gesamtarchivs war es ein Anliegen, das deutsche Judentum als festen Bestandteil des deutschen Nationalstaats im Sinne Kleindeutschlands darzustellen. Hinzu kam, dass Berlin um die Jahrhundertwende einen besonders großen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung erlebte. Etliche Gemeinden beteiligten sich nicht, da sie um ihre Autonomie fürchteten.
1907 besaß das Gesamtarchiv die Bestände von 88 jüdischen Gemeinden, 1910 waren es etwa 250 Gemeindearchive. In diesem Jahr entschied der Direktor des Preußischen Geheimen Staatsarchivs, Reinhold Koser, die im Staatsarchiv vorhandenen Material mit Bezug zum Judentum an das Gesamtarchiv zu übergeben.
Der Erste Weltkrieg unterbrach die Tätigkeit des Gesamtarchivs, während der Weimarer Republik bedrohten Geldnot und geringe Besucherzahlen immer wieder den Fortbestand. Im Nationalsozialismus bestand das Gesamtarchiv der deutschen Juden zunächst weiter, musste aber den Namen Gesamtarchiv der Juden in Deutschland annehmen. Wegen der judenfeindlichen Gesetze waren viele Juden und Nichtjuden zur Feststellung oder Widerlegung ihrer jüdischen Familienzusammenhänge motiviert oder gezwungen. Die Besucherzahlen des Gesamtarchivs stiegen enorm an, auf 50 bis 100 Personen täglich in 1937 und 1938.
Es folgte die Nutzung der jüdischen Archive, auch des Gesamtarchivs, durch den NS-Apparat. Noch in der Nacht der Novemberpogrome 1938 beschlagnahmte die Gestapo jüdische Archive im ganzen Reich. Auch das Gesamtarchiv war betroffen. Es wurde 1939 der Reichsstelle für Sippenforschung eingegliedert, der Leiter Jacob Jacobson musste für die Reichsstelle arbeiten. Im Mai 1943 wurde das Gesamtarchiv komplett vom Geheimen Staatsarchiv übernommen.
In der Zeit von 1905 bis 1940 wurden im Gesamtarchiv Unterlagen aus mehr als 500 Gemeinden und anderer jüdischer Körperschaften zusammengeführt, darunter die Archive von mehr als 400 Gemeinden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände des Gesamtarchivs auf mehrere Orte verteilt wiedergefunden. Sie befanden sich im Geheimen Staatsarchiv in Potsdam und einer Sammelstelle für geraubtes Kulturgut in Schönebeck an der Elbe, in der sowjetischen Besatzungszone. Ein kleiner Teil des Archivbestands ist als Raubgut in das Sonderarchiv Moskau gebracht worden.
In den 1950er Jahren kamen die Akten aus Schönebeck zurück zur jüdischen Gemeinde Berlin, von dort gingen historisch wertvolle Teile an die Jewish Historical General Archives in Jerusalem. Der Rest wurde bis 1988 für die Forschung unzugänglich im Deutschen Zentralarchiv in Potsdam aufbewahrt. Seit 1996 befinden sie sich im Centrum Judaicum der Jüdischen Gemeinde Berlin, wo sie geordnet, auf Film gesichert und katalogisiert wurden.
An die Konzeption des Gesamtarchivs der deutschen Juden knüpft das 1987 gegründete Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland an. Es wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen und vom Bundesministerium des Innern und für Heimat finanziert.
Zionistisches Zentralarchiv Das Zionistische Zentralarchiv (heute The Central Zionist Archives) wurde 1919 in Berlin von Georg Herlitz gegründet. Herlitz war bis zum Ersten Weltkrieg Archivar im Gesamtarchiv der deutschen Juden. Die Zielsetzung bestand in der umfassenden Dokumentation aller Aktivitäten der Zionistischen Bewegung. Zu Beginn wurden die Archive der Kölner und Wiener Büros der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) übernommen, dann die des Jüdischen Nationalfonds und der Zionistischen Organisation. Daneben sammelte das Zentralarchiv eigenständig Bücher, Zeitschriften und Fotografien zur Geschichte der zionistischen Bewegung.