350px|Vicentino Der italienische Komponist und Musiktheoretiker Nicola Vicentino, der bei Adrian Willaert in Venedig studiert hatte, veröffentlicht 1555 in Rom sein Hauptwerk L’ antica musica ridotta alle moderna prattica. Vicento ist ein Vertreter der musikalischen Renaissance und versucht eine Wiederbelebung des chromatischen und enharmonischen Tongeschlechts der Antike. Dieser Artikel behandelt das Musikjahr 1555.

Ereignisse Heiliges Römisches Reich Hofkapelle von Kaiser Karl V. / Philipp II. Thomas Crécquillon, der „maistre de la chapelle“ am Hof von Kaiser Karl V. war, scheint spätestens 1555 in den Ruhestand getreten zu sein, weil er in diesem Jahr als ehemaliger kaiserlicher Sänger bezeichnet wird; ab diesem Jahr hat er auch ein Kanonikat in Béthune inne. Nicolas Payen, der seit 1540 in der Hofkapelle von Kaiser Karl V. als clerc d’oratoire und chapelain des hautes messes gewirkt hat, tritt nach der Abdankung Karls V. im Oktober 1555 als Hofkapellmeister in die Dienste von dessen Sohn und Nachfolger Philipp II.

Hofkapelle der Regentin Maria von Ungarn Benedictus Appenzeller, der seit 1536 Sänger am habsburgischen Hof der Regentin Maria von Ungarn in Brüssel und seit 1537 Leiter der Chorknaben (maître des enfants) war, bleibt – vermutlich aus Altersgründen – in Brüssel, als Maria von Ungarn nach der Abdankung von Kaiser Karl V. ihre Regentschaft in Brüssel aufgibt und ihren Wohnsitz mitsamt Hofstaat und Bibliothek nach Valladolid in Spanien verlegt. Appenzeller übt in Brüssel vom 28. Dezember 1555 bis Ende 1558 das Amt des Singmeisters an der Kirche Sainte-Gudule aus.

Hochstift Lüttich Ludovicus Episcopius wirkt seit 19. Oktober 1545 als zangmeester an der Kollegiatkirche St. Servatius in Maastricht. Er bekommt mehrere Benefizien und wird Mitglied der Bruderschaft der Kapläne als einer der scriptores chori. Diese Stellung behält er bis ins Jahr 1566. Johannes de Fossa hat wahrscheinlich in den 1540er bis 1550er Jahren in Lüttich seine Ausbildung. Jean De Latre ist seit November 1544 in der Nachfolge von Adam Lauri succentor an der Kirche St. Martin in Lüttich. Er leitet die Kapelle der Kirche fast 20 Jahre lang mit Geschick und Erfolg. Ebenfalls seit 1544 wirkt De Latre als Kapellmeister des Lütticher Fürstbischofs Georg von Österreich, einem humanistisch gesinnten Musikfreund. Hier hat er den Nutzen wichtiger Kontakte zu anderen Künstlern wie Lambert Lombard (1506–1566) und Franciscus Florius (1516–1570) und zu weiteren wichtigen Personen im Umkreis des Bischofs.

Grafschaft Holland Cornelis Boskoop ist seit dem 1. Mai 1554 und bis März 1573 Organist an der Oude Kerk in Delft.

Grafschaft Flandern Jacobus Clemens non Papa, der von 1. Oktober bis zum 24. Dezember 1550 als Sänger und Komponist im Dienst der Marienbruderschaft in ’s-Hertogenbosch stand, hält sich – worauf wenige Hinweise deuten – danach in Ypern auf. Obwohl Clemens in der Schrift Practica musica von Hermann Finck (1556) als lebender Komponist aufgeführt wird, enthält eine Handschrift, die 1564/66 in Antwerpen kopiert wurde, seine Motette Hic est vere martyr mit der Anmerkung „Ultimum opus Clementis non Papae anno 1555, 21 Aprilis“, was auf den Tod des Meisters, kaum 40 Jahre alt, im Jahr 1555 oder 1556 hindeutet. Christian Hollander ist als „Christiaen Janszone, gheseyed de Hollandere“ seit dem 1. Juni 1549 Singmeister an der Kirche St. Walburga in Oudenaarde. Diese Stellung hat er bis 1557 inne.

Markgrafschaft Antwerpen Antoine Barbé hat – nach den Akten der Kathedrale von Antwerpen – von 1527 bis 1562 die Stelle des Kapellmeisters inne. Séverin Cornet lebt von 1555 bis 1564 in Antwerpen, wo er eine Stelle als Sänger innehat. In dieser Zeit heiratet er Jeanne Barbé, die Tochter des Komponisten Antoine Barbé. Orlando di Lasso, der im Juni 1554 seine Stellung bei der römischen Lateranbasilika gekündigt und verlassen hatte, wegen der Erkrankung seiner Eltern zurück in die Niederlande gereist war und nach dem Tod seiner Eltern mit einem Freund aus Neapel eine Reise nach England unternommen hat, kehrt danach wieder in seine Heimat zurück und lässt sich für zwei Jahre in Antwerpen nieder. Seine als „Opus 1“ bekannte Sammlung von Madrigalen, Villanellen, Chansons und Motetten erscheint 1555 bei Tielman Susato in zwei Fassungen: einmal als 14. und letzter Teil einer Chansonreihe (seit 1543) und kurz darauf auch mit italienischem Titel und einer Widmung an Stefano Gentile, einem prominenten Genuesen in Antwerpen. Zwischen 1555 und 1594 wird durchschnittlich jeden Monat eine Ausgabe von Orlandos Werken herauskommen, und zwar als Individualdruck oder Sammlung (Anthologie), seien es Nachdrucke oder neue Werke, eine Zahl, mit der er alle Musikerkollegen übertrifft. Die Musikherausgeber in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden wetteifern geradezu in der Vermarktung neuer oder bereits erschienener Werke des Komponisten. Tielman Susato, der 1543 in Antwerpen ein dreijähriges Druckerprivileg erhalten hat, bringt in den Jahren zwischen 1543 und 1561 drei Bände mit Messkompositionen heraus, 19 Motetten- und 22 Chansonbücher, darüber hinaus eine Serie mit elf Bänden Musyck Boexken. Seine Publikationen sind in der Mehrheit Sammelbände mit Werken mehrerer Komponisten. Seit 1531 ist Susato außerdem Mitglied der Antwerpener Stadtmusikanten; er spielt die Instrumente Flöte, Blockflöte, Krummhorn, Feldtrompete und Posaune und hat vielleicht auch die abendlichen Andachten der Bruderschaft begleitet. 1555 veröffentlicht Susato die Sammlung Le Quatoiriesme Livre des chansons, die 29 Kompositionen von Orlando di Lasso enthält, eine wichtige frühe Quelle dieses Komponisten. Gérard de Turnhout ist seit dem Jahr 1545 Chorsänger an der Liebfrauenkirche in Antwerpen. Hubert Waelrant mietet sich von 1553 bis 1556 im Haus des Spielmanns Gregorius de Coninck in Antwerpen ein. Teil des Mietvertrages ist, dass Waelrant den Knaben, die bei dem Mietherrn eine Lehre absolviert haben, kostenlosen Gesangsunterricht erteilt. In den Jahren 1554 bis 1558 arbeitet er mit dem Drucker Jan De Laet zusammen (Waelrant & Laet) und wirkt hier als Verleger und Verkäufer; in dieser Zeit bringen beide sechzehn schön gestaltete Musikdrucke heraus.

Cambrai Im Jahr 1548 und später mehrfach bis 1556 erscheint ein Philippe de Monte als petit vicaire an der Kathedrale von Cambrai; ob es sich dabei um den Komponisten handelt, ist nicht ganz sicher. Als König Philipp II. von Spanien 1554/55 anlässlich seiner Vermählung mit Maria Tudor nach England reist, befindet sich Philippe de Monte in seinem Gefolge. Er hat dort William Byrd kennengelernt, hat aber danach die Hofkapelle des Königs offenbar bald wieder verlassen.

Tournai Nicolas Gombert ist Kanoniker in Tournai, wo er seit 1534 eine kirchliche Sinekure innehat. Sein Name erscheint nicht in der Liste der Geistlichen, die in Tournai Messen gelesen haben, und er übt wohl keine priesterlichen Funktionen mehr aus. Hier dürfte er auch Pierre de Manchicourt kennen gelernt haben. Pierre de Manchicourt ist seit 1545 Kapellmeister und Lehrer der Chorknaben und seit 1554 Gesangslehrer an der Kathedrale von Tournai.

Hamburg Jacob Praetorius der Ältere, der wahrscheinlich in seiner Heimatstadt Magdeburg Unterricht von Martin Agricola erhielt, ist von 1555 bis zu seinem Tod als Organist und Kirchenkomponist an zwei Kirchen in Hamburg nachweisbar.

Vereinigte Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg Martin Peudargent ist Hofkomponist in den Diensten von Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg. 1555 veröffentlicht er eine Motettensammlung. Diese gilt als erster Düsseldorfer Musikdruck.

Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel Johann Zanger der Ältere, der seit 1548 in Braunschweig als Rektor am Katharineum tätig war, ist seit 1553 Pfarrer an der Petrikirche.

Kurfürstentum Sachsen Wolfgang Figulus, der von 1549 bis 1551 als Thomaskantor der Thomasschule in Leipzig gewirkt hat, ist von 1551 bis zu seiner Pensionierung 1588 Kantor und Lehrer an der Fürstenschule in Meißen. Er unterrichtet die Fächer Musik, Latein und Religion und sorgt für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Afrakirche. 1555 veröffentlicht er in Leipzig seine musiktheoretische Schrift Elementa musicae brevissima. Hermann Finck, der 1545 Student an der Universität Wittenberg war, unterrichtet hier ab dem Jahr 1554 Gesang und Instrumentalmusik. 1555 veröffentlicht er im Verlag der Erben von Georg Rhau einen Hochzeitsgesang mit fünf Stimmen und einen Grabgesang mit vier Stimmen. Er beeinflusst damit maßgeblich Melanchthons Musiktheorie. Mattheus Le Maistre, der wahrscheinlich vor 1554 am bayerischen Hof in München gewirkt hat, ist seit 1554 sächsischer Hofkapellmeister als Nachfolger von Johann Walter; ab dieser Zeit sind seine Kompositionen fast ausschließlich gedruckt überliefert. Die Hofkapelle umfasst seinerzeit 40 Musiker. Hier übernimmt er auch die Traditionen von Johann Walter und Georg Rhau, vertont Teile von Luthers Kleinem Katechismus und komponiert Choralmotetten zu Luther-Liedern. Nikolaus Selnecker, der unter dem Einfluss von Philipp Melanchthon am 31. Juli 1554 den akademischen Grad eines Magisters der Freien Künste erlangt hat, wird am 1. Mai 1555 als Mitglied der philosophischen Fakultät aufgenommen. Antonio Scandello, der 1549 mit fünf weiteren „welschen Musikern“ von Kurfürst Moritz von Sachsen bei einer Italienreise eingestellt wurde, ist Mitglied der Dresdner Hofkapelle. Johann Walter, der seit 1548 Kapellmeister der Hofkantorei von Kurfürst Moritz war, lebt nach seiner Pensionierung 1554 in Torgau. Walters letzte Lebensjahre sind geprägt von Kompositionen und Dichtungen, die er seinen ehemaligen Landesherren widmet.

Erzstift Magdeburg Martin Agricola ist Kantor in Magdeburg.

Herzogtum Bayern Ludwig Daser ist seit 1552 Kapellmeister der Münchner Hofkantorei.

Reichsstadt Nürnberg Georg Forster lebt seit 1548 in Nürnberg, wo er zum Leibarzt von Abt Friedrich zu Hailsbronn ernannt wurde. In Nürnberg bleibt er 20 Jahre bis zu seinem Tod.

Kurpfalz Jobst von Brandt ist seit 1548 Hauptmann in Waldsassen (Oberpfalz) und Verwalter des dortigen Klosters sowie Pfleger von Liebenstein bei Tirschenreuth. Sebastian Ochsenkun ist seit 1544 Lautenmeister am kurpfälzischen Hof in Heidelberg.

Freiburg im Breisgau Glarean ist seit 1529 Professor der Poetik in Freiburg im Breisgau. Dort lehrt er bis zu seiner Emeritierung 1560 Poetik, Geschichte und Geografie.

Herzogtum Württemberg Sigmund Hemmel, der seit 1552 Kapellmeister der Hofkapelle von Herzog Ulrich von Württemberg in Stuttgart war, gibt diese Stellung 1554/55 auf. Nachfolger als Kapellmeister wird der Bassist Philip Weber.

Herzogtum Mecklenburg Adrianus Petit Coclico, der seit Ende 1550 in Nürnberg gelebt hat, verlässt im Jahr 1555 Nürnberg und geht nach Schwerin an den Hof von Herzog Johann Albrecht I. von Mecklenburg, wo er für ein Jahr bleibt.

Erzherzogtum Österreich Jakob Buus ist seit Spätherbst 1550 Mitglied der kaiserlichen Hofkapelle und Organist in Wien. Ab 1553 erhält er dort, laut Eintragungen in den Listen der Hofkapelle, monatlich 20 Gulden, ab 1554 25 Gulden. Als Kapellmeister wirkt hier um diese Zeit Pieter Maessins, als weiterer Organist Christoph Kräll. In seiner Wiener Zeit sind nur drei Motetten entstanden, die von 1553 bis 1556 bei den Nürnberger Verlegern Montanus und Neuber erscheinen. Johannes de Cleve ist, worauf Belege hindeuten, ab dem Jahr 1553 Sänger (Tenorist) in der Hofkapelle des österreichischen Regenten Erzherzog Ferdinand (1503–1564) in Wien. Jacobus Vaet, der Ende 1551 oder Anfang 1552 die Dienste von Kaiser Karl V. verlassen hat und an die Hofkapelle von Erzherzog Maximilian in Wien gegangen ist, ist hier seit dem 1. Januar 1554 Kapellmeister.

Königreich Böhmen