350px|Orgel Jakobikirche Rotenburg, 2017 Auf der Chorempore im Osten der Jakobikirche von Rotenburg an der Fulda wird 1556 die Orgel fertig gestellt. Es ist eine Orgel mit 15 Stimmen, die im Dreißigjährigen Krieg stark beschädigt wird. Daher wird sie im Jahr 1682 von Jost Friedrich Schäffer aus Langensalza neu errichtet. Im Jahre 1962 wird die Orgel durch Dieter Noeske auf 25 Register erweitert. Das Schleifladen-Instrument hat heute 32 Register auf drei Manualwerken und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch. Dieser Artikel behandelt das Musikjahr 1556.
Ereignisse Heiliges Römisches Reich Hofkapelle von Kaiser Karl V. Nicolas Payen, der seit 1540 in der Hofkapelle von Kaiser Karl V. als clerc d’oratoire und chapelain des hautes messes gewirkt hat, tritt nach der Abdankung Karls V. im Oktober 1555 als Hofkapellmeister in die Dienste von dessen Sohn und Nachfolger Philipp II.
Bayerischer Reichskreis
Herzogtum Bayern Ludwig Daser ist seit 1552 Kapellmeister der Münchner Hofkantorei. Franciscus Florius ist – wie die musikhistorische Forschung annimmt – zusammen mit Orlando di Lasso im Herbst 1556 nach München gekommen, wo er an der Hofkapelle von Herzog Albrecht V. eine Anstellung als Sänger erhält, und zwar als Hofbassist. Seine Besoldung ist höher als die des damaligen Kapellmeisters Ludwig Daser. Orlando di Lasso, der für zwei Jahre in Antwerpen gelebt und sich erfolglos um eine Anstellung in Italien oder Spanien bemüht hatte, veröffentlicht 1556 beim Verlag Johann Laet sein „Antwerpener Motettenbuch“, das Antoine Perrenot de Granvelle gewidmet ist, einem einflussreichen Politiker und Minister Karls V. und Philipps II. Auf die Vermittlung von Granvelle und des in Antwerpen Handel treibenden Johann Jakob Fugger erhält Orlando di Lasso im September 1556 eine Anstellung als Tenorsänger am Hof Herzogs Albrecht V. in München. Dort bezieht er ein außerordentlich hohes Salär, was darauf hindeutet, dass er von Anfang an zeitweise neben Ludwig Daser auch als Kapellmeister tätig ist. Ivo de Vento kommt im Zuge der Anwerbung junger Sänger aus den Spanischen Niederlanden, vielleicht durch Orlando di Lasso, im September 1556 oder etwas später an den herzoglich-bayerischen Hof von Albrecht V. nach München. Er wirkt zunächst bis September 1559 als Sängerknabe unter dem Hofkapellmeister Ludwig Daser.
Burgundischer Reichskreis Markgrafschaft Antwerpen Antoine Barbé hat – nach den Akten der Kathedrale von Antwerpen – von 1527 bis 1562 die Stelle des Kapellmeisters inne. Séverin Cornet lebt von 1555 bis 1564 in Antwerpen, wo er als Sänger tätig ist. In dieser Zeit heiratet er Jeanne Barbé, die Tochter des Komponisten Antoine Barbé. Tielman Susato, der 1543 in Antwerpen ein dreijähriges Druckerprivileg erhalten hat, bringt in den Jahren zwischen 1543 und 1561 drei Bände mit Messkompositionen heraus, 19 Motetten- und 22 Chansonbücher, darüber hinaus eine Serie mit elf Bänden Musyck Boexken. Seine Publikationen sind in der Mehrheit Sammelbände mit Werken mehrerer Komponisten. Seit 1531 ist Susato außerdem Mitglied der Antwerpener Stadtmusikanten; er spielt die Instrumente Flöte, Blockflöte, Krummhorn, Feldtrompete und Posaune und hat vielleicht auch die abendlichen Andachten der Bruderschaft begleitet. Gérard de Turnhout ist seit dem Jahr 1545 Chorsänger an der Liebfrauenkirche in Antwerpen. Hubert Waelrant mietet sich von 1553 bis 1556 im Haus des Spielmanns Gregorius de Coninck in Antwerpen ein. Teil des Mietvertrages ist, dass Waelrant den Knaben, die bei dem Mietherrn eine Lehre absolviert haben, kostenlosen Gesangsunterricht erteilt. In den Jahren 1554 bis 1558 arbeitet er mit dem Drucker Jan De Laet zusammen (Waelrant & Laet) und wirkt hier als Verleger und Verkäufer; in dieser Zeit bringen beide sechzehn schön gestaltete Musikdrucke heraus.
Herzogtum Brabant Benedictus Appenzeller, der seit 1536 Sänger am habsburgischen Hof der Regentin Maria von Ungarn in Brüssel und seit 1537 Leiter der Chorknaben (maître des enfants) war, bleibt – vermutlich aus Altersgründen – in Brüssel, als Maria von Ungarn nach der Abdankung von Kaiser Karl V. ihre Regentschaft in Brüssel aufgibt und ihren Wohnsitz mitsamt Hofstaat und Bibliothek nach Valladolid in Spanien verlegt. Appenzeller übt in Brüssel vom 28. Dezember 1555 bis Ende 1558 das Amt des Singmeisters an der Kirche Sainte-Gudule aus.
Grafschaft Flandern Cornelius Canis, der seit Juni 1542 Nachfolger von Thomas Crécquillon als Hofkapellmeister der Grande Chapelle von Karl I. in Madrid war, diese Stelle 1555 aufgegeben und Madrid im Herbst 1555 unter Mitnahme großzügiger Vergünstigungen und völliger Reisefreiheit verlassen hat, lebt in Gent. Thomas Crécquillon, der „maistre de la chapelle“ am Hof von Kaiser Karl V. war, lebt spätestens seit 1555 im Ruhestand, hat Pfründen in Dendermonde, Namur und Béthune und seit 1555 auch ein Kanonikat in Béthune. Christian Hollander ist als „Christiaen Janszone, gheseyed de Hollandere“ seit dem 1. Juni 1549 Singmeister an der Kirche St. Walburga in Oudenaarde. Diese Stellung hat er bis 1557 inne. Pierre de Manchicourt, der seit 1554 Gesangslehrer an der Kathedrale von Tournai war, ist 1556 wieder in Arras tätig, und zwar als „Chorherr“.
Grafschaft Holland Cornelis Boskoop ist seit dem 1. Mai 1554 und bis März 1573 Organist an der Oude Kerk in Delft.
Tournai Nicolas Gombert ist Kanoniker in Tournai, wo er seit 1534 eine kirchliche Sinekure innehat. Sein Name erscheint nicht in der Liste der Geistlichen, die in Tournai Messen gelesen haben, und er übt wohl keine priesterlichen Funktionen mehr aus. Hier dürfte er auch Pierre de Manchicourt kennen gelernt haben. Der Musiktheoretiker Hermann Finck befasst sich in seinem Buch Practica musica aus dem Jahre 1556 mit Gomberts Biografie und zählt ihn zu den noch lebenden Komponisten.
Fränkischer Reichskreis Reichsstadt Nürnberg mini|Nachdruck der Frische Teutsche Liedlein von Georg Forster aus dem Jahre 1903 Georg Forster lebt seit 1548 in Nürnberg, wo er zum Leibarzt von Abt Friedrich zu Hailsbronn ernannt wurde. In Nürnberg bleibt er 20 Jahre bis zu seinem Tod. 1556 veröffentlicht er in Nürnberg die weltlichen Sammlungen „Der vierdt Theyl schöner frölicher frischer alter und newer teutscher Liedlein“ mit 40 Liedern zu vier Stimmen und „Der fünffte Theil schöner frölicher alter und newer teutscher Liedlein“ mit 52 Liedern zu fünf Stimmen. Hans Neusidler heiratet – fünf Monate nach dem Tod seiner ersten Frau – am 4. Mai 1556 Walpurg Wittig.
Kurrheinischer Reichskreis Kurpfalz Jobst von Brandt ist seit 1548 Hauptmann in Waldsassen (Oberpfalz) und Verwalter des dortigen Klosters sowie Pfleger von Liebenstein bei Tirschenreuth. Mehr als 60 seiner Lieder werden in Georg Forsters Frischen teutschen Liedlein veröffentlicht. Sebastian Ochsenkun ist seit 1544 Lautenmeister am kurpfälzischen Hof in Heidelberg. 1556, zum Regierungsantritt des Pfalzgrafen Ottheinrich zu Pfalz-Neuburg, bringt er die Lieder- und Motettensammlung Tabulaturbuch auff die Lauten heraus (deutsche Lautentabulatur), die 1558 in Heidelberg verlegt wird und neben eigenen Werken auch Bearbeitungen fremder Kompositionen enthält. Stephan Zirler, der kurfürstlicher Hofbeamter am Hof von Kurfürst Friedrich III. ist, wird in den Unterlagen des Hofs ab 1556 als Hofrat geführt.
Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis Hochstift Cambrai Im Jahr 1548 und später mehrfach bis 1556 erscheint ein Philippe de Monte als petit vicaire an der Kathedrale von Cambrai; ob es sich dabei um den Komponisten handelt, ist nicht ganz sicher. Ab 1556 erscheinen viele seiner Madrigale in Sammeldrucken in Italien.
Hochstift Lüttich Ludovicus Episcopius wirkt seit 19. Oktober 1545 als zangmeester an der Kollegiatkirche St. Servatius in Maastricht. Er bekommt mehrere Benefizien und wird Mitglied der Bruderschaft der Kapläne als einer der scriptores chori. Diese Stellung behält er bis ins Jahr 1566. Johannes de Fossa hat wahrscheinlich in den 1540er bis 1550er Jahren in Lüttich seine Ausbildung. Jean De Latre ist seit November 1544 in der Nachfolge von Adam Lauri succentor an der Kirche St. Martin in Lüttich. Er leitet die Kapelle der Kirche fast 20 Jahre lang mit Geschick und Erfolg. Ebenfalls seit 1544 wirkt De Latre als Kapellmeister des Lütticher Fürstbischofs Georg von Österreich, einem humanistisch gesinnten Musikfreund. Hier hat er den Nutzen wichtiger Kontakte zu anderen Künstlern wie Lambert Lombard (1506–1566) und Franciscus Florius (1516–1570) und zu weiteren wichtigen Personen im Umkreis des Bischofs.
Vereinigte Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg Martin Peudargent ist Hofkomponist in den Diensten von Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg.
Niedersächsischer Reichskreis
Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel Johann Zanger der Ältere, der seit 1548 in Braunschweig als Rektor am Katharineum tätig war, ist seit 1553 Pfarrer an der Petrikirche.
Erzstift Magdeburg Gallus Dreßler wird 1556 Nachfolger von Martin Agricola als Kantor und Musikdirektor an der Lateinschule in Magdeburg.
Hamburg Jacob Praetorius der Ältere, der wahrscheinlich in seiner Heimatstadt Magdeburg Unterricht von Martin Agricola erhielt, ist von 1555 bis zu seinem Tod als Organist und Kirchenkomponist an zwei Kirchen in Hamburg nachweisbar.
Oberrheinischer Reichskreis Hochstift Straßburg Wolff Heckel, der als Lautenist und Komponist einen großen Teil seines Lebens in Straßburg verbringt, veröffentlicht hier 1556 sein wichtigstes Werk, das Lautten Buch. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von über hundert Stücken für zwei Lauten (Diskant- und Tenorlaute), das in deutscher Lautentabulatur notiert ist. Es beinhaltet fünf Teile, Teütsche stuck, Lateinische stuck, Frantzoesische stuck oder lieder, Itallianische stuck oder Lieder sowie Allerley Tentz auff Teütsch auszgesetzt und zählt zu den wichtigen frühen gedruckten Werken für Renaissancelaute. Die Sammlung erscheint im Druck zuerst 1556 durch Urban Wyß, eine zweite Auflage mit geringfügigen Änderungen folgt 1562 durch Christian Müller.
Obersächsischer Reichskreis Kurfürstentum Sachsen Wolfgang Figulus, der von 1549 bis 1551 als Thomaskantor der Thomasschule in Leipzig gewirkt hat, ist von 1551 bis zu seiner Pensionierung 1588 Kantor und Lehrer an der Fürstenschule in Meißen. Er unterrichtet die Fächer Musik, Latein und Religion und sorgt für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Afrakirche. Hermann Finck, der 1545 Student an der Universität Wittenberg war, unterrichtet hier ab dem Jahr 1554 Gesang und Instrumentalmusik. Im Jahre 1556 erscheint sein Hauptwerk Practica Musica Hermann Finckii, Exempla variorum signorum proportionum et canonum, Judicium de tonis, ac quaedam de Arte suaviter et et artificiose cantandi continens, welches bemerkenswerte Informationen zu den damaligen Musikzuständen enthält. Mattheus Le Maistre, der wahrscheinlich vor 1554 am bayerischen Hof in München gewirkt hat, ist seit 1554 sächsischer Hofkapellmeister als Nachfolger von Johann Walter; ab dieser Zeit sind seine Kompositionen fast ausschließlich gedruckt überliefert. Die Hofkapelle umfasst seinerzeit 40 Musiker. Hier übernimmt er auch die Traditionen von Johann Walter und Georg Rhau, vertont Teile von Luthers Kleinem Katechismus und komponiert Choralmotetten zu Luther-Liedern. Der Musiktheoretiker Hermann Finck zählt Le Maistre in seiner Practica musica (Wittenberg 1556) zu den herausragenden Komponisten seiner Zeit. Nikolaus Selnecker, der unter dem Einfluss von Philipp Melanchthon am 31. Juli 1554 an der Universität Wittenberg den akademischen Grad eines Magisters der Freien Künste erlangt hat, wird am 1. Mai 1555 als Mitglied der philosophischen Fakultät aufgenommen und ist seit Sommer 1556 ihr Dekan. Antonio Scandello, der 1549 mit fünf weiteren „welschen Musikern“ von Kurfürst Moritz von Sachsen bei einer Italienreise eingestellt wurde, ist Mitglied der Dresdner Hofkapelle.